„Gendern“ und die Macht der Sprache

In meinem WordPress-Reader finden sich allerhand Blogs von Menschen, die ich in einer gewissen Weise kenne. Wir sind uns selten auch mal persönlich bekannt (also sind uns mal begegnet=, aber dennoch sind diese Blogger zu einem gewissen Teil in meinem Leben präsent. Ich stolperte im Reader immer mal wieder über Einträge bezüglich des „Gendern“, welches mit Unverständnis über die künstliche Abänderung der deutschen Sprache einherging. Ich habe mich dann gern an Diskussionen beteiligt und versucht zu erfahren, warum gerade diese Sprachänderung problematisch erscheint bzw. habe versucht auch meine Gedanken dazu einzubringen. All dieses Diskussionen waren von beidseitigem Respekt geprägt und das zeigt mir, dass wir natürlich anders empfinden können, wir aber den Diskurs nicht scheuen müssen.

Ich stieß heute auf ein englisches Video über die Information, dass es in der Antike (die ägyptische ausgenommen) keine Bezeichnung für die Farbe Blau gab und dass man diese Farbe auch nicht als eigene Farbe erkannt hat, sondern eher als helles Schwarz usw. Das soll bedeuten, dass ich etwas, das ich benennen kann auch wahrnehme. Und hier schließe ich den Kreis zum „Gendern“. Nehmen wir das Wort Chef, hier haben (natürlich auch aus der Erfahrung heraus) die meisten Menschen einen Mann im Kopf. Und sprechen womöglich einer Frau die Fähigkeit zur Führung ab. „Führende“ umgeht dieses Dilemma.

Wenn euch das Thema interessiert oder ihr anderer Meinung seid, würde ich euch bitten, zuerst das Video anzuschauen, weil es besser erklärt, was ich meine (es geht dabei lediglich um Farben und um die Macht eines fest definierten Begriffs): VIDEO

Ich freue mich über einen Austausch, der für mich davon lebt, dass wir einander auch widersprechen können, wenn wir dadurch Erkenntnisse gewinnen.

Abgehangen

Es ist ein merkwürdiges Ding mit uns Menschen und ebenso mit den Fliegen. Als ich an einem warmen Tag auf dem Teppich in der Mitte des Raumes lag und die Decke anstarrte, sah ich eine Fliege, die kopfüber an der Glühbirne hing. Vermutlich ist das keine anstrengende Position für die Fliege, auch wenn ich es nicht als bequem bezeichnen würde, kopfüber an etwas zu hängen. Womöglich wurde sie von einem Windhauch gereizt, auf jeden Fall begann sie plötzlich um die Birne zu kreisen. Kreisen ist das falsche Wort, denn obwohl als grobe Figur ein Kreis oder eine Acht zu erkennen war, flog sie ihre Bahnen nicht in einer runden Kurve sondern wild mit einigen Geraden, die sie in spitzen Winkeln zu neuen Geraden führte. Das Verwunderliche allerdings war, dass die Glühbirne entgegen ihrem Namen nicht glühte und natürlich keine Birne war. Die Fliege hatte also weder eine Frucht gerochen noch war sie dem Licht gefolgt und dennoch war diese kleine Kugel der Mittelpunkt ihres Seins.

Wie sehr wir Menschen nur um uns selbst kreisen, sollte mir in diesen Monaten klarwerden.

„Ich will gar nicht wissen, was gerade in Kroatien los ist. Ich lasse mir nach Schweden nicht auch noch diesen Urlaub kaputt machen“, erklärte mir meine junge Mitbewohnerin, der die Locken vors Gesicht fielen, als sie sich genervt vornüberbeugte. Ich wollte sie mit meiner Information zu Kroatien nicht ärgern, nur verstand ich nicht, warum die Welt immer mehr zu glauben schien, dass das Virus einem etwas Böses tun wollte. Als ob sich irgendeine höhere Instanz in dieses Virus gesetzt hätte und es auf jeden Einzelnen in der fiesesten Art und Weise abgesehen hätte.

Meine Mitbewohnerin schwieg und ich wollte kein Salz in die Wunde streuen. Wir alle mussten der Zukunft überlassen, wie es kommen würde. „Dann lasst uns doch mal den Freitag in zwei Wochen besprechen!“, kam es von der anderen Mitbewohnerin, um die drückende Stille zu unterbinden. „Ja, da will ich nichts verbieten, aber ist es sinnvoll, in dieser Situation eine Feier zu veranstalten? Also klar, es läuft gerade gut, aber wollen wir einen Corona-Hotspot starten?“, fragte ich, um meine Sorge zu erklären. „Nun, die Beschränkungen werden immer mehr aufgehoben und ich vertraue denen, die das beschließen“, gab das lockige Gesicht zu bedenken. „Mir geht es nicht um irgendwelche Regeln, die sind mir relativ egal, aber was ist mit unserer Verantwortung?“, fragte ich in die Runde.

Es fühlte sich so an, als würde ich den Spielverderber geben und das Feiern verbieten wollen. Und vielleicht war ich ja auch verrückt und übervorsichtig, dabei hatte ich keinerlei Angst um meine eigene Gesundheit. Ich wollte nur einfach die Verantwortung nicht übernehmen. Das ist womöglich das Problem in meinem Leben, dass ich einfach keine Verantwortung übernehmen möchte und deswegen nicht vom Fleck komme. Das Leben ist eben nicht nur Sicherheit. Ich nickte die Feier schlussendlich ab, nachdem mir die Beiden erklärten, dass ich in Ruhe darüber nachdenken sollte und sie in jedem Fall voll zu mir stehen würden. So hatten wir es die ganze Zeit schon gehalten. Und es stimmte: Wir waren füreinander da, ich stand gar nicht allein mit der Verantwortung und womöglich war der kurzzeitig erhobene Zeigefinger schon ausreichend, um vorsichtig und besonnen feiern zu können.

Der nächste Morgen war ein Tag wie jeder andere. Das war eine Besonderheit dieser Monate, dass sich die Tage nicht im Geringsten unterschieden. Es gab kein „unter der Woche“ und Wochenende, sondern nur die ewig gleichen Tage. Ich ging nicht zur Arbeit oder zur Uni und ich ging auch nicht feiern. Stattdessen machte ich mich des Morgens zum Bäcker auf und stand im artigen Abstand zu dem Mann vor mir, der ein „ganzes halbes Brot“ bestellte. Es zuckte in mir und ich wollte das Oxymoron lauthals auflösen, sah es aber nicht an mir, sondern gab der Verkäuferin die Gelegenheit. Sie enttäuschte mich, denn sie erklärte nichts und halbierte brav das Brot. In meinem Kopf hätte sie das Innere herauspulen sollen, damit es zumindest vom Gewicht her mit dem ganzen Halben stimmte. Der Typ vor mir ging und ich kam an die Reihe. Ich wollte eigentlich Brötchen, aber es brodelte in mir und ich forderte es heraus: „Ich hätte gern die ganze zweite Hälfte von dem Brot eben.“ Die Verkäuferin packte es ungerührt ein, nannte mir der Betrag und verabschiedete mich.

Es war der erste Juli und das bedeutete, dass es nun schon ein ganzes halbes Jahr war, das hinter mir lag. Ein ganzes halbes Jahr Gefängnis, dachte ich mir auf dem Weg nach Hause. Doch was weiß ich schon von einem Gefängnis. Ich habe nicht die leiseste Ahnung davon. Ich lebte nicht allein und ich war nicht eingesperrt. Stattdessen durfte ich meine Haustür von außen aufschließen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, doch das zickte mal wieder. Ich drückte den bereits verbogenen Schlüssel ein wenig stärker nach rechts und sah meiner Hand hinterher, die wegrutschte. Zwischen meinen Fingern war noch immer der Schlüssel: Ein ganzer Halber. Die Tür war ganz verschlossen. So ganz stimmt das nicht, weil der komplette Mechanismus offenlag. Das schützende Holz an der Tür wurde wohl irgendwann mal abgeschlagen, als das Schloss das letzte Mal nicht so wollte. Ich nahm den Schlüssel für den Keller, schob ihn direkt zwischen Tür und die Schließzunge. Die Tür sprang auf. Ich suchte nach einer Zange, um die Überreste des Schlüssels aus dem Schloss zu bekommen und ölte es danach gut ein. Der Ersatzschlüssel bekam eine Beförderung zu meinem persönlichen.

Zurück in der Wohnung verstaute ich das Brot, mir war der Hunger vergangen. Ich begab mich in mein Zimmer und legte mich mal wieder auf den Teppich. Der Blick an die Decke verriet mir, dass die Fliege mich nicht verlassen hatte und dass sie noch immer um ihr imaginäres Zentrum kreiste. Die Farbe an der Decke war zum Teil abgefallen und unter ihr befand sich eine beige, glatte Platte, die vermutlich zur Dämmung diente, wenngleich ich nicht sagen könnte, was genau sie dämmen würde. Der ganze Block fiel halb auseinander und wenn es mir ein Anliegen gewesen wäre, hätte ich die Gehaktivitäten der über mir liegenden Wohnung aufzeichnen können. Aber mir lag nichts daran. Stattdessen freute ich mich, dass ich diese Geräusche so gut wie nie wahrnahm. Eher die Erschütterungen, bei denen ich mich jedes Mal fragte, ob da jemand springen oder einen Handstand üben würde. Ich hatte meine Nachbarn nie gefragt, was sie so trieben und vielleicht war die Antwort so unspektakulär, dass sie mich eh enttäuscht hätte.

In meinem Briefkasten lag ein Schreiben von der Arbeit. Es waren die Abrechnungen der letzten drei Monate und die Info von der Chefin, dass es aktuell nichts zu tun gäbe, man sich aber dennoch gern über einen Besuch freuen würde. Ich überlegte, ob ich diesen Tag noch hinradeln sollte und es erschien mir zu schwer mich dafür aufzuraffen. Vor einem Jahr war mein Tag gefüllt mit Arbeit und Studium. Die zusätzlichen Aufgaben schienen mich erdrücken zu wollen, doch jeden Tag ging ich mit dem guten Gefühl ins Bett, alles Machbare geschafft zu haben. Im Augenblick kam mir so eine Aufgabe wie das Radeln zur Arbeit, um mich dort ein wenig zu unterhalten, so endlos anstrengend vor, dass ich es vor mir herschob. Das war aber keine wirklich neue Erfahrung.

Bei meiner Einstellung fragte meine Chefin mich, wie ich es denn so mit der Arbeit nehmen würde. Eine ehrliche Frage erforderte eine ehrliche Antwort meinerseits: „Nun, ich kann mit zu viel freier Zeiteinteilung nicht umgehen.“ „Soll ich Sie dann jedes Mal an die Hand nehmen, wenn ich eine Aufgabe für Sie habe?“, fragte sie fordernd. Ich entgegnete: „Nein. Klar brauche ich am Anfang Hilfe. Ich meinte aber, dass ich einen Platz und eine Arbeit brauche und keine Freiheiten für irgendwelche Projekte, da versage ich. Geben Sie mir Arbeit, dann hacke ich sie runter.“ Und genau so kam es auch. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die acht Stunden fast täglich noch mit Überstunden aufstockte, aber tatsächlich war es mir ein Anliegen, die Dinge, die auf meinem Schreibtisch landeten, abzuarbeiten. Der sollte möglichst leer sein, wenn ich nach Hause ging. Diese Simplizität verschaffte mir ein gewisses Glücksgefühl, wenn es zugleich meinen Hunger nach Wissen nicht stillen konnte. Dafür war ich selbst verantwortlich und da versagte ich. Also schrieb ich mich wieder in der Uni ein. Und die Uni stellte ihre Anforderungen direkt an mich: Wer sitzt schon gern einem Dozierenden gegenüber und gibt zu, dass man keine Ahnung von dem hatte, was gerade besprochen wird. Diese Triebfedern wirkten bei mir. Doch ohne sie lief ich Gefahr zu versacken. Das war nicht mein Schicksal, aber dagegen wollte ich einfach nicht ankämpfen.

Freitagmorgen kam ich nicht aus dem Bett. Ich wollte nicht aufstehen und ich spürte, wie der Gedanke an eine Feier am Abend mich lähmte. Ich freute mich darauf und gleichzeitig war es wieder so ein Ziel, für das ich mich aufrappeln müsste. Es war erst gegen Mittag, als ich aufstand, duschte und mich zum Bäcker aufmachte. Die Frau vor mir bestellte in prophetenartiger Manier: „Ich bekomme zwei von den Körnerbrötchen“. Es zuckte in mir und wollte aus mir herausbrechen, denn ich wünschte mir klarzustellen, dass sie das verdammt nochmal nicht weiß. Dieses „ich bekomme“ ist so unfreundlich, ja sogar unterbewusst fordernd. Was ist mit dem guten alten „Ich hätte gern…“? Sind wir nur noch Bestien, die ohne Höflichkeiten durch unser Leben hetzen? Ich bat um eine Laugenbrezel und zwei Körnerbrötchen, ein verspätetes Frühstück, welches einfach zu viel war, um ein baldiges Mittagessen zu gewährleisten. Dafür würde ich später ein ordentliches Abendessen zu mir nehmen und somit eine gute Grundlage für den kommenden Alkohol legen.

In der Küche erwartete mich meine Mitbewohnerin freudig und gleichzeitig erschöpft von der Woche. Sie begrüßte mich mit der Frage, die alltäglich auf mich eindrosch: „Hallo, wie war dein Tag?“ Ich floskelte zurück: „Gut, und deiner?“ Sie erzählte davon wie geschafft sie sei und dass sie sich auf den Abend freuen würde. Als sie aus der Küche verschwand, ahnte ich, dass sie erstmal ein wenig schlafen würde. Ich aß mein spätes Frühstück und als ich die Krümel am Boden erspähte, erwachte eine Lust in mir. Die pure Lust, die Küche auf Vordermann zu bringen. Und so räumte, putzte und saugte ich. Den Tisch zog ich aus und richtete ihn für später her. Es fühlte sich gut an, wieder etwas erledigt zu haben. In meinem Kopf entwarf ich eine Einkaufsliste und plante ein, joggen zu gehen. Da war sie also endlich wieder. Die Energie, die aufkam, wenn eine Aufgabe klar vor mir lag.

Am Abend saßen wir zu neunt in der Küche. Wenn eine Krankheit die Menschheit nicht zusammen zu bringen vermochte, so brachte sie uns immerhin näher zusammen. Alle tranken wir und hatten Recht damit, ein wenig egoistisch zu sein. Es war der menschliche Drang, miteinander sein zu wollen. Ich blickte mich um und sah die vielen Paare, die sich erst in den letzten Monaten gefunden oder zumindest aufeinander eingeschossen hatten. Die Not machte erfinderisch. Ich wollte bei dem Spiel nicht mitspielen, nachdem ich meine Beziehung kurz vor Corona beendet hatte. Sie saßen da, in der Unsinnigkeit einer Krankheit und gaben dem Leben einen Sinn durch ihre Liebe, eine zweite, romantische Pandemie, wie mir schien.

Und ich. Ich blieb allein. Nie wird einem das so klar, wie nach einer Partynacht in der eigenen WG, an deren Ende jede Person mit dem Partner nach Hause oder ins eigene Zimmer verschwindet. Ich putzte die Küche. Und während die Paare vögelten oder schliefen, wischte ich den Tisch ab und stellte die Stühle zurecht. Am nächsten Morgen würden sie gemeinsam frühstücken und ich würde in meinem Bett liegen bleiben. Später werde ich sagen, dass ich einen Kater hatte und deswegen den Tag in meinem Zimmer verbrachte. Dabei wollte ich meine Einsamkeit nicht zugeben, weder vor den zweisamen Menschen noch vor mir selbst.

In meinem Bett angekommen verspürte ich nur die Lust, meine Augen zu schließen und sie nie wieder öffnen zu müssen. Sie sollten nicht wissen, dass ich mich allein fühlte. Und ja, es war eine verdammte Lüge. Eine Lüge, damit sich alle wohlfühlten und niemand ein schlechtes Gewissen haben musste. Ich blickte Richtung Decke und erspähte die Fliege, die mir wohl ewig treu blieb. Womöglich sollten sie und ich uns überlegen, ob wir den Mittelpunkt unseres Lebens nicht mal verschieben wollten.

Diesen Text hatte ich zu einem Wettbewerb eingereicht, jedoch leider nicht gewonnen und so teile ich ihn gern mit euch.

Revolution

Es war ein ungewöhnlicher Besuch an jenem Abend. Thomas, ein Mittdreißiger, der Inhaber eines Buchladens war. Aber er war mehr als das. Er hatte mir eines Abends bei einem Raubüberfall in einer Tankstelle das Leben gerettet und danach jede Form von Entlohnung als Dank abgelehnt. Wir tauschten stattdessen Nummern aus und er hatte sich bei mir gemeldet, weil er sich mit mir unterhalten wollte. Ich hatte dafür gesorgt, dass er ins Hochhaus kam und nach einem Hinweis aus der Lobby, dass Besuch für mich da sei, ließ man ihn in den Lift und er fuhr zu mir hinauf.

Ich finde es immer wieder spannend, was eine Umgebung mit Menschen anstellt und so war es auch bei Thomas, er sah aus, als würde er sich nicht wohl fühlen, als ich ihn hereinbat und ihm zeigte, wo er seine Jacke und seine Schuhe ablegen konnte. Er ging kurz ins Bad, um sich frisch zu machen und folgte mir dann ins Wohnzimmer, in dem er über die Aussicht staunte: „Wow, man kann die ganze Stadt sehen.“ Ich nickte und gestand: „Es ist ein erhabener Anblick, aber man gewöhnt sich daran und es verliert seine Wirkung. Kann ich dir etwas anbieten?“ Wir hatten uns recht früh auf das „Du“ geeinigt, denn wir waren im gleichen Alter und es schien mir, dass wir uns gegenseitig im höchsten Maße respektierten. Er fragte: „Ich würde gern etwas trinken und wenn es nicht zu vermessen ist, vielleicht ein Glas Rum.“ Ich nickte ihm zu, nahm eine angebrochene Flasche aus der Bar und goss uns beiden etwas ein. Ich prostete ihm zu: „Auf Lebensretter.“ Er erwiderte: „Auf das Leben.“ „Ich bin neugierig, warum besuchst du mich?“, fragte ich und er antwortete: „Es sind eigenartige Zeiten. Mein Buchladen ist neulich abgebrannt und mit ihm auch meine Wohnung, die direkt über ihm war…“ „und jetzt möchtest du, dass ich dir aushelfe.“ Unterbrach ich ihn, doch er schüttelte mit dem Kopf: „Es war mir in den Sinn gekommen, aber wahrscheinlich wird die Versicherung dafür aufkommen, ich bin gegen Vandalismus versichert und ich denke, dass man das, was da draußen gerade passiert nicht anders als Vandalismus bezeichnen kann.“ Ich war ein wenig traurig, weil es mir ein Anliegen gewesen wäre, die eine Schuld zu begleichen und zugleich war ich auch froh, denn ich mochte Bittsteller nicht. Da gab man einmal was und das war nie genug. Sie hatten mich hart werden lassen, doch bei Thomas wäre es etwas vollkommen anderes gewesen. Ich bohrte nach: „Also gut, dann brauchst du wohl eine Unterkunft, bis du wieder was eigenes hast?“ Er schüttelte abermals mit dem Kopf: „Nicht wirklich. Ein Freund hat mich aufgenommen, allerdings hätte ich tatsächlich nichts dagegen, wenn ich eine Nacht hier schlafen könnte. Die letzten Nächte mit dem Lärm eingeschlagener Fenster und den Feuerwehr- und Polizeisirenen, lassen mich nicht wirklich gut schlafen. Alles wirkt so unreal von hier oben. Hier sehe ich die Feuer und die Blaulichter, ja sogar die Hubschrauber scheinen unterhalb deiner Wohnung zu fliegen.“ „Du darfst hier gern übernachten, ich habe ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Wenn dir danach ist, darfst du auch gern ein paar weitere Tage bleiben.“ „Vielleicht. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte nicht unfreundlich erscheinen, aber ich finde es ein wenig kalt bei dir.“ „Meinst du die Heizung? Ich kann es gern wärmer machen.“ „Nein, ich meine die Wohnung. Alles wirkt so steril und perfekt. Es gibt hier kaum etwas mit Persönlichkeit.“ Ich schmunzelte, denn ich mochte es spartanisch. Er ergänzte: „Vielleicht ist das einfach so bei den reichen Menschen.“ Ich sah ihn einen Augenblick lang an und widersprach: „Ich kenne die fehlende Wärme auch aus den Wohnungen armer Menschen, die sich alles mit Kitsch zukleistern.“ Wir schwiegen und blickten aus den zimmerhohen Fenstern vor dem Balkon.

Thomas holte Luft und sagte: „Hast du Angst, dass der Pöbel kommt, um dich zu holen?“ Ich erwiderte: „Absolut nicht. Ich bin sicher in dem Haus und es gibt sogar eine kleine Privatarmee, die aktuell in den unteren Etagen einquartiert wurde.“ „Aber was, wenn die Krawalle größer werden und sich immer mehr Menschen anschließen, ja vielleicht sogar die Leute der Privatarmee?“, fragte er mich. Ich dachte kurz nach: „Es macht mir alles keine Angst. Die Menschen dort unten, gehen aufeinander los. Sie haben deine Buchhandlung und deine Wohnung zerstört, vielleicht weil sie glauben, dass du an ihrer Armut schuld bist. Oder vielleicht wegen deiner politischen Einstellung oder irgendeiner Aussage. Marx‘ Idee vom Klassenkampf scheitert daran, dass die unterdrückte Klasse gegeneinander kämpft.“ Thomas sah mich verwundert an und ich erklärte: „Ja, ich habe Marx und Engels gelesen. Aber auch Orwell und Huxley. Die Realität sieht doch so aus: Es kämpfen die Linken gegen die Rechten; die Gebildeten gegen die Verschwörungsgläubigen; die Armen gegen die Mittelständler; eine Hautfarbe gegen eine andere; eine Religion gegen eine andere. Sie zeigen dann noch auf die Politiker und wollen sie stürzen. Dabei schwimmen die auch nur gegen die gleichen Fluten an.“ Er nickte und fragte: „Und du, siehst du dich als Teil des Bösen?“ Ich fragte gegen: „Hältst du mich für böse?“ „Nein, eigentlich nicht. Aber wie geht es dir mit dem Reichtum und dem Wissen, dass Menschen Hunger leiden und in Armut sterben?“ „Ich habe verstanden, dass es einfach so ist. Ich könnte all mein Geld verteilen und es würde sich nichts ändern.“ „Ja, das mag sein, aber du könntest stattdessen auf Gewinne verzichten und den Menschen dafür bessere Gehälter zahlen.“ „Ja, könnte ich machen, dann verlieren nur meine Aktien an Wert, weil die Anleger ja hohe Gewinne haben wollen.“ „Okay, ich seh‘ schon. Anleger wie ich, deren Lebens- und Rentenversicherung von den Gewinnen der Aktien abhängig ist.“ „Das ist doch der Witz und der klappt in ganz klein und in ganz groß: Jeder einzelne Mensch hat die Chance in seinem Leben glücklich zu sein. Nun gut, zumindest in unserer Gesellschaft.“ „Und was ist mit den Ärmsten?“ Ich nickte und verschwieg meine eigene soziale Herkunft. Ich wollte meinen Punkt erklären: „Dann sagen wir, dass ein nicht geringer Teil der Menschen die Möglichkeit hat, sich selbst zu verwirklichen, manche mit gewissen Einschränkungen, aber die Option besteht. Doch stattdessen stellen sie die meisten in ein Hamsterrad und rennen jeden Tag aufs Neue ohne Ziel. Und so läuft es auch in der Welt. Wir könnten alle daran arbeiten, dass es uns gut geht, doch wir halten uns mit Grabenkämpfen auf. Sollte man mich eines Tages in die Guillotine einspannen und köpfen, wird die Revolution nach mir nichts ändern.“ Ich betrachtete Thomas und er sah traurig nach draußen, dann setzte er an: „Also die Menschheit könnte gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten, aber sie wird es niemals tun. So siehst du es, oder?“ „Hm…ich weiß nicht, was einmal passieren wird. Aber aktuell ist es so. Die Leute, die die Scheiben deines Ladens eingeworfen haben und ihn anzündeten. Die wollen schlussendlich auch nur, dass sie mehr Geld haben und wenn sie es haben, dann ist es ihnen egal, wie es den anderen Menschen geht. Wenn es anders wäre, hätten sie deinen Laden nicht angezündet. Aber unsere Geschichte kennt auch andere Beispiele. Martin Luther King und Mahatma Ghandi verstanden und lebten ihren friedlichen Protest und sie erreichten damit etwas, sie verstanden, dass es etwas Größeres und Wichtigeres als sie selbst gab und dafür kämpften sie, wobei das Wort „Kampf“ hier unangebracht erscheint. Aber wir Menschen, wir nehmen uns selbst als zu wichtig. Und daran scheitern die Revolutionen, selbst wenn sie gelingen.“

Bleib stehen

Geld – das ist wie eine rote Ampel, die uns daran hindert, die Straße zu überqueren. Wir gehen nicht in ein Kino, bevor wir uns kein Ticket gekauft haben, obwohl der Film läuft und Sitze unbesetzt bleiben oder wir wagen es auch nicht, uns in das Auto zu setzen, welches mit laufendem Motor neben uns steht und von einem anderen Menschen genutzt wird. Wir machen das nicht, weil das Geld uns die rote Ampel zeigt und sagt: Du hast nicht das Geld dafür und deswegen bekommst du es auch nicht. Man könnte jetzt sagen, dass man nicht etwas nehmen sollte, das einer anderen Person gehört, denn das wäre Diebstahl. Aber wie arrogant sind wir Menschen, dass wir überhaupt glauben, uns würde irgendetwas gehören. Wir kommen in die Welt und es gehört uns nichts. Es ist wie mit der Luft, die wir uns zum Atmen leihen und dabei verändern, damit wir – in Symbiose mit den Bäumen – sie wieder ausatmen können. Die Luft gehört uns nicht, aber machen wir uns nichts vor, wir könnten uns vorstellen, dass es eine Steuer auf Luft gibt, so wie wir auch eine Steuer für Niederschlagswasser zahlen.

Nun könnte man sich der Anarchie ergeben und die Welt ins Chaos stürzen. Aber danach ist mir gar nicht, denn warum sollten wir alles vernichten, was wir aufgebaut haben. Viel eher sollten wir uns fragen, was es für eine Sache mit dem Besitz ist. Wer genau festlegt, wem was gehört. Würde jeder Cent von jedem Menschen ehrlich erarbeitet werden, so könnte man durchaus von Diebstahl sprechen, aber machen wir uns nichts vor, dann würden die reichsten Menschen in den Ländern wohnen, die gerade billig für uns Waren produzieren. Dann würde jedes Tier reicher sein, als wir es sind, denn auch die Qualen müssten aufgewogen werden. Und was soll ich sagen, das klingt um Welten fairer, als wenn ein Mensch aufgrund seiner Vorfahren mehr Anrecht auf Wohlstand, Gesundheit und Bildung hat als andere.

Wir bleiben bei Rot an der Straße stehen und warten, bis die Ampel grün wird. Doch wir hinterfragen es auch und gehen bei fehlendem Verkehr einfach hinüber. Vielleicht sollten wir bei Geld und Besitz auch unseren Kopf öffnen. Wir sollten uns selbst fragen, ob uns wirklich gehört, was wir uns gekauft haben: Gehört uns das Fleisch eines anderen Lebewesens? Im Bordell und beim Metzger scheint das in Ordnung zu sein. Gehört uns der Gewinn, den andere Menschen schwer erarbeitet haben? Darf es uns gut gehen, wenn andere Menschen dafür leiden? Wir glauben, weil die Geldampel auf grün steht, dass es in Ordnung wäre. Es wird Zeit nachzudenken.

Was kann ich schon machen…

In Amerika stehen Wahlen an und ich muss gestehen, dass ich keine Hoffnung bezüglich einer Abwahl habe…wer gewählt wurde, werden wir natürlich erst in ein paar Tagen wissen und zum Glück leben wir (also zumindest ich) nicht in Amerika. Dennoch kenne ich und ihr vermutlich auch das Gefühl, dass man keinen Einfluss hätte und dass die Welt sich an manchen Stellen in die falsche Richtung zu entwickeln scheint. Man könnte den Kopf in den Sand stecken oder aber, man könnte anpacken. Das folgende Video ist so ein Beispiel. Es ist nicht politisch und ich empfehle, es bis zum Ende zu schauen, weil er eine Frage anspricht, die ich durchweg in meinem Kopf hatte. Eine Frage, die ausbremst und verhindert. Ein schönes Beispiel, wie man die Welt ein klein wenig besser machen kann:

Zug um Zug

Die Sinnlosigkeit des Seins machte mir keine Angst, sie nervte mich allerdings. Mir war nach einem tiefen Zug einer Zigarette. Ich hätte sie nicht einmal selbst rauchen wollen, der Passivzug würde mir genügen. Am besten in einer ranzigen Kneipe, in der der Fußboden ebenso klebte wie die Ärsche der fünf Stammgäste auf ihren Hockern. Aber solche Kneipen gab es nicht mehr, sie mussten rauchfrei sein. Verdammt traurig, selbst für einen Nichtraucher wie mich. Kaum deutlicher als hier erkannte man den fehlenden Sinn in allem, was wir Menschen zu tun und zu erfinden glaubten. Jede geniale Idee, die einem klugen Kopf jemals kam, wäre hier unbedeutend und gerade das war doch das Schöne an diesen Hinterhöfen der glitzernden Gesellschaft, die stetig am Aufstieg arbeitete. Jeden Tag vor sich hin schuftete, damit…ja…damit…eben, damit gar nichts. Damit man in zehn Jahren sagen konnte, dass es den Menschen niemals zuvor so gut ging. Das war eben die Parole, damit man sich am nächsten Morgen wieder im Stau anstellte, um einem armen Schwein irgendwelchen Mist anzudrehen, den es nicht brauchte. In der Spelunke interessierte sich niemand dafür. Da gab es Altherrengeschwätz, das auch keine bessere Parole bereithielt, aber das war auch nicht der Grund, um dorthin zu gehen. Man ging hin, um Rauchschwaden einzuatmen und abgestandenes Bier herunterzuwürgen. Das Klo wäre auch blind zu finden gewesen, einfach dem stechenden Geruch folgen. Der Begriff „Vanitas“ kommt mir in den Sinn und passt zugleich so gar nicht in dieses Bild, kein Kneipengespräch setzt sich mit der künstlerischen Betrachtung von Vergänglichkeit auseinander. Wozu auch, man weiß, dass man vergeht, mit jedem Zug.

Die Falltür

Ich weiß nicht genau, was ich mir dabei gedacht hatte, in das verlassene Haus zu gehen. Vermutlich war es die unstillbare Neugier in mir, die jedoch nicht selten vom anerzogenen „Das macht man aber nicht“ in Zaum gehalten wurde. Ich war schon so oft in diesem Wald spazieren gewesen und unzählige Male an dem Haus vorbeigelaufen.

Der menschenhohe Zaun war Abschreckung genug, obgleich er rostig und verbogen war. Die Fenster waren zum Teil mit einem Verschlag geschützt und zum Teil eingeworfen. Es war offensichtlich, dass hier niemand wohnte und dennoch war mir immer klar, dass ich das Grundstück nicht zu betreten hatte. Warum ich eintausendmal das gleiche machte und es beim eintausendersten Mal anders handhabte, bleibt aber die Frage. Ich war nicht betrunken oder hatte einen Grund entgegen meiner üblichen Verhaltensweisen zu agieren. Vielleicht ist das aber auch nur das Quäntchen Menschlichkeit in mir, welches opponierte, als ich die offene Stelle am Zaun erblickte. Ich kroch an der Stelle durch die Absperrung und umrundete das Haus.

Es sah gespenstisch aus. Es gab ein Fenster oben in der Dachspitze, dort hing eine weiße Gardine und ich bildete mir für einen kurzen Moment ein, dass diese sich bewegt hatte. Ich wusste, dass sie das nicht getan hatte, denn die sah schon immer so aus. In meiner Phantasie aber lebte dahinter eine alte Frau. Eigentlich schon tot, aber eben nicht willens zu gehen. Hin und wieder sah sie durch die Gardine, wer unten auf dem schmalen Pfad entlangging. Es schauderte mich, doch ich schmunzelte darüber, was ich mir da ausmalte. Die Haustür war verschlossen und ebenso die Balkontür auf der Rückseite. Allerdings gab es eine eingeworfene Fensterscheibe im Erdgeschoss, die mein Einstieg sein sollte. Ich war nicht die erste Person, die auf diesem Weg ins Haus eingedrungen war, denn die Splitter waren alle beseitigt.

Hinter dem Fenster erwartete mich eine Küche. Ich war erstaunt, wie wenig ihr das offene Fenster und die Zeit angehabt hatten. Ich hatte mit sehr viel Dreck und wild wuchernden Pflanzen gerechnet. Aber im Dunkel sah es eher so aus, als würde nur überall eine dicke Staubschicht liegen. Auch war von den Fenstersplittern selbst hier drinnen nichts zu finden. Mir schlug das Herz und ich überlegte, ob ich das Haus wieder verlassen sollte. Dann redete ich mir gut zu. Es war unsinnig, sich zu fürchten. Ich überlegte „Hallo“ zu rufen, doch ich traute mich nicht. Ich setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Der Boden war gefliest und ich hörte das Knarzen des Drecks unter meinen Schuhen.

Die offene Tür zeigte in den Flur, über den ich auch zur Eingangstür kam. Hier hatte man sich für einen Holzboden entschieden. Ich ging zur Haustür und spürte, wie sehr das Holz unter den Schuhen nachgab. Dabei knackte es und ich bekam eine Gänsehaut. Die Haustür wollte ich von innen öffnen, so hätte ich mehr Licht und wie ich mir eingestand auch einen Fluchtweg, doch auch von dieser Seite ließ sie sich nicht öffnen. Ich drehte mich um und überlegte in das Zimmer gegenüber zu gehen, dort dürfte die Balkontür sein und diese konnte ich womöglich öffnen. Wieder knarzte das nachgebende Holz unter mir und plötzlich krachte es. Der Boden gab nach und ich landete etwas tiefer, rutschte noch ein Stück. Immer wieder fand ich kurz Halt und verlor ihn wieder. Dann knallte mir etwas auf den Kopf.

Ich ging durch einen langen Gang. Links und rechts waren verschlossene Türen. Ich versuchte gar nicht erst sie zu öffnen, sondern folgte dem Gang bis zum Ende. An der letzten Tür klopfte ich und eine alte, warme Stimme rief: „Herein.“ Ich folgte der Anweisung und wurde geblendet von der Helligkeit, die durch das Balkonfenster ins Zimmer strahlte. Die Tür schloss ich hinter mir und sah mich um. Links stand ein großes Bett mit beigefarbenem Bezug, daneben jeweils ein Nachttisch. Dahinter ein kleiner Sekretär mit einem Stuhl davor. Dann gab es auf der anderen Seite des Zimmers einen wadenhohen Tisch, der von einer Couch und einem Schaukelstuhl umrundet wurde. Der Schaukelstuhl war mir mit seinem Rücken zugedreht, schaukelte aber vor sich hin. Hier saß also die alte, warme Stimme. Ich ging an dem Stuhl vorbei Richtung Balkon und drehte mich dann um. In dem Stuhl saß eine kreidebleiche Frau. Sie war nicht lebendig, hatte aber eine Tasse in ihrer rechten Hand. Mir wurde schlecht und ich ging noch einen Schritt zurück, dabei stolperte ich über die Leiste der Balkontür, ich versuchte mich abzufangen mit dem nächsten Schritt nach hinten. Dann spürte ich das Geländer im Rücken und stürzte in die Tiefe.

Ich erwachte und es war wieder dunkel. Der Kopf tat mir weh und das einzige Licht kam von schräg über mir. Ich spürte eine nasse Stelle in meiner Hose, ich war wohl komplett weggetreten. Ich versuchte aufzustehen, musste mich dafür aber von einigem Gerümpel befreien, das auf mich gefallen war. Der Körper schmerzte und vorsichtig stieg ich die Treppen wieder hinauf. Ich hatte für heute genug von dem Haus und machte mich durchs Küchenfenster wieder raus. Beim Gehen blickte ich nochmal nach oben zu dem Fenster, es schauderte mich, denn ich war mir sicher, dass ich dort eine Gestalt gesehen hatte.

Der Weg zurück war länger, denn ich humpelte vor mich hin. Meine nasse Hose war mir egal. Auch fühlte ich mich trotz der Schmerzen stärker. Ich hatte mich einfach etwas getraut. Das hatte Kratzer und Beulen hinterlassen, ja so manche Spur dürfte auch in Zukunft von diesem Abenteuer zeugen. Doch ich war stolz auf diese Male.

Verregnete Tage (4)

Ben erzählte Lena vorsichtig von seinen erotischen Gedanken und sie musterte ihn beim Erzählen aufmerksam. Er fühlte sich unwohl, sich vor ihr in der Art frei zu machen und gleichzeitig merkte er, dass sie ihn für seine Offenheit nicht verurteilte, dennoch war klar zu erkennen, dass Lena die Zügel weiterhin in Händen hielt. Nachdem er alles berichtet hatte, ließ sie ihn ein wenig zappeln und gönnte sich einige Momente der Stille, bis sie zugab: Vielen Dank für deine Offenheit, ich merke, dass es dir nicht leichtfällt, darüber zu reden. Mir gefällt aber deine Vorstellung, dennoch kann ich dir nicht versprechen, dass sie Realität wird. Ben nickte nur, er verstand, dass er kein Anrecht auf sie oder die vorgestellte Zweisamkeit hatte, selbst wenn es sich beide wünschen mochten.

Lena gefiel sich in ihrer Rolle, denn schon zu viele Male musste sie gegen das Verlangen, das auf sie projiziert wurde, ankämpfen. Ihr gefiel es, in dieser sanften Weise begehrt zu werden, da es auf Gegenseitigkeit und Interesse am Gegenüber beruhte. „Magst du noch Tee haben?“, durchbrach sie die Stille und Ben nickte nur. Sie schenkte nach. Er trank einen Schluck, doch es stand weiterhin diese Ruhe im Raum, die in drückte, obgleich er das auch genießen konnte. Doch in diesem Moment war die Ruhe unbequem und er öffnete sich: „Ich weiß auch gar nicht, ob es klappen würde.“ „Hm?“, fragte Lena, obgleich sie sich sicher war, was er meinte. „Naja, manchmal funktioniert das eben nicht. Also bei mir.“ Lena nickte, sie wollte fast lachen, doch war sich der Situation im Klaren, stattdessen beschwichtigte sie: „Ist doch ganz normal. Aufregung oder Ängste, da kann so viel mitspielen und ich habe das schon häufiger erlebt.“ Diese Offenheit und Feinfühligkeit beruhigte Ben, während Lena angestachelt war. Schon bevor sie beschlossen hatte, ihn mitzunehmen, wollte sie ihn küssen. Sie stand auf und reichte ihm die Hand, so dass er ebenfalls aufstand. Dann zog sie ihn näher an sich heran. Beide spürten ihre Herzen wild pochen und Ben legte seine Scheu ab, um die letzten Zentimeter zu überwinden. Er umarmte sie und sein Mund war auf der Höhe ihrer Haare. Da seine Lippen schon auf ihrem Kopf lagen, war es wie selbstverständlich, ihr auf die Stirn zu küssen. Sie zog den Kopf ein wenig zurück und blickte ihm in die Augen. Die Einladung verstand er. Ihre Lippen berührten sich und es kam beiden so vor, als würde sich eine elektrische Spannung entladen.

Teil 3

Einsamkeit

Ich betrachtete das Glas mit der bräunlichen Flüssigkeit und den darin schwimmenden Eiswürfeln. Um mich herum war es ohrenbetäubend laut, wie man es von einem Club erwarten würde. Die Menschen tranken und feierten, während ich in der Ecke saß und vor mich hinstarrte. Ich war nicht anwesend, meine Gedanken waren nicht greifbar, es war nur das Gefühl von Einsamkeit mitten im belebtesten Ort der Stadt. Vielleicht fühlt man sich nirgends so allein, wie in einer vollen Menge Menschen, weil die Verbindung plötzlich fehlt, weil alles sich fremd anfühlt und doch war ich gelähmt und unfähig aufzustehen und zu gehen.

Irgendwer setzte sich neben mich und fragte mich, ob es mir gut gehen würde und nicht Lust hätte zu tanzen. Ich kannte die Person nicht und mir war auch nicht danach. Ich sah ihr in die Augen und hielt den Blick. Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber mir in die Seele blicken konnte, doch es wurde verstanden, genickt und weggegangen. Vermutlich haben schon viele Menschen hier gesessen und sich einsam gefühlt. Schade, eigentlich habe ich mich besonders gefühlt. Aber das war ich nicht. Das versuchte ich mir nur einzureden, damit das schnöde Leben ein wenig mehr Wert hatte, aber es stimmte nicht.

Ob ich am nächsten Montag zu Arbeit erscheine oder nicht, war vollkommen irrelevant. Die Maschine lief auch ohne mich weiter. Die Eiswürfel schmolzen im Glas und es schien, als wäre die bräunliche Flüssigkeit weiter oben heller. Das kalte Wasser sinkt ab, erinnerte ich mich an meinen Physikunterricht aus der Schule. Ich sank abwärts und mir wurde kalt. Also stürzte ich den Inhalt des Glases herunter und raffte mich auf. Es gab ein klares Ziel: Die Garderobe. Auf dem Weg dahin musste ich durch das bunte Lichtgewirr und die lauten Bässe. Ich gewann den Kampf gegen Lichtstrahlen und Schallwellen. Die Jacke wärmte mich und ich begab mich auf den Weg ins warme Bett.

Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.