Festgebissen

Das verfluchte Vieh hatte sich festgebissen, kein Zweifel. Es war mitten in der Nacht und ich las zum Einschlafen noch eben die letzten Seiten von Camus‘ „Die Pest“, als ich mich am unteren Rücken kratzte. Es war dieses typisch unbedachte Kratzen, doch irgendwas war da an meiner Haut. Auf meiner Haut. In meiner Haut. Und es ging nicht weg. Bis ich es allerdings realisiert hatte, wollte ich das Kratzen nicht aufgeben. Doch plötzlich schüttelte es mich. Eine verdammte Zecke. Also her mit dem Handy und ein paar Nacktfotos. Von meinem Rücken. Enorm unscharf. Sowohl der Rücken als auch die Fotos. Und doch glaubte ich irgendwelche Überreste ausmachen zu können. An Schlaf war nicht zu denken, aber Abhilfe brachte mir die Wachheit auch nicht. Ich ließ die Stelle in Ruhe, lenkte mich ab und fiel in den Schlaf. Am nächsten Tag meldete ich mich bei meiner Ärztin. Ich konnte es selbst nicht ganz ernst nehmen, als ich am Telefon erklärte, dass ich zu ihr müsste, weil ich womöglich eine Zecke im Rücke hätte. Ich gehe nicht gern zu Ärzten und wegen einer Lappalie erst recht nicht. Nur könnte das hier weit mehr als eine Kleinigkeit sein. Ich erinnerte mich an den alten DDR-Impfpass, den ich zum Termin mitnehmen würde. Dann mache ich eben gleich noch ne Auffrischung. Meine Ärztin konnte nichts erkennen und fragte einige Dinge ab. Wir vereinbarten, dass ich mich melden würde, wenn ich Schmerzen hätte oder die Stelle sich rötet. Den Impftermin plante ich einige Tage später ein. Ob da eine Zecke gewesen war, konnte ich nicht sagen, aber sie hatte sie in meinen Gedanken festgebissen.

Knackender, verspannter Kiefer

Eigentlich beiße ich mir nur auf den Kiefer, wenn Gefahr droht und mein Körper deswegen in vollkommene Spannung geht. Ist eben so ein evolutionäres Überbleibsel, das seine Berechtigung hat. Was da alles für Prozesse im Körper ablaufen, kann ich nicht sagen, doch ich vermute mal, dass da allerhand passiert. Zum Beispiel schiebt sich beim Kaufen der Ohrenschmalz nach außen, aber wer weiß das schon?

Nun verweilt dieser verdammte Kiefer aber in Dauerspannung. Ein Kaugummi könnte kurzfristige Abhilfe schaffe, aber ich bin weder ein Fan von Kaugummis noch von kurzfristigen Lösungen. Dauerhafte Lösungen bedeuten allerdings, dass man sich mit seinen Problemen auseinandersetzen muss. Für einen Menschen, der Konflikte und Auseinandersetzungen scheut und stattdessen lieber in der eigenen Suppe schwimmen würde, ist das ne fiese Situation. Dieser verfluchte Körper mit seinen Signalen, die dann eben doch darauf drängen, sich zu kümmern, während das Leben an einem vorbeilaufen könnte. Wird wohl Zeit, dem Kiefer wieder ne Entspannung zu gönnen.

Podcast online

Neben dem Schreiben bzw. Lesen gibt es mich auch auf der Improtheaterbühne für das Ensemble „Damenwahl“ zu sehen. Das mit uns befreundete Team von „Frauen auf See“ hat einen Podcast in dieser Coronazeit gestartet. In der Folge „Ede bleibt im Nest“ durften wir uns anhand von einigen Fragen ab Minute 11 (ohne Anmoderation ab Minute 13:15, aber die ist viel zu schön, um sie wegzulassen) vorstellen. Wer Improtheater kennt, der wird merken, dass wir unsere Antworten in der Art von Spielformen dargereicht haben.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Anhören.

Frischer Wind

Die Autos wirbelten die gefallenen Regentropfen wieder auf und patschten durch die Pfützen. Bei Regen aufzuwachen und die frische Luft einzuatmen, hat etwas Einzigartiges, als wäre man ein wenig mehr in der Natur. Gleichzeitig lässt das leichte Klopfen der Tropfen am Fenster meine Augenlider schwer werden und die Lust, sich nochmal umzudrehen, wird groß. Doch ich muss aufstehen. Sie hatten gesagt, dass ich einen neuen Angestellten einlernen sollte. Frischer Wind würde er in die Gänge mit den Aktenordnern bringen, meinten sie. Das stimmte wohl, nur was blieb von der Frische, wenn der erstmal eingelernt sein würde?

Staub

Sie hatten mich gebeten Staub zu wischen. Ich verstand das, denn tatsächlich fand sich allerorts eine leichte Staubschicht, die mir höchst unangenehm war. Ich hatte mein Fenster offengelassen und die Bauarbeiten vor der Tür waren der Grund für die Staubdecke, die ich sonst allsonntäglich wegwischte. Nun war es Mittwoch und ich hatte sie bisher ignorieren können, doch nachdem ich darauf hingewiesen wurde, sah ich sie überall. Ich spürte eine Wut in mir aufsteigen. Den ganzen Tag musste ich den Baulärm ertragen Und nun wurde ich zusätzlich gedemütigt. Ich bekam große Lust, meine Schuhe anzuziehen, mir meinen Schlüssel zu greifen und draußen die Bauabsperrungen umzutreten, damit sie morgen von meinem Widerstand – Nein – von meiner Revolte erfahren würden.

Im Zoo

Eingesperrt war ich. Seit meiner Geburt hatten sie mich in diese Betonwelt gesperrt und täglich rückte eine endlose Vielzahl an Gesichtern an meinem Käfig vorbei. Sie sprachen anmutig von mir als König der Tiere. Das stimmte nicht. Ich wusste es auch. Ich herrschte nicht und ich würde es auch niemals. Ich hätte es natürlich lernen können. Hätte mir mit Gewalt nehmen können, was mir durch meine Gewalt zusteht. Stattdessen schlage ich die Zeit tot, bevor sie mich totschlägt. Ich warte auf das Essen und bewege die ewigmüden Knochen von einer Seite zur anderen. Hin und zurück. Hin und zurück. Da gleichen wir uns wohl: Ich und die da draußen. Die machen auch nur hin und zurück. Sind sicher hinter ihrer Glasscheibe und haben verlernt, was sie von Natur aus können. Doch ist es nicht gut so, dass wir in Sicherheit hinter unseren Scheiben sind und wir statt unserer Natur die Vernunft regieren lassen oder vergessen wir uns dabei und verlieren dabei den Sinn des Lebens?

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Im Bett mit mir

„Was hast du den Tag über so gemacht?“, fragte mich die gelockte Frau. Ich entgegnete: „Ich habe geschlafen. Dann bin ich sieben Uhr aufgewacht, bin aufs Klo gegangen, habe mir ein paar Mohrrüben aus dem Kühlschrank genommen und sie gegessen. Ja, und da es noch früh am Morgen war und ich nichts zu tun hatte, legte ich mich wieder hin und schlief ein. Dann wachte ich wieder auf, drehte mich um und schlief weiter. Ich hatte einen Traum von einer Feier und von einer Frau, die eine Affaire zerstückelt hatte und irgendwer fand einen Kopf und einen Arm von ihm. Und eine andere Frau hatte ebenfalls ihren Liebhaber umgebracht, aber es störte sich niemand wirklich daran. Stattdessen erklärte mir ein Freund nur, dass die erste Frau es nur getan hatte, weil sie gerade so im Stress sei. Ich kehrte derweil die Straßenkurve mit einem kleinen Jungen zusammen. Es war verdammt rutschig und jederzeit drohte ein Auto um die Kurve zu schießen, so dass ich neben dem Fegen immer wieder auf den Jungen aufpassen musste. Dann wachte ich auf. Ja, und jetzt stehe ich hier neben dir.“

„Äh, was meinst du hat der Traum zu bedeuten?“, erkundigte sie die gelockte Frau. Ich überlegte und antwortete: „Also eigentlich bin ich kein Fan von Traumdeutungen. Aber die zwei Frauen, die ihre Liebhaber töteten, könnten für die Frauen in meinem Leben stehen. Also vielleicht manche als Racheengel für jene Liebesgeschichten, in denen ich ein Arsch war. Oder sie stehen für die Frauen, die mir das Herz aus der Brust gerissen haben. Oder sie stehen für die Frauen, die über mir standen und Druck auf mich ausübten. Vielleicht waren es aber auch einfach nur Frauen, die mit ihrem Schicksal unzufrieden waren und es selbst in die Hand nahmen. Bei dem Jungen und dem Fegen ist es einfacher. Das Fegen sind meine alltäglichen Aufgaben, da ich denen nicht immer nachkomme, rutsche ich aus. Nebenher muss ich den Jungen im Auge behalten, er steht für die Verantwortung gegenüber Projekten und meinem eigenen Leben.“

„Hm, du bist schon der Typ <auf den letzten Drücker> oder?“ fragte mich die gelockte Frau, während wir nebeneinander an der Anrichte standen und uns um unser Essen kümmerten. „Absolut“, gab ich wortkarg zu. Ich tendiere zur Einsilbigkeit, das ist nicht böse gemeint. „Es ist nicht so, dass ich mich vor der Arbeit drücke. In meinem letzten Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob mir Büroarbeit schwerfallen würde. Ich erklärte, dass man mich in ein Büro setzen muss und dann arbeite ich. Was mir jedoch schwer fällt, ist die Arbeit bei freier Zeiteinteilung. Also setzte man mich in ein Büro, erklärte mir meine Arbeit und ich schuftete viereinhalb Jahre jeden Tag meine acht Stunden und zudem so einige Überstunden. Ich riss das runter und erledigte den Job von drei Leuten auch immer mal wieder allein. Ich scheue mich nicht vor der Arbeit, aber wenn ich es mir frei einteilen kann, dann schiebe ich es vor mir her. So wie mit dem 50-seitigen Aufsatz, den ich bis morgen noch gelesen haben muss.“

„Du weißt schon, dass du das ganze letzte Woche hättest machen können?“, kam die Frage von der gelockten Frau. „Ja, gerade deswegen habe ich es nicht gemacht“, erklärte ich. Wenn ich so viel Zeit habe, warte ich gern ein wenig ab. Und dann nochmal ein wenig und irgendwann hacke ich die Arbeit einfach runter, so wie ich es in den viereinhalb Jahren gemacht habe. Ich schlafe dann nicht, ich esse nicht, und das stört mich auch nicht.

„Also…Ich könnte das nicht, dieses kurz vor knapp“, erklärte die gelockte Frau. Ich gab nur ein kurzes Hmmm von mir. Denn ich weiß auch nicht, ob ich das kann.  Aber nichts löst so viele Gedankenblitze aus, wie eine direkt bevorstehende Aufgabe: Ich sollte jetzt einkaufen gehen, doch stattdessen habe ich gerade den Namen für den Pflanzen-Instagram-Account einer Freundin erfunden und schreibe jetzt diesen Text. Doch die Zeit rennt, denn die Geschäfte schließen bald. Dass ich den ganzen Tag für den Einkauf Zeit gehabt hätte, ich ihn – also den Tag – stattdessen verschlafen und vertrödelt habe, nervt mich, ist aber einfach ein Teil von mir. Womöglich wäre mir der Titel des Instagram-Accounts nicht eingefallen und ich hätte davon geschrieben, wie ich seit acht Uhr morgens am Schaffen bin. Nein, ich hätte gar nichts geschrieben, denn ich hätte dafür keine Zeit.