Zug um Zug

Die Sinnlosigkeit des Seins machte mir keine Angst, sie nervte mich allerdings. Mir war nach einem tiefen Zug einer Zigarette. Ich hätte sie nicht einmal selbst rauchen wollen, der Passivzug würde mir genügen. Am besten in einer ranzigen Kneipe, in der der Fußboden ebenso klebte wie die Ärsche der fünf Stammgäste auf ihren Hockern. Aber solche Kneipen gab es nicht mehr, sie mussten rauchfrei sein. Verdammt traurig, selbst für einen Nichtraucher wie mich. Kaum deutlicher als hier erkannte man den fehlenden Sinn in allem, was wir Menschen zu tun und zu erfinden glaubten. Jede geniale Idee, die einem klugen Kopf jemals kam, wäre hier unbedeutend und gerade das war doch das Schöne an diesen Hinterhöfen der glitzernden Gesellschaft, die stetig am Aufstieg arbeitete. Jeden Tag vor sich hin schuftete, damit…ja…damit…eben, damit gar nichts. Damit man in zehn Jahren sagen konnte, dass es den Menschen niemals zuvor so gut ging. Das war eben die Parole, damit man sich am nächsten Morgen wieder im Stau anstellte, um einem armen Schwein irgendwelchen Mist anzudrehen, den es nicht brauchte. In der Spelunke interessierte sich niemand dafür. Da gab es Altherrengeschwätz, das auch keine bessere Parole bereithielt, aber das war auch nicht der Grund, um dorthin zu gehen. Man ging hin, um Rauchschwaden einzuatmen und abgestandenes Bier herunterzuwürgen. Das Klo wäre auch blind zu finden gewesen, einfach dem stechenden Geruch folgen. Der Begriff „Vanitas“ kommt mir in den Sinn und passt zugleich so gar nicht in dieses Bild, kein Kneipengespräch setzt sich mit der künstlerischen Betrachtung von Vergänglichkeit auseinander. Wozu auch, man weiß, dass man vergeht, mit jedem Zug.

Die Falltür

Ich weiß nicht genau, was ich mir dabei gedacht hatte, in das verlassene Haus zu gehen. Vermutlich war es die unstillbare Neugier in mir, die jedoch nicht selten vom anerzogenen „Das macht man aber nicht“ in Zaum gehalten wurde. Ich war schon so oft in diesem Wald spazieren gewesen und unzählige Male an dem Haus vorbeigelaufen.

Der menschenhohe Zaun war Abschreckung genug, obgleich er rostig und verbogen war. Die Fenster waren zum Teil mit einem Verschlag geschützt und zum Teil eingeworfen. Es war offensichtlich, dass hier niemand wohnte und dennoch war mir immer klar, dass ich das Grundstück nicht zu betreten hatte. Warum ich eintausendmal das gleiche machte und es beim eintausendersten Mal anders handhabte, bleibt aber die Frage. Ich war nicht betrunken oder hatte einen Grund entgegen meiner üblichen Verhaltensweisen zu agieren. Vielleicht ist das aber auch nur das Quäntchen Menschlichkeit in mir, welches opponierte, als ich die offene Stelle am Zaun erblickte. Ich kroch an der Stelle durch die Absperrung und umrundete das Haus.

Es sah gespenstisch aus. Es gab ein Fenster oben in der Dachspitze, dort hing eine weiße Gardine und ich bildete mir für einen kurzen Moment ein, dass diese sich bewegt hatte. Ich wusste, dass sie das nicht getan hatte, denn die sah schon immer so aus. In meiner Phantasie aber lebte dahinter eine alte Frau. Eigentlich schon tot, aber eben nicht willens zu gehen. Hin und wieder sah sie durch die Gardine, wer unten auf dem schmalen Pfad entlangging. Es schauderte mich, doch ich schmunzelte darüber, was ich mir da ausmalte. Die Haustür war verschlossen und ebenso die Balkontür auf der Rückseite. Allerdings gab es eine eingeworfene Fensterscheibe im Erdgeschoss, die mein Einstieg sein sollte. Ich war nicht die erste Person, die auf diesem Weg ins Haus eingedrungen war, denn die Splitter waren alle beseitigt.

Hinter dem Fenster erwartete mich eine Küche. Ich war erstaunt, wie wenig ihr das offene Fenster und die Zeit angehabt hatten. Ich hatte mit sehr viel Dreck und wild wuchernden Pflanzen gerechnet. Aber im Dunkel sah es eher so aus, als würde nur überall eine dicke Staubschicht liegen. Auch war von den Fenstersplittern selbst hier drinnen nichts zu finden. Mir schlug das Herz und ich überlegte, ob ich das Haus wieder verlassen sollte. Dann redete ich mir gut zu. Es war unsinnig, sich zu fürchten. Ich überlegte „Hallo“ zu rufen, doch ich traute mich nicht. Ich setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Der Boden war gefliest und ich hörte das Knarzen des Drecks unter meinen Schuhen.

Die offene Tür zeigte in den Flur, über den ich auch zur Eingangstür kam. Hier hatte man sich für einen Holzboden entschieden. Ich ging zur Haustür und spürte, wie sehr das Holz unter den Schuhen nachgab. Dabei knackte es und ich bekam eine Gänsehaut. Die Haustür wollte ich von innen öffnen, so hätte ich mehr Licht und wie ich mir eingestand auch einen Fluchtweg, doch auch von dieser Seite ließ sie sich nicht öffnen. Ich drehte mich um und überlegte in das Zimmer gegenüber zu gehen, dort dürfte die Balkontür sein und diese konnte ich womöglich öffnen. Wieder knarzte das nachgebende Holz unter mir und plötzlich krachte es. Der Boden gab nach und ich landete etwas tiefer, rutschte noch ein Stück. Immer wieder fand ich kurz Halt und verlor ihn wieder. Dann knallte mir etwas auf den Kopf.

Ich ging durch einen langen Gang. Links und rechts waren verschlossene Türen. Ich versuchte gar nicht erst sie zu öffnen, sondern folgte dem Gang bis zum Ende. An der letzten Tür klopfte ich und eine alte, warme Stimme rief: „Herein.“ Ich folgte der Anweisung und wurde geblendet von der Helligkeit, die durch das Balkonfenster ins Zimmer strahlte. Die Tür schloss ich hinter mir und sah mich um. Links stand ein großes Bett mit beigefarbenem Bezug, daneben jeweils ein Nachttisch. Dahinter ein kleiner Sekretär mit einem Stuhl davor. Dann gab es auf der anderen Seite des Zimmers einen wadenhohen Tisch, der von einer Couch und einem Schaukelstuhl umrundet wurde. Der Schaukelstuhl war mir mit seinem Rücken zugedreht, schaukelte aber vor sich hin. Hier saß also die alte, warme Stimme. Ich ging an dem Stuhl vorbei Richtung Balkon und drehte mich dann um. In dem Stuhl saß eine kreidebleiche Frau. Sie war nicht lebendig, hatte aber eine Tasse in ihrer rechten Hand. Mir wurde schlecht und ich ging noch einen Schritt zurück, dabei stolperte ich über die Leiste der Balkontür, ich versuchte mich abzufangen mit dem nächsten Schritt nach hinten. Dann spürte ich das Geländer im Rücken und stürzte in die Tiefe.

Ich erwachte und es war wieder dunkel. Der Kopf tat mir weh und das einzige Licht kam von schräg über mir. Ich spürte eine nasse Stelle in meiner Hose, ich war wohl komplett weggetreten. Ich versuchte aufzustehen, musste mich dafür aber von einigem Gerümpel befreien, das auf mich gefallen war. Der Körper schmerzte und vorsichtig stieg ich die Treppen wieder hinauf. Ich hatte für heute genug von dem Haus und machte mich durchs Küchenfenster wieder raus. Beim Gehen blickte ich nochmal nach oben zu dem Fenster, es schauderte mich, denn ich war mir sicher, dass ich dort eine Gestalt gesehen hatte.

Der Weg zurück war länger, denn ich humpelte vor mich hin. Meine nasse Hose war mir egal. Auch fühlte ich mich trotz der Schmerzen stärker. Ich hatte mich einfach etwas getraut. Das hatte Kratzer und Beulen hinterlassen, ja so manche Spur dürfte auch in Zukunft von diesem Abenteuer zeugen. Doch ich war stolz auf diese Male.

Verregnete Tage (4)

Ben erzählte Lena vorsichtig von seinen erotischen Gedanken und sie musterte ihn beim Erzählen aufmerksam. Er fühlte sich unwohl, sich vor ihr in der Art frei zu machen und gleichzeitig merkte er, dass sie ihn für seine Offenheit nicht verurteilte, dennoch war klar zu erkennen, dass Lena die Zügel weiterhin in Händen hielt. Nachdem er alles berichtet hatte, ließ sie ihn ein wenig zappeln und gönnte sich einige Momente der Stille, bis sie zugab: Vielen Dank für deine Offenheit, ich merke, dass es dir nicht leichtfällt, darüber zu reden. Mir gefällt aber deine Vorstellung, dennoch kann ich dir nicht versprechen, dass sie Realität wird. Ben nickte nur, er verstand, dass er kein Anrecht auf sie oder die vorgestellte Zweisamkeit hatte, selbst wenn es sich beide wünschen mochten.

Lena gefiel sich in ihrer Rolle, denn schon zu viele Male musste sie gegen das Verlangen, das auf sie projiziert wurde, ankämpfen. Ihr gefiel es, in dieser sanften Weise begehrt zu werden, da es auf Gegenseitigkeit und Interesse am Gegenüber beruhte. „Magst du noch Tee haben?“, durchbrach sie die Stille und Ben nickte nur. Sie schenkte nach. Er trank einen Schluck, doch es stand weiterhin diese Ruhe im Raum, die in drückte, obgleich er das auch genießen konnte. Doch in diesem Moment war die Ruhe unbequem und er öffnete sich: „Ich weiß auch gar nicht, ob es klappen würde.“ „Hm?“, fragte Lena, obgleich sie sich sicher war, was er meinte. „Naja, manchmal funktioniert das eben nicht. Also bei mir.“ Lena nickte, sie wollte fast lachen, doch war sich der Situation im Klaren, stattdessen beschwichtigte sie: „Ist doch ganz normal. Aufregung oder Ängste, da kann so viel mitspielen und ich habe das schon häufiger erlebt.“ Diese Offenheit und Feinfühligkeit beruhigte Ben, während Lena angestachelt war. Schon bevor sie beschlossen hatte, ihn mitzunehmen, wollte sie ihn küssen. Sie stand auf und reichte ihm die Hand, so dass er ebenfalls aufstand. Dann zog sie ihn näher an sich heran. Beide spürten ihre Herzen wild pochen und Ben legte seine Scheu ab, um die letzten Zentimeter zu überwinden. Er umarmte sie und sein Mund war auf der Höhe ihrer Haare. Da seine Lippen schon auf ihrem Kopf lagen, war es wie selbstverständlich, ihr auf die Stirn zu küssen. Sie zog den Kopf ein wenig zurück und blickte ihm in die Augen. Die Einladung verstand er. Ihre Lippen berührten sich und es kam beiden so vor, als würde sich eine elektrische Spannung entladen.

Teil 3

Einsamkeit

Ich betrachtete das Glas mit der bräunlichen Flüssigkeit und den darin schwimmenden Eiswürfeln. Um mich herum war es ohrenbetäubend laut, wie man es von einem Club erwarten würde. Die Menschen tranken und feierten, während ich in der Ecke saß und vor mich hinstarrte. Ich war nicht anwesend, meine Gedanken waren nicht greifbar, es war nur das Gefühl von Einsamkeit mitten im belebtesten Ort der Stadt. Vielleicht fühlt man sich nirgends so allein, wie in einer vollen Menge Menschen, weil die Verbindung plötzlich fehlt, weil alles sich fremd anfühlt und doch war ich gelähmt und unfähig aufzustehen und zu gehen.

Irgendwer setzte sich neben mich und fragte mich, ob es mir gut gehen würde und nicht Lust hätte zu tanzen. Ich kannte die Person nicht und mir war auch nicht danach. Ich sah ihr in die Augen und hielt den Blick. Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber mir in die Seele blicken konnte, doch es wurde verstanden, genickt und weggegangen. Vermutlich haben schon viele Menschen hier gesessen und sich einsam gefühlt. Schade, eigentlich habe ich mich besonders gefühlt. Aber das war ich nicht. Das versuchte ich mir nur einzureden, damit das schnöde Leben ein wenig mehr Wert hatte, aber es stimmte nicht.

Ob ich am nächsten Montag zu Arbeit erscheine oder nicht, war vollkommen irrelevant. Die Maschine lief auch ohne mich weiter. Die Eiswürfel schmolzen im Glas und es schien, als wäre die bräunliche Flüssigkeit weiter oben heller. Das kalte Wasser sinkt ab, erinnerte ich mich an meinen Physikunterricht aus der Schule. Ich sank abwärts und mir wurde kalt. Also stürzte ich den Inhalt des Glases herunter und raffte mich auf. Es gab ein klares Ziel: Die Garderobe. Auf dem Weg dahin musste ich durch das bunte Lichtgewirr und die lauten Bässe. Ich gewann den Kampf gegen Lichtstrahlen und Schallwellen. Die Jacke wärmte mich und ich begab mich auf den Weg ins warme Bett.

Schatten

Mir war vollkommen klar, dass es eine dumme Idee gewesen war, ohne Helm ein Longboard zu fahren, ganz besonders, da ich es noch gar nicht konnte. Aber eben deswegen hatte ich auf einen Schutz verzichtet, denn wirklich schnell wird man am Anfang ja gar nicht, dachte ich mir. Ich sollte mich täuschen, ich wagte so einige Tritte der Beschleunigung und genoss mein wehendes Haar im Wind. Zum Arzt musste ich aber nicht wegen der schnellen Fahrt, sondern wegen eines Anfahrtsversuchs als ich mich auf dem Heimweg befand. Ich stand zu weit hinten auf dem Brett und verlor wegen eines Steinchens das Gleichgewicht. Wer hätte ahnen können, dass es einen so dermaßen nach hinten wegreißt. Ich konnte mich recht gut mit den Händen abfangen, doch der Hinterkopf schaffte es dennoch auf den Asphalt. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mich gar nicht groß drum gescherrt, aber meine beste Freundin machte sehr deutlich klar: „Wir gehen jetzt sofort zum Arzt.“ Ich motzte ein wenig rum, aber sie war schon immer dickköpfiger als ich, und so landeten wir beim Arzt, der mich in irgendeine Röhre steckte.

„Herr Fröhlich, ich sehe auf den Bildern keine Verletzung, aber es war gut, dass sie hergekommen sind, der Sturz war wohl von oben gewollt.“ Es ist gut? Der Sturz war von oben gewollt? Ich halte nichts von Vorsehungen oder glücklichen Zufällen, das ist einfach das Leben. Aber warum es gut sein sollte, wollte mir nicht klar werden. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und der weiße Kittel sagte mir, dass das gut sei? Ich sah ihn halb genervt, halb verständnislos an. „Nun, ich habe auf den Bildern einen Schatten gesehen, das sollte untersucht werden. Ist vermutlich nichts schlimmes…“ ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern nickte nur, wenn ich merkte, dass er seine Rede pausierte. Ich fragte mich weiterhin, was daran jetzt gut sein sollte und warum Ärzte eigentlich keinen Kurs in Einfühlvermögen bekommen und es immer eine Glücksfrage sei, an welchen man geriet. Okay, es gibt kein Glück, hatte ich fast vergessen. Das ist das Leben. Ich verabschiedete mich und bekam ein Kärtchen mit einem Termin in die Hand gedrückt. Anscheinend hatte ich einen mit ihm vereinbart. Es war mir egal. Ich beschloss, meiner besten Freundin vorerst nichts zu erzählen, außer dass der Sturz keine Folgen hatte.

Auf dem Heimweg schwiegen wir und ich dachte: Ein Schatten auf den Bildern. Ich wollte keinen Schatten. Den hatte ich nicht bestellt. Den einzigen Schatten, den ich sehen wollte, war der unter mir, wenn ich wieder auf dem Brett stand und mir die Sonne auf den Kopf schien. Meine Hände zitterten und mein Herz pochte wild. Mir wurde schlecht und ich übergab mich kurzerhand ins Gebüsch neben dem Weg. Die beste Freundin sah mich bestürzt an. Ich erklärte, dass mir noch ein wenig schwindelig von heut Morgen sei. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Wer weiß. Ich wusste es. Ich wusste, was mir den Magen umdrehte. Zuhause angekommen, verspürte ich Lust auf den kaltgestellten, offenen Weißwein. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Er schmeckte nicht, also spuckte ich ihn wieder aus. Ich tauge nicht zu diesen Filmhelden, die in ihrer Coolness ein Glas Whiskey nach dem anderen runterspülen und sich dazwischen ne Kippe anstecken. Von letzteren musste ich immer husten. Ich wollte auf etwas draufhauen und bevor ich recht darüber nachdachte, sollte die Wand herhalten. Es stellte sich heraus, dass diese um einiges härter war als meine Faust. Der Schmerz tat gut. Er pulsierte und ich genoss das Gefühl, des immer wiederkehrenden Stiches, der durch die Hand ging. Ich setzte mich und spürte dabei mein Portemonnaie in der Gesäßtasche, welches ich herausholte. Der Zettel mit dem Termin lugte daraus hervor. Ich sah ihn mir an. Mittwoch in einer Woche. Ich beschloss hinzugehen.

Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Verregnete Tage (3)

„Hast du schon mal meditiert?“, fragte Lena Ben, welcher darauf antwortete: „Nicht, dass ich wüsste.“ „Was meinst du damit?“ „Nun, ich kann es nicht ausschließen, dass ich mal etwas gemacht habe, was man bei einer Meditation auch macht, aber aktiv habe ich nie versucht zu meditieren.“ „Das klingt doch gar nicht schlecht. Du bist also zumindest offen dafür, so scheint es mir“, stellte Lena fest und Ben nickte zustimmend. „Magst du es gerade mal probieren?“, forderte Lena ihn heraus. Ben nickte ein wenig unsicher, aber mit den Räucherstäbchen, dem Tee und der inneren Wärme nach der Dusche erschien ihm der Moment perfekt. „Was muss ich machen?“, fragte er. Sie erklärte: „Suche dir eine entspannte Sitzhaltung, schließe die Augen, höre auf den Schlag deines Herzens oder auf deinen Atem und dann lasse los.“ Ben sah, wie Lena sich mühelos in den Schneidersitz begab und dabei fast aufrecht sitzen blieb, ihre Augen schloss und offensichtlich abtauchte. Er versuchte es ihr nachzutun, jedoch ohne dabei ein lautes Geräusch zu verursachen. Der Schneidersitz war unbequem, erst recht nicht in der Jeans, die er trug. Während er eine gute Position suchte, blickte er wieder zu Lena hinüber, die ihn grinsend ansah. Sie rollte ihm ein Yogakissen zu und meinte: „Knie doch einfach darauf und wenn es dir hilft, zieh die Jeans aus.“ Ben hatte durchaus Lust, sich von der Jeans zu lösen, wurde sich aber bewusst, dass das weniger mit der Sitzposition zu tun hatte und beschloss daher, sie anzubehalten. Er fand seine Position und erinnerte sich an die Hinweise: Augen zu und auf Herz oder Atem hören. Was er hörte, war ein recht schnell schlagendes Herz. Sein aufgeregtes Herz. Ihm schoss die Frage durch den Kopf, was er hier mache und was Lena für einen Plan hatte. Er malte sich aus, wie schön es wohl wäre, mit ihr in dem Bett zu liegen. Nackt und ineinander verschlungen. Kein wilder Sex, sondern vielmehr bedacht auf Körperkontakt und Streicheleinheiten. Er spürte seinen ruhigen Atem und folgte ihm. Es erschien ihm, als wäre er nur wenige Sekunden in diesem Zustand gewesen, als Lena ihn mit ruhiger Stimme ansprach: „Und, hast du ein wenig Ruhe gefunden?“ Er schlug die Augen auf und erklärte: „Ja, das ging nur so schnell. Am Anfang hatte ich noch sehr klare Gedanken und Phantasien und dann driftete ich ab. Das war nur viel zu kurz.“ „Es waren 20 Minuten, wir können das gern auch länger machen“, erklärte sie. Ben war überrascht und zugleich sehr froh, weil es so einfach funktioniert hatte. Sie sahen sich einen Moment lang an, als Lena fragte: „Magst du mir von den Phantasien erzählen?“ Ben fragte sich, ob sie seine Gedanken hatte lesen können. Er spürte, dass er rot im Gesicht wurde: „Ehrlich gesagt: Sehr gern.“

Teil 2

Teil 4

Ausflug

Sie hatten mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Sonne zu fliegen. Es schien mir eine große Ehre zu sein. Immerhin gab es allerhand interessierte Menschen, die Interviews und Autogramme von mir wollten. Es gab auch Live-Übertragungen aus dem Raumschiff, welches mich beherbergte. Ich hatte mir das alles nicht so ganz überlegt, aber es war immer mein größter Traum gewesen, die Erde vom Weltall aus zu betrachten. Und da dachte ich mir, dass ich nachdem dieser Traum erfüllt wäre, ja eh schon mein Highlight im Leben hatte, ich auch nicht mehr so daran hängen müsste. Zudem wurde mir versichert, dass dieses Schiff sicher sei: Konstruiert nach neuestem Wissen und ausgestattet mit der besten Technik. Ich glaube, dass waren auch die Worte, mit der man die Titanic in ihre Jungfernfahrt verabschiedet hatte.

Alles ging so furchtbar schnell. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und mir war, als wäre es alles an einem Tag passiert. Dann der Flug heraus aus der Erdatmosphäre. Ich kreiste einige Minuten um unseren blauen Planeten, bis es weiter zum Mittelpunkt unseres Sonnensystems ging. Der Anblick auf die Erde war unbeschreiblich, aber viel zu kurz. Und seither saß ich in diesem riesigen Etwas. Ich sollte Daten und Bilder von der Sonne sammeln, danach ging es wieder zurück zur Erde. Die ersten Jahre waren eine Mischung aus Langeweile, Einsamkeit und der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens. Mittlerweile bin ich in die Korona eingetaucht. Die Fenster haben eine spezielle Folie, welche das Licht filtert und dennoch schwitze ich im Cockpit, weil es nur noch die Sonne zu sehen gibt. Das Weltall kann man hier nicht mal mehr erahnen, weder das endlos tiefe Schwarz noch die eisige Kälte.

Heute Morgen hatte der Computer gepiept und mir mitgeteilt, dass etwas mit dem Druck nicht stimmte. Ein wenig später fiel der Computer dann aus. Ich treibe seither auf dem festgelegten Kurs und entweder wird die Schiffshülle halten oder eben nicht. Ob ich zurückkommen werde, ist zweifelhaft so ohne technische Hilfe. Ich glaube, ich würde lieber hier in der Hitze verglühen, statt in der Kälte umherzutreiben.

Schwungvoll

Von meinem Bett aus sah ich auf das Rennrad, welches dank fehlender Pedale einzustauben drohte. Ich wollte es längst repariert und verkauft haben. Die Motivation war nicht vorhanden gewesen oder die Zeit hatte gefehlt. Die hatte ich mit Sanne verbracht, also eigentlich Susanne, aber sie bestand auf den Spitznamen und ich fügte mich, obgleich ich ein Faible dafür besaß, einen Namen nicht kürzen zu wollen. In ihrem Fall hatte ich es akzeptiert, weil ihre Eltern sie immer so nannten und es bei ihr das gemischte Gefühl von Übelkeit, Verzweiflung und Wut hervorbrachte, also eigentlich nichts neues, dachte ich mir, als sie es mir erzählte, aber sie meinte es tatsächlich ernst mit ihrer Aussage. Sie hatte ihre Eltern in ein verdammt schlechtes Licht gerückt, doch mittlerweile fragte ich mich, ob ihre Beschreibung nicht doch enorm subjektiv war, denn ich vermutete, dass ich wohl mittlerweile ein ähnliches Gefühl in ihr auslösen würde. Womöglich brauchte sie jetzt einen neuen Spitznamen. Vielleicht war ich aber auch einfach ein Arschloch, wer kann so etwas schon mit Sicherheit von sich sagen oder ausschließen?

Sie hatte das Rennrad heute Morgen umgeworfen, als sie aus der Wohnung stürmte. Kurz davor lag ich noch im Bett und sie war gerade dabei, sich anzuziehen. Sie meinte, dass es schön wäre, wenn ich ihr einen Kaffee machen könnte. Normalerweise hätte ich das ganz ohne Aufforderung gemacht, aber in dem Moment hatte ich es nicht auf dem Schirm und der scharfe Unterton, der ganz stark nach Aufforderung stank, verleitete mich dazu ihr folgendermaßen zu antworten: „Ich würde es auch schön finden, wenn du deinen Hintern nochmal ins Bett bewegen würdest, aber ich vermute mal, dass jeder von uns umsonst auf den Gefallen des anderen warten dürfte. Sie sah mich wutentbrannt an, was mir tatsächlich Angst machte. Sie schmiss ihren Jeansrock in meine Richtung und traf mich am Oberkörper. Aus meiner Sicht war sie wach genug, um auf Kaffee verzichten zu können. Ich konterte: „Willst du jetzt auf den Rock verzichten? Dürfte im Büro weniger gut ankommen. Oder vielleicht auch sehr gut.“ Ich grinste, aber ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie streckte erwartungsvoll ihre Arme aus und ich warf ihr den Rock zu. Sie quittierte das: „Na scheinbar bist du doch kein Arsch.“ „Du meinst anscheinend“, konterte ich. Sie warf die Stirn in Falten, dachte eine Sekunde nach und gewann das Duell, als sie meinte: „Klugscheißer. Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich es genauso gemeint.“ Sie griff sich ihre Tasche und ging in Richtung der Tür, als ich ihr nachrief: „Was genau ist eigentlich gerade schiefgelaufen?“ Sie blieb stehen, drehte sich nicht um und atmete tief aus: „Ach leck mich.“ Mein Kopf war noch immer eher im Bett-Modus als ich antwortete: „Na sehr gern.“ Sie schmiss das Rad um und knallte die Tür hinter sich zu. Ich gebe zu, dass es nicht fair war, dass sie sich jetzt acht Stunden lang den Bockmist ihrer Vorgesetzten anhören musste, während ich entspannt faulenzen konnte, aber ich hätte es ihr gegönnt, wäre es umgedreht. Ich hätte ihr den Kaffee kochen sollen. Oder auch nicht, der wäre gefährlicher gewesen als ihr Rock.

Schwere

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, noch etwas von der Mousse au Chocolat im Kühlschrank gefunden zu haben oder nicht doch traurig sein sollte, weil sie jetzt doch schon einen Tag alt war und somit bei weitem nicht mehr so luftig und lecker, wie man es kennt. Ich griff mir die Schüssel und verzog mich mit der Süßigkeit aufs Sofa. Es war ein schönes Kateressen. Gut: Gegen kalte Pizza hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt, aber man muss ja da anfangen, wo man momentan steht und da ist Mousse nun wirklich kein schlechter Start. Es schmeckte ganz vorzüglich, lediglich die harten Krusten umschiffte ich mit dem Löffel, die waren nicht mehr zu retten. Im Zimmer über mir hämmerte jemand irgendwas in die Wand und aus der Küche dröhnte die Waschmaschine auf Hochtouren, doch es war mir egal. Das ist wohl das Schöne an einem Kater, dass einem die Welt egal ist. Vielleicht tranken unsere Politiker unentwegt und deswegen sahen wir zu, wie Menschen starben und die Welt jeden Tag aufs Neue gefickt wurde. Ich nickte bei dem Gedanken, dass das innere Meckern auch nichts änderte. Das ist wohl die Krux, dass es jeder von uns schon nicht gut genug macht und in der Summe ist es dann ein riesiger Müllhaufen, der sich zusammenträgt. Mir war nicht nach tiefen Gedanken. Nicht am Sonntag. Nicht am Katertag. Die Schüssel stellte ich beiseite, machte mich lang und griff nach einem Buch. Nach fünf Seiten wusste ich nicht, was ich gelesen hatte und meine Augen befanden sich in einer Dauerschleife bei der Suche nach dem letzten Satz, den ich zwar gelesen hatte, jedoch bei zufallenden Augen nicht mehr wirklich wahrnahm. Ich gab es auf, legte das Buch auf den Holzboden und schlief wieder ein.