Eingeengt

„Was müsst ihr euch alle diese übergroßen Autos leisten?“ schrie die ältere Frau auf dem Fahrrad dem Auto hinterher, das sie an der engsten Stelle der Straße überholen musste. Es hätte die fünfzehn Meter nicht hinter der Radfahrerin herfahren können, nach denen es zweispurig wurde. Hier gab es keinen Radweg, nur einen Weg für Fußgänger und eine Verkehrsinsel, damit diese die Straßen überqueren konnten. Warum man das überdimensionierte Auto genau an der Stelle an einem Fahrrad vorbeibugsieren musste, lässt sich nicht erschließen. Ich war heilfroh, dass die Dame noch schreien konnte.

Enge verfolgt mich. So gibt es diese Straße abseits des Konsumzentrums der Stadt. Zwei Reihen von vierstöckigen Häusern mauern die Straße ein, die wirkt, als wäre sie kaum breiter als zwei Meter. Hier unten wirkt es, als wöllten die Häuser einen erschlagen. Womöglich war es Absicht, so wie bei Kirchen, die einen Ehrfurcht lehrten durch ihre Gigantomanie. Mir kam eine junge Mutter entgegen, die mehr zu sich selbst als zu ihren zwei Söhnen sagte: „Jetzt haben wir ganz sicher schon einen Strafzettel bekommen.“ Der ältere der Brüder antwortete mit einem langgezogenen Nein, während die Mutter sie Richtung Parkplatz zerrte. Ich schmunzelte, weil ich den Gedanken kannte: Die Beschäftigung mit dem, was passiert sein könnte, umtreibt mich und wiegt um Welten schwerer als der Ärger, den ich verspüren würde, wenn ich bestraft würde.

Das Rasen der Gedanken engt mein Blickfeld ein. Ich sehe nur noch das Problem und vergesse den schönen Tag und die Wunder der Welt zu beobachten. Ich raube mir selbst die Weitsicht und forciere den Fokus auf einen winzigen Punkt. Ein Punkt so klein, dass ich ihn mit einer Stecknadel kaum treffen könnte. Hier scheint eine Fähigkeit für den falschen Zweck auf Hochtouren zu laufen.

Signale

Die Menschen sind eigentümlich. Sie sagen, sie würden ihren Körper spüren, aber sie nehmen ihn gar nicht wahr. Wenn sie ihn wahrnehmen, sprechen sie in der Regel von Schmerzen, die sie hätten und merken dabei nicht, dass sie nicht ihren Körper spüren, sondern nur den einen Schrei der Nerven, die vor einer Gefahr warnen. Die Menschen wissen gar nicht, wie es ist, wenn man den eigenen Körper spürt. Wenn ein Atemzug an den Nasenhaaren vorbei geht, kurz in den Rachen eindringt, um direkt in die Luftröhre zuwandern. Wie die Lunge sich aufbläht und die umgebenden Knochen wegdrückt, während die umspannende Haut sich ausdehnt. Wie kalt der Hauch durch diesen Weg im eiskalten Draußen sich anfühlt oder wie er sich brennend in einer Sauna seinen Weg bahnt.

Immer wieder hatten sie mich in die Sauna geschleppt und mir prophezeien wollen, dass es helfen würde. Mir wurde verboten zu schreien und zu weinen. Es war mein eigener Entschluss, nicht verrückt zu werden. Alle erwarteten das und ihre Erwartungen ließen mich zuwiderhandeln. Sie waren der größte Motivator und zugleich demotivierten sich mich: Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag, an dem ich freudestrahlend mit der Mathearbeit vor meinen Eltern stand und sagte: „Schaut mal, ich habe eine Eins bekommen.“ Darauf erwiderte mein Vater: „Wir freuen uns. Und sind schon gespannt auf dein Zeugnis.“ Aus der Eins hatte ich bis zum Jahresende eine Vier gemacht. Ich schämte mich und wollte sie nicht vorzeigen. Aber in Wahrheit hatte ich einfach keine Lust mehr gehabt, eine einzige Sekunde für das Fach aufzubringen, wenn es nur darum ging, welche Endnote dabei herauskommen würde. Ich hatte meinen Spaß an der Mathematik nicht verloren, aber ich wollte sie nicht mehr im Unterricht ausleben. Doch ich schweife ab. In der Sauna verbrannte ich gefühlt innerlich an der heißen Luft und äußerlich an der garstigen Feuchte, die meinen Körper benetzte. Der Druck, der die kleinen Wasserperlen durch meine Haut presst, erschöpfte mich. Jeder Saunagang war reinste Tortur, die ich über mich ergehen ließ.

Diese Schmerzen, von denen die Menschen immer sprachen, ich kannte sie in der Art nicht. Es war eben eines dieser Signale des Körpers, die ich spürte. Nicht mehr und nicht weniger, daher lachte ich innerlich, wenn jemand wegen einer kleinen Wunde weinte. Ich lachte nicht, weil ich den „Schmerz“ als Kleinigkeit erachtete. Ich lachte, weil ich mir einbildete, dass die Menschen mich in dem Moment ein wenig verstehen konnte.

Besenstrich

Manchmal vermisse ich die freien Nachmittage, die ich in der Straßenreinigung hatte. Die frühe Arbeitszeit war zwar anstrengend, aber im Winter dann noch was vom Tag zu haben, das war schon besonders. Ich verstand Hannes, der immer als erster vom Wagen runter war und mit seiner Perfektion begann. Er brauchte am längsten, aber es war zu erkennen, wo er kehrte und wo wir anderen. Eddy war da ganz anders, er fuhr meistens den Wagen. Stoppte und sah mit dem Ausdruck von Gereiztheit Hannes hinterher. Er steckte sich noch in der Kabine eine Zigarette an und kramte ein Frühstücksbrot heraus. Anfangs dachte ich, er könnte mich nicht leiden, weil er immer so mürrisch war, aber er erklärte mir dann, dass er nicht so der Morgenmensch sei. Ich überlegte und musste lachen, weil der Job Morgenmenschen brauchte.

Allerdings hatte ich ein ähnliches Gespräch des Nachts mit Eddy: Wir saßen in einer Kneipe am Tresen und er trank sein Bier. Er blickte in die Leere und antwortete einsilbig. Als ich ihn fragte, ob alles okay sei, meinte er nur, dass er nicht so der Abendmensch sei. Ich erinnerte ihn daran, dass er das auch schon mal über sein morgendliches Ich meinte. Darauf grummelte er nur: „Na dann bin ich wohl nicht so der Tag-Mensch.“ Ich grunzte und traute mich kaum, ihn dabei anzuschauen. Sein Blick war hart und brach kurz auf. Er lachte mit mir, vielleicht nur aus Anstand, aber es tat gut.

Na zumindest saß Eddy noch in der Fahrerkabine, aß sein Brot und ließ dabei die frisch angezündete Kippe neben sich liegen. Ich hatte das nie ganz verstanden und fragte ihn einmal. Da meinte er zuerst, dass das seine Sache sei. Als ich entschuldigend nachhakte, meinte er nur, dass er lieber den Geruch der Zigarette an sich trüge als den Gestank des Mülls. Er gab mir noch den Tipp, dass ich mir ’ne Zigarette nebens Klo legen sollte, wenn ich mal die frische Kotze einer anderen Person beseitigen müsste. Ich war mir nicht sicher, ob ich das ausprobieren wollte, fragte ihn aber nicht, warum er mit dieser Expertise aufwarten konnte.

Wie wir so saßen und Hannes zusahen, spürte ich, dass mich diese Perfektion innerlich beruhigte. Es hatte etwas meditatives, wie Hannes fegte und seine Arbeit verrichtete. Er sah dabei zufrieden aus und beschwerte sich nie über etwas. Ich fragte ihn mal, ob ihm die Arbeit Spaß bereite und er meinte: „Es ist gar keine richtige Arbeit. Für mich ist das Kunst, wenn die Straße ohne einen Kiesel und sauber ist.“ „Aber das hält doch nicht lang, es braucht doch nur ein Auto zu kommen oder ein Fußgänger…“ „Ja, das ist doch nicht schlimm, dann darf ich eben wieder meine Kunst ausüben.“ Er lächelte und ich lächelte mit ihm.

Wenn Eddy aus dem Wagen stieg, begutachtete er die Schaufeln und Besen auf der Ablage. Sie brauchten keine Inspektion, aber er meinte, dass er da lieber auf Nummer sicher gehen wollte. Ich war mir sicher, dass er nur Zeit schindete. Eddy und ich sammelten schnell alle Äste und den Müll ein, fegten ein wenig der Ordnung halber und saßen wieder im Auto, um Hannes dabei zuzusehen, wie er den Rest seines Abschnitts fertig machte. Hannes mit Kippe im Mund und ich mit einem warmen Lächeln im Gesicht.

Luft und Liebe

Es war einer der ersten warmen Tage und ich wanderte am Ufer entlang. Das Hochwasser hatte sich bereits zurückgezogen, wenngleich hie und da noch Wasser auf den Feldern stand. Mir fielen zwei Obstbäume auf, die augenscheinlich gefällt worden waren, doch bei genauerer Betrachtung, erkannte ich, dass sich an den Bäumen kein Mensch zu schaffen gemacht hatte. Ich verließ den Weg und ging auf einen der Bäume zu. Ein Bieber hatte sich sauber durch den Stamm gearbeitet. Ich kramte mein Handy aus der Tasche, um Fotos zu machen. Erst von weiter weg und dann direkt einige Bilder mit den recht frischen Bissspuren. Ich erschrak, als eine Stimme hinter mir fragte: „Was machen Sie da?“ Es war eine ernste, männliche Stimme und ich drehte mich freundlich lächelnd um: „Ich mache nur ein paar Fotos von den Biberbissspuren an diesem Baumstamm. Das ist schon spannend und hat seine ganz eigene Schönheit.“ „So so: Spannend. Schönheit. Für mich bedeuten diese Bisse zwei Apfelbäume weniger.“ Ich verstand und nickte: „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht angreifen.“ „Schon gut. Bin nicht aus Zucker. Es ist nur ärgerlich. Ich hatte gehofft, dass Sie von der Stadt sind und die Schäden dokumentieren. Ein finanzieller Ausgleich wäre doch schön.“ „Macht die Stadt sowas?“, fragte ich. „Wahrscheinlich nicht, aber die waren ja dafür, diesen Bereich besonders für Biber zu schützen. Mich hat niemand gefragt, ob ich das für eine besonders gute Idee halte.“ Ich verstand den Mann, er verlor einen Teil seiner Ernte, ganz unverschuldet. Wir blickten uns einen Moment lang an, dann fragte ich ihn, ob ich von seiner kommenden Ernte nicht etwas kaufen könnte, so 50 Kilo, und er solle einfach ein wenig draufschlagen. Wir tauschten die Nummern aus und ich machte mich wieder auf meinen Weg. Mir wurde klar, dass ich uns beiden den Tag verschönert hatte.

Wilde Jagd

Jagd aufs Geld
Gesicht entstellt
Dauerhafter Wunsch
auf Anerkennung
Und noch nen Punsch
zur Geistverneblung

Zwei Hasen sitzen am Waldesrand
Die Ohren spitz dem Himmel zugewandt
Gebell ertönt – In die Flucht entsprungen
Am Lagerfeuer wird ein Lied gesungen

Karottenkauend am Tisch sitzen
Zukunftsgedanke lässt schwitzen
Gejagt zum Glück
Getrieben zum Kauf
Nur noch ein Stück
Gib nicht auf!

Kleine Steine

Kleine Steine kleben an der Fußsohle. Sie wanderten vom Flur ins Bad. Sie begleiteten mich von draußen mit nach Hause. So wie die Erinnerung an die leere Bahnhaltestelle. Dort lagen auf zwei metallenen Sitzplattformen eine prallgefüllte Tüte und ein paar Winterstiefel. Tags zuvor hatte ein wohnungsloser Mann die Schuhe noch getragen und sich neben seiner Tüte in einen zerlumpten Schlafsack gelegt. Irgendwer hatte ihn weggeholt, doch all sein Hab und Gut, es wartete auf ihn. Wie sollte er es finden, wie sollte er die eisige Kälte und all die kleinen Steinchen unter seinen Füßen ertragen, gegen die ihn doch nur seine Stiefel schützten.

Die kleinen Steine können meinem Staubsauger nicht entkommen. Ganz verzückt lausche ich, wie sie mit klackerndem Geräusch gegen den Schlauch geworfen werden. Nach wenigen Minuten gibt es nur noch den glatten Holzboden in einem warmen Zuhause. Weggesaugt sind die Steinchen und die Erinnerung an eine kalte Welt. Ist es so einfach?

Glaubenssätze

Was ich auch tue, die Zeit rennt.
Sie stiehlt, sie frisst, sie brennt.
Wer nicht mitkommt, hat verpennt.

Laufen. Stolpern. Poltern

Gefangen im „Sei-so“ und „sei-nicht-so“
und im „krieg‘ ihn hoch, den Po“.

Vergessen, ich zu sein.

Gelebt, ohne gelebt zu haben.

Gefangen

In der einsamen Gasse
Erschrocken vor der bärtigen Gestalt
doch nicht erschrocken vor sich selbst

Zu lang wurde ins Hirn gepupst
Da blieb was Braunes hängen
es wird gedankenlos wiederholt

Ins Hirn geschissen
In Ideologie verbissen
Die Humanität zerrissen
Den braunen Dreck küssend

Einsamkeit

Ich weiß nicht wann und wie.
Angekommen im Nirwana.
Werde ich neu geboren?

Manche haben Angst.
Manche machen Angst.
Manch einer behauptet wann und wie.

Sind wir in Einsamkeit vereint.
Warten, hoffen, bitten, bangen.
Wir wissen nicht wann und wie.

Keiner weiß wann und wie.