Wahnsinn

„Die Leute sind wahnsinnig geworden und sie benennen diesen Zustand >normal<“, meinte Bastian. Und ich nickte ihm zu und er ergänzte: „Also zum Beispiel fahren die jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit und es kommt ihnen nicht merkwürdig vor.“ „Ja, daran kann ich auch nichts wahnsinniges finden“, erklärte ich mich in dem Wissen, dass ich selbst jeden Tag zur Arbeit fuhr. „Warum fährst du nicht mal einen anderen Weg oder du fährst einfach weiter. Glaube mir, das wirst du merkwürdig finden.

Ich fand die Idee nicht merkwürdig und ich beschloss es einfach mal zu machen, damit ich Bastian sagen konnte, dass es nicht stimmen würde. Wie so oft vergaß ich schon am nächsten Morgen mein Vorhaben und einige Wochen fuhr ich jeden Tag denselben Weg auf die Arbeit.

Eines Morgens aber war ich früher wach geworden. Es war so ein Morgen mit goldenem Sonnenschein und als ich auf der Straße unterwegs war, merkte ich, dass ich eine Stunde zu früh dran war. Und ich erinnerte mich, dass ich mal anders fahren wollte, doch ich war schon auf der üblichen Route. Ich könnte ja einfach an der Arbeit vorbeifahren. Einfach nur so. Ich hielt wie üblich beim Bäcker und stieg wieder ins Auto. Ich fuhr zur Arbeit und sagte mir, dass ich die Ruhe allein im Büro und die Effizienz, die diese Ruhe mit sich bringt, nutzen müsste. Bastian hatte Recht, ich war wahnsinnig geworden und ich wurde mir dessen langsam bewusst.

Schweißgebadet

Das Zimmer war in das orangene Licht der aufgehenden Sonne getaucht und ich fühlte mich zu schwer, um aufzustehen. Aufgeweckt wurde ich durch das Knarzen der Holztür. Lucie hatte nur ein Badetuch um ihren Körper gewickelt und kam zum Bett herüber. Sie hatte einen Tropfen beim Abtrocknen nicht erwischt, der ihr vom Hals über das Brustbein glitt.

Mich erinnerte es an das gemeinsame Saunieren, wenn die Tropfen ihren Weg über ihr Gesicht liefen und nach dem Hals ihren natürlichen Rundungen folgten und ihre Brüste umspielten. Es war erregend, die Tropfen auf ihrer Haut wandern zu sehen. Ich wollte ihren Weg nur zu gern mit meinen Fingern nachzeichnen, aber die Sauna gehörte uns nicht allein und so blieb das Spiel in meinem Kopf.

An diesem Morgen hängte sie das Badetuch über den Stuhl neben dem Bett und legte sich zu mir. Ich zeichnete all die Tropfen nach, die zuvor beim Duschen über sie rannen. Die kleinen kaum sichtbaren Härchen stellten sich dabei auf und legten sich wieder. Lucie genoss das sanfte Kitzeln und ich rückte näher an sie heran.

Die Morgende waren selten, die wir nur für uns hatten. Unter der Woche hetzten wir uns ab und auch die Wochenenden brachten nicht immer diese Atmosphäre mit sich, wie wir sie jetzt erleben durften. Ich biss Lucie sanft von hinten in die Schulter und küsste sie sogleich als Wiedergutmachung. Ich spürte die Hitze, die aus ihrer Mitte strömte. Ich spürte die gleiche Hitze auch bei mir und drang in sie ein. Sie drehte ihren Kopf nach hinten, damit ich sie küssen konnte und das Bett quietschte unseren Takt mit. Ihr Stöhnen befeuerte mich und ich bewunderte ihre Hingabe, während ich nur leise Zeichen der Freude von mir gab. Dieser Morgen gehörte uns allein, die Welt bestand nur aus uns und dem Bett unter uns. Darüber hinaus gab es nichts und niemanden.

Überlebenselixier

Der alte Trinker von gegenüber – ich proste ihm zu, obgleich er mich nicht sieht, aber ich weiß, dass er da drüben sitzt und ich es wäre eine hundertprozentig sichere Wette, wenn ich sagen würde, dass er heute Abend was trinkt. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass der Alkohol kein Gift mehr für ihn war, sondern sein Überlebenselixier wurde. Es macht ihn nicht stärker, aber es betäubte ihn. Ich habe mir heute auch zwei Gläser Rotwein gegönnt. Einfach nur, weil die Flasche noch offen war und ich nicht warten wollte, bis Essig aus dem Wein wurde. Wäre doch verdammt schade. Neulich erst wollte einer mit mir darüber diskutieren, dass er den Typen dafür hasste, dass er ständig mit einer Fahne irgendwo in unserem Block rumhängen würde. Die Scheinheiligkeit wollte ich beenden, indem ich darauf verwies, dass der halbe Block sich dauerhaft zudübelt. Aber Gras sei ja nicht so schlimm. Ich schaltete auf Durchzug und ließ den Typen stehen. Mir ist es doch vollkommen egal, wer was zu sich nimmt. Der ständige Konsum ist das Problem, aber das wusste ich schon als Kind, als ich mit dem Daumenlutschen nicht aufhören wollte, obgleich es mir langsam peinlich wurde. Aber es beruhigte mich einfach enorm. Ich denke, dass der Mensch gern zu einem Mittel greift, um herunterzukommen und sich abzulenken – es gibt genug Dinge in dieser Welt, die man ausblenden und vergessen möchte.

Der alte Trinker von gegenüber ist vor seinem Fernseher eingeschlafen. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und haue noch ein wenig in die Tasten. Die Finger sollen so schnell fliegen, dass ich den Alkohol heute Nacht schon wieder aus meinem Körper rausschwitze. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich mir aussuche, wann ich etwas trinken möchte und dass ich gern einfach nichts trinken möchte. Es lässt mich glauben, dass ich nicht gefährdet sei. Wie verblendet man sein kann.

Die Wahrheit ist, dass ich den Wein heute Abend brauche, denn ich soll einen Text zum Thema Humor schreiben. Also am besten wäre es, wenn er witzig werden würde und ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie man so etwas schreibt. Ich habe schon lustige Texte geschrieben, aber die hatten nie die Intention lustig zu sein. Also habe ich die Hoffnung, dass ich mit dem Alkohol im Blut einen so bitterernsten Text schreiben werde, dass die Leute glauben, dass er ironisch gemeint sei und sie ihn deswegen mit Humor nehmen müssten, oder vielleicht kommt ja doch was Witziges zustande. Vorgaben können manchmal verdammte Hindernisse sein.

Der alte Ofen

Es ist der alltägliche Trott, der mich aus dem Bett holt. Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigt mir, dass der Block noch schläft und so tapse ich zur Dusche. Ich packe meine Tasche und mache mich fertig, um zur Arbeit zu gehen. Der frühe Alltag hat mir nie ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, doch während ich durch den Innenhof gehe, ist es ein „Guten Morgen“, das mich lächeln lässt. Es ist so freundlich und ehrlich und es erinnert mich an die erste Begegnung mit der Person, die mich des Morgens begrüßte.

Ich war noch nicht einmal eingezogen, hatte meiner besten Freundin aber versprochen, dass ich an dem Tag vor Ort sein würde, denn der Ofen müsste gemacht werden und sie konnte sich an dem Tag nicht freinehmen. Also wartete ich in meinem Zimmer oder eher im Zimmer meiner Vormieterin, welches mit ihren Umzugskartons zugestellt war. Als es klingelte und ich die Tür öffnete, stand dieser Mann vor mir: Ein freundliches Gesicht mit Falten, die ein häufiges Lächeln offenbarten. Er sei wegen der Öfen hier. Also rein mit ihm und dann ging er den Kampf mit der Ofenverkleidung an. Ein harter Kampf, zum Glück ohne Blessuren für den guten Mann, zumindest bekam ich es nicht mit. Ich machte ihm einen Kaffee und als ich ins Zimmer kam, kniete der Gute vor dem kalten Metallviech und kratzte den Staub der letzten Jahre aus allen Rillen und Löchern. Den Ofen meiner Freundin bekam er in wenigen Sekunden an, obwohl sie sich am Tag zuvor eine Viertelstunde damit abgeplagt hatte, ihn anzubekommen. Es gab mir ein gutes Gefühl und er fragte, seit wann ich hier wohnen würde. Als ich antwortete, dass ich erst zum Monatsbeginn einziehen würde, bot er mir seine Hand an, lächelte und sagte: „Ja dann: Herzlich willkommen!“ Und in dem Moment fühlte ich mich angekommen.

 

P.S.

Diese Geschichte ist dem Hausmeister in meinem Block gewidmet, der leider in Rente geht und nun sammeln wir für einen schönen Abschied, dies ist mein literarischer Beitrag dazu.

Goldene Zeiten

Der Bus stank nach Urin und es war schon eine ganz besonders durchdringende Note. Dabei hatte mich mein Unterbewusstsein noch am Einsteigen hindern wollen, als ich schier endlose Sekunden mit dem Entwerter kämpfte. Die haben so einen Rahmen aus Metall eingebaut, damit man entweder direkt am Entwerter und dem Fahrer vorbeiläuft oder daneben sofort im Fahrgastbereich landet. Ich entschied mich beim Einsteigen für den Weg zu den Sitzen und somit weit entfernt vom Entwerter. Dann aber versuchte ich den labbrigen Fahrschein halb über dieses Metallgestell hinüber zu entwerten und schaffte es. Ganz ehrlich, draußen hatte es Minusgrade und eine dünne Eisschicht auf dem Asphalt ließ mich nur mit Mühe zur Haltestelle kommen, es war sicher hier im Bus.

Und dann kam diese Wolke aus purem Urin, die jeden von uns umgab. Einen von euch armen Kämpfern hat es erwischt, dachte ich mir. Einer von euch sitzt jetzt auf einem Polster, das nass ist. Irgendwer vor euch hatte zu viel intus oder hatte seine Blase nicht unter Kontrolle, aber jetzt war diese Person gegangen und eine arme Kreatur saß auf dieser Hinterlassenschaft, die jeder hier allsekündlich einatmete.

Vielleicht hatte es einen von den Typen auf dem Vierer erwischt, aber die lachten nur. Die hatten ihren Arbeitstag hinter sich gelassen und ihnen war die Lust am Leben nicht vergangen. Der Rest im Bus schien die letzten Stunden gekämpft zu haben und schaute leer aus dem Bus. Manche lenkten sich mit Musik aus Plastikkopfhörern ab, andere spielten auf den grellleuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone. Der eine Typ dort hinten auf der letzten Bank saß beklemmt an seinem Platz und hatte den Kopf gesenkt. Volltreffer, der Typ hat den nassen Sitz erwischt. Wobei die Wolke sich auf die Busmitte konzentrierte, absolut unmöglich, dass es von dort hinten kommen könnte. Aber irgendwas trug der mit sich herum.

So ist es eben in dem Bus, der die Leute nach Hause bringt, die sich jeden Tag abmühen. Und ich? Ich überlegte mir, dass ich einen Tag freinehmen müsste, um tagsüber die anderen Gestalten beobachten zu können, die sich fahren ließen. Wie sehen jene aus, die keine acht Stunden hinter einem Computerbildschirm, einer Kasse oder einem Konferenztisch sitzen? Fahren tagsüber überhaupt Leute mit den Bussen oder fahren da auch keine Busse, weil sie eh keiner nutzt? Nein, das kann nicht sein, die Leute rennen tagsüber durch die Geschäfte und zum Friseur und zu Gott weiß wem. Ich weiß das, weil ich mir mal einen Tag freigenommen hatte, um in die Stadt zu gehen und ich hatte mich noch gefragt, wo all die Leute herkommen und ob die nie zur Arbeit gehen müssten. Nun denn, ich beglückwünsche sie und hoffe, dass sie nicht nur deswegen in der Stadt sind, um die Zeit totzuschlagen. Das wäre so verdammt traurig, wenn die Menschen statt das freie Leben zu genießen, nur hoffen, dass der Tag rumgeht. Aber vielleicht ist es auch nur wie hier im Bus: Man sitzt eine Weile im Gestank und erträgt es und dann irgendwann öffnet sich die Tür und man atmet draußen wieder frische Luft ein und spürt, dass die Welt doch ganz in Ordnung ist.

Stillstand

„Was ist das für ein merkwürdiger Knubbel an deiner Brust?“ Es war eine sehr intime Frage, die mir aber schon so oft gestellt wurde, dass ich sie sonst mit aller Selbstverständlichkeit erzählte. Dieses Mal war es ein wenig anders, denn die Frage kam von Sunny, der Frau neben mir im Bett. Wir kannten uns kaum und waren uns doch schon vertraut. Ich erklärte ihr: „Das ist ein Herzschrittmacher.“ und weil ich dabei schmunzelte, lachte sie darüber und sah mich dann doch ein wenig ernster an. „Es ist wirklich das, was ich sagte. Mein Herz setzt manchmal einfach aus“, erzählte ich ihr und sie nickte. Sie fragte: „Seit wann hast du diese Aussetzer?“. Ich musste ihr gestehen, dass ich es nicht mehr genau wusste.
Ich hatte mir früher immer mal wieder Verletzungen zugezogen, weil ich stürzte, aber weil ich ein Kind war, hatte das niemand hinterfragt. Der Arzt hatte mich ganz liebevoll den Träumer genannt, auch weil sein Sohn mit mir in die gleiche Klasse ging und er von diesem wusste, dass ich dort hin und wieder mal einschlief. Die hatten keine Ahnung, dass ich nicht schlief, sondern ich einen kurzen Stillstand meines Herzens hatte. So oft kam es auch gar nicht vor. Eines Tages, als dieser Arzt bei uns im Dorf mal im Urlaub war, fuhr ich mit meinem besten Freund auf dem Fahrrad um die Wette. Mein Herz hatte dann mal wieder eine Pause eingelegt und ich lag kurz danach auf dem Asphalt. Den Unfall hatte ich nicht mitbekommen, aber das Blut, welches von meiner Stirn auf mein T-Shirt tropfte blieb mir auf ewig in Erinnerung. Ich war also bei einem anderen Arzt und der fragte mich, ob ich das häufiger hätte, dass ich mich an längere Momente nicht erinnern konnte. Er hatte den richtigen Riecher und kurz darauf hatte ich meine erste OP und bekam dieses sechseckige Teil unter die Haut meiner Brust. Es ist nur die Batterie, die ich alle paar Jahre wechseln lassen muss, aber seither kennt mein Leben keine Aussetzer mehr. Ich hatte Glück gehabt, dass ich beim Schwimmen nie ertrunken bin oder dass ich irgendwann mal beim Autofahren nicht solch einen Totalausfall gehabt hätte. Seit jenem Tag war ich nicht mehr der Träumer. Ich war seither der Typ, den man fragte, was das da auf der Brust sei. Der Typ mit dem Herzschrittmacher.
Sunny sah mich lange an, legte ihren Kopf auf meine Brust und hörte meinem Herz beim Schlagen zu. Sie tippte den Rhythmus mit ihrem Finger auf meinem Bauch mit und ich fühlte mich wohl in dem Moment. Jetzt durften mir die Augen zufallen. Jetzt war ich gern der Träumer.

Geister

Das Essen auf meinem Teller duftet, während ich es aus der Küche in mein Zimmer trage. Tagliatelle mit Lachs in einer feinen Sahnesoße, angereichert mit etwas Dill. Ich versuche kein Fleisch zu essen, aber bei Lachs kann ich manchmal einfach nicht nein sagen. Mit meiner freien Hand schließe ich die Tür hinter mir. Die Tür scheint von der sommerlichen Wärme ein wenig verzogen und lässt sich schwerer schließen als noch vor einem Monat, als ich sie behutsam zufallen lassen konnte. Es sind nur vier Schritt bis zu meinem Bett, die Holzdielen knarzen dabei gewohnt und ich krabble auf die große Matratze und lehne mich gegen eines der riesigen Kissen für meinen Rücken, während ich den Teller neben mir auf dem Laken abstelle.

Ich vernehme ein schwaches Quietschen, das ich nicht sofort zuordnen kann und sehe dann zum alten Kleiderschrank, dessen linke Tür sich geöffnet hat. Das hat sie noch nie getan und ich stelle mir vor, wie ein freundlicher Geist die Tür öffnete, weil er den leckeren Geruch wahrgenommen hatte. Mir gefällt die Idee und ich frage mich, ob ich mich vor einem Geist, so ich denn überhaupt wirklich an einen glaube, nicht fürchten sollte. Aber mir fallen andere Mächte ein, die tatsächlich in mein Leben eingreifen und die mich eher beunruhigen sollten. So ein Geist in meinem Schrank, der kann mir doch eigentlich nur ein guter Freund sein. Er mag es dort vermutlich, weil da so viel Leben drinsteckt und es sich angenehm auf den frisch gewaschenen Sachen liegt. Zudem ist es gemütlich dunkel, wobei hie und da vermutlich ein wenig Licht in den Schrank dringt, denn das Holz ist nicht mehr so akkurat, wie am ersten Tag.

Ich stehe wieder auf und schließe die Tür, weil ich es nicht mag, wenn die Tür so offensteht. Der Geist dankt es mir womöglich, weil er wieder in seine Dunkelheit zurückkehren kann. Ich genieße dann den Lachs und als ich später den Teller wieder in die Küche bringe, öffnet sich dieses Mal die rechte Doppeltür des Schranks, die zwar durch ein Schloss versperrt sein sollte, sich aber mit viel Kraft auch ohne Schlüssel öffnen lässt. Ich frage mich, ob hier eine ganze Geisterfamilie haust und als Antwort öffnet sich auch wieder die linke Schranktür. Nun denn, ich habe wohl ein paar Untermieter. Keine Ahnung, was meine Vermieterin davon hält, aber ich werde es vor ihr geheim halten.