Der Einarmige, der auf dem Fahrrad Zigaretten dreht

Da mir selbst das Dichten und Reimen nicht so liegt, bin ich immer umso erstaunter, wenn ich Kunstwerke wie dieses hier lesen darf, die eine ganze Geschichte und einen Menschen so detailliert beschreiben, dass ich ihn direkt vor mir sehe.

Laander Karuso

Auf einem Fahrrad sitzt ein Mann
und tritt in die Pedale.
Die Sonne steht in ihr´m Zenit und knallt
auf die aschfahle
Glatze.
Das Gesicht zur Faust geballt
radelt er stoisch wie zum Trotze.

Der Schriftzug Marke ›Diamant‹
hängt über dünnen, rost´gen Speichen.
Am Lenker,
auf Antirutschband,
hängt des Mannes Markenzeichen:
Nur eine Hand.

Nur ein Arm, nur eine Hand.
Als wär´dem Mann das Hirn verbrannt.
Löst er nun auch noch diese eine
vom Griff,
gibt das Steuer frei
und trifft
in seiner Jacke
auf ein Päckchen Tabak,
der feine,
schwarze.
Nicht steuerfrei.

Noch in dem Pennerunterschlupf
aus feinstem Polyester,
packt er die dunklen Tabakfädenvogelnester
und stupft
sie in ein winzig Blatt Papier.
Dreht´s ein Mal von da nach hier,
dreht´s noch einmal,
leckt´s dann an,
steckt´s in Brand
und zieht daran.

Ein Mann von altem Schrot und Korn
Ein Mann wie eine stolze Eiche,
der Freude hatt´ an Buche…

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Zwischen den Sternen

Wie genau kam ich hierher? Es war kein leichter Weg und ich bin ihn nicht des Geldes wegen gegangen, zumal man nicht reich wird, wenn man sich in eine Rakete setzt und darauf wartet, dass der Treibstoff schneller verbrennt, als man es sich vorstellen kann. Also warum habe ich damals diesen Weg eingeschlagen, der mir keine Millionen beschert und mich auch nicht zu meiner Frau und meinen Kindern heimkommen lässt, so wie die anderen Menschen, die jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen, acht Stunden zur Arbeit gehen und am Abend das frische Brot mit ihren Liebsten teilen? Vielleicht ist es der Moment, bei dem eine Beschleunigung meinen Körper durchfährt, von der jeder Rennfahrer nur zu träumen wagt, weil sie nicht zu kontrollieren ist.

Ich muss gestehen, der Start ist gar nicht so prickelnd. Während du gen Himmel blickst und er dir immer näherkommt, prügelt eine unsichtbare Kraft auf die Eingeweide ein und ich möchte mich dabei nur übergeben, aber das ist gar nicht möglich, denn auch dagegen drückt jene Kraft ohne Unterlass. Bei meinem ersten Start war ich mir sicher, dass die gesamte Rakete auseinandersprengen würde. Ich hatte eine Heidenangst und stellte erst in der Schwerelosigkeit fest, dass das alles richtig so war.

Es ist auch nicht so, dass ich im Weltall nichts Besseres zu tun hätte, als mir rund um die Uhr die Erde anzuschauen. Der Alltag ist eher gehetzt, weil man neben all den Aufgaben mit der Technik noch zahlreiche Experimente zu erledigen hat. Deswegen schickt man uns hier hoch. Die Erkenntnisse daraus, wie eine Pflanze außerhalb der Schwerkraft wächst, soll uns weiterbringen und daran zweifle ich nicht. Aber für mich ist es Alltagsgeschehen und dazu gehört die schwierige Eigenheit der Schwerelosigkeit, die die Arbeit aber nicht von der Schwere löst, sondern sie ganz im Gegenteil umso anstrengender macht. Jeder Griff muss fester sein, denn Gegenstände können nicht nur nach unten wegrutschen, sie können auch in jede andere Richtung entgleiten. Wer das Staubsaugen auf der Erde hasst, bekommt hier ein ganz neues Verhältnis dazu, wenn es überlebenswichtig wird, schwebende Wasserkugeln zu fangen, bevor sie an elektrischen Anlagen zerplatzen und einen Kurzschluss produzieren, der sich auf die gesamte Station auswirken kann. Eine kaputte Toilette wird hier oben zu einem riesigen Problem, weil man nicht mal eben nach draußen in die Büsche gehen kann, sondern sich die sprichwörtliche Scheiße direkt stapelt. Es wird wohl noch so seine Zeit brauchen, bis wir große Felder hier draußen bewirtschaften und wir uns für den Dünger glücklich schätzen werden, aber man darf ja träumen.

Neben all den täglichen Aufgaben und auch Problemen gibt es jene Momente der absoluten Ruhe. Nie habe ich eine solche Ruhe erlebt wie die in der vollkommenen Dunkelheit. Als Kind lebte ich mit meinen Eltern auf einem Dorf fernab größerer Städte und mir kamen damals die Nächte schon ruhig vor, aber hier oben kann die Ruhe dich fast erdrücken, so gewaltig ist sie. Ich stelle mir dann gern vor, dass es mir als Ungeborenes ebenso ging. Ich schaukelte in der Schwerelosigkeit und auch wenn da draußen etwas war, ich kannte es nicht. Es war insofern sicherlich anders, weil ich damals von Wärme und Liebe umgeben war, daran zweifle ich nicht und auch wenn ich damals keine Worte dafür kannte, so war mir das Gefühl wohl stärker bewusst, als ich es jetzt mit all meinen Worten definieren könnte.

Das ist dann der Moment der mich all die Beschwerlichkeiten ertragen lässt. Hier oben zu schweben und die Erde dort unten zu sehen. Ich sehe keine Grenze und auch nicht die Probleme, die dort unten so viel leichter zu lösen sind, weil so viele Menschen sie angehen könnten, während wir hier oben nur hochspezialisiert sind und für manche Aufgaben ein Werkzeug benötigen, welches nicht an Bord ist und welches wir auch nicht mit unserer Hände Arbeit erschaffen könnten. Da unten ärgert mich kein ausgelaufener Kaffee auf meiner Küchenplatte, weil ich ihn einfach wegwischen kann. Das Leben ist so gut zu uns, wir erkennen es nur nicht, weil wir zu nah dran sind.

Gallallee

Auf der Gallallee unterwegs zu sein, das war nicht gerade mein innigster Wunsch, eigentlich war es etwas, dass ich höchst ungern erlebe, aber es war passiert. Ich hatte in den letzten Stunden die verschiedensten Sorten Alkohol konsumiert – Nein, ich hatte sie mir hinter geschüttet, als gäbe es kein Morgen mehr und nun würgte ich mir förmlich die Galle heraus. Tränen waren mir in die Augen getreten und man könnte vermuten, ich würde mein Verhalten verfluchen, doch dem war nicht so. Ich durchdachte und verfluchte stattdessen manche längst vergangene Feigheit meiner selbst und spürte den Mut, damit zu brechen: Die Furcht hinter mir zu lassen, oder vor mir in der Keramikschüssel, deren Sitz sich angenehm warm und gleichzeitig kühlend an meinen Händen und meine Stirn anschmiegte, je nachdem, was ich gerade auf ihm ablegte. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es der Alkohol ist, der den Mut hervorruft oder ob es nicht viel eher das fehlende Schamgefühl ist. Sehr viel tiefer ging es nicht mehr, ich war bereits in Bußstellung auf den Knien. Vielleicht ist das der beste und schlechteste Moment zugleich, um einen Anruf zu tätigen oder zumindest einen Brief zu schreiben, der längst überfällig ist.

Verwünscht

Ich hatte es mir anders gewünscht. Eine naive Hoffnung war es gewesen, die mich nach einem rustikalen Haus in Strandnähe hatte sehnen lassen. Am Telefon erzählte mir die Dame, dass sie genau das richtige Objekt hätte und ich buchte die zwei Wochen am Meer. Kein Mensch scheint Anfang Dezember noch Urlaub zu haben und so war die Miete niedrig. Das Häuschen jedoch war nicht das, was ich erwartet hatte. Es war umgeben von anderen Häusern. Und das Meer, wenngleich ich es doch hören und riechen konnte, es war nicht zu sehen, nicht einmal aus dem zweiten Stock heraus, welcher lediglich das Doppelbett beherbergte.

Es war einfach eingerichtet, so hatte ich es der Dame am Telefon auch gesagt, aber natürlich hatte sie dabei andere Bilder im Kopf als ich. Womöglich empfand sie die Schränke mit dunkelbraunem Furnier als schön, während es mich an das Wohnzimmer meiner Großeltern erinnerte. Ich hatte bereits bezahlt und ich fühlte mich verpflichtet, diese Unterkunft zu nehmen. Ich hätte zudem auch den Weg zu ihrem Büro zurücklaufen müssen und war zu geschafft von der Anreise. Die Bahnfahrt hätte mir wohl gefallen, wären die drei Umstiege nicht gewesen. Bei jedem der Bahnhöfe hetzte ich nur so aus dem Waggon und versuchte schleunigst den Bahnsteig zu finden, an dem der Anschlusszug schon ungeduldig wartete. Mir war es auch unangenehm kalt an den Beinen geworden. Anfangs saß die Kälte nur oberhalb der Knöchel, verteilte sich dann aber beinaufwärts und als ich endlich in diesem kleinen Kaff gelandet war, fröstelte es mich am gesamten Leib. Das kleine Büro fand ich nach einer Stunde des Umherirrens. Die Dame hatte den Schlüssel schon bereitgelegt. Sie bat mir einen Kaffee an, doch ich lehnte ab, da ich mich nicht an den Geschmack gewöhnen konnte. Ich hatte auf einen guten Tee gehofft.

Eine weitere Stunde hatte ich gebraucht, bis ich im Haus angekommen war und draußen war es bereits dunkel geworden. Über meine Entscheidung könnte ich mich morgen noch ärgern, beschloss ich und stellte meinen Rucksack vorsichtig neben dem Bett ab. Im Haus war es kalt. Ich drehte die Heizung auf, während ich mich daran erinnerte, dass ich in meiner Fantasie vor einem Kamin platznehmen würde. Den Klang und den Geruch vom Meer wollte ich noch genießen, bevor ich schlafen ging und so öffnete ich die Tür neben dem Bett und betrat den Balkon. Mein Blick fiel auf die Häuser nebenan. Sie waren klassisch gebaut, während das meinige zwei schräge Dächer besaß, die bis zum Boden gingen. Ein großes Dreieck bewohnte ich und tatsächlich fühlte ich mich damit sehr wohl. „Hallo, geliebtes Meer“, flüsterte ich in den Wind und ergänzte: „Morgen haben wir uns endlich wieder.“

Unendlich leicht – unendlich schwer

Langsamer war die Welt um mich herum geworden und merkwürdig. Mein Kopf schien von mir gelöst zu sein, so als wäre er lose verbunden, aber doch nicht zum Rest gehörig. Egal was der Körper tat, der Kopf folgte einem heliumgefüllten Luftballon gleich, den man am Band hinter sich herzieht. Ein wahrhaft gutes Gefühl war das. Ja geradezu ein Höchstmaß an Freiheit war es, welches mich durchströmte. Jenes Gefühl ist es wohl, weshalb man des Nachts unter Einfluss eines Rausches es wagt, eine Frau anzusprechen, die einem sonst unerreichbar scheint. Der alte Ständeunterschied, er lebt fort in der Schönheit. Geld und Macht erzeugen eine Entfernung, ebenso Erfolg. Aber ein höheres Wesen findet sich in solch einem berauschten Zustand nur in einem engelsgleichen Wesen, welchem man sich kaum zu nähern wagt, da sonst das Wachs in den Beinen zu schmelzen beginnt und die Knie weich werden. O Ikarus, hättest du doch Wein getrunken, du wärst bis zur Sonne gekommen oder beim Absturz weich gelandet. Die Leichtigkeit des Kopfes wird sich morgen verkehren. Er wird so stark mit dem Körper verbunden sein, dass jeder Lärm bis in die Zehenspitze wahrgenommen wird.