Helfende Hände

„Kannst du mir mal eine Hand leihen?“, sagte eine tiefe Stimme, als ich aus der Haustür kam. Ich blickte in Richtung der Stimme und überlegte, wie lang es her war, dass ich diese Frage gehört hatte. Ich griff mit meiner rechten Hand meine linke und tat so, als würde ich sie abnehmen. Dann nickte ich und fragte, wie ich helfen konnte. Es war eigentlich offensichtlich, denn der Kerl, er mochte Ende 20 gewesen sein, fummelte an seinem Fahrrad rum und versuchte die Bremse zu richten. Ich kannte die Problematik, denn die Teile haben gern mal unterschiedliche Abstände zur Felge, wenn man sie wechselt. Also zog ich den Bremsgriff ein wenig, so dass der Abstand der Backen durchs Anlegen an die Felge gleich wurde. Es war unheimlich warm an dem Tag und ich wollte eigentlich nur runter an den Fluss gehen, um mich an der feuchten Kühle in der Luft zu erfrischen und ein wenig die Sonne zu genießen, aber warum sollte ich dem Kerl nicht helfen? Wir wohnten im gleichen Block. Ich hatte ihn schon einige Male gesehen, aber ich kannte ihn nicht.

„Danke sehr“, meinte er, nachdem die Bremse saß. „Kein Ding“, erwiderte ich. „Wenn ich dir mal helfen kann, melde dich einfach, ich wohne da drüben“, erklärte er und zeigte auf die nächste Haustür. „Einfach die erste Tür rechts.“ Ich nickte ihm zu und machte mich auf den Weg zum Fluss. Ich grinste vor mich hin und genoss den Weg. Es gab mir ein erhabenes Gefühl, geholfen zu haben. Ja, es machte den Tag schöner. Schon komisch, dass ich nie um Hilfe bat, denn es wäre ja auch für den Helfenden ein schönes Gefühl. Aber ich dachte dann immer, dass ich der Person etwas schuldig wäre, was diese womöglich niemals einforderte und dann stünde ich sozusagen auf ewig in ihrer Schuld. Vollkommen verrückt, denn mein Nachbar wird womöglich nie seine „Schuld“ einlösen müssen. Und so gab er die Hilfe sicherlich an eine andere Person weiter, und fühlte sich danach pudelwohl.

Eine ältere Frau kam mir entgegen. Ich blickte sie mit fröhlichen Augen an und sie lächelte mir im Vorbeigehen zu. Verdammt, die Welt war auf einen Schlag besser geworden.

Ein lachender Sonntag

Es war einer dieser seltenen Sonntage, an denen es vollkommen ruhig ist und die Welt für einige Stunden die Hektik ablegt, um mal wieder durchzuatmen. Mein Blick aus dem Fenster wurde von der weißen Gardine verdeckt, die sich sanft mit dem Wind bewegte, während sie das strahlende Sonnenlicht durchscheinen ließ. Es sollte jeder Tag auf diese Weise beginnen: Vollkommen entspannt und ohne die alles auffressende Zeit, die wir uns gesetzt haben.

Die Dusche erfrischte mich und spülte die Müdigkeit aus meinem Körper. Das Leben kam mir wahrlich paradiesisch vor und es machte sich eine Freude in mir breit, die ich schon länger nicht mehr verspürt hatte. Das Wasser, das mir über Gesicht rann, musste sich über die Falten meines Grinsens kämpfen. Ich hatte nichts weiter vor an diesem Tag, außer das Leben passieren zu lassen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ärgern, wenn sie einen Tag nicht nutzen oder die denken, dass sie dieses und jenen noch erledigen müssten. Wenn mir nicht danach ist, dann darf mir das alles herzlich egal sein. Keine Ahnung, was die armen Teufel innerlich durch den Fleischwolf dreht, die sich von der Ruhe erschlagen fühlen.

Als ich ein Kind war, wollte mein Vater immer, dass ich rausgehe und etwas unternehme. Ja, vielleicht hätte ich es sogar gern gemacht, wenn er es mir nicht aufgetragen hätte. Aber durch den innenwohnenden Befehl seiner Aussage, verging mir jegliche Lust und ich fühlte mich genötigt, seinen Worten nachzukommen. Dabei gab es gute Beschäftigungen außerhalb des Hauses. Die Jungs in meiner Straße und ich fuhren gern zu den Bahngleisen im nahen Wald. Dort fuhr alle paar Minuten ein Zug durch und es stand ein verlassenes Haus an den Gleisen. Es war erbaut worden, bevor der Bahnverkehr so häufig war. Wäre das Haus noch bewohnt gewesen, würden mit jedem Zug die Gläser im Schrank zu wippen und zu klingen beginnen. Doch Schränke gab es in dem Haus nicht mehr. Nur die Mauern, von denen der Putz fast vollständig abgebröckelt war. In den zweiten Stock kam man nur, wenn man sich auf den Fenstersims auf der Schienenseite stellte und sich am Holzbalken hochzog. Es gab dort oben aber genauso wenig zu entdecken, wie im Erdgeschoss. Einen Keller gab es leider nicht.

Ich erinnerte mich gern an die Tage meiner Kindheit, denn es war eine wirklich unbeschwerte Zeit. Die Zeit bevor Frauen mit ihren Brüsten mein Interesse weckten, ich aber nicht das ihrige. Es war die Zeit, bevor mir wegen Noten, Abschlüssen, Gehältern und Zukunftsplänen langsam die Haare ausfielen. Vermutlich war die stressige Phase nötig, damit ich mich danach wieder besinnen konnte. Die Einsicht kam eines Tages, dass man das Leben noch sehr durchdenken kann, es am Verlauf aber nichts ändert. Irgendwie läuft es, und hie und da hilft es, wenn man sich mal einen Plan gemacht und befolgt hat, aber nicht selten war es meine vollkommene Planlosigkeit, die mir die Offenheit gab, etwas anzupacken, was ich sonst niemals wahrgenommen hätte.

Es gab immer gewisse Notwendigkeiten. So brauchte ich Geld für die Miete und für Essen. Ich habe es aber auch durch Zeiten geschafft, in denen kein Geld auf meinem Konto landete. Es gibt so viele Menschen, die gern ein Mahl mit dir teilen und keiner von denen hatte großartig Geld auf dem Konto. Das gibt mir immer ein gutes Gefühl, wenn es heißt, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und die Armen stetig mehr werden. Ja, dann gibt es ein paar feine Menschen mehr.

Okay, ein Mensch mit Geld kann auch ein feiner Kerl sein, aber wie oft fühlt der sich angegriffen und belästigt. Ich habe an jenem Sonntag einen Bettler beobachtet, der in der belebten Innenstadt saß. Er bettelte gar nicht, sondern spielte hin und wieder auf seiner Mundharmonika oder auf seiner Gitarre. Und zwischen den Liedern unterhielt er sich mit den Menschen. Es überraschte mich nicht, dass keiner von den gestriegelten und in teuren Klamotten steckenden Menschen sich neben den gutmütigen Kerl setzte, um mit ihm über das Leben zu philosophieren. Ich habe ihn weder nach Geld fragen gesehen, noch hat er mich an dem Tag danach gefragt, als ich mich neben ihn setzte. Stattdessen erfuhr ich von ihm, warum er diese Stadt nicht verlassen möchte, die er seit seiner Kindheit Heimat nennt. Und wenn er lachte, dann lachte sein ganzer Körper mit ihm. Sein ganzes Sein lachte dann und das war ein solch schönes und tiefes Lachen, dass es auch in mein Innerstes vordrang. Wer so lacht, den kann ich nicht als arm bezeichnen, auch wenn dem guten Mann manchmal das Essen knapp wird und die Kleider löchrig. Aber arm bin doch eher ich, wenn ich nicht jeden Tag mindestens einmal so herzhaft gelacht habe.

Herzensangelegenheit

Hallo,

heute geht es mal nicht literarisch zur Sache, aber dafür um die literarische Sache. Es geht um einen Schreibwettbewerb und um ein Buch.

Ich bin Mitglied der Gruppe Literally Peace und diese ist momentan mit dem Crowdfunding-Projekt Words of Hope auf der Suche nach Unterstützern. Es geht gar nicht um „Big Spender“, sondern eher um die kleinen Münzen, die man so rumzuliegen hat. Wir wollen einen Schreibwettbewerb in Syrien und Deutschland starten und die Gewinnertexte sollen in einem Buch publiziert werden.

Und nun komme ich zu euch. Meine lieben Leser: Wenn euch das Projekt interessiert, klickt auf den Link und schaut euch mal an, was wir so vorhaben. Und dann lasst noch 5€ da als Unterstützung. Stärkt den Dialog und schafft die Basis für eine schöne Idee.

Vielen Dank an euch

Ben

Akzep-Tiere

Wir akzeptieren, dass Menschen mit Geld mehr Macht haben, als unsere Parlamente.

Wir akzeptieren, dass sich Menschen erschießen, weil es ihnen jemand befohlen hat.

Wir akzeptieren, dass Menschen anders behandelt werden, weil sie ein willkürlich ausgewähltes Attribut besitzen.

Wir akzeptieren, dass wir Menschen nach Alter sortieren und entsprechend verwahren.

Wir akzeptieren…zu viel. Wir sind Akzep-Tiere. Wo ist unser Wille hin?

Wahnsinn

„Die Leute sind wahnsinnig geworden und sie benennen diesen Zustand >normal<“, meinte Bastian. Und ich nickte ihm zu und er ergänzte: „Also zum Beispiel fahren die jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit und es kommt ihnen nicht merkwürdig vor.“ „Ja, daran kann ich auch nichts wahnsinniges finden“, erklärte ich mich in dem Wissen, dass ich selbst jeden Tag zur Arbeit fuhr. „Warum fährst du nicht mal einen anderen Weg oder du fährst einfach weiter. Glaube mir, das wirst du merkwürdig finden.

Ich fand die Idee nicht merkwürdig und ich beschloss es einfach mal zu machen, damit ich Bastian sagen konnte, dass es nicht stimmen würde. Wie so oft vergaß ich schon am nächsten Morgen mein Vorhaben und einige Wochen fuhr ich jeden Tag denselben Weg auf die Arbeit.

Eines Morgens aber war ich früher wach geworden. Es war so ein Morgen mit goldenem Sonnenschein und als ich auf der Straße unterwegs war, merkte ich, dass ich eine Stunde zu früh dran war. Und ich erinnerte mich, dass ich mal anders fahren wollte, doch ich war schon auf der üblichen Route. Ich könnte ja einfach an der Arbeit vorbeifahren. Einfach nur so. Ich hielt wie üblich beim Bäcker und stieg wieder ins Auto. Ich fuhr zur Arbeit und sagte mir, dass ich die Ruhe allein im Büro und die Effizienz, die diese Ruhe mit sich bringt, nutzen müsste. Bastian hatte Recht, ich war wahnsinnig geworden und ich wurde mir dessen langsam bewusst.

Schweißgebadet

Das Zimmer war in das orangene Licht der aufgehenden Sonne getaucht und ich fühlte mich zu schwer, um aufzustehen. Aufgeweckt wurde ich durch das Knarzen der Holztür. Lucie hatte nur ein Badetuch um ihren Körper gewickelt und kam zum Bett herüber. Sie hatte einen Tropfen beim Abtrocknen nicht erwischt, der ihr vom Hals über das Brustbein glitt.

Mich erinnerte es an das gemeinsame Saunieren, wenn die Tropfen ihren Weg über ihr Gesicht liefen und nach dem Hals ihren natürlichen Rundungen folgten und ihre Brüste umspielten. Es war erregend, die Tropfen auf ihrer Haut wandern zu sehen. Ich wollte ihren Weg nur zu gern mit meinen Fingern nachzeichnen, aber die Sauna gehörte uns nicht allein und so blieb das Spiel in meinem Kopf.

An diesem Morgen hängte sie das Badetuch über den Stuhl neben dem Bett und legte sich zu mir. Ich zeichnete all die Tropfen nach, die zuvor beim Duschen über sie rannen. Die kleinen kaum sichtbaren Härchen stellten sich dabei auf und legten sich wieder. Lucie genoss das sanfte Kitzeln und ich rückte näher an sie heran.

Die Morgende waren selten, die wir nur für uns hatten. Unter der Woche hetzten wir uns ab und auch die Wochenenden brachten nicht immer diese Atmosphäre mit sich, wie wir sie jetzt erleben durften. Ich biss Lucie sanft von hinten in die Schulter und küsste sie sogleich als Wiedergutmachung. Ich spürte die Hitze, die aus ihrer Mitte strömte. Ich spürte die gleiche Hitze auch bei mir und drang in sie ein. Sie drehte ihren Kopf nach hinten, damit ich sie küssen konnte und das Bett quietschte unseren Takt mit. Ihr Stöhnen befeuerte mich und ich bewunderte ihre Hingabe, während ich nur leise Zeichen der Freude von mir gab. Dieser Morgen gehörte uns allein, die Welt bestand nur aus uns und dem Bett unter uns. Darüber hinaus gab es nichts und niemanden.

Überlebenselixier

Der alte Trinker von gegenüber – ich proste ihm zu, obgleich er mich nicht sieht, aber ich weiß, dass er da drüben sitzt und ich es wäre eine hundertprozentig sichere Wette, wenn ich sagen würde, dass er heute Abend was trinkt. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass der Alkohol kein Gift mehr für ihn war, sondern sein Überlebenselixier wurde. Es macht ihn nicht stärker, aber es betäubte ihn. Ich habe mir heute auch zwei Gläser Rotwein gegönnt. Einfach nur, weil die Flasche noch offen war und ich nicht warten wollte, bis Essig aus dem Wein wurde. Wäre doch verdammt schade. Neulich erst wollte einer mit mir darüber diskutieren, dass er den Typen dafür hasste, dass er ständig mit einer Fahne irgendwo in unserem Block rumhängen würde. Die Scheinheiligkeit wollte ich beenden, indem ich darauf verwies, dass der halbe Block sich dauerhaft zudübelt. Aber Gras sei ja nicht so schlimm. Ich schaltete auf Durchzug und ließ den Typen stehen. Mir ist es doch vollkommen egal, wer was zu sich nimmt. Der ständige Konsum ist das Problem, aber das wusste ich schon als Kind, als ich mit dem Daumenlutschen nicht aufhören wollte, obgleich es mir langsam peinlich wurde. Aber es beruhigte mich einfach enorm. Ich denke, dass der Mensch gern zu einem Mittel greift, um herunterzukommen und sich abzulenken – es gibt genug Dinge in dieser Welt, die man ausblenden und vergessen möchte.

Der alte Trinker von gegenüber ist vor seinem Fernseher eingeschlafen. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und haue noch ein wenig in die Tasten. Die Finger sollen so schnell fliegen, dass ich den Alkohol heute Nacht schon wieder aus meinem Körper rausschwitze. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ich mir aussuche, wann ich etwas trinken möchte und dass ich gern einfach nichts trinken möchte. Es lässt mich glauben, dass ich nicht gefährdet sei. Wie verblendet man sein kann.

Die Wahrheit ist, dass ich den Wein heute Abend brauche, denn ich soll einen Text zum Thema Humor schreiben. Also am besten wäre es, wenn er witzig werden würde und ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie man so etwas schreibt. Ich habe schon lustige Texte geschrieben, aber die hatten nie die Intention lustig zu sein. Also habe ich die Hoffnung, dass ich mit dem Alkohol im Blut einen so bitterernsten Text schreiben werde, dass die Leute glauben, dass er ironisch gemeint sei und sie ihn deswegen mit Humor nehmen müssten, oder vielleicht kommt ja doch was Witziges zustande. Vorgaben können manchmal verdammte Hindernisse sein.