Leni und Valentin

Das Wochenende klang mit einem kalten Sonntag langsam aus und die Sonne war bereits untergegangen, da kam Valentin die Lust auf einen Spaziergang. Leni, die er erst kurz kannte, wollte ihn begleiten und so zogen die beiden los. Valentin wusste nichts zu sagen, doch dafür war Leni nicht zu stoppen, sie war von einem kurzen Besuch bei ihrer Familie heim gekehrt und berichtete in ihrer naiv kindlichen Art, die Valentin so liebte, davon. Nachdem sie den Stadtpark hinter sich gelassen hatten und am Fluss angekommen waren, beschlossen sie, ihren Spaziergang noch weiter auszudehnen und die nächste Brücke zu überqueren. Sie erzählte währenddessen, dass sie neue Objektive für ihre Kamera erstanden hätte und berichtete aufgeregt von all den Möglichkeiten und Filtern, die sie nun beim Fotografieren anwenden könnte. Sie könnte nun kleinste Steinchen scharf ablichten, könnte Seen und Fenster entspiegeln und somit das sichtbar machen, was man selbst mit dem Auge nicht sehen konnte oder weit entfernte Vögel so nah heran holen, dass man ihre Federn detailliert erkennen könnte. Er ging derweil neben ihr, nickte hin und wieder und warf hier und da ein „Aha“ oder ein „Schön“ ein, wenn sie eine kleine Pause machte, um sich umzusehen oder sich einen Stein aus dem Schuh zu holen, welche sie immer wieder aufzusammeln schien. Als sie das Ufer auf jener Seite des Flusses abgelaufen und zur nächsten Brücke gelangt waren, machten sie sich langsam wieder auf den Rückweg. Dabei fielen ihnen immer wieder die Gesichter der wenigen Passanten auf, die sie freundlich ansahen, wie der Bahnfahrer, den Valentin freundlich und eindeutig grüßte und der ihn daraufhin zurück grüßte. Das gesamte Wochenende hatte Valentin sich einsam gefühlt und nun genoss er jeden Moment mit dieser kleinen Dame, die unaufhörlich zu reden schien und die er so lieb gewonnen hatte. Ihm war seine Schweigsamkeit sogar etwas unangenehm, denn er befürchtete, dass Leni es auf irgendeine Art interpretieren könnte, doch es störte sie nicht im geringsten. Hier gingen zwei Menschen, die ein schönes Paar abgaben. Ein Paar in tiefer Freundschaft.

Am Baum

Versteckt saß Michael hinter der alten, hüfthohen Steinmauer und sah auf das Feld, das von der Sonne angestrahlt, golden leuchtete. Es war sein geheimer Ort, den er auf dem Heimweg nur zu gern besuchte, denn er lag ein gutes Stück abseits vom Weg und nur hier fand er eine Ruhe, die so einnehmend war, dass er alles vergessen konnte: Die Mitschüler, die ihn hänselten, die Lehrern die ihn als minderbemittelt bezeichneten oder die drei großen Dorfjungs, die ihm an der rostigen Stahlbrücke auflauern würden. Hier war es vollkommen ruhig. Die goldenen Ähren wiegten sich sanft im Wind und die Blätter der angrenzenden Bäume rauschten dazu. In der Nähe floss ein Bach, an den sich Micha im Sommer oft setzte, um seine Beine ins kühle Wasser zu halten. Dabei verstummten all die Stimmen in seinem Kopf, die immer wieder jene niederträchtigen Worte wiederholten, die er zuvor von den Lehrern, den Schülern, und den Schlägern gehört hatte.
Heute war etwas anders. Anfangs erschien Michael alles noch viel ruhiger als sonst, doch dann hörte er ein Seufzen aus der Richtung des Bachs. Vorsichtig suchte er den Eindringling und fand stattdessen zwei junge Erwachsene, die nur spärlich bekleidet aufeinanderlagen und miteinander zu kämpfen schienen. Doch wie ein wirklicher Kampf kam Michael das, was er da sah, nicht vor. Die unten liegende Frau winselte und seufzte leise, während von dem Mann gedämpftes Stöhnen ausging. Die Beiden nahmen Michael nicht wahr, der sich hinter einem Baum versteckte und sich an ihm abstützte. Nur sein Kopf lugte hinter dem Stamm hervor und die zwei waren zu sehr in ihr Spiel vertieft, als dass sie Michael überhaupt hätten erahnen können. Micha fühlte sich und seinen Platz verraten. Jemand stahl die magische Ruhe diese Ortes, doch kamen jene bösen Stimmen nicht mehr in seinen Kopf, stattdessen vernahm er eine neue Stimme. Sie war weiblich und hauchte: „Ich liebe dich.“

Leuchtturm

Ein kurzes Aufblitzen und dann wurde es wieder düster. Die Hitze des Tages war abgeklungen und der sanfte Wind der Nacht trug das Rauschen des Meeres an die Küste. Wenn der Lichtstrahl wieder aufs Land traf, sah man steinige Hänge und einen dünnen Streifen Sandstrand, auf dem sich ein Pärchen liebte. Ihre Haare waren noch feucht vom Schwimmen und Spielen im Meer. Sie schwitzten nach dem Abstieg vom Hang und hatten in kürzester Zeit ihre Sachen ausgezogen. Beide gingen in respektvollem Abstand zueinander ins Meer, wobei sie sich immer wieder ansahen. Das Mondlicht ließ nur die Umrisse des Anderen erkennen, doch das helle Licht des Leuchtturms ließ einen kurzen Blick auf die nackten Körper zu. Bei jedem Schritt ins tiefere Wasser kamen sie sich auch ein wenig näher und als sie endlich bis zum Kopf im Wasser waren und schwimmen konnten, berührten sich ihre Hände. Er ergriff die ihrige und zog sie zu sich heran. Sie wärmten sich und genossen die Spannung, die sich aufgebaut hatte. Näherte er sich mit seinem Kopf dem ihrigen, so warf sie ihren Kopf zurück und stieß ihn ein wenig weg. Blieb er dann auf Entfernung, kam sie ihm näher und er spielte ihr Spiel. Es wurde ihnen kalt und so verließen sie das Wasser. In die Handtücher eingewickelt, standen sie aneinander, sie blickte zu ihm herauf und ließ den Kuss zu. Ihre Handtücher glitten zu Boden, der Kuss wurde inniger und schließlich gaben sie sich einander hin. Das Licht des Leuchtturms malte ein Daumenkino dieser Vereinigung.

Regentropfen

Ich höre sie auf das Vordach prasseln und warte einen Moment. Sehe zu, wie sie auf dem nassen Boden aufkommen, dann gehe ich los. Anfangs eile ich noch, versuche so wenig wie möglich durchnässt zu werden, doch jeder Tropfen lastet schwer auf mir und versucht mich zu Boden zu zerren. Mit jedem Schritt scheint mir mein Ziel weiter entfernt und ich ebenso stärker durchnässt. Die Hose klebt nass-kalt an meinen Beinen, die Jacke schützt meine Brust und hält sie warm. Ich habe aufgehört zu eilen, ergebe mich meinem Schicksal und versuche die durchnässte Hose so wenig wie möglich zu bewegen, nur so kann ich die kalte Nässe für kurze Augenblicke vergessen. Die rettende Wärme der eigenen vier Wände scheint unbeschreiblich weit entfernt…

Flower child

Immer wenn ich auf der Straße vor eurem Haus stand, erfasste mich diese Wärme. Die Häuser links und rechts waren von Familien oder wohlhabenden Pärchen bewohnt. Ihr Garten war gepflegt und alle glichen sich in ihrer Art. Euer Haus jedoch, es stach heraus. Auf der Garageneinfahrt schien nie ein Auto gestanden zu haben oder gefahren zu sein, es war eher wie zwei ausgestreckter Arme für Fahrräder oder eine Gruppe von Gästen. Daneben war der geradezu eng wirkende Aufgang zur Haustür, an der Säule dazwischen rankten sich grüne Zweige und Blätter empor. Der Garten schien ungepflegt, doch wenn man erst einmal darin stand, merkte man, dass ihr das Grün zur Straße hin unbeschnitten wachsen ließt, damit ihr in aller Ruhe dahinter ein wenig Gemüse anbauen konntet oder in gemütlicher Runde um den Tisch saßt, während die Luft süßlich roch.

Die Rückseite des Hauses schien wie überdacht von all den Ästen und Zweigen, ihr hattet euer kleines Reich mitten in der Stadt und vermutlich ärgerten sich eure Nachbarn über euch, weil sie das Leben nicht mehr sahen, was bei euch vorherrschte und was sie von ihrem Grundstück zu verbannen suchten.

Dein Zimmer war im oberen Stockwerk. Der rote, weiche Teppich lud dazu ein, sich darauf zu legen, die Augen zu schließen und die Welt an sich vorbei ziehen zu lassen. Nicht anders war es bei der alten, verblassten, grünen Couch, in die man so tief versank, dass einem das Aufstehen wie ein nicht zu bewältigender Kraftakt erschien. Dein Bett war schlicht und angenehm hart. So wenige Möbel und doch so viel Leben, durch die tonfarbenen Tücher an den Wänden. Wie oft saßen wir auf deinem Balkon, führten philosophische Gespräche, die nie ein Ziel verfolgten und meist von einem Thema zum nächsten sprangen, bevor wir nicht mehr wussten, worüber wir eigentlich diskutierten. Wir kuschelten uns auf dem übergroßen, geflochtenen Sessel zusammen und wurden jedes Mal aufs Neue von deiner Mitbewohnerin überrascht, wenn diese über ihr Zimmer auf diesen überlangen Balkon trat. Wir pusteten so gern Seifenblasen in die Luft und sahen, wie sie davonschwebten.

Nun ist es mit dir, wie mit jenen Seifenblasen: auch du bist fortgeschwebt. Jedes Mal, wenn ich an eurem Haus entlangkomme, springt mir das Herz vor Freude und so gern würde ich wieder zu dir nach oben stürmen und philosophieren oder Seifenblasen beim Schweben beobachten…

Kurze Minuten…

Eine riesige Gleisunterführung, die vollkommen ruhig ist. Keine Menschenseele, nur das Hallen der Schritte eines Pärchens. Er witzelt darüber, dass man bei so wenig Personenverkehr in dieser großen Halle miteinander intimer werden könnte. Beide schauen sich um und lassen den Gedanken für eine Sekunde zu, bevor sie wissen, dass es so nicht passieren soll, trotz aller Lust.
Sein Zug wird erst in zwanzig Minuten eintreffen und von ihr fortreißen. Es sind kurze zwanzig Minuten, die mit ein paar witzigen Sprüchen gefüllt werden, die das Unbehagen über den nahenden Abschied überdecken. Als die Zugansage ertönt, scheinen gerade mal vier bis fünf Minuten vergangen, doch tatsächlich waren es kurze zwanzig Minuten. Ein letzter Kuss… ein letzter Blick… er streift sich die Halskette ab und versucht sie ihr vorsichtig über den Kopf zu ziehen, doch schafft er es nicht ohne ihre Hilfe. Der Zug steht bereits neben ihnen und die Menschen steigen aus. Nur noch ein letzter Kuss zum Abschied. Die Minuten, die ihm Stunden zuvor endlos lang erschienen, zerschmolzen zu Sekunden.