Am Baum

Versteckt saß Michael hinter der alten, hüfthohen Steinmauer und sah auf das Feld, das von der Sonne angestrahlt, golden leuchtete. Es war sein geheimer Ort, den er auf dem Heimweg nur zu gern besuchte, denn er lag ein gutes Stück abseits vom Weg und nur hier fand er eine Ruhe, die so einnehmend war, dass er alles vergessen konnte: Die Mitschüler, die ihn hänselten, die Lehrern die ihn als minderbemittelt bezeichneten oder die drei großen Dorfjungs, die ihm an der rostigen Stahlbrücke auflauern würden. Hier war es vollkommen ruhig. Die goldenen Ähren wiegten sich sanft im Wind und die Blätter der angrenzenden Bäume rauschten dazu. In der Nähe floss ein Bach, an den sich Micha im Sommer oft setzte, um seine Beine ins kühle Wasser zu halten. Dabei verstummten all die Stimmen in seinem Kopf, die immer wieder jene niederträchtigen Worte wiederholten, die er zuvor von den Lehrern, den Schülern, und den Schlägern gehört hatte.
Heute war etwas anders. Anfangs erschien Michael alles noch viel ruhiger als sonst, doch dann hörte er ein Seufzen aus der Richtung des Bachs. Vorsichtig suchte er den Eindringling und fand stattdessen zwei junge Erwachsene, die nur spärlich bekleidet aufeinanderlagen und miteinander zu kämpfen schienen. Doch wie ein wirklicher Kampf kam Michael das, was er da sah, nicht vor. Die unten liegende Frau winselte und seufzte leise, während von dem Mann gedämpftes Stöhnen ausging. Die Beiden nahmen Michael nicht wahr, der sich hinter einem Baum versteckte und sich an ihm abstützte. Nur sein Kopf lugte hinter dem Stamm hervor und die zwei waren zu sehr in ihr Spiel vertieft, als dass sie Michael überhaupt hätten erahnen können. Micha fühlte sich und seinen Platz verraten. Jemand stahl die magische Ruhe diese Ortes, doch kamen jene bösen Stimmen nicht mehr in seinen Kopf, stattdessen vernahm er eine neue Stimme. Sie war weiblich und hauchte: „Ich liebe dich.“

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

13 Kommentare zu „Am Baum“

  1. Ein irgendwie tröstlicher Gedanke, daß solch ein Voyeurismus böse Gedanken verdrängt. Und man wünscht Michael, er möge bald sein eigenes „Ich liebe Dich“ vernehmen.
    So, genug Ben Zuckersüß für heute. War mir ein Lesevergnügen mit Vorfreude auf die nächsten Textereien. Herzlichst, Käthe Schwatzkopf.

    1. Ob es der Voyeurismus ist oder viel eher die Liebe zwischen zwei Menschen, die durchaus ansteckend wirkt?
      Na dann wünsche ich dir auch morgen noch viel Spaß beim Schmökern und den Blog hast du ja dann schon fast durch 😉

      1. Mitnichten bin ich durch, Ben. Da ich mich möglichst lange an Lesefutter erfreuen will, lese ich mich genüßlich von hinten nach vorn. Und versuche zu reflektieren. Dein Michael hat mich z.B. sehr beschäftigt.

        Keuchend stützte er sich mühsam auf seine wackeligen Arme. Erlöst von seiner Last atmete Frieda hörbar auf. Mit der Eleganz eines ehemaligen Kugelstoßers rollte er sich zur Seite. Mit glänzenden Augen und dem Kichern gleich des jungen Mädchens, das er damals schon so mochte; drehte sie sich hin zu ihm und bog mit faltiger Hand die hohen Gräser zwischen ihnen zur Seite. Das Rascheln der Blätter in der Baumkrone über ihnen klang wie ein leiser Applaus. Ein guter Moment um zu sterben, dachte er. Nur kurz, denn fast zeitgleich vernahm er ihre Worte: „So viele Jahre schon und immer noch liebe ich dich mehr als alles andere in meinem Leben, Michael.“

        Einen guten Morgen wünschend, Käthe.

      1. Als harmoniesüchtiger Mensch konnte ich den traurigen Michael nicht im Stich lassen. Schön, daß du es magst.
        Ich erbitte hiermit Verlinkungserlaubnis auf der meinigen Blogliebliste.

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