Mit Haut und Haar

Wie üblich besuchte ich sie. Ophélie stand bereits in der Tür und beobachtete, wie ich die Stufen hinauf schlappte. Sie grinste mich an und ich grinste zurück. Meine Chucks zog ich noch im Hausflur aus und warf sie auf den bunten Haufen von Schuhen, die vermutlich eh nicht alle in den fast leeren Ständer passen würden. Sie schaute mir dabei immer belustigt zu, besonders wenn sich die Schnürsenkel mal wieder verknotet hatten und ich dann auf einem Fuß tippelnd versuchte, das Gewirr zu entflechten, bis ich mich dann doch auf die Stufen der Treppe zum nächsten Stockwerk setzte und es in Ruhe tat. Immer wieder ging ich diesen Kampf ein und hatte doch das Nachsehen, aber nicht an diesem Tag, da öffneten sie sich fast wie von allein. Sie musste noch ein wenig in der Küche aufräumen. Ich folgte ihr und blieb vor dem großen Spiegel stehen. Es war so ein großer und breiter Wohnungsflur, doch außer dem Spiegel war hier nichts und dennoch wirkte es nicht kalt oder künstlich, sondern einfach wohlig. Ich kam zu ihr in die Küche, nachdem ich mir im Spiegel zugezwinkert hatte. Ihre Mitbewohner waren alle für einige Tage ausgeflogen und sie hatte sich allein gefühlt, denn sie war die Einsamkeit nicht gewohnt. Was ich genießen konnte, schien ihr ein Fluch zu sein und doch muss auch ich gestehen, dass es mir gefiel, wenn ich in die WG kam und alle vor Ort waren und mich mit herzlichen Worten empfingen. Als ich in der Küche ankam, stand sie mit dem Rücken zu mir vor der Anrichte und ich umfasste sie und küsste sie auf den Kopf. Ich kann nicht sagen, dass Ophélie einen auffälligen Geruch besaß, aber ich roch sie gern, vermutlich gerade deswegen. Sie trug kein Makeup und die Bräune ihrer Haut war mehr ihrer Herkunft geschuldet und dem Umstand, dass sie sehr schnell braun wurde. Wenn ich über ihre Haut streichelte, war ich fasziniert von dieser Weichheit und der schönen Färbung. Umarmte ich sie, war mein Kopf leer, aber auf die angenehmste Art und Weise. Alles fühlte sich warm und weich und wohlig an und all die unerledigten Aufgaben und Termine waren weggewischt. Dann drehte sie sich um, blickte mich mit ihren dunkelbraunen Mandelaugen an und wir küssten uns. „Komm mit, ich will dir was zeigen!“, sagte sie, nahm meine Hand und führte mich in ihr Zimmer.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

6 Kommentare zu „Mit Haut und Haar“

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