Mit Haut und Haar (4)

Auf dem Heimweg kuschelten Ophélie und ich uns aneinander und hielten Händchen. Ich begleitete die gesamte Truppe mit nach oben in die WG, wo sich alle fertig fürs Bett machten. Jan spielte mit dem VW-Bus einer Mitbewohnerin Ophélies, während Marla zwar noch nicht müde war, aber begriff, dass es nun langsam ruhiger zugehen sollte. Sarah hatte Lene auf dem Arm, die auf dem Heimweg doch recht stark rumgequengelt hatte. Ich suchte nach meiner Freundin und fand sie auf dem Balkon, der neben der Küche angebracht war. Sie saß draußen und rauchte. Mir war danach, sie zu küssen, doch sie zuckte zurück. Das machte sie immer so, wenn sie rauchte oder gerade geraucht hatte. Ich nahm ihr die Zigarette ab und zog selbst daran. Ich kann nicht sagen, dass mir der Geschmack gefällt, eigentlich habe ich nicht viel dafür übrig, aber wenn es mir mies geht, dann nehme ich gern mal einen Zug. In diesem Fall gab es zwei Gründe dafür. Zum einen hatte mich der Tag ordentlich geschafft und zum anderen wollte ich meinen Kuss bekommen und so musste Ophélie keine Rücksicht nehmen. Wir redeten kaum miteinander, sondern genossen den Moment der Ruhe in der Dunkelheit. Das Licht aus der Küche erhellte uns kaum und einzig das Glimmen der Zigarette ließ ihre Gesichtszüge erkennen. Mir schien, dass sie ebenso geschafft von diesem Tag war, wie ich und es gab mir das gute Gefühl, dass wir beide wussten, noch nicht bereit für eigene Kinder zu sein, wie sehr mir die Idee auch gefiel, mit ihr welche großzuziehen. Das gehört mit zu den Besonderheiten unserer Beziehung, dass viele Dinge ganz wortlos zwischen uns klar waren, vermutlich, weil wir in jenen Punkten sehr ähnliche Ansichten vertraten. Es ging mir schon beim ersten Besuch ihres Zimmers so, als ich in ihrem Bücherregal stöberte und über Buchtitel stolperte, die ich zu einem großen Teil auch bei mir fand. Wer in unserem Alter liest schon wirklich aus Leidenschaft Hesse? Wir taten es. Als ich mich von Ophélies Schwester und ihren Kindern verabschiedete, kam es mir für eine kurzen Moment so vor, als würde ich mich von meiner eigenen Familie verabschieden. Auf dem Weg nach Hause lächelte ich, als mir der Tag durch den Kopf ging. Wie sehr ich mich auf ein Dankeschön Ophélies wegen der Lampe gefreut hatte und wie sehr ich dabei verdrängt hatte, dass sie Besuch erhalten würde und der Dank keine Zweisamkeit in ihrem Zimmer sein würde, sondern das Gefühl einer Familie mit dem Wissen, dass man eben doch nicht für sie sorgen müsste. Zuhause angekommen, entkleidete ich mich ließ mich auf mein Bett fallen und fiel sofort in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

6 Kommentare zu „Mit Haut und Haar (4)“

      1. Ich weiß, was du meinst 😉 Von Leuten, von denen man ohnehin weiß, dass sie einen gern lesen, ist es zwar schön, aber man freut sich mehr über Kommentar von anderen Lesern 😉

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