Weites Meer

Mittlerweile war ich wohl vier Wochen unterwegs, so genau kann ich es nicht sagen, denn ich verlor das Zeitgefühl, so ganz ohne feste Termine oder den Besuch von Märkten. Die Küste des Festlandes war noch am Horizont zu erkennen und spätestens am Abend sah man die leicht erhellten Stellen, die in den Himmel strahlten. Doch ich war weit genug entfernt, um mich nachts auf das Netz zwischen den zwei Rümpfen zu legen und die kleinen Sterne der Milchstraße erkennen zu können. Nichts kann mich mehr entspannen, als leicht mit den Wellen zu schaukeln, während das Dunkel einen immer mehr einnimmt und man die zahllosen kleinen Lichtpunkte am Himmel zu den verschiedensten Figuren zusammenfügt. Schnell verschwimmen diese Bilder mit den Fantasien in meinem Kopf und ein tiefer Schlaf holt mich ein. Morgens wache ich dann mit einem trockenen Mund auf und verschwinde in einem der Rümpfe, um mich aus dem Wasservorrat zu bedienen. Jetzt sehe ich die Küste einer Insel, ihre Silhouette zeigt spitze Berge auf. Doch mit einer flachen Bucht, lädt sie mich zum Anlegen ein.

Perfektion

Er bewunderte seine Mutter dafür, dass sie so spät nach Hause kam und dennoch jeden Tag alles putzte. Das Bad war danach immer so weiß und perfekt. Das war sein Anspruch. Als er auszog, versuchte auch er alles weiß und perfekt zu halten. Seine Wohnung war aufgeräumt, die Wände weiß und die wenigen Schränke ordentlich sortiert und mit einem Glasfenster verschlossen, denn so konnte nichts verstauben. Doch diese äußerliche Perfektion genügte ihm nicht. Er selbst musste makellos sein und so setzte er all sein Streben daran, heller und weißer zu strahlen und fehlerfrei zu werden.

Jeden Tag überprüfte er sich und seine Taten und jeden Tag merzte er Dinge aus, die nicht richtig waren. Als perfekter Mensch würde er wie jene Modelle auf den Magazinen sein und alle Welt würde ihn lieben. Und die Menschen lernten ihn kennen, und fanden ihn perfekt. Er besaß keine Kanten, an denen man sich stoßen konnte, war in allen Belangen ein guter und rechter Mensch. Doch keiner der Menschen war gern mit ihm zusammen, sie hatten Angst, dass man ihre Fehler neben ihm entdecken könnte. Die Einsamkeit traf sein Herz und er zog sich in seine perfekte Welt zurück.

Jahre später sagt das kleine Kind zu ihm, dass es in der Ecke staubig sei. Es ist ein Reflex, dass er zum Tuch greift, um den Staub wegzuwischen. Dann hält er inne. Nein, das hat er schon vor Jahren aufgegeben. Dann ist die Ecke eben staubig. So ist es eben, wenn hier jemand lebt. Er nimmt das große Tuch und lässt es über den Kopf des Kindes fallen. „Du darfst es gern wegwischen, wenn du magst.“, doch das Kind mag sich viel lieber unter dem Tuch verstecken.

Alles neu machte der Mai

Seit dem ersten Mai bin ich nun hier angemeldet und habe seither so einige treue Leser gefunden, was mich ausgesprochen freut, denn mit solch einem starken Feedback habe ich gar nicht gerechnet. Es ist mir mittlerweile sogar zum Motor geworden, meine großteils erdachten Geschichten zu finden, wenngleich es doch das Ausruhen auf der Hängematte oder ein längerer Fußweg es sind, die mir helfen, eine Geschichte zu beginnen und zu füllen.

Ganz liebe Grüße schicke ich nach Kroatien. Da weiß ich zumindest, wer mich aus fernerem Land besucht hat und ich freue mich sehr darüber.

Thailand und Indonesien könnten Proxys sein, aber wenn nicht, dann freue ich mich auch über solch ferne Besucher und nehme jene Länder gern als Anreiz für eine neue Erlebniswelt, in die ich die ein oder andere kommende Story einbetten werde.

Australien und die USA… tja, hier wäre eine genauere Einordnung interessant für mich, aber ich hoffe, dass mein Besucher aus den USA in San Francisco lebt. 🙂

Und so bleibt das direkte europäische Umfeld, welches den Großteil meiner Besucher (neben den Deutschen) ausmacht. Das ist für mich mal wieder ein Beweis, wie wichtig uns Europa sein sollte und wie glücklich wir, trotz aller Krisen, sind, dass wir immer mehr zusammenwachsen. Ich bin froh, eine Währung zu haben und grenzenlos reisen dürfen, um Länder und Menschen kennenzulernen, die eine so ganz andere Geschichte aufweisen und deren Häuser mal Schusslöcher aufweisen und mal die Steine von vor zweitausend Jahren.

Verregnet

Auf dem Weg zur Post, freute ich mich, an meine Regenjacke gedacht zu haben, denn die bisher leichten Nieseltupfer, die die Haut sanft kühlten, verwandelten sich in immer größer und schwerer werdende Tropfen. Der Weg war recht lang und so kam ich mit durchnässter Jeans in der Poststation an. Die Haare hingen mir nass im Gesicht und so schob ich sie zur Seite. Es war nur eine Büchersendung, die aber tatsächlich niemals in meinen Briefkasten gepasst hätte. Am Ausgang hielt ich kurz inne, um zu überlegen, ob ich noch schnell beim Bäcker vorbeischauen sollte, der nur hundert Meter die Straße entlang war. Es war zwar die falsche Richtung, aber ein paar frische Brötchen waren es allemal wert. Es klingelte, als ich den Laden betrat und vor mir standen noch einige andere Leute an. Ganz vorn war eine ältere Dame, die unschlüssig war, was sie nehmen sollte, doch mein Blick fiel auf die Person vor mir. Als erstes war mir der geschorene Kopf aufgefallen, doch dann drehte sich das Mädchen um und offenbarte mir ihre Schönheit – jedes lange Haar hätte dieses Gesicht nur versteckt. Sie blickte mich direkt an und lächelte, da wurde mir klar, mit welch blödem Gesichtsausdruck ich sie wohl angestarrt haben musste und grinste zurück. Auf der Suche nach einem Satz, um sie anzusprechen, brachte ich ein „Ganz schön nass, hm?“ hervor und sie nickte nur, wohl in Erwartung, dass noch mehr kommen würde. Davon abgesehen, dass ich ein Prädikat vermisste, um es als Satz zu bezeichnen, suchte ich nach einer neuerlichen Art, sie ansprechen zu können. Holte mehrmals Luft und stockte dann doch. Sie bestellte vier Brötchen und zwei Hörnchen, verabschiedete sich freundlich vom Verkäufer und ließ mich vorrücken. Ich blickte zum mit wohl bekannten Bäcker und wollte gerade bestellen, da hörte ich von links ihre Stimme „Versuch es doch nächstes Mal einfach mit einem Hallo.“ Daraufhin verließ sie die Bäckerei und ich blickte wieder zum Verkäufer, der auf meine Bestellung wartete. Ich nahm ein Brot und drei Brötchen. Während ich wartete, fragte ich den Mann, ob sie häufiger hier einkaufe. Er blickte verwundert drein und hakte nach: „Die mit dem schiefen Zahn, der merkwürdigen Nase und den Stoppeln auf dem Kopf?“, und ich erwiderte: „Das Mädel, das vor mir dran war.“ Er schüttelte verneinend den Kopf und verlangte das Geld von mir. Ich suchte mein Portemonnaie, doch fand es nicht. Vermutlich hatte ich es bei der Post liegen lassen. Ich entschuldigte mich und machte mich auf die Suche, doch ich fand es nicht. So stapfte ich nach Hause. Der Regen prasselte immer weiter auf mich ein und die Jeans klebte an meinen Beinen. Mir kam eine Joggerin entgegen. Sie hatte sich richtig angezogen, mit ihrer kurzen Hose und dem kurzen Hemd, denn sie schwitzte nicht, in einer Regenjacke oder spürte den kalten Schweiß an sich herablaufen. Das war heute ganz offensichtlich nicht mein Tag, erst bekomme ich keinen gescheiten Satz heraus, dann verliere ich mein Portemonnaie und nun schleppe ich mich mit leerem Magen durch den Regen. Endlich Zuhause angekommen, saß auf der Treppe vor dem Haus, geschützt durch das Vordach, jenes Mädchen aus der Bäckerei. Sie lächelte mich an und hielt mir jene braune und lederne Tasche entgegen, die ich verloren geglaubt hatte. Sie hatte sie vor dem Posteingang gefunden. Als sie mein Gesicht auf dem Personalausweis sah, überlegte, ob sie sie mir bringen sollte, aber dann hätte ich wohl wieder nichts heraus bekommen. Also beschloss sie, bei mir auf mich zu warten und sich zum Frühstück einzuladen, sie hätte ja eh für zwei Personen eingekauft.

Das Geschenk

Wie schön es ist, hier am Strand zu liegen und in die Sterne zu schauen. Wie klar sie sich erkennen lassen, denn kein Licht einer Stadt überstrahlt ihr zartes Licht. Das Rauschen des Meeres ist angenehm und so andersartig als jenes Rauschen, welches ich das letzte Mal vernahm, als ich den nächtlichen Verkehr auf den Straßen meiner Heimat vernahm. Schon merkwürdig, wofür wir all unsere Erfindungen und Fortschritte gemacht haben. Wir kamen aus der Natur, kämpften um unser Überleben und gegen Krankheiten. Unsere Neugier führte uns immer weiter voran in immer neue Zeitalter. Für die Probleme, die wir überwanden, fanden und erfanden wir neue. Und nun scheint es mir so, als wären wir endlich am Ziel angelangt. Wir können endlich die Natur genießen, denn wir haben den Luxus, ihren Widrigkeiten zu entkommen und uns ihnen entgegenstellen zu können. Ist das womöglich der wahre Höhepunkt unserer Entwicklung? Die Generationen nach uns werden ihre Erfindungen machen. Sie werden vermutlich die Erde verlassen und neue Welten erkunden. Sie werden Dinge erleben, die wir uns nicht ausmalen können. Womöglich werden sie sich den Fesseln der Technik entledigen können, die wir noch fester an uns ziehen müssen, bevor wir überhaupt begreifen, dass sie uns einschnüren, doch eben jenes Einschnüren wird ihr Aufsprengen umso leichter machen. Die Menschen werden es erkennen, so wie sie jetzt immer mehr erkennen, welch ein Geschenk unsere Erde ist und dass wir dieses Geschenk genießen sollten.

Klack

Das Geräusch des aufgeschlagenen Eies gefiel ihm, leider landete das Innere nicht in der Schüssel, sondern auf den kühlen Fliesen. Es war ihm aus der Hand gerutscht, als er es aus dem Kühlschrank nehmen wollte. Schnell hatte er es aufgewischt und den Boden sogar etwas sauberer als zuvor bekommen, denn die Krümel der frischen Brötchen waren beim Aufschneiden umhergeflogen und hatten sich dabei auf dem Küchenboden verteilt. Er hatte die Brötchenhälften danach wieder zusammengeklappt und in den Brotkorb gelegt. Nun schlug er die Eier auf und verrührte sie, um sie zu braten.
Er hörte die Dusche, die von Lisa benutzt wurde, es würde also noch dauern, bis sie frühstücken würden, doch das Essen war bereits fertig. Er deckte die Schüssel mit dem Rührei ab und legte ein wärmendes Tuch über die frischen Brötchen. Es würde sie von innen aufwärmen, nachdem das Paar die Nacht in der Hängematte verbracht hatte und sich dabei leicht verkühlt hatte. Sie kannten sich noch nicht gut genug, doch seine nackten Füße waren ihm kalt geworden und so erdreistete er sich, ihr ins Bad zu folgen und zu ihr unter die Dusche zu schlüpfen.

Die Frage nach dem Warum

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist wohl eine, die sich nie beantworten lässt, wenngleich ihre Beantwortung auf die Lebensrealität des Antwortenden schließen lässt. Fragst du einen Familienmenschen, wozu wir leben, so wird er antworten, dass wir auf der Erde sind, um unser Wissen weiter zu geben. Fragst du einen Reisenden, so wird er antworten, dass wir leben, um unser Wissen zu erweitern und uns näher zu kommen. Fragst du einen Liebenden, so wird er das fühlende Wesen in den Vordergrund stellen und womöglich die Fortpflanzung. Doch frage einen Menschen, der täglich um sein Leben kämpft. Er stellt sich die Frage gar nicht erst, denn er lebt um zu überleben.