Schockstarre (4)

Um mich zu beruhigen, nahm ich tiefe und lange Atemzüge. Dann griff ich meine Klamotten, zog mich an und ging auf den Flur. Als ich das Licht anschaltete, wurde mir bewusst, dass ich dieses Mal nicht das Haus verlassen könnte. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und wagte mich langsam vor, um aus dem Fenster zu spähen. Die zwei Schatten waren verschwunden. Ich wagte mich etwas weiter hervor und suchte die Straße nach einem bewegten Schatten ab, doch schien alles ruhig und unbewegt.

Als ich im Bett lag, konnte ich nicht aufhören, an jene Situation zu denken und versuchte mir zu erklären, was es damit auf sich hätte, doch ich fand keinen Ansatz, wüsste niemanden, der einen Grund hätte, mich zu beobachten. Ich wälzte mich die ganze Nacht im Bett umher, bis der Morgen anbrach. Mir blieb noch eine Stunde, bis der Wecker klingeln würde und so beschloss ich, jetzt schon aufzustehen. Drehte mich noch einmal um und wurde 60 Minuten später vom nervigen Klingeln aus dem wenig erquickenden Schlaf gerissen. Den Trick sollte ich mir fürs nächste Mal merken. Ich duschte mich und ging zum Bus, jedoch nicht, ohne über neue Fußabdrücke zu stolpern. Die alten waren bereits vom Regen weggewaschen worden, doch nun gab es neue, die jedoch wieder auf dem Rasen endeten. Es war wieder der Abdruck des rechten Fußes.

Als ich ins Büro kam, telefonierte Karl bereits und ich setzte mich an meinen Arbeitsplatz. Auf dem Display stand die Nummer von Lydia. Sie hatte seit einigen Wochen nicht mehr bei mir angerufen, wie ich vermutete, da es ihr nun besser gehen musste. Sie war mir bei unseren Gesprächen ans Herz gewachsen und so wählte ich ihre Nummer. Sie ging nicht an ihr Telefon. Stattdessen klingelte es und ich hatte Bernhard am Ohr. Er hatte das erste Mal vor zwei Jahren bei mir angerufen und war seither zu einem Dauergast geworden. Ich habe damals versucht, ihn an einen Therapeuten zu verweisen, denn weder Karl noch ich hätten ihn psychologisch betreuen können.

Wir sollten nur eine erste Anlaufstelle darstellen und ein offenes Ohr für die Sorgen haben. Bernhard hatte einige Therapeuten ausprobiert und landete dann doch immer wieder in unserer Hotline. Mittlerweile schien es ihm eine große Hilfe zu sein, sich regelmäßig bei uns melden zu können und zu berichten, wie es ihm ging. Er erzählte davon, wie er einen neuen Freund kennengelernt hatte und dass sich alles sehr gut anfühlte. Doch mit jeder weiteren Minute offenbarte er Zweifel über jene Freundschaft und dass er am Ende doch wieder nur allein dastehen würde. Ich sah auf dem Display, dass Lydia wieder versuchte, anzurufen, doch konnte ich Bernhard nicht beiseitelegen. Es war uns aufgetragen worden, den Anrufer anzuhören, womöglich etwas Trost zu spenden, Hilfestellen angeben und dann langsam und freundlich zu verabschieden und dieses Gespräch würde noch einige Zeit dauern.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

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