Fensterscheibe

Die Stadt war aus dem Auto heraus kaum zu erkennen, nur blasse Lichter hinter der beschlagenen Scheibe. Der Wunsch sie als Malfläche zu benutzen, war mir noch inne, doch anders als früher, behielt ich meine Hände bei mir und strich stattdessen den Smoking glatt. Mein Blick fiel auf die schlummernde Frau neben mir. Komisch, dass ich sie als Frau neben mir bezeichne, während ich sie doch schon so lange kenne.

Sie war damals in einem Club eingeschlafen und von ihren Freunden allein gelassen worden. Ich brachte sie zum Taxi, gab dem Fahrer die Adresse, die auf der Rückseite ihres Ausweises stand und genügend Geld, damit er sich über sein Trinkgeld nicht beklagen konnte. Als sie damals im Taxi saß und ich die Tür schloss, sah ich mein Spiegelbild, welches sich über ihr abzeichnete. Der junge Mann sah fröhlich aus, vermutlich weil er wusste, eine gute Tat getan zu haben. Eine Woche später sah ich sie wieder in jenem Club, sie erkannte mich und war so dankbar. Wir unterhielten uns den ganzen Abend. Irgendwann waren wir zusammen.

Das ist nun Jahre her und ich erinnere mich, wie es damals war. Wie schön es sich anfühlte, eine verwandte Seele gefunden zu haben, doch unsere größte Gemeinsamkeit war unsere Einsamkeit. Wir hatten in Wirklichkeit nichts gemein und es kam mir so vor, als könnte ich ihr nicht geben, was sie brauchte, während ich nicht brauchte, was sie mir geben konnte.

Sie sah so schön aus, wie sie so dalag. Als das Taxi anhielt, um uns heraus zu lassen, bat ich den Fahrer, noch kurz zu warten. Ich trug sie nach oben und legte sie in unser Bett. Ich zog ihr die hochhakigen Schuhe aus, deckte sie zu und verließ unsere Wohnung um vorn wieder ins Auto zu steigen und wegzufahren. Hier waren die Scheiben kaum beschlagen, dennoch nahm ich die vorbeiziehenden Lichter nur verschwommen war, während ich meine Gedanken schweifen ließ.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

7 Kommentare zu „Fensterscheibe“

  1. „…und es kam mir so vor, als könnte ich ihr nicht geben, was sie brauchte, während ich nicht brauchte, was sie mir geben konnte.“ Sehr schöner Satz. Und sein Inhalt mir so wohl bekannt. Danke.

    1. Amüsanterweise stand am Anfang jener kleinen Erzählung nur dieser Satz, den ich so gern in eine Geschichte einbetten wollte 😀 daher freut es mich umso mehr, dass gerade jener Satz aufgefallen ist 🙂
      Ich habe zu danken.

    1. Wie ist es denn bei dir, hast du jedes Mal schon eine komplette Erzählung im Kopf oder manchmal nur eine gewisse Passage, die einen Mantel drumherum verträgt? Bei mir ist es oft so, dass ich eine besondere Sache oder eben solch eine Zeile im Kopf habe und sich darum dann plötzlich eine Geschichte entspinnt.

  2. Hi Ben, interessente Frage. Es hat sich bei mir tatsächlich bewusst gewählt, zu zwei unterschiedlichen Arbeitsweisen entwickelt. Auf candybukowski.wordpress.com steht das gesamte Rohgerüst vorher und wird dann sauber, detailliert in Guss geformt. Während mir auf herrengedeckhh.wordpress.com ein Hauptgedanke ausreicht und um den wird dann locker gestrickt, was dabei herauskommen mag 🙂
    Immer wieder spannend. Ich mag beides. Schreibt sich aber komplett unterschiedlich.

    1. Oh, ich kannte den anderen Blog bisher noch gar nicht. da hast du jetzt gut Werbung gemacht 😀
      Diese Arbeit vom Rohbau zum Fertigbau find ich immer recht mühselig und hab dann immer das Gefühl, dass es immer mieser wird…
      Nun freue ich mich, dass ich nachher noch etwas mehr Lesestoff bekomme 😀

      1. 🙂 Ich hoffe, Du verzeihst mir die Werbung.
        Ja, von Rohbau zu Fertigbau ist mühselig, kostet Zeit und Seele. Aber ist geil, zumindest für mich. Da habe ich das Gefühl, wirklich etwas abzuliefern.
        Für die Leser viel schwieriger. Mensch liest gerne leicht, besonders online. Deshalb ist mir jeder um so heiliger, der sich darauf einlässt.
        Welcome 🙂

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