Urbs

Seit mehreren Jahren hatte sie kaum mehr als ein paar wenige Stunden in der Nacht geschlafen und auch heute kam sie kaum zur Ruhe. Viel zu hell und zu laut war es während der Nacht, daran konnte sie sich einfach nicht gewöhnen. An ihre Kindheit erinnerte sie sich kaum noch, hatte sie sich doch so sehr verändert. Mittlerweile war sie eine Meisterin darin, ihre Makel zu überdecken, welche ständig neu zu finden waren. Ihre Einsamkeit traf sie innerlich am meisten, trotz all des Lebens, das sie umgab. Letztes Jahr war sie fast ertrunken und spürte für kurze Zeit, dass man sie doch nicht vergessen hatte und von überall Menschen herkamen um sie zu retten. Mittlerweile jedoch hat man sie wieder vergessen und nimmt sie gar nicht wahr, obgleich sie ständig und überall ist – die Stadt.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

30 Kommentare zu „Urbs“

  1. Den Anblick der Sterne vermisste sie am meisten. Hustend und röchelnd erstickte sie fast unter ihrer Graudecke, die den Blick in die Unendlichkeit verhüllte und ihr das Gefühl des Eingesperrtseins vermittelte. Die Grünoasen, die ihr ab und zu ein wenig sauerstoffige Pausen verschafft hatten, waren mittlerweile arg geschrumpft. Und selbst dort verpesteten die Menschen die Luft mit Qualm und Lärm. Im Sommer war es fast unerträglich, Grillorgien und Stampfmusik allerorten. Autoschlangen quälten sich dreispurig durch ihre verstopften Adern. Ach, wie gerne hätte sie sich gehäutet und komplett neu erfunden – die Stadt.

      1. Natürlich meine ich das nicht. Ich hätte nur nicht auf diese deine Art gedacht ohne deinen Stadttext, Ben Musenkuß. Ich hab’s noch nie vorher geschafft, mich wie eine Stadt zu fühlen.

      2. Tja und nun, wo du es getan hast, solltest du deinen Text doch auch veröffentlichen, damit sich Leser deines Blogs auch mal als Stadt fühlen können 😀

  2. Hat dies auf bittemito rebloggt und kommentierte:
    Den Anblick der Sterne vermisste sie am meisten. Hustend und röchelnd erstickte sie fast unter ihrer Graudecke, die den Blick in die Unendlichkeit verhüllte und ihr das Gefühl des Eingesperrtseins vermittelte. Die Grünoasen, die ihr ab und zu ein wenig sauerstoffige Pausen verschafft hatten, waren mittlerweile arg geschrumpft. Und selbst dort verpesteten die Menschen die Luft mit Qualm und Lärm. Im Sommer war es fast unerträglich, Grillorgien und Stampfmusik allerorten. Autoschlangen quälten sich dreispurig durch ihre verstopften Adern. Ach, wie gerne hätte sie sich gehäutet und komplett neu erfunden – die Stadt.

  3. Die Stadt am Ende der Straße … oder am Ende der Straße liegt die Stadt. Da liegt sie nun grau und laut. Nie leise. Immer auf ihre eigene Weise. Gut geschrieben werter Herr. Geben Sie mir mehr! 🙂

      1. Ein enger werdender Gürtel glitzernder Glaspaläste schnürte sie ein. Vergebens wehrte sie sich, erbrach einstürzende Neubauten. Die Trümmer ihrer Seele flohen ins Dunkel der Kanäle. Dumpf-düsterer Mief nur noch. Betongraue Straßen zerschnitten die Adern. Ausgeblutet lag sie da. Am Ende. Wie sie die alten Tage vermisste! Jenes beschaulich, bürgerliche Leben, den morbiden Charme der Bourgeoisie. Nun musste noch der alte Park neuer Größe weichen, dem Neubau einer Bank. Ach, wie sehr sie doch sich selbst vermisste – die kleine Stadt war krank.

        😀

      2. Wobei man vorsichtig sein sollte und die „alte“ Stadt verklärt. Da war es auch nicht unbedingt schön. Die Leute gingen durch matschige Straßen und später machten sie einen riesigen Lärm mit ihren Leder- und Holzsohlen.
        😉
        Mir gefällt aber gerade der letzte Einschub „die kleine Stadt war krank.“ denn das klingt, als würde die Geschichte jetzt erst losgehen. Es lässt mich sofort an Momo erinnern, die ebenfalls durch eine kranke Stadt lief.

      3. Du weißt doch, wie das mit alten „Leuten“ … Städten ist: Sie neigen dazu Dinge zu verklären 😉

        Und vielleicht greift wer den Satz auf und führt die Geschichte fort.

    1. Aber zum Glück kann man sich ja immer wieder erinnern und aufmerksam sein. Dem Löwenzahn gratuliert man, dass er sich mit aller Kraft gegen den Asphalt stemmte und dem Flieder für seinen Geruch…ja und der Stadt, der dankt man, dass sie unermüdlich für uns da ist und uns eine Gemeinschaft bietet.

      1. Ja, zum Glück.
        Und Du bist der Prophet, der Erinnerer 🙂
        Dass man bis zuletzt meinen könnte, dass Du von einer Person schreibst, zeigt doch, wie nah und ähnlich alles miteinander ist. Oder sein kann.

      2. Sein kann wohl eher…man kann die Stadt natürlich auch als graues, lebloses Monster betrachten und auch das könnte ich nachvollziehen. Aber ich möchte eher die schönen Aspekte der Welt sehen, als mich daran zu stören, wie sie nicht sein sollte 🙂

      3. Ich fürchte, nicht einmal dieses Können ist allen möglich zu sehen.
        Wenn ich mal verhindert bin, die schönen Aspekte zu sehen, dann gib mir einen Arschtritt!

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