Kommune

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Rahel in der Bar saß und wir uns betranken, um den Kopf frei zu bekommen. Wir wohnten in einem gemütlichen Reihenhaus. Sie in der oberen Etage mit ihrem Freund und ich in der unteren mit meiner Freundin. Zwei Jahre waren es und sie und mich verband eine gute Freundschaft. Wir waren an dem Tag, als wir in die Bar gingen, zum Einkaufen unterwegs und stellten nach einem Kilometer fest, dass wir beide unser Geld zu Hause hatten liegen lassen, also kehrten wir um. Wir fanden unsere Partner ineinander verschlungen auf dem gemeinsamen Hausflur. Bis heute kann ich nicht vergessen, dass weder sie noch ich in dem folgenden Streit schrien oder zumindest lauter wurden.

Am Abend dann kam eine Nachricht von ihr und wir gingen weg, um uns zu betrinken. Es gab den Punkt, da wurde mir klar, dass dies nicht die beste Idee war, denn wer von uns hätte den anderen ablenken können? Als wir am Tresen saßen und uns betranken, schlug ich ihr vor, dass wir uns rächen könnten. Rahel schaute mich kurz an, ging dann darauf ein und wir überlegten uns, in welcher Position und mit welchem Lustgestöhn wir Rachen üben könnten. Plötzlich hielten wir inne. Es war ein Moment, wie kurz vor dem ersten Kuss mit einer frisch kennengelernten Person. Doch wir kannten uns. Unsere Gesichter erhellten sich, denn wir wussten, dass wir das gleiche dachten. Wir hatten die bessere Lösung gefunden: „Wir lassen die Beiden gehen.“, sagten wir gleichzeitig. „Und haben das Haus für uns.“, schob Rahel nach. Unsere Ex-Partner hatten sich eh immer über die Lage und den Zustand beklagt und immerhin waren wir die Verletzten, so würden wir sie schon irgendwie aus unserem Haus bekommen. Jeder von uns hätte seinen Rückzugsraum und dennoch wären wir als Freunde zusammen. Schnell malten wir uns aus, wie wir das Haus einteilen würden.

Vielleicht dachten wir schon damals an eine Kommune, aber sprachen es nicht aus, doch eines Tages fragte mich ein Student, ob ich für ihn eine Unterkunft wüsste. David, so sein Name, war einer der wenigen Menschen, die mir auffielen. Nicht, weil er sich produzieren musste, sondern ganz im Gegenteil, weil er ein ruhiger Mensch war. Er hatte ein schönes Gesicht und immer wieder begegnete ich ihm auf dem Campus mit einer Frau an seiner Seite, doch es war immer eine andere.

Ich beriet mich mir Rahel und wir ließen ihn bei uns einziehen. Durch David kamen noch zwei weitere Mitbewohnerinnen hinzu. Es waren gute Freundinnen von ihm, die ebenso eine neue Unterkunft suchten. Susanne kam aus einer WG, bei der sie die einzige Frau war und den Haushalt allein schmiss, während die Kerle alles verkommen ließen. Sarah hingegen war aus der gemeinsamen Wohnung ihres Freundes ausgezogen. Ich ahnte damals sofort, dass sie mehr als nur sich mitbringen würde und tatsächlich konnte sie bereits einen Monat später, den kugeligen  Bauch nicht mehr verstecken.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

10 Kommentare zu „Kommune“

  1. Ich mag WGs. So viele verschiedene Menschen kommen zusammen, jeder hat seine Geschichte, seine Macken und irgendwie kommt man trotzdem miteinander klar. Und manchmal freundet man sich mit Menschen an, die man auf der Straße, in der Uni, auf der Arbeit oder in der Bar gar nicht bemerkt hätte.

    1. Ja, das finde ich auch 😀 mir geht es bei solchen Lebensgemeinschaften aber vor allem um eine andere Form von Zusammenleben und das weit über das Studentenleben hinaus, eben als Alternative zum veralteten Bild des perfekten Paares bis ans Lebensende.

  2. Prima Geschichte – und vor allem: Prima Titel! Kommune! Und eben nicht WG. Letzteres ist ein loser, aber notwendiger organisatorischer Zusammenschluß. Ersteres ist mehr: eine Lebensform, ein Bekenntnis. Durch die 60er Jahre ist der Begriff Kommune leider – und völlig zu Unrecht – in Verruf geraten. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Umwälzungen ist es längst an der Zeit, die Kommune als anarchische (Achtung! – nicht: anarchistische!) Lebensform wieder neu zu beleben. An-Arche – griechisch: zurück zu den Ursprüngen. In diesen längst vergangenen Zeiten lebten die Menschen in Kleingruppen (Sippen) zusammen und nicht in dieser abgesicherten und irgendwann nervtötenden Konstellation namens „Monogamie“. (Siehe mein eigener Beitrag in Zusammenhang mit dem Zitat von Lou Andreas-Salomé)
    In diesem Sinne: mehr Kommune und weniger Langeweile!

    1. Danke sehr und wie ich dir bereits schrieb, war unser Austausch ein teil der Anregung zu jenem kurzen Einblick in einen angeblich alternativen Lebensstil. Ich muss auch immer schmunzeln, wenn ich den Begriff Generationshaus lese oder höre, weil es so klingt, als wäre auch das eine besonders neue Erfindung. Gerade der Begriff zeigt, dass es eine Besonderheit ist, die es aber gar nicht sein sollte. Ich will übrigens Paarbeziehungen gar nicht verteufeln (wie man im zweiten Teil sieht), sondern halte für jeden Menschen einen anderen Lebensstil für möglich. Das soll jeder für sich selbst herausfinden und damit glücklich werden.

  3. Hach, wenn ich nicht schon Mutter einer Tochter wäre, würde ich bestimmt auch schon in einer WG wohnen. Funktioniert jedoch auch nur wenn man eine gewisse Offenheit an den Tag legt 😉

    1. Wobei ich auch einen Unterschied zwischen WG und Kommune machen würde. Der erste Punkt wäre der, dass eine WG klassischerweise etwas ist, was nur junge Menschen, insbesondere Studenten, bilden. Dann wäre da auch das Teilen der Ressourcen, was auch zu einigen Problemen führen dürfte, aber da kann ja jene Lebensgemeinschaft ihre eigenen Regeln aufstellen. Ich fänd eine erziehende Mutter (wie sie ja auch im Text vorkommt) als eine große Bereicherung für beide Seiten. Denn eine Kommune sollte allen Altersstufen offen stehen, so hätten Rentner gut mit dem Nachwuchs zu tun, das hält die ältere Generation fit. Es gibt eine ganze Reihe von „abers“ und „besser nicht“, aber im eigentlich keinen wirklich guten Grund, es nicht zu versuchen. 😉

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