Kommune (2)

Rahel und ich zogen durch das Hin und Her mit den alten und neuen Mitbewohner einige Male um. Wir taten uns schwer, ob wir unsere Zimmer oben oder unten nehmen sollten. Das war eine Frage von Bequemlichkeit und Luxus, aber wir entschieden uns dafür, die Treppen zu sparen und so fanden sich im Erdgeschoss, neben einem großen Wohnzimmer mit der Küche, unsere beiden Zimmer.

David tauchte häufig in meinem Zimmer auf, dessen Tür meist offen stand. Er durfte sich zu Recht eingeladen fühlen, denn er erinnerte mich an mich selbst, als ich in seinem Alter war. Es ging meist um Herzensangelegenheiten und das Unverständnis, warum Beziehungen immer wieder scheiterten, egal ob von seiner oder von Seiten der Frau aus. Ich hatte meinen Lebensweg gefunden und genoss die Gegenwart von meiner guten Freundin Rahel. Es gab diese Eifersucht nicht mehr, die ich früher spürte, sondern eine Form von Liebe, die mir zuvor nicht erdenken konnte. Es war ehrlicher, denn es ging eben nicht um das Körperliche, sondern allein um den Menschen an sich. David musste diese Einsicht selbst erlangen. Natürlich hätte ich ihm auch all meine Erkenntnisse offenlegen können, aber sie galten nur für mich und mein Leben und zudem hätte er meine Erkenntnisse jeden Tag sehen können, dazu musste er nur beobachten, wie Rahel und ich miteinander umgingen. Unsere drei Untermieter hielten uns anfangs sogar für ein Pärchen, welches seine Zuneigung verheimlicht, dabei gingen wir ganz offen mit unserer Liebe um, die ganz ohne Sex und Küsse auskam.

Susanne war ein fröhlicher Mensch. Sie hatte nie eine wirkliche Beziehung geführt und zweifelte an sich, ob sie es jemals dazu bringen würde oder ob sie dafür nicht geschaffen wäre. Ich musste schmunzeln, als sie mir davon erzählte. Sie war so unkompliziert und voller Liebe, dass mir klar war, dass sie eines Tages einem ganz besonderen Menschen begegnen würde, der sie liebte und den sie lieben durfte. Sie passte perfekt in unsere Kommune, so dass ich mir nicht vorstellen wollte, wie sie uns eines Tages verlassen würde, aber es würde geschehen, da war ich mir sicher.

Unser jüngster Mitbewohner, Joel, wuchs uns sofort ans Herz. Nur zu gern passten wir auf Sarahs Knirps auf, der jedoch gut geübt im Schreien war und mir damit so manches Buch verdarb, welches ich in der Stille des Wohnzimmers lesen wollte. Aber spätestens, wenn er ruhig neben einem lag oder einen angluckste, konnte man gar nicht anders, als diesen kleinen Schreihals wieder sofort ins Herz zu schließen. Sarah war meist unterwegs, um im Architekturbüro zu arbeiten. Sie war dort lediglich Sekretärin, wenngleich ihr Können und ihre Ausbildung sie zu mehr qualifizierten. Als Mann hätte man ihr mit Sicherheit schon einige Projekte anvertraut, aber diesen Gedanken behielt ich für mich, denn es war ihr Leben.

Vielleicht war dies das Geheimnis für das gute Funktionieren unserer Gemeinschaft. Jedem wurde geholfen, wenn es gewünscht war, aber jeder lebte auch sein Leben, ohne dass man eine Einmischung zu befürchten hatte.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

2 Kommentare zu „Kommune (2)“

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