Felswand

Es wehte ein leichter Wind und der beigefarbene Stein war von der Sonne aufgewärmt. David lehnte an der Wand und genoss das wohlige Gefühl. Sein Blick ging über die endlose Weite des Tals. Die Steinwand im Rücken, blickte er auf winzig wirkende Tannen hinab. Sie standen so eng beieinander, dass der Waldboden nicht zu erkennen war. Es erinnerte ihn an einen weichen Moosboden. Doch dieser Boden war viel zu weit entfernt, um einen Schritt darauf setzen zu können. Aber auch sein Ziel, die Spitze dieses Berges war noch in weiter Ferne. David hatte einen kleinen Vorsprung gefunden, gerade breit genug, um die Füße darauf abstellen zu können, doch zu eng, um sich hinzusetzen oder die Spalte, an der er sich bisher hochgearbeitet hatte, loslassen zu können. Es wäre ein tiefer Fall und er fragte sich, wie viele Sekunden er wohl unterwegs wäre, bis er unten ankommen würde.

Auf eine Sicherung hatte er verzichtet, die erschien ihm nutzlos, seitdem ihm der Arzt mitgeteilt hatte, dass er aufgrund seines Hirntumors nur noch wenigen Wochen oder Monate zu leben hätte. Jeder andere Mensch wäre wohl in Tränen ausgebrochen, doch David ließ jene Nachricht damals unberührt. Er hatte längst die Angst vor dem Tod verloren. Dennoch hätte er niemals einen solchen Aufstieg gewagt. Nicht aus Angst, sondern aufgrund der Lethargie, die ihn gefangen hielt. Seine strahlend blauen Augen schienen schon seit Jahren leblos und erst mit jener Nachricht war wieder Leben zurückgekehrt. Seine blonden Locken und auch das Lachen wirkten wieder anziehend auf die Menschen.

Nun war er hier an dieser Felswand und kletterte frei. Er wusste, dass er es bis nach oben schaffen würde und es zuvor auch nie hätte schaffen können, denn jeder Handgriff und jeder Fußtritt brauchte seine volle Aufmerksamkeit, die er früher so nie hätte aufbringen können. Jetzt erschien es ihm leicht. Es gab nur ihn und die Elemente um ihn herum. Er war fokussiert und kein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Immer ein Griff nach dem anderen und immer ein Schritt nach dem anderen, so erreichte er sein Ziel, den höchsten Punkt, auf den er sich zum Ausruhen hinsetzte. Er wollte hier übernachten. Wollte die Sterne beobachten, bis ihm von der Anstrengung des Kletterns die Augen zufallen würden. Er wollte die ersten Sonnenstrahlen erblicken, die die Sonne über das weite Tal schickte und dabei mit jedem Atemzug das Leben inhalieren.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

29 Kommentare zu „Felswand“

    1. Dass der Text bedrückend ist, ist mir durchaus bewusst, aber es gehört mit zum Menschsein, dass es auch Leute gibt, die die Lust am Leben verloren haben. Um den Text nicht noch trauriger zu machen, habe ich immerhin den letzten Satz entfernt, denn eigentlich stirbt er am nächsten Morgen. Diese Kurzgeschichte dient mir aber eher als Ideengrundlage für eine andere Geschichte, in der es ein gesamtes Kapitel einnehmen soll, allerdings ist die Hauptperson da bei weitem nicht so depressiv, aber dennoch ein wenig gefangen in seiner eigenen Welt.

      1. Natürlich gehört das mit zum Menschsein dazu und ich kenne genügend Leute, denen es so ergeht. Gerade deshalb stimmt mich der Text wahrscheinlich so traurig, weil er so realitätsnah ist und zeigt, wie machtlos man gegen Depression und Tod ist… aber jetzt bin ich gespannt auf die andere Geschichte 🙂

      2. Vielleicht regt der Text ja manch einen lethargischen Menschen dazu an, einfach mal auszubrechen 😉
        Der andere Text wird hier nicht veröffentlicht werden, da das ja tatsächlich eine Novelle oder gar ein Roman wird 😀

      3. Das stimmt, aber ich bezweifle ja dass sie bereit sind einen Nobel-Nobel-Preis zu vergeben… da wirds dann zwangsläufig auf deine eigene Stiftung herauslaufen müssen…

      4. Vielleicht reicht ja auch ein Verein… den darf man doch schon ab sieben Leuten gründen, glaub ich, und als Nobel-Preis gäbs dann eine Tüte vegane Gummibärchen, das schlägt nicht so sehr aufs Kapital. Denn das Kommunenhaus kommt selbstverständlich zuerst 😉

      5. Die haben einem Mann einen Friedenspreis vergeben, nur weil er schwarz ist und Präsident der Vereinigten Staaten wurde, da werden die sich nicht an Gummibärchen aufhängen.

      6. Nein, ich glaube überhaupt nicht, das Leute sich wegen solchen Kleinigkeiten erhängen oder aufhängen, aber wenn, dann glaube ich, dass Wortspiele dazu eher in der Lge sind als Gummibärchen… aber wahrscheinlich kommt auch das immer auf den Kontext an 😉

      7. Ich hab ja nix gegen Wortspiele, nur etwas gegen schlechte…aber das ist ja subjektiv und mit einem Lächeln wird bestimmt auch solch einer verziehen werden und ohne Folgen bleiben 😉

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