Wir sind Weltmeister

Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present...
Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present Future (Photo credit: Herr Olsen)

Wer bei dieser Überschrift die Augen verdreht, darf gern weiterlesen, denn es wird keine Lobeshymne auf einen Rennfahrer werden. Vielmehr nahm ich jene Zeile, weil ich damit rechne, dass sie so morgen auf Seite Eins mancher Zeitungen stehen wird. Und da sind wir schon bei dem Punkt, der mich stört, denn wer sind denn diese „wir“? Diese Wir, die schon Papst und Bundeskanzlerin geworden sind, damit soll ich mich wohl als Deutscher angesprochen fühlen und frage ich mich stattdessen, wann die Überschrift „Wir sind Nationalisten“ in den Zeitungen stehen wird, denn das steckt dahinter. Es ist mir recht egal, ob Vettel nun Weltmeister ist oder nicht, wenngleich ich es immer schön finde, wenn ein Mensch seine Träume verwirklicht. Ich habe aber dafür nichts getan und deswegen empfinde ich keinen Stolz und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Ich war immer sehr froh, in einem Land aufgewachsen zu sein, dass sehr vorsichtig wird, wenn es um ein blindes Wir-Gefühl ging. Ich bin froh, in einem Land zu leben, dessen Menschen es schafften, eine Trennung zu überwinden. Ich bin froh in einem Land zu leben, dass mir so viele Möglichkeiten und so viel Schutz bietet. Aber bin ich stolz darauf, ein Deutscher zu sein? Die Frage kann ich verneinen, denn Stolz ist ein Gefühl, dass man allein auf sich und seine Leistung beziehen sollte.

Ich bin einfach nur glücklich hier leben zu dürfen, dennoch sehe ich mich eher als Europäer und würde mir sogar wünschen, mich irgendwann als Weltmensch sehen zu dürfen, aber dieser Wunsch scheint momentan in weite Ferne gerückt zu sein. Stattdessen scheint man lieber Antieuropäer zu sein. Sich dafür zu schämen, Europäer zu sein, wäre ja noch verständlich, wenn man sich darauf bezieht, wie wir in der Vergangenheit mit anderen Menschen und Volksgruppen umgingen, aber das ist nicht Grundlage des Anti-Europäismus. Es ist auch nicht der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen, der es mal für eine Woche in die Schlagzeilen schaffte, sondern es ist das vermutete Scheitern einer geldpolitischen Union, die mir aber vollkommen egal ist, weil sie für mich nicht das Europa-Gefühl ausmacht.

Ich liebe unsere Einstellung zur Freiheit und zur Einheit, zum Willen, keinen Krieg mehr führen zu wollen. Wir sind verliebt in die Höhen unserer Vergangenheit, seien es Dichter und Denker oder antike Philosophen, deren Horizonte damals weiter waren, als er es heute ist. Wir bewahren und erinnern uns lieber, als ständig etwas Neues schaffen zu wollen. Geschichte ist für uns nicht nur eine Aufzählung von glorreichen Schlachten, sondern auch von Fehlern.

Europa bedeutet für mich, grenzenloses Reisen und die unterschiedlichsten kulinarischen Genüsse. Europa bedeutet für mich, Freunde zu haben, die einem helfen, einen ermahnen und nicht in Wettstreit stehen. Vermutlich ist mein Blick auf Europa schon nicht mehr korrekt, denn wir orientieren uns zu sehr an Amerika, das seine Kraft aus dem Wettkampf und nicht aus der sozialen Unterstützung zieht.

Ich sehe mich nicht als Weltmeister und noch nicht als Weltbürger, aber ganz sicher als Europäer.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

19 Kommentare zu „Wir sind Weltmeister“

  1. Mir kam sofort die „Du bist Deutschland“-Kampagne in den Kopf 😉

    Ich finde diese „Wir sind“-Schlagzeilen lächerlich. Dennoch mag ich es, wenn man ein ehrliches Wir-Gefühl spürt, wenn irgendwas alle Menschen gleichermaßen mitreißt. Das ist sicher nicht die Kanzlerin, sicher nicht Vettel, vielleicht ein bisschen der Papst, aber für mich war das ultimative „Wir-Gefühl“ die Einheit und der Zusammenhalt bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Wenn ein „Wir“ die Menschen generell und vor allem Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten oder auch Kulturen näher zusammenbringt, dann finde ich das „Wir“ gut. Bei einem Formel 1-Sieg ist es aber etwas hoch gegriffen.

    1. Beim Papst??? Ich war erschrocken und verwirrt, als ich die Schlagzeile und die Menschen feiern sah. So ein weltfremder, erzkonservativer Spinner…das will ich nicht sein. Beim aktuellen Papst käme mir das schon eher in den Sinn. Nein, bei jenem „deutschen“ Papst kam mir kein Wir-Gefühl. Und was den Fußball betrifft, so ist auch dort der Wettkampf von Nationen eine Sache, die mir nicht gefällt, von der Sportart mal ganz abgesehen (aber das ist nun wirklich sehr subjektiv). Ich würde mir wünschen, dass bei der Olympiade nicht Nationen gegeneinander kämpfen, sondern Sportler, denn mich interessiert überhaupt nicht, wo man da im Medaillenranking steht. Die WM 2006 wird ja auch international hoch geschätzt, weil sich Deutschland als offen und freundschaftlich präsentiert hat. So wünsche ich mir die Austragung von Wettkämpfen, aber während die Leute in Biergärten saßen und grölten, verzog ich mich damals lieber mit Freunden ins Kino und besuchte sonst überlaufene Orte, die plötzlich menschenleer waren, was aber eben mit meiner Antipathie gegenüber Fußball und auch jenem Grölen zu tun hat. Dass es Kulturen einander näher gebracht hat, da gebe ich dir recht und das möchte ich deswegen auch noch einmal so sagen: das gefällt mir, aber für mich kam damals dennoch kein Wir-Gefühl auf.
      Die Einheit ist definitiv ein Ereignis, bei dem es solch ein Wir-Gefühl gab, zumal man damals noch weit davon entfernt war, von einem vereinten Europa zu träumen. Leider war ich damals noch zu jung, um das Wir zu erleben.
      Tja und jene Kampagne ging damals vollkommen an mir vorbei und das erklärt sich sicherlich auch schon in meinem Eintrag 😉
      So, ich überflog gerade noch einmal meine Antwort und die ist teilweise etwas heftig geraten…weshalb ich sie hier etwas entschärfen möchte. Natürlich haben wir in gewissen Lebenssituationen andere Empfindungen und wann bei dir ein Wir-Gefühl eintritt, möchte ich nicht angreifen, das sollst du verspüren, wenn es eben kommt und dann sollst du es auch genießen. Mir sind nur Papst und Fußball so fremd, dass ich kaum so schnell denken konnte, wie ich tippte. 😉 Bitte fühle dich nicht angegriffen.

      1. Ich hab deine Antwort nirgendwo als heftig empfunden 😉 Ich habe das „Wir-Gefühl“ beim Papst auch nicht gehabt, weil ich mit Religion nicht viel anfangen kann, aber ich glaube, dass dieses „Wir-Gefühl“ beim Papst größer war als es das bei Vettel ist.
        Ich kann mir Fußball zwar gut anschauen, aber das, was mich daran wirklich reizt, ist die Gemeinschaft. Gemeinsam mitfiebern, gemeinsam freuen, gemeinsam leiden, gemeinsam trösten… Gemeinsam sein, ein Wir sein. Egal, welche Menschen es sind. Ob groß, klein, dick, dünn, reich, arm, schwarz, weiß.. Dieses „Wir-Gefühl“ lässt sich jedenfalls nicht durch Schlagzeilen hervorrufen. Und egal, wer welches Wir-Gefühl wann spürt, es empfindet jeder anders. Im Gegensatz zu dir habe ich es 2006 als sehr intensiv empfunden. Im Gegensatz zu mir, mögen es bei Vettel aber wohl auch einige als sehr intensiv empfinden.
        Ich finde es immer gut, wenn Menschen in Frieden näher zusammenrücken – was auch immer der Grund dafür sein mag.

      2. Es freut mich, dass du dich nicht angegriffen gefühlt hast. 😀
        Was das Zusammenrücken betrifft, kann ich dir zwar folgen, aber eben auch nur in der Form, wie du es schriebst, wenn sich Leute zusammenfinden, unabhängig von Glauben, Hautfarbe oder sozialer Stellung und gleichzeitig sehe ich auch die Gefahr, dass man sich bei solch einem Ereignis nur als Nation zusammenfindet und das ist mir zuwider. Das ist im Endeffekt ja auch die Botschaft, die mein Eintrag haben sollte. 😉

  2. Ich sehe nichts Falsches am Patriotismus. (Mag ich lieber als „Nationalismus“, da das so eine negative Konnotation hat.) Genau wie ich stolz sein kann auf meine Schwester, weil sie ein 1Komma-Abi schafft, kann ich stolz sein, wenn ein Landsmann oder eine Landsmännin etwas Tolles erreicht und das für ihr Land. (Ist vielleicht weniger der Fall bei Formel 1 und beim Papst, aber doch bei Fußball-WMs und EMs.)

    Und ich finde es gibt keinen Unterschied zwischen „Ich liebe den europäischen Frieden“ und „Ich bin stolz darauf, dass mein Volk (oder in diesem Fall Europa) Frieden halten kann“. Ist doch nur eine Frage der Formulierung.

    1. Für mich ist das nicht nur eine Frage der Formulierung, denn wenn ich sehe Stolz als etwas an, dass man empfindet, wenn man etwas geschafft oder erreicht hat. Während die Freude eher etwas ist, wofür man keine Leistung erbringen musste. Denn ich habe nichts dafür getan, dass Deutschland das Land ist, welches es heute ist und auch an Europa habe ich nicht mitgewirkt.
      Tja und warum mich Nationalismus (oder von mir aus auch gern Patriotismus [war ja klar, dass du auf das griechische Original mehr stehst]) so kritisch sehe, ist einfach erklärt. Es führt zum Erstarken von rechtem Ideengut, so dass ich mich fragen muss, warum mein alter Herr, den ich immer eher links angesiedelt hätte, plötzlich die AfD wählt. Ich möchte nicht, dass wir die Einheit, die wir momentan in Europa haben, wieder auflösen, weil wir Deutschen ja wirtschaftlich so gut aufgestellt sind und uns „der Süden in die Krise zieht“ (das war jetzt absichtlich ein Zitat, weil es mir nicht schmeckt). Deswegen mag ich Nationalismus nicht, denn ich übrigens von Patriotismus insofern unterscheide, dass ein Patriot jemand ist, der sein Handeln zum Wohle der Heimat nutzt und sei es Kritik zu üben, während ich einen Nationalisten unterstelle blind einem vorgegebenen Pfad zu folgen, aber das ist allein meine Auffassung beider Begriffe. Weshalb ich mich durchaus als Patrioten ansehe, aber eben nicht als Nationalisten.

      1. Damit kann ich mich anfreunden 🙂 Freude, statt Stolz und Patriotismus, statt Nationalismus. Am Ende doch irgendwie eine Frage der Formulierung, denn wir meinen beide dasselbe, benutzen nur unterschiedliche Worte. Liebe zum Vaterland kann nichts Schlechtes sein, es ist immerhin Liebe. Und genau wie die Liebe zu Gott und die Liebe zu Menschen, handelt es sich um eine tolle Sache, so lange es nicht zum Hass gegenüber anderen Ländern, anderen Göttern oder anderen Menschen umschlägt. Ich kann einen Menschen lieben und ihn trotzdem kritisieren (oder gerade deshalb) und das funktioniert eben auch mit einer Nation.

      2. Ja, dann bin ich ja froh, dass ich meinen Standpunkt erklären konnte, ich hatte schon Angst, dass ich da so verbohrt in meiner Ansicht bin, dass die für Niemanden mehr nachvollziehbar ist. 😀

  3. Ich muss sagen, dass ich dieses Wir-Gefühl durchaus nachvollziehen aber nicht teilen kann. Meiner Meinung nach sucht jeder Mensch sich eine andere Art von Gemeinschaft, sei es der Glaube oder Fußball oder Formel-Eins…und wenn man durch ein Ereignis das Gefühl bekommt einer solchen Gemeinschaft anzugehören ist das durchaus schön, solange es eben keine anderen Menschen benachteiligt oder einschränkt. Deshalb habe ich nur insofern etwas gegen ein Wir-Gehabe oder einen Patriotismus einzuwenden, als dass er manchmal zu extrem ist. Solang es aber nur ein Fußball-Wir oder ein Papst-Wir ist, finde ich es durchaus amüsant die Leute zu beobachten. Aber nur wenn ich den entsprechenden Abstand dazu halten kann.Und wenn der Patriotismus dann in Nationalismus umschwenkt wird mir doch eher unwohl…

    1. Okay, ich brauche mich ja nicht mehr zu erklären, denn du hast ja die anderen Kommentare bereits gelesen, vermute ich 😉 aber dein Kommentar wirft die Frage auf, ob es für dich eine Sache gibt, bei der solch ein Wir-Gefühl auftaucht oder ob es dir vollkommen uneigen ist?

      1. Ach herrjeh… hmm, also tendenziell würde ich sagen, dass ich eher ein Einzelgänger bin und versuche Wir-Gefühle zu vermeiden. Wenn, dann würde ich sagen, dass solche Wir-Gefühle bei mir am ehesten in Freundschaften, Beziehungen und Familie auftauchen, obwohl ich auch da versuche ein Ich zu bleiben und ein verallgemeinerndes Wir zu verhindern…

      2. Hmm, da mach in dann mal eine Ausnahme… ich weiß ja, dass in dem WIR ein du und ich steckt 😉 Aber ich dachte, die wolltest du mir aufgrund der schlechten Wetterlage eh vorenthalten…

  4. Ich bin völlig deiner Meinung, Ben. Mir kam beim Lesen spontan dieses Lied in den Sinn: http://www.youtube.com/watch?v=MfvIsQIkBYM
    Ansonsten finde ich zwar prinzipiell Wir-Gefühle gut, weil Gemeinschaft einfach was Schönes ist, aber all die von dir genannten Anlässe sind auch für mich nicht wirklich Auslöser dafür, weil ich ja eben nichts dafür getan habe, dass unsere Nationalmannschaft eine WM gewinnt oder die Kurie gerade einen deutschstämmigen Kardinal zum Bischof gewählt hat. Wir-Gefühl kommt bei mir immer eher in kleineren Kreisen auf – nach einem tollen Schlussapplaus mit meiner Theatergruppe in der Schule oder als wir damals mit dem Chor zusammen mit vielen anderen Chören eine Messe für einen Open-Air-Gottesdienst gesungen haben. Also Anlässe, wo ich zwar durchaus ein kleiner Teil eines großen Ganzen bin, aber eben einer, der schon auch wirklich was zum Gelingen beigetragen hat. Stolz darauf, Europäer zu sein, bin ich aber auch nicht – auch wenn ich sehr froh bin, in Europa aufgewachsen zu sein und zu leben und die Errungenschaften dieses Kontinentes sehr schätze. Aber ich war nun mal eben nicht dran beteiligt.

    1. Das freut mich doch sehr, dass du mich da so verstehst und stolz bin ich ja auch nicht, ein Europäer zu sein, sondern eben auch einfach nur froh (so hab ich es ja hoffentlich auch geschrieben). 😀
      Und eben solche Erlebnisse (Applaus beim Theater oder ein Konzert) kenne ich auch, bei denen ich mich ein Teil des Ganzen betrachte.

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