Das verlassene Haus

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie einen die Vernunft im Stich lassen kann. Wir haben zwei Tage im Haus am See verbracht und weder das Knacken des Holzes, noch das Jaulen des Windes oder das Klappern der Fenster hat uns in irgendeiner Form gestört oder gegruselt, aber nun suche ich in einem Keller, den ich nie zuvor betreten habe, nach dem Sicherungskasten und nur die Flamme der Kerze erhellt mir die Sicht. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich außer der gleißend hellen Flamme gar nichts sehe. Helena meinte vorhin, dass die Kerzen romantischer seien, als die Taschenlampe, die ich auf den Packzettel geschrieben hatte. Wir haben dasselbe Verständnis für Romantik, aber ich schätze doch gerade ihre praktische Seite und so vermute ich, dass es nur ihre Ausrede dafür ist, die Taschenlampe vergessen zu haben. So richtig sauer kann ich ihr nicht sein, denn immerhin habe ich sowohl ihr heißgeliebtes Laptop und auch unsere Handys „vergessen“, sonst wäre es auch kein Urlaub gewesen.

Doch hier im Keller wäre mir eine Taschenlampe außerordentlich recht gewesen. In so einem Moment verlässt mich das rationale Denken und ich sehe hinter dem Flackern die Bewegung einer Gestalt, welches sich durch das Klappern der Fensterläden noch verstärkt. Der Wind geht heut Abend nicht so stark und dennoch zieht er durch jede Ritze und jault in einer unangenehmen Stimmlage. Immer wieder erinnere ich mich daran, dass hier im Keller nur ich bin. Doch statt daraus Mut zu schöpfen, antworte ich mir darauf nur sarkastisch, dass ich allein bin – ALLEIN. Ich weiß nicht wirklich, welche der Türen mich in den Raum mit den Sicherungen führt, die ich reindrehen will, damit wir wieder Licht genießen können. Helena hatte vorgeschlagen, einfach ein Kerze anzuzünden und die Bücher beiseite zu legen, aber hier musste ich mich mal wieder als Mann behaupten und sie retten wollen. Sie retten, obwohl sie gar nicht gerettet werden wollte. Das quittierte sie wie üblich mit einem Grinsen und ließ mich machen. Und da ich nun hier kaum etwas erkenne, wäre es mir gar nicht so unrecht gewesen, einmal meinen Mund zu halten und bei Kerzenschein neben ihr einzuschlafen.

Man kennt es aus schlechten Filmen und es wäre nicht mein Leben, wenn ich die Kerze nicht auf den Boden gepfeffert hätte, nachdem mich der Schreck traf, weil das heiße Wachs auf meine Hand tropfte. SM-Spiele im Keller waren nun wirklich nicht mein Ding, aber das hatte natürlich niemand der Kerze erzählt, die sich wohl schon darauf gefreut hatte, nackte Leiber beklecksen zu dürfen. Ausprobiert hatte ich es durchaus einmal mit einer Freundin vor Helena und seither zierte eine kleine Brandnarbe meine linke Brust, eben genau da, wo mein Herz schlägt. Es brannte dann noch ein zweites Mal, als das verdammte Wachs sich an den wenigen Haaren auf der Brust festgesetzt hatte und wir es abziehen wollten. Danach wusste ich, dass für mich Schmerzen und Erotik niemals Hand in Hand gehen würden, zumindest nicht in dieser Intensität.

Schon merkwürdig, was einem für Gedanken kommen, wenn man in der Dunkelheit steht und darauf wartet, dass die Augen sich langsam daran gewöhnen, damit man wenigstens eine Ahnung davon bekommt, wo man als nächstes hintritt. Helenas Eltern hatten dieses alte Haus bereits vor Jahren gekauft und doch nie besucht. Aber das verwunderte mich nicht, sie kauften ständig Immobilien, um sie zu einem guten Zeitpunkt gewinnbringend wieder zu verkaufen. Wenn sie hier hätten leben wollen, hätten sie längst das klapprige Haus abgerissen und stattdessen einen sterilen Bau hingesetzt. Zudem gäbe es dann auch eine befahrbare Straße, so dass man sich nicht eine halbe Stunde durch ausgedünnte Pfade schlagen müsste. Helenas Eltern hatten das Haus und das Grundstück aus dem Katalog gekauft und waren noch nie hier gewesen. Weder im Haus, noch in diesem gespenstischen Keller.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

15 Kommentare zu „Das verlassene Haus“

  1. Es gibt viele Keller und dunkle Ecken in unserer Seele. Und am Rande der Vernunft lauern die Geister der Vergangenheit. Das fiel mir spontan ein, als ich deine Geschichte las. Aber es sind nur halb verblasste Erinnerungen. Die tun nichts.

    Für mich als Japanerin gehören Yokai und Obake, gehören (Haus)Götter zum Alltag. Aberglaube? Gern doch! 😀 Sie tummeln sich in meinen Texten und Gedichten, sind Freunde auf dem Weg. Aber das bin (nur) ich.

    Gedanken im Dunkel … interessant – Danke dafür 🙂

      1. Er erschien mir einfach nicht als so besonders oder als so mitreißend, aber weil hier schon Sträuche durch die Prärie rollen, wollte ich mal wieder was posten.

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