Free bird

Irgendwas kam mir seltsam vor. Noch im Fahrstuhl rätselte ich. Als ich zuvor das Foyer betreten hatte, lachte mich, wie jeden Morgen, dieses überdimensionale Gesicht an. Es war wie eine morgendliche Bestätigung für meinen Erfolg, der allein auf meinem Aussehen beruhte. Ich wollte gar nicht als Model arbeiten und so rief ich damals nur aus Geldnot bei der Nummer auf der Karte an, die mir eine Fotografin in die Hand gedrückt hatte, nachdem sie mich im Einkaufszentrum angesprochen hatte. Meinen jetzigen Job bekam ich wohl, weil ich mit den richtigen Frauen geschlafen hatte und auch den entscheidenden Männern das Gefühl gab, sie könnten mich haben.

Als der Fahrstuhl anhielt und sich die Türen öffneten, sah ich wieder jenes Gesicht. Dieses Mal war es eine kleinere Version, aber immer noch groß genug, um die halbe Höhe der Bürowand einzunehmen. Ich ging darauf zu und dachte nach, was an dem Bild nicht stimmen würde, ob es wohl seitenverkehrt war oder ein Schatten unecht wirkte, doch so sehr ich mich auch an jedem Detail ausließ, ich kam nicht dahinter. “Genügt Ihnen ihr Spiegelbild nicht mehr?”, rief Claudia, die mich wohl schon eine Weile beobachtet haben dürfte. Ich schüttelte wortlos den Kopf und ging in mein Büro. Das war sonst nicht meine Art, aber so würde ich wohl meine Ruhe haben. Ich ließ mich in den Sessel fallen und drehte mich den Fenstern zu, die vom Fußboden bis zur Decke gingen. Die ganze Stadt lag mir zu Füßen, doch ich schweifte in Gedanken ab und überlegte, was mit dem Bild nicht stimmen mochte.

Es war noch aus dem ersten Fotoshooting. Damals war es ebenso, wie jetzt, ein kalter Herbst gewesen und in meiner Wohnung war es eiskalt, weil ich die Rechnung für die Heizung nicht gezahlt hatte. Der Kühlschrank war ebenso leer, was auch sein Gutes hatte, denn ohne Strom kühlte er eh nicht mehr. Als ich im Fotostudio ankam, war dort jene Frau aus dem Einkaufszentrum und sie bot mir damals genug Geld an, um die Miete, Strom und warmes Wasser für die nächsten drei Monate zu bezahlen. Das gesamte Shooting über fühlte ich mich so unendlich frei. Das war es. Ich erkannte endlich, was mit dem Bild nicht stimmte. Ich war es, denn das Gesicht, das mich jeden Morgen im Spiegel begrüßte, ließ jene Freiheit vermissen. Ich verließ mein Büro und stürmte auf den Aufzug zu. Claudia kam mir wieder entgegen und fragte mich, ob ich etwas vergessen hätte. Ich nickte und zeigte auf mein Gesicht. “Ja, tatsächlich, ich habe die Freiheit vergessen…”, dachte ich mir.

Im Aufzug kam mir jede Sekunde endlos lang vor. Mein Fuß wippte und die Finger zitterten leicht vor Aufregung. Dann endlich kam der erlösende Klong des Lifts und ich war im Erdgeschoss. Ich eilte durchs Foyer und sah mich noch einmal zu mir um. Dieses Gesicht verspricht Freiheit, also nehm ich sie mir auch. Mein sportlicher Zweisitzer wartete treu auf mich. Es war zwar viel zu kalt dafür, aber ich öffnete das Verdeck und ließ die Sonne rein, die den strahlend blauen Himmel erleuchtete. Es gab für mich kein Ziel, ich fuhr einfach drauf los undwar wohl gut zwei Stunden unterwegs gewesen, als ich am Wegesrand eine Tramperin sah. In den letzten Jahren hätte ich niemals angehalten, aber jetzt war sie das erste Abenteuer.

Ich hatte kein Ziel und so nahm ich das ihrige. “Warum hörst du keine Musik, gefällt dir das Geräusch der Motoren so sehr oder warum?”, fragte mich die Fremde und ich lachte nur unwissend. MIr war es bis dahin gar nicht aufgefallen, dass keine Musik lief. Sie zog eine CD aus ihrer Tasche und man hörte jemanden auf einer Sitar spielen, was von rockigen Gitarren untermalt wurde. “Wär es okay, wenn wir das Verdeck wieder schließen, mir wird nämlich kalt.”, erklärte mir meine Beifahrerin, doch so richtig war mir nicht der Sinn danach, bis mir einfiel, warum. Vor uns erschien eine Brücke und ich sagte zu ihr, dass ich danach anhalten und wir überdacht weiterfahren würden. Beim Überqueren der Brücke warf ich mein Handy aus dem Auto. Ich versicherte mich im Rückspiegel, ob ein Auto hinter mir war, doch eigentlich war ich dafür zu schnell unterwegs. Dann rutschte ich ein wenig zur Seite und sah im Rückspiegel meine Augen. Sie lächelten schon wieder den gleichen Blick der Freiheit heraus, den ich auch damals bei meinem ersten Shooting hatte.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

23 Kommentare zu „Free bird“

    1. Der Text soll ja gerade zeigen, dass man Freiheit immer wieder erkämpfen muss, wenn man sie denn haben will. Stellt sich nur die Frage, ob man sie noch will, wenn man gebunden ist, aber das kannst du besser beantworten als ich. 😉

      Ich mag weder alkoholfreies, noch normales Bier.

      1. War mir schon klar, dass ich dich mit koffeinfreiem Kaffee auch nicht beeindrucken kann.
        Was ist mit glutenfreien Gummibärchen?

        Das Verhalten freier Teilchen ist viel einfacher berechenbar als das von gebundenen.

        OT: Dein neuester Eintrag ist passwortgeschützt.
        Bin ich als treue Leserin würdig genug, dass du mir das PW verrätst?

    1. Ja, irgendwie gab es in letzter Zeit wenige Geschichten in meinem Kopf oder ich war schon fast in den Träumen des Schlafes, so dass ich mich nicht dort herausreißen wollte. 😉
      Und der Held der Geschichte befreit sich ja Stück für Stück von allen Fesseln 😉

  1. und so gibt es so manches mal den käfig in den der vogel gesteckt wird. der aber eigentlich ganz wild darauf ist frei rumzufliegen… und trotzdem immer wieder zurück kommt 😉

    träumen ist was herrliches! 🙂

      1. Ja, durchaus…und ich hebe mir den Eintrag noch auf, passen wird er auch später noch und es ist kaum mehr als ein Satz (ich mag es eben kurz und schmerzhaft). 😉

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