Ach, das ist doch ein Mädchen…

Es geht mal wieder auf Weihnachten zu und dementsprechend auf einen Besuch bei meinem Vater und seiner Familie. Letztes Jahr blieb ich allein bei mir Zuhause und fühlte mich damit sehr wohl, doch der Grund dafür lag ein weiteres Jahr zurück, als wir am Esstisch saßen und eine Diskussion darüber entbrannte, wie man damit umgegangen wäre, wenn das eigene Kind schwul geworden wäre. Es waren allerlei Dummheiten zu vernehmen, wie: „ach, das ist doch eh nur eine Zeiterscheinung, weil manche Kerle einfach keine Frau bekommen“ oder ganz typisch vom Stammtisch: „das ist doch auch unnatürlich“ und natürlich: „da wär ich heftig geschockt, damit könnte ich nicht umgehen.“

Nun mag ich Ehrlichkeit und dachte mir in dem Moment, dass es doch schön ist, wenn man wieder in die Provinz aufs Dorf kommt und man feststellt, dass die Welt dort noch eine flache Scheibe ist, während man hier in der (Groß-)Stadt zumindest anerkennt, dass die Scheibe womöglich gebogen sein könnte, ja hier sieht man sogar einen Regenbogen. Ich verhielt mich damals in dem Gespräch ruhig und ließ die Menschen reden, denen ich mich nie so sehr entfernt fühlte, wie in dem Moment. In diesem Jahr werden wir wieder an jenem Tisch sitzen und ich bereitete mich entsprechend vor. Googelte nach homo- und bisexuellen Tieren und suchte nach unschlagbaren Argumenten, wie der Friedlichkeit unter Bonobos, also „make love, not war“.

Eine weitere Form des Umgangs wäre ein „Outing“ gewesen, dass ich ja schwul sei. Die süßen Freundinnen von früher hätten immer eine Leere in mir hinterlassen und man solle sich nur erinnern, wie mal ein Bekannter der Familie seinen Spaß daran fand, mich immer wieder mit dem Kommentar zu belegen „ach, das ist doch ein Mädchen“ und er es damals schon wusste. Ich weiß nicht, ob ich dieses Spiel durchziehen könnte, aber zumindest küsste ich schon Männer und wurde auch von einem angebettelt, ihm einen zu blasen, was seiner Meinung nach nicht schwul sei, im Gegensatz zum Kuss mit einem Mann. Seine Dreistigkeit wurde übrigens nicht belohnt.

Ich weiß nicht, ob das Thema ein weiteres Mal aufkommen wird und warum die Sexualität eines Menschen überhaupt ein Gesprächsthema ist. Ich weiß nur, dass mein Vater nie Kinder haben wollte und es die einfachste Sache gewesen wäre, es mal mit Männern zu probieren und auch sein Rat, dass ich bloß ordentlich verhüten sollte. Nicht etwa wegen sexuell übertragbaren Krankheiten (warum gibt es bei uns eigentlich keine allgemein bekannte Abkürzung wie STDs?), sondern damit ich mich nicht der Gefahr aussetze, ein Kind zu bekommen (zu seiner Verteidigung sei erwähnt, dass HIV und andere Krankheiten durchaus Gesprächsthema in meiner Jugend waren, also gilt Verhütung auch zum Schutz vor Krankheiten bei ihm, aber der Fokus scheint woanders zu liegen). Ich lasse mich nun also überraschen und werde dieses Jahr den Kampf gegen die Windmühlen aufnehmen, wenn es denn dazu kommt.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

44 Kommentare zu „Ach, das ist doch ein Mädchen…“

  1. Lass die Leute reden, lieber Ben. Aber nicht nur. Rede mit! Liebe zwischen Menschen ist elementar. Leider wird sie eher zwischen Frauen toleriert. Dann kann sich Mann daran ergötzen und gefakete, lesbische Pornos schauen.

    Auch wir feiern Weihnachten. Yukis und meine Familie haben das in Deutschland quasi adaptiert. Mein Papa wird höchstens hoffnungsvoll nach einem Enkel fragen, dem er dann Karate beibringen wird 😉

    1. Nadalya, ich habe solche Gespräche schon mit meinem Vater geführt, ohne dass er sich nur einen Zentimeter in seiner Ansicht bewegt hätte. Am Weihnachten vor zwei Jahren, fehlte mir einfach die Kraft, nicht nur gegen ihn, sondern gegen insgesamt sechs Leute zu argumentieren. Und über Pornos werde ich nicht mit dir streiten, aber ich habe kein Problem mit zwei gefälschten Lesben 😉

      Hach, ein Enkel für die zukünftige Karate-Generation, sozusagen ein Karate Kid…ich hab schon die gesamte Geschichte vor Augen…also worauf wartet ihr gleich nochmal? 😉

      1. Du bist doof! 😀 Du und mein Papa würden sich prima verstehen. Er meint es nicht böse. Aber ich weiß, dass er sich riesig freuen wird. Und ich werde das Kind auch gern in seine Obhut geben, wenn wir eins haben sollten.

        Allein gegen die Mafia sozusagen? Gegen diese Übermacht anzukommen ist schwer. Schade, dass dein Vater es so sieht.

        Was du in diesen Pornos siehst sind hetero Frauen. Darauf stehst du? Interessant! 😛

      2. Oh, ich habe aber keine Kampferfahrung, außer ein wenig JuJutsu..aber vermutlich könnte dein Paps mir was beibringen 😀 also gib mich einfach in seine Obhut anstatt des Kindes 😉

        Ja, la familia ist so eine Sache…aber jenen Kampf darf man dennoch immer mal führen, besonders wenn der eigene Bruder auch solche dummen Floskeln raushaut…

        Was interessiert mich die Sexualität der Frauen in Pornos, denn mit mir schlafen sie ja eh nicht 😉

      3. Ich mag solche Filme nicht. Romantische Liebesszenen geben mir tausendmal mehr.

        Vielleicht ein Tipp zum Kampf: Nutze die Kraft des Gegners gegen ihn, setze aber keine eigene Kraft ein.

      4. Ohje, ich hab schon geahnt, dass da noch eine ernsthafte Diskussion entsteht zum Thema Pornos, dabei war das doch allein ein augenzwinkernder Kommentar. 😉

        Der Kampf wird von meiner Seite aus mit Argumenten geführt. Ich könnte auch polemisch auf solche Gespräche reagieren, aber ob das dann von allen verstanden wird, da bin ich mir nicht sicher. 😀

      5. Diese Filme sind von Mann für Mann gemacht. Und die haben von Frauen keine Ahnung. Ich habe mir solche Machwerke aus Neugier angeschaut und Schreikrämpfe vor Lachen bekommen.

        Deine Argumente sollten zwar stark sein, aber die Kraft deiner Gegner ausnutzen. Wie im Aikido.

      6. Ich rätsle noch immer, warum du tatsächlich versuchst, dich mit mir über Pornos zu unterhalten, nachdem das für mich nie ein ernsthaftes Thema war…

        Und welche Kraft ist es, die meine Gegner besitzen? Da komm ich gerade nicht mit…

      7. Bin ich so unklar? Spreche ich indirekt? NEIN ich mag mich nicht über Pornos unterhalten. Klar jetzt? Setzen! Sechs! 😉

        Deine Gegner (Familie) setzten „Kraft“ (Argumente) ein. Der Fehler wäre ihnen nun ebenfalls mit (aller) Kraft zu begegnen. Die Kunst des Aikido: Nutze die Kraft deiner Gegner. Hebele sie aus. Klar jetzt?

      8. Dafür hast du aber eine Menge über Pornos gesprochen. Aber mir scheint, du bist heute in Kampfeslust. Es war mir nie ein Bedürfnis, eine Diskussion über Pornos zu führen, weshalb ich mit einer scherzhaften Antwort reagierte…nun denn, so wäre das abgeschlossen. Riecht ja schon fast nach einem Eintrag, der sich allein damit beschäftigt, wie ich zu Pornos stehe und wie es dazu kam, aber eigentlich behagt mir das Thema nicht so sehr, als dass ich es in einen Eintrag einbauen möchte.

        Ich verstehe, wie es im Kampf funktioniert, aber noch immer sprichst du in Rätseln. Es hat etwas von einer Unterhaltung mit dem Orakel von Delphi…denn du lässt mich im Unklaren, was du als Hebel ansiehst.

      9. Bei Diskussionen mit homophoben Menschen werden von deren Seite oft Totschlagargumente benutzt. Oder „starke Worte“ gebraucht. Wenn du nun mit aller Leidenschaft (Kraft) argumentierst, wirst du dich lediglich verausgaben und irgendwann selbst keine Kraft mehr haben. Du kannst nun dazu übergehen, ihre Argumente gegen sie zu benutzen. Da ich sie nicht kenne und da ich nicht deinen Kampf führen kann, werde ich dir keinen konkreten Rat geben können.

        Ein Stichwort noch: Gelassenheit. Lass dich nicht provozieren. Schenke ihnen ein Lächeln.

        Nein ich bin nicht in Kampfeslust. Allenfalls dann, wenn ich den Koalitionsvertrag der Roten Putten mit der Schwarzen Rotte lese.

      10. Ich weiß nicht, ob ich solch ein Gespräch nicht auch emotional sehen würde…insofern kann ich nicht sagen, ob ich mich da nicht auch provozieren lassen würde. Vermutlich wäre das Gespräch eh sehr schnell vorbei, wenn eben nicht jeder in den Kanon mit einstimmt, sondern ein anderes Lied singt.

        Aha, ich sah vorhin das Streitvideo zwischen Gabriel und Slomka, welches mich auch mit dem Kopf schütteln ließ. Ansonsten habe ich mich noch nicht mit den neuesten Nachrichten beschäftigt. Da hab ich ja auch deinen Blog, der womöglich wieder eine kunstvolle Karikatur bereithält. 😀 so, ich muss langsam mal los und noch einen Reifen für mein Zweitrad besorgen, denn der alte hat ein riesiges Loch, was mir erst jetzt auffiel, nachdem ich einen neuen Schlauch eingesetzt habe und dieser sich plötzlich aus dem Reifen herausdrückte 😉

      11. Ich werde eine Weile schweigen. Wollte ich diese Woche schon. Aber die letzten Themen fielen mir so nebenbei ein. Also raus damit 😉

        Wege zu mehr Gelassenheit kann ich in meinem Blog leider schlecht vermitteln, lieber Ben. Aber du kannst das! Schönen Tag dir.

      12. Hm…und ich wollte schreiben und schwieg 😉 verrückt 😀

        Ja, die Gelassenheit muss man sich eh selbst suchen. Auch dir einen schönen Tag und ein wundervolles Wochenende.

  2. Schwieriges Thema am Land. Ich habe jahrelang gegen allerlei Vorurteile meiner Großeltern gekämpft – Ausländer, Raucher, Homosexuelle, große Menschen, kleine Menschen, dünne Menschen, dicke Menschen,…..
    Vor ca. 10 Jahre habe ich angefangen aufzugeben. Es gibt Menschen die sind Argumenten einfach nicht zugänglich. Schade nur, dass dir das dein Weihnachtsfest verdirbt! Ich werde an dich denken, wenn ich in meiner kleinen Familienblase mit sehr reflektierten, toleranten Menschen, feiern darf.
    LG

    1. Man kann solch einen Kampf nicht immer und ständig und ewig führen und gerade bei der älteren Generation habe ich es auch aufgegeben. Es trifft mich aber, wenn ich jenen Blödsinn aus den Mündern der Menschen in meinem Alter höre…denn die können sich nicht rausreden, dass es die Gesellschaft ihrer Zeit war…das ist zwar eh ne lahme Ausrede, aber heutzutage auch nicht mehr treffend.

      Und keine Sorge, ich war nie ein großer Fan von Weihnachten und deswegen störte es mich auch nicht im Geringsten, dass ich letztes Jahr allein in meiner Wohnung war. Ich hab es sogar genossen, dass das gesamte Haus ruhig war und ich so ich wollte, Musik hören konnte 😀

      LG an dich zurück!

      1. Ich mochte Weihnachten früher auch nicht. War mir viel zu scheinheilig und aufgesetzt. Das ganze Jahr über streiten und zu Weihnachten dann einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen. Ich habe etliche Weihnachten alleine zu Hause verbracht, kann deinen Wunsch nach Ruhe also absolut nachvollziehen! 🙂

  3. Hmm, ich habe bis jetzt auch immer eher die KLappe gehalten, um den Haussegen hängen zu lassen, aber so manche Streitthemen brennen mir doch auch auf der Zunge. Das hier steht ganz oben auf, gerade bei meinen Großeltern- meine Eltern sind da bereits ein bisschen toleranter (wobei es auch hier genug Streitthemen gint ;-)) … Der Rat meiner Groeltern als ich nach Afrika ging: Dass du mir ja keinen Schwarzen mitbringst…das ist leider nicht mals mehr zum schmunzeln geeignet…

    1. Ja, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es Sinn macht, mit Großeltern zu diskutieren, die sind meist zu borniert und es bringt wohl mehr, sich die Kraft für die eigene Genration und die Eltern aufzusparen 😉 aber ich komme gern bei deinem nächsten Heimbesuch mit und male mich mit Schuhcreme an, das hat die Leute früher schon geschockt…

      1. eigentlich ists schon echt traurig, das man ab einem bestimmten Alter so stark auf seiner eigenen Meinung festgefahren ist… Diskussionsversuche machen hier wahrscheinlich wirklich lkeinen Sinn, auch wenn es immer wieder alle versuchen, was dann gerade an Weihnachten immer zu Streit führt… aber angemalt mit Schuhcreme, das wär ein Spaß. Ich weiß nur nicht, ob sie dich dann nicht direkt zum Schornstein weiter schicken 😉

  4. „…dass die Welt dort noch eine flache Scheibe ist, während man hier in der (Groß-)Stadt zumindest anerkennt, dass die Scheibe womöglich gebogen sein könnte, ja hier sieht man sogar einen Regenbogen.“

    Gefällt mir 🙂

  5. Ein leidiges Thema, dass ich mit meinem Ex-Mann führen musste und mir zeigte, wie intolerant er ist. Sätze wie… sollte unser Sohn schwul werden, dann hätte ich was falsch in der Erziehung gemacht… Mir bleibt es einfach unverständlich, dass es immer noch so engstirnige Menschen um uns herum gibt.

    Heute möchte ich dir aber einen ganz besonderen Gruß schicken … bzw. liebe Grüße von Anais, Candy und mir …

    1. Das scheint schon ein sehr langer und schwieriger Kampf zu sein, den wir da führen müssen und es muss einen doch wirklich hart treffen, wenn die Person, die man liebt, also mit der man sich verbunden fühlt, so etwas sagt und dann auch noch über das gemeinsame Kind.

      Vielen Dank für den lieben Gruß an euch drei Lieben!

      1. Na ja, bei manchen Leuten schießt mir die Milch in meine Männerbrust und das Helfersyndrom meldet sich… Aber hilfebedürftig bist du gar nicht: du bist stark! 🙂

      2. Wer hat die schwachen Seiten nicht?
        Ich wollte nur sagen, dass ich unter der gleichen „Krankheit“ leide. (So nannte es meine Mutter als ich 20 war und schickte mich zum Psychiater… Ein paar Monate später bin ich dann nach Europa ausgewandert, weil meine Eltern damit nicht klar gekommen wären.)

      3. Das ist natürlich krass, also wenn gerade die Eltern damit nicht klarkommen, aber du hast ja auch irgendwie deinen Weg gefunden. Immerhin bis nach Europa 🙂

      4. Die Homophobie im Elternhaus hat mich aber geprägt… Und glücklich und zufrieden bin ich hier auch nicht 😦
        Egal, das Leben geht trotzdem weiter! 😉

      5. Die Homophobie ist ja gesellschaftlich schon ein riesen Problem, aber Zuhause ist es noch mal heftiger…aber schön, dass du nicht aufgegeben hast, auch wenn du dich nicht glücklich fühlst.

      6. Heißt es nicht irgendwo, dass das Leben ohne Liebe nur Existieren ist? Ich existiere…

      7. Ich könnte jetzt schreiben, dass die Liebe schon noch kommen wird, das habe ich selbst immer wieder erlebt, aber ich weiß auch, dass eine Zeiten gibt, da erscheint so eine Aussage lachhaft und man ärgert sich eher darüber. Ich glaube aber, dass das Leben auch ohne Liebe mehr ist, als nur pure Existenz.

      8. Wie bereits in unserem Gespräch über die Transition Towns erwähnt, bin ich über 40. Die Szene ist verdammt oberflächlich und ich arbeite daran, nicht enttäuscht zu sein, wenn es das war mit dem Liebesleben…
        Also, mir fehlt der Partner schon… Nicht als Sex“provider“, aber als Wegbegleiter, Vertrauter, Kuschelmonster 😉

      9. Hm…wie gesagt, ich will hier nicht irgendwelche Sprüche klopfen und die Zukunft kenne ich nicht, aber ich bin guter Dinge, dass ich dieses Leben nicht zu unrecht gelebt habe, selbst wenn ich keine Liebe finden sollte. Aber natürlich wäre eine gute Seele neben einem schon ein schönes Geschenk. 🙂

      10. Spiritistisch gesehen wird kein Leben zu unrecht gelebt. Jedes Leben ist sinnvoll und wird vor der Empfängnis geplant. So gesehen erfüllen wir auf der Erde nur einen Plan, der im Jenseits zusammen geklöppelt wurde…
        Welch ein Thema – Hältst du mich jetzt für einen Spinner?

      11. Freut mich! 🙂

        Ich pack’s jetzt. Gute Nacht und schlaf gut! 😉

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