Die richtigen Worte

Sachte tippte Ben auf die Tasten seines Laptops, um Julie nicht zu wecken. Seine Wohnung fand sie riesig und das war sie auch. Es war zwar nur ein Zimmer, aber es fand ein Schlafbereich, ein großer, vergammelter Holztisch und eine Küche darin platz. Auch ein Kleiderschrank war zu finden und außer der großen Haustür aus Metall gab es nur eine andere ins Bad. Für solch eine Wohnung würden andere Leute wohl töten, weil sie einen weiten Blick über die Stadt bot und dazu so angenehm ruhig war. Vermutlich war die Decke höher als drei Meter, aber dazwischen hatte man sicherlich eine schalldichte Schicht eingearbeitet, zumindest hörte man nie einen Tritt oder ein Wort von den Nachbarn, es war eine kleiner abgeschlossener Kosmos.

Ben saß in der Mitte des Raumes am Tisch, als er die Zeilen für sie tippte. Er hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, was er für ein Betrüger er war, seine Texte zu verkaufen, denn es waren die Worte, die ihm durch den Kopf gingen und an denen er nie feilte. Hie und da mussten ein paar Stellen ausgebessert werden, doch sie trafen schon in der Rohform immer genau ins Herz. Es war ihm einmal aufgefallen, als er einen Brief an einen guten Freund schrieb und ihm selbst die Tränen dabei kamen, wie sehr die ausgesprochene Wahrheit treffen kann, selbst wenn man sie zuvor schon wusste und sein Freund genoss jene Zeilen ebenfalls mit feuchten Wangen.

Doch dieses Mal war es keine Geschichte oder ein Freund, sondern Julie und immer wieder begann er den ersten Satz, nur um ihn danach wieder zu löschen. Nein, das sah ihm so gar nicht ähnlich und vermutlich würde dieser Brief wohl das schlimmste Schriftstück werden, was er jemals angefertigt hatte und dabei wollte er es doch perfekt machen, nur dieses eine Mal. Er wollte sie nicht erschrecken und nicht erdrücken mit seinen Worten, doch seinen Gefühlen musste er eine Schleuse öffnen, durch die sie entweichen konnten. Natürlich sollte es nicht so ein abgewetzter Satz wie „ich liebe dich“ sein, der wäre zu unbedeutend und gleichzeitig viel zu gewaltig, nein dafür war er zu sehr ein Mensch, der immer gegen den Strom schwimmen musste. Es müsste eher in die Richtung gehen, dass sie der Mensch sei, den er bis an sein Lebensende täglich sehen wollte. Doch jedes Mal, wenn er einen Gedanken zu Worten formte, erschrak er vor dem, was an Buchstaben auf seinem Bildschirm auftauchte.

Schlussendlich klappte er den Deckel entnervt zu und beschloss, beim Bäcker frische Brötchen zu holen. Julie sollte vom Duft geweckt werden. Leise tapste er durch die Wohnung, zog sich an und griff nach seinen Schuhen, in die er erst vor der Tür schlüpfen würde. Den Schlüssel steckte Ben von außen in die Tür und zog sie mit zurückgezogenem Schloss zu, damit sie nicht wach werden würde. Doch kaum hatte er die Wohnung verlassen, schlug Julie die Augen auf und die Decke zu Seite. Nur zu gespannt wollte sie sehen, woran Ben seit mindestens einer Stunde geschrieben haben musste und las mit einem breiten Grinsen die Worte „Nur Du“.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

20 Kommentare zu „Die richtigen Worte“

  1. Manchmal muß man halt lange filtern, bis man die perfekte Essenz hat. Das hat der andere Ben schon gut gemacht. Der beste Liebesbeweis verbirgt sich für mich im komplette letzten Absatz. Ich sehe den anderen Ben vor meinen Augen: leise, achtsam, behutsam. Ich meine: mit zurückgezogenem Schlosse die Tür zu ziehen! Dafür bekommt der Denanderenbengutbeobachtetben ein Supersternchen.

      1. Tja, aber ob Ben diese Worte bewusst dort stehen ließ oder sie eher aus seinem Unterbewusstsein übrig gelassen wurden, werden wir wohl nie erfahren. 😀

      1. Oh doch, er war unbesonders, weil er so alltäglich ist. Ich mag es, in ein solches Bild einzutauchen, das durchaus auch meines sein könnte (damit meine ich nicht deinen Text, sondern meine Sicht). Man sieht „ruhig“, man sieht „liebevoll“ und man sieht „ziellos“ – Letzteres der Schluss dann allerdings verändert. Und man fühlt: Getroffen!

      2. Ich habe gerade „Horst“ gelesen und denke, dass ich in dem Text gefunden habe, was du meinst… und ich finde die Schilderung des Alltags durchaus besonders, denn meistens nimmt man doch gar nicht wahr, dass man lebt und was man für schöne Momente erlebt. Ich sehe das zumindest bei vielen Leuten und erinnere mich selbst gern an die Schönheit eines Morgens zu zweit, bei dem man vom Frühstücksduft geweckt wird. 🙂

      3. Ja, „Alltäglich“ ist für mich Besonderes, weil ich mich als Leser nicht unbedingt auseinandersetzen muss, sondern wiedererkennen darf. Schreibst du alltäglich, gibst mir, dem Leser, die Möglichkeit, mich einzulassen. Das Schöne an Alltagsgeschichten ist: Sie können berühren.

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