Julié

Als er erwachte, spürte er den schweren Herzschlag, doch raste sein Herz nicht, es war einige Male langsamer als gewöhnlich. Durch das milchig weiße Fenster in der Decke fiel ein leicht bläuliches Licht in die Kajüte und hin und wieder klatschte eine Welle an die hölzerne Wand des Schiffes. Ihm war nicht nach aufstehen, doch konnte er auch nicht schlafen, seine Gedanken kreisten in diesem Moment wieder um Julié. Ihre zarte Haut, diese blauen Augen mit den blonden Locken und einem ewig jugendlichen Lächeln.

Es war ein schöner Morgen in dem kleinen Zimmer der Herberge. Sie hatte ihre Augen noch geschlossen und sah so zufrieden aus. Letzte Nacht war sie so ermüdet von der Wanderung durch die Toscana, dass sie ohne sich auszuziehen ins Bett fiel und sofort einschlief, während er sich im Badezimmer die Zähne putzte. Als er wieder ins Zimmer zurückkehrte, wagte er nicht, sie zu wecken. Stattdessen deckte er sie nur zu und kuschelte sich an sie. Mitten in der Nacht erwachte er durch ein Säuseln von ihr, er legte seinen Arm um sie und drückte seinen Körper näher an ihren. Sie wachte dabei leicht auf, drehte ihren Kopf in seine Richtung und er nahm diese Einladung zum Kuss sofort an. Julié blieb danach nicht lange angezogen und auch seine Unterhose hatte ihre Zeit im Bett verwirkt. Sie waren eins in diesem Moment, sie auf ihm, er ihn ihr und doch jeder in dem anderen, jeder in sich selbst.
An jenem Morgen danach lag er also neben ihr und betrachtete ihr Gesicht.

Vor der Reise hatte sie ihm gestanden, dass sie „zu spät dran sei“. Sie hatte lange rumgedruckst, da er nie Kinder wollte und dennoch hatten sich beide so oft von der Leidenschaft einnehmen lassen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das passieren musste. Er war damals zerstreut, wusste nicht, was er machen sollte und das Gespräch war ohne Ausgang beendet worden. Er verließ damals die Wohnung und ließ sie allein zurück, um nachzudenken. Er sah sein bisheriges Leben und die damit verbundene Freiheit, sah sich selbst als einsamen Wolf, der er selbst der Mittelpunkt in seinem Leben war. Er bekam Angst davor ein grauer Mensch zu werden, der nur sein Alltagsleben kennt.
Als er sich von seiner Zerstreutheit erholt hatte, wurde ihm bewusst, was er ihr in diesem Augenblick zumutete. er hatte die Reiseunterlagen in seiner Jacke, die er ihr zum Geburtstag schenken wollte und eilte zurück zu ihr. Ihm wurde klar, dass er selbst bis hierhin ein graues Alltagsleben führte und die Sonne, die Farbe in diese Welt brachte, war Julié. Als er in der Wohnung ankam, war abgeschlossen. Sie hatte die Wohnung verlassen und so versuchte er sie anzurufen, doch ihr Telefon war abgeschaltet. Er rannte durch die nächsten Gassen und suchte nach ihr, bis er plötzlich vor einem Cafe stand. Sie hatten sich damals hier zum ersten Mal zu zweit unterhalten. Hatten sich angelächelt und tief in die Augen gesehen. Er hatte ihre Hand ergriffen, die erwartend auf dem Tisch gelegen hatte. Danach zeigte sie ihm noch eine menschenleere Stelle am Fluss, ein Punkt, wo das tosende Geräusch des brechenden Wassers jedes Wort verschlang, hier küssten sie sich zum ersten Mal. Er rannte zu jenem Punkt. Dort fand er sie, wie sie ins Wasser starrte. Nur wenige Schritte hinter ihr rief er ihren Namen, sie zuckte kurz. Er nahm die nächsten Schritte und umgriff sie. Sein Mund war direkt an ihrem Ohr: „Ich liebe Dich.“

Am Morgen in der Herberge betrachtete er sie und sie lächelte ihn an, als sie erwachte. Wie in der Nacht fielen sie wieder übereinander her und er schlief danach zufrieden ein. Als er wieder aufwachte, war ihm kalt von dem offenen Fenster. Auf dem Tisch neben dem Bett lag ein Zettel: „Ich hole nur schnell was vom Bäcker.“ Er ging ins Bad, putzte sich die Zähne und duschte lang um die Kälte wieder aus seinem Körper zu bekommen. Als er die Tür ins Zimmer öffnete, erwartete er den Geruch von frischen Brötchen, doch er war noch immer allein in dem Zimmer. Er zog sich seine Jeans und ein Hemd an, schlüpfte in seine Stiefel und machte sich auf den Weg zur Rezeption. Es war niemand dort, stattdessen hörte er von draußen Lärm. Er öffnete die Tür und sah Julié auf der Straße liegen. All die Menschen und Autos verschwanden vor seinem Augen, er sah nur Julié, die leblos am Boden lag. Er wollte zu ihr laufen, doch ließen ihn seine Beine ihm Stich…

Das war drei Jahre her und nun lag er in seiner Koje. Er hatte schon lange nicht mehr an jenen Tag gedacht, nicht so intensiv. Alles erschien ihm, als wäre es in diesem Moment erst passiert. Er griff sich an die Brust um seinen Herzschlag zu überprüfen und stellte fest, dass es wirklich langsamer schlug als sonst. Jedes Pochen schmerzte und er schleppte sich auf das Deck seines kleinen Bootes. Hier sah er die Akazienbäume der italienischen Küste. Er vergaß den Schmerz in seiner Brust und legte sich aufs Deck. Er sah in den Himmel und schloss die Augen.

Der Text entstand bereits vor zwei Jahren und jetzt wollte ich ihn auch hier einmal hochladen. Er ist mit Sicherheit nicht der (farben-)fröhlichste, aber einer, der mir sehr am Herzen lag.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

22 Kommentare zu „Julié“

  1. Vielleicht nicht fröhlich, aber sehr wohl farbenfröhlich. Ich sehe viele Grautöne, aber auch das Rot der Leidenschaft, das zarte Himmelblau der Liebe, das Schwarz des Schmerzes und das Dunkelgrün der Sehnsucht.

    1. Nunja, da es von mir ist, muss es ja auch farbenfröhlich sein 😉 ich überlege gerade, ob ich die einzelnen Abschnitte farblich markiere, damit man sie leichter zuordnen kann…aber vermutlich traue ich da dem Leser wieder zu wenig zu…

      1. Das ist doch hoffentlich Fishing for Compliments, was du da schreibst, oder? Du bist ein toller Schriftsteller und wenn deine Texte nicht Gefühle bei mir auslösen würden, würde ich weder so viel Zeit auf deinem Blog, noch damit verbringen, mit dir in Kommentaren über Gott und die Welt (und meistens off-topic 😀 ) zu diskutieren.

      2. Ähm ne…ich hab mich wohl einfach schlecht ausgedrückt. Ich meinte, dass ich natürlich nicht ein spezielles Gefühl bei einer speziellen Person auslösen kann. Hach, aber jetzt zerschreibt sich die Aussage irgendwie…
        Also nehme ich das schöne Kompliment an. Danke sehr 😀

  2. Herr Froehlich! *tränenwegwisch* bist Du noch ganz bei Sinnen so aus dem Hinterhalt so einen Text rauszupusten? Ich muss mich jetzt erstmal sammeln gehen *schnief*
    Aber schön geschrieben… *murmel* 🙂

    1. Vielen Dank und dass ich auch mal traurige Texte schreibe, ist ja nichts neues. Vielleicht sind ja aber eh alle Leute eher positiv gestimmt, nachdem man die Feierlichkeiten noch im Herzen hat, aber den Stress hinter sich gelassen. Also womöglich der passendste Zeitpunkt für einen traurigen Text.

      1. Ich habe absolut nichts gegen traurige Texte einzuwenden- meistens finde ich sie sogar bereichernder als lustige, einfach weil sie meistens ehrlicher sind. Kein Mensch ist permanent fröhlich und das darf sich auch durchaus mal in Texten widerspiegeln.

      2. Ja, das stimmt, allerdings bin ich gerade gar nicht so unfröhlich. Draußen strahlt die Sonne am blauen Himmel und mein Kühlschrank ist mit leckeren Köstlichkeiten gefüllt. Da fühle ich mich wie in einem Hotel mit Vollpansion 🙂

      3. Hast ja selbst geschrieben, dass der Text schon älter ist, da hab ich auch nicht angenommen, dass es dir gerade schlecht geht 😉 Und es freut mich, dass es dem Herrn farbenfroehlich gut geht 😀

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