Holzwurm

Wenn man Meister Reinhard in seiner Werkstatt sieht, könnte man denken, er verwechselt das Holz mit dem Körper einer Geliebten. Immer wieder streicht er zärtlich über die glatt geschliffene Oberfläche und fährt die Konturen und die Maserungen ab. Als ihn eines Tages mal einer seiner leiseren Kunden dabei erwischte und ihn unverhohlen danach fragte, erklärte Reinhard sein Verhalten. In der Tat hat es etwas von einer liebevollen Streichelei, aber der Grund sei neben dem wunderbaren Gefühl des immer warmen Materials, seine natürliche Form und sein Inneres. Fast alle Schränke werden aus zurecht gesägten Ästen und Stämmen gefertigt, natürlich fertigt auch er auf diese Weise. Aber wenn es ein wahrhaft besonderer Tisch sein soll, dann nimmt er Äste und folgt ihrer Form, bis er vier einzigartige, aber dennoch gleichförmige Beine herausgearbeitet hat. Ein Baum lebt, selbst nach seinem Tode noch. Man spürt die liebevolle Wärme, wenn man an einem kühlen Wintertag eine Holzplatte berührt. Keine lackierte oder gar eine Spanplatte, denn da hat man den Baum tatsächlich zerstört. Aber jenes Holz, dessen Oberfläche trocken und fast wie mit kleinen Härchen zu sein scheint, das ist es, was sich selbst am kalten Tage noch warm anfühlt, wenn man seine Hand darauf legt. Der Kunde sah ihn skeptisch an, ja er hielt den Meister sogar für verrückt, doch Reinhard wusste es besser. Er fragte seinen Skeptiker, wie er sich fühlte, als er vorhin die Werkstatt betreten hatte. Ob er nicht den Geruch genossen hätte und sich dabei lebendiger gefühlt hätte, als er es zuvor tat. Der Kunde wollte nicht zustimmen, doch musste er sich eingestehen, dass er nach dem Eintritt einen tiefen Zug dieses einmaligen Duftes genommen hätte. Meister Reinhard hakte nicht weiter nach und fuhr mit der Hand leicht über die Tischplatte, bevor er nach den Stühlen für den Kunden schaute. Der Skeptiker blickte auf das eben gestreichelte Holz und konnte es sich nicht nehmen lassen, selbst mit der Hand darüber zu streichen. Ja, dieser merkwürdige Meister und seine Liebe zum Holz, wenn er ehrlich ist, dann beneidet er ihn.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

11 Kommentare zu „Holzwurm“

  1. Lieber Ben, Dein Einfühlvermögen und Deine Fähigkeit, Situationen so zu schildern, daß man mitfühlt, mitriecht, mitneidet sogar, die hauen mich regelmäßig um. Lebendiger kann man nicht schreiben. Du schaffst es, daß man unbedingt sofortgleichaufderstelle in diese Werkstatt zu Meister Reinhard will. Bonfortionös!

    1. Oh, liebste Käthe,
      das ist aber nun ein wundervolles Kompliment am Morgen und wer hört nicht gern ein solch schönes Kompliment am Morgen? Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll und fühle mich einfach pudelwohl damit 😀 und ob du es glaubst oder nicht, ich hatte danach nicht wenig Lust selbst mal wieder ein wenig Holz zu bearbeiten.

      1. Genauso ging es mir beim Lesen Deines Textes auch. Ich wollte sofort da sein und dem Meister zur Hand gehen. Das ist der Deinen Erzählkunst zu verdanken. Und zu Recht darfst Du Dich pudelwohlen, es ist mir ein Herzenskompliment.

  2. Ich kann mich dem Lob nur anschließen. Der spielerische Umgang mit den Adjektiven ist schön und blumig, jedoch nicht kitschig. Außerdem gefällt mir der ganze „Flow“ in diesem Text. Wirklich sehr gut.

    1. Vielen lieben Dank, das höre ich wirklich nur zu gern und ist der beste Treibstoff, um auch weiterhin meine kleinen Augenblicke der Menschen und der Natur „zu Papier zu bringen“. 😉

      1. Gerne.
        Und ich lese auch – wie Du vielleicht vermutest – nicht durch Deinen Blog, weil mich das Mittelmaß so anspricht.

        Ich find es schön, Deinen Gedanken und Phantasien zu folgen. Mitunter auch noch dem Austausch dazu.
        Zwischendurch finde ich es schon blöd, das hundertste Like zu verteilen oder zu kommentieren, was schon lange her ist und bereits gewürdigt wurde.
        Nun, ganz lasse ich es mir nicht nehmen. Vieles „gefällt“ nun mal und manchmal müssen ein paar Worte über die Tasten.
        Lautes Lachen und unbeabsichtigtes Singen (z. B. bei Californie Dreamin – die Version gefällt mir übrigens sehr) behalte ich für mich 🙂

      2. Du sagst ja schon beim Lesen, sich selbst zu hören sei schwierig!
        Und lass Dir sagen. Ich singe gerne und leidenschaftlich, was nicht bedeutet, dass es hörenswert ist.

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