Verrannt

Wie üblich schüttelte Charles mit dem Kopf, wenn er alte Schriften las. James hatte sich längst daran gewöhnt und fragte schon gar nicht mehr, wenn Charles danach skeptisch nach Luft schnappte. Er wusste, dass er sich gleich einen langen Vortrag anhören durfte. Er versuchte ihn zu beruhigen und auch dieses Mal hatte er sich nicht in seiner Auffassung getäuscht. „Was für bösartige Ignoranten das doch waren“, wetterte Charles. „Aber, aber, sie haben es doch nur gut gemeint“, entgegnete James, wohlwissend, dass er jetzt genau die falschen Worte gewählt hatte. „Ja, gut gemeint, wie kann es denn gut gemeint sein, wenn man seine Mitmenschen so quälte, obwohl man es einfach besser wusste?“ „Charles, wie oft hatten wir genau diesen Punkt schon, sie wussten es eben nicht besser.“ „Aber wie kann man es nicht wissen, nicht erkennen, wenn man doch nur seine Sinne nutzen musste. All das, was sie in ihrer so genannten wissenschaftlichen Suche benötigten, war dafür gar nicht notwendig. Man musste doch nur schauen, wie das eklig schwarz-braune Zeug aussah, was sie aus der Erde pumpten, um es überall zu verteilen oder zu verbrennen und dann in der Luft zu blasen. Sieht es nicht ganz genau so aus, wie jene Krebszellen, die sie in gleicher Menge aus den Menschen schnitten oder mit Chemie herausstrahlen wollten? Das muss einem doch auffallen und überhaupt, ich nenne es Folter, wenn man Menschen dadurch zu heilen versucht, dass man sie qualvoll umbringt.“ „Aber auch wir arbeiten mit Schmerzen, wenn wir Menschen heilen.Ja, keine Frage, aber wir strahlen dabei die Körper nicht zu Tode, sondern tun das, was der Körper ja auch tut, wenn er sich angegriffen fühlt. Er wehrt sich und dabei entstehen auch mal Schmerzen, zudem tun wir dank Hypnose ja nun wirklich alles dafür, dass der Schmerz nicht als solcher wahrgenommen wird, sondern als Teil unseres Daseins erfahren wird, in all seinen Facetten, nicht nur dem Verständnis, dass er schlecht ist, weil er weh tut.“ James war überrascht, dass Charles doch recht früh seine Tirade beendete und wieder ins Buch blickte. Er nahm an, dass dieser selbst einen Moment über das Gespräch reflektieren wollte, bevor er weitersprechen würde. Er musste schmunzeln, denn er fragte sich, wann Charles bemerken würde, dass er denselben Fehler machte, den auch jene Menschen damals machten, nämlich sich im endgültigen Recht zu glauben ohne neue und etablierte Erkenntnisse infrage zu stellen. Ja, die Menschen dieses zweiten Mittelalters waren blind in ihrer Ignoranz, aber wir sind nicht besser, wir machen nur andere Fehler.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

2 Kommentare zu „Verrannt“

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