Traumtänzer

„Du tanzt überhaupt nicht mehr…oder zumindest nur noch schlecht“, hattest du gesagt und es traf mich. Der ganze Streit hätte mich wohl kalt gelassen, aber das traf mich tief. Als wir uns vor Jahren kennenlernten, war ich immer dein Traumtänzer. Unsere Freunde dachten meist, du nanntest mich so, weil ich so oft träumte, aber wir wussten, dass ich der Tänzer deiner Träume war. Das Träumen habe ich mittlerweile fast verlernt und das Tanzen anscheinend auch. Stehe ich jetzt etwa auch so stocksteif zwischen den blitzenden Lichtkegeln und bewege mich merkwürdig zu den tiefen Bässen, die mir früher durch den ganzen Körper fuhren und sich in extatischen Bewegungen entluden, mich gleich einem Seiltänzer durch die Mengen gleiten ließen? Wann habe ich aufgehört zu tanzen, war es der gleiche Tag, an dem ich meine Träumerei aufgab? War es der Tag, als ich im Anzug zur Arbeit ging und des Abends müde auf die Couch fiel? Es muss jene Zeit gewesen sein und es wird Zeit. Zeit, sich das dreckige Geschirr zu nehmen und es wegzuschmeißen. Zeit, die verstaubten Regale zu zersägen und vor die Tür zu legen. Zeit, die vergilbten Tapeten mitsamt den Mauern einzureißen. Zeit, den erschöpften Menschen vor die Tür zu setzen. Wenn wir uns noch einmal begegnen sollten, dann wirst du wieder dem Traumtänzer begegnen, doch nun muss ich los und schauen, wo ich die Tanzfläche finde, die mich wieder innerlich erzittern lässt.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

10 Kommentare zu „Traumtänzer“

  1. So war ich einst die liebe seines Lebens. Und auf einmal nicht mehr. Wann, wusste er nicht mehr genau. Und geredet hat er erst mit mir darüber, als er seine neue Liebe fand. Das Gefühl, das ich nicht mehr die große Liebe für ihn bin, hatte er schon länger. Zum weg gehen hatte er aber keine Kraft. Er fand die Kraft erst, als die neue Liebe in sein Leben kam und als das Gleichgewicht sich so verlagerte, dass sein gehen sein Vorteil war.

    1. Du kanntest also mal einen Traumtänzer? Dieser hier verließ seine Liebe aber nur weil es nötig war, nicht, weil er sie nicht mehr liebte. Es tut mir leid, dass es dir so erging und dass dich der Text daran erinnerte.

      1. nun ja, sagen wir mal so. er war ein traumtänzer, und als er es nicht mehr konnte, aus welchen gründen auch immer, war er immer noch nicht bereit, fort zu gehen und seine bühne zu suchen, auf der er wieder träumen und tanzen konnte. er lebte weiter, bis er seine bühne fand, auf der er wieder tanzen und träumen konnte. und das fand ich hinterlistig, gemein, unfair und vor allem erniedrigend…

      2. Ich verstehe…nun, es gibt natürlich immer zwei Seiten, aber jener Träumer verlor sich, seine Träume und seinen Tanz im Alltag und merkte dies erst, als seine Liebe es ihm so klar und eindeutig vor Augen führte. Aber es ist eh nur eine erdachte Geschichte und du darfst somit über diesen Traumtänzer richten, er wird es dir nicht übel nehmen (können).

    1. Ja, sie hat etwas ausgesprochen persönliches, ich benutze sie nur selten, weil ich finde, dass man es damit nicht übertreiben sollte. Jene Du-Form lässt auch viel eher die Frage aufkommen, inwiefern der Text autobiografisch ist, womöglich macht sie das noch einmal mehr besonders.

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