Die letzten Tage

Sie fiel auf in der Masse, zumindest wenn man oben darauf schauen konnte. Wem sie begegnete, dem schenkte sie ein Lächeln, aber es kamen nur verhasste, gestresste und gehetzte Blicke zurück. Mitten in diesem wilden Treiben sah sie ein kleines Mädchen stehen. Sie ging auf sie zu, beugte sich herab und sprach sie an: „Hallo, kleine Prinzessin. Wo sind denn deine Eltern?“ Doch die kleine Prinzessin zuckte nur mit den Schultern. „Man nennt mich Hasenzahn“, setzte die ruhige Frau abermals an „wollen wir gemeinsam suchen?“ Die kleine Prinzessin nickte und griff sofort nach der rechten Hand der jungen Frau, die in all dem Trubel so viel Ruhe ausstrahlte. So ging das Gespann in einem großen Kreis durch die hastende Menge und lernte sich kennen. Als sich kein Erfolg einstellen wollte, fragte die Hasenzahn, was denn die Eltern erzählt hätten, bevor sie gingen. Die Prinzessin überlegte und erklärte dann, dass ihr Vater verwirrt zu sein schien, er sagte etwas davon, dass die paar Tage mehr oder weniger auch egal seien. Die junge Frau verstand sofort, was die kleine Prinzessin noch nicht verstehen konnte. Sie schluckte tief, griff dann die Hand des Mädchens und lud sie ein, mit ihr zu kommen und etwas Leckeres zu essen. Das Mädchen wusste nicht so recht, fühlte sich aber so wohl bei der noch fremden Frau, dass sie sich ihr anschloss.

Die Wohnung, die sie betraten, war recht gemütlich gehalten. Nach einer kurzen Weile standen zwei Teller mit duftend heißer Suppe auf dem Tisch. Die kleine Prinzessin hatte ordentlich Hunger und so aß sie schnell ihre Portion auf, während die junge Frau bedächtig jeden Löffel eintauchte, behutsam pustete und ihn dann erst zum Mund führte. „Warum bist du so ruhig?“, fragte die kleine Prinzessin. Die junge Frau kaute langsam und schien zu überlegte, dann setzte sie an: „Es ist so, dass ich schon sehr lange nicht mehr auf dieser Welt sein wollte. Ich fühlte mich nicht richtig an diesem Ort, aber einfach zu gehen, das hätte ich niemals getan. Ich hatte immer Angst, dass ich damit anderen Menschen Schmerzen zufügen würde. Aber seit es klar ist, dass die Welt untergehen wird, scheint es mir, als wäre dies meine Bestimmung gewesen. Denn niemals fühlte ich mich so frei, wie in diesen letzten Tagen. Es gibt nichts, was ich noch tun müsste und nichts, vor dem ich Angst haben müsste.“ Die kleine Prinzessin nickte, auch wenn sie nicht alles verstand, was ihr von Frau Hasenzahn erzählt wurde. Sie rührte mit der Kelle in dem Topf mit der Suppe, tat sich und der jungen Frau noch etwas auf und schlürfte wieder die Suppe. Sie wusste ganz ohne fragen zu müssen, dass sie neben einer Freundin saß. Einer Freundin, die sie nicht verlassen würde.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

18 Kommentare zu „Die letzten Tage“

    1. Will ich damit wirklich was sagen? Ich weiß es gar nicht so genau. Vielleicht einfach, dass man eine starke Person nicht immer sofort erkennt, weil sie sich gar nicht stark fühlt.

      1. Jaaaaa ich haaaaasssseeeeeeee offene enden! Ich gucke zuviel Horrorfilme … Die Frau steht kurz vorm sterben oder sie versteckt das Kind im Keller … Ooooooh nein ich mag das nicht 🙂

      2. Oder es kommt ein Kerl mit Fesseln in die Wohnung, der aufgrund des Weltunterganges keine moralischen Grenzen mehr kennt. Könnte alles passieren, wird es aber nicht 😀

      3. Mein Kopf reagiert eh sehr schnell und findet überall sexuelle Konnotationen…aber ich glaube, dass zwischen unseren Fesselspielen Welten liegen, sonst würde ich sofort auf diese charmante Einladung eingehen 🙂

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