Joggingrunde – Teil 1

An solch warmen Sonntagen laufe ich lieber zu dem Zeitpunkt, wenn die Sonne fast verschwunden oder gerade erst erschienen ist. Die Luft ist dann schon etwas kühler und der Himmel ist unbeschreiblich. Ich war also nach dem Aufstehen auf meiner Lieblingsstrecke unterwegs und hatte mein Tempo gefunden.

Meist weiß ich gar nicht mehr, was mir beim Laufen so ein- und auffällt, aber in diesem Moment war es die pure Schönheit der Natur. Das Rauschen der Bäume ist so anders als das monotone Gedröhn der sonst hörbaren, fernen Autos. Keine Glühlampe zaubert dir so ein Lachen ins Gesicht, wie die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Und das Lachen hatte ich über die Wintermonate ein wenig verloren. Es ging mit dem Herzen und kein Flirt wollte so recht jene Flamme wieder entzünden, die doch sonst so gern flackert. Das Thema „Frau“ war also abgehakt und das machte das Leben leichter, die Flirts übrigens auch.

Es war dann plötzlich ein lautes Atmen und Schritte hinter mir zu hören. Ein wenig zurückblickend, nahm ich eine Person hinter mir wahr, die schneller als ich sein musste, also machte ich mich auf die rechte Seite des doch recht engen Feldweges, doch das Überholen blieb aus.

Es gibt diese Momente auch in der Stadt, wenn schon weniger Leute unterwegs sind und dann merkt man plötzlich, wie Jemand hinter einem hergeht und weder überholt, noch zurückfällt. In der Stadt bleibe ich dann einfach abrupt stehen und drehe mich um. Man wird dann endlich überholt und kann sich daraufhin, wenn man seinen Weg fortsetzt, wieder seinen Gedanken widmen und eben nicht dem nervigen „Verfolger“.

Aber hier war das eine andere Situation und ich überlegte, ob ich mein Tempo einfach verändern sollte. Langsamer wollte ich nicht werden, denn dann wäre mein Vorhaben, meine Bestzeit zu unterbieten, in Gefahr. Schneller werden war durchaus möglich, aber mit der Gefahr verbunden, dass dann etwas später ein umso heftigerer Einbruch folgen würde. Ich lauschte noch einmal genau und der Abstand schien sich nicht verändert zu haben. Ich drehte mich im Lauf um und blickte die Person an, die sich erschrak. Ohne ein Wort zu sagen, deutete ich an, dass sie mich ruhig überholen solle, während mein Gesicht eine amüsante Mischung aus einem Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue darstellte. Sie rief mir zu, dass ich ihr eine gute Geschwindigkeit vorgebe und ob es okay sei. Mit dieser Absprache war es in Ordnung für mich. Ich nickte und just in dem Moment trat ich in eine Kuhle und fiel zu Boden.

Die Läuferin blieb neben mir stehen und half mir auf, während sie sich erkundigte, ob ich mich verletzt hätte. Hatte ich nicht und so nahmen wir den Lauf wieder auf. Mein Vorhaben bezüglich der Bestzeit hatte ich jetzt allerdings aufgegeben und auch sie schien mich nicht als Geschwindigkeitsgeber nehmen zu wollen und so liefen wir die Strecke wortlos nebeneinander her.

Beim Joggen eine Person kennenzulernen ist eigentlich unmöglich, weil man nie die gleiche Geschwindigkeit hat und man zudem andere Wege läuft, aber genau deswegen war sie überhaupt erst hinter mich gekommen, denn eine Kreuzung hatte unsere Wege vereint.

Ein Flirt ist noch weniger möglich, da man beim Joggen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen will – ich zumindest nicht, aber da hab ich tatsächlich auch schon andere „Läufer“ gesehen. So war es aber genau richtig: einfach zwei Menschen, die das gleiche Tempo und die gleiche Richtung hatten.

Als wir das waldige Grün verließen, gab sie mir einen sanften Stoß in die Rippen, um sich zu verabschieden und zu dem Haus zu laufen, in dem sie wohl wohnte. Ich sah ihr noch ein wenig nach und grinste dann vor mich hin, da der ganze Lauf doch sehr besonders war.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

26 Kommentare zu „Joggingrunde – Teil 1“

      1. Ja, aber dann lesen die Leute nachher noch den zweiten Teil vor dem ersten oder gar den dritten Teil vor den zwei anderen…hach, dann ist ja alles schon verraten.

      1. Also ich habe da auch meistens einen sehr emotionslosen Ausdruck im Gesicht, weil ich einfach abschalte, aber sobald mir Menschen begegnen, reißt mich das heraus und das Lächeln kommt dann ganz von allein

      2. Ah okay…also bei mir hängt das sehr stark von den Umständen ab. Wenn mir die Sonne entgegenlacht, dann lache ich die ganze Zeit zurück, aber manchmal mache ich das auch einfach nur, um mich wieder fit zu fühlen, nachdem ich längere Zeit nichts gemacht habe, da schalte ich dann eher ab.

  1. Ich lese derzeit einige Blogeinträge von dir nach, und Teil 1 gefällt mir extrem gut. Ich hoffe irgendwann mal jemanden einfach so kennenzulernen, okay, ich jogge nicht, machen meine Knie nicht mehr so mir „grins“, aber beim Fahrradfahren, oder beim Einkaufen, einfach so, nicht auf einer Flirtplattform, letztes Jahr lernte ich jemanden in Venedig kennen, wir unterhielten uns, fast ne Stunde lang, doch dann musste ich gehen, und wir haben keine Telefonnummern ausgetäuscht, echt doof, naja, wie heißt es sooo schön, die Hoffnung stirbt zuletzt 🙂 und jetzt kommt Teil II dran, schönen Ostersonntag, glg Lydia

    1. Also das ist ja mal total toll, dass du dich durch meinen Blog wühlst und ja, einfach so jemanden kennenzulernen, das erscheint mir die einzig richtige Weise. Mit Flirtplattformen hab ich mich früher mal versucht und muss ganz klar sagen, dass es nichts für mich ist. Zu groß war der Unterschied in der Realität. Man hat so viele erdachte Sinneseindrücke, die im wahren Leben niemals stimmen können…
      Und der Herr in Venedig…das klingt doch nach einer schönen Geschichte und beweist, dass es passieren kann. Und beim nächsten Mal holst du dir auch die Nummer dazu 😀
      Genieße auch du denen Ostersonntag,
      Liebste Grüße, Ben

      1. ja, ich hab mich heute durch viele Blogs gelesen, nahm mir die Zeit, sonst fehlt sie mir…bzw. hab auch manchmal wenig Muse

        und schönen Sonntag gehabt? Meiner war okay, hatte keinen Streß, relaxt, deswegen auch Zeit gehabt zu lesen, Tochter hat gekocht…

        und jetzt ist er rum, der Ostersonntag, guts Nächtle

      2. Ah okay, das kenne ich nur zu gut. Mir fehlt häufig auch die Zeit und manchmal auch die Lust und ohne die bringt es nichts, die Zeilen „abzuscannen“…

        Ich hab den halben Tag verschlafen und die zweite Hälfte mit Freunden beim Grillen und Quatschen verbracht 🙂

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