Rüge nicht!

Lügerin sagte ich und wurde korrigiert. „Lügnerin“ heißt es doch. Aber warum nur? Das Wort ist doch „Lüge“ und nicht „Lügne“…vermutlich müsste man es eh geschlechtsneutral in eine Partizipkonstruktion setzen und eine Lügende daraus machen, wobei dann die Gefahr besteht, dass aus Lügenden Legenden werden. Obwohl das ja gar nicht so abwegig ist…wo wollte ich nur hin…ah, es ging um die Rüge einer Lüge…

Joggingrunde – Teil 3

Auf dem Weg zum Bäcker kamen mir kurz Zweifel, ob es so schlau war, eine Fremde allein in meiner Wohnung zu lassen und dann musste ich doch schmunzeln. Wie vielen Couchsurfern hatte ich schon den Schlüssel gutgläubig in die Hand gedrückt, dass ich mir jetzt nun wirklich keine Gedanken machen brauchte.

In der Schlange vor der Theke lassen sich die verschiedensten Typen beobachten. Da haben wir die alten Damen, die sich eine große Tüte mit allerlei Gebäck packen lassen. Vermutlich brauchen sie so lang zum Bäcker, dass sie zur Wegzehrung etwas brauchen und es so wohl nur einmal in der Woche den beschwerlichen Weg laufen müssen. Dann das junge Paar, welches gestriegelt aus dem mittelgroßen Mercedes aussteigen, nicht, weil sie zu faul wären, sondern weil sonst niemand den Wohlstand bemerken würde, in dem sie leben. Dann gibt es den schnaufenden Kerl, der selbst am Sonntagmorgen nicht die Nerven hat, dass die alte Dame eben jeden Cent einzeln aus ihrem Portemonnaie kramt und natürlich noch uns restliche Frischgebäckgenießer, die die Zeit nutzen, sich zu entscheiden, was sie denn eigentlich haben wollen, um dann das letzte Käsebrötchen an die Person vor sich zu verlieren.

Ich hatte mich für ein paar Vollkorn- und für Sonnenblumenkernbrötchen entschieden und war nach weiteren zehn Minuten wieder in meiner Wohnung. Die Tür zum Badezimmer stand offen und der Spiegel war noch leicht beschlagen. Die Joggerin kam mir in das übergroße Badetuch eingewickelt und zusätzlich noch im Bademantel entgegen, denn bei dem Plan zu duschen hatten wir jeweils vergessen, dass man danach nur ungern wieder in verschwitzte Laufklamotten schlüpft. Mir gefiel, ihre gedankenverlorene Art, die mir selbst zu eigen ist. Ich kramte ein indisches Fischerhemd und einen Wickelrock aus meinem Kleiderschrank hervor, dazu noch frische Unterwäsche und schickte sie ins Badezimmer, während ich im Wohnzimmer den Esstisch deckte und Wasser für einen Tee aufkochte.

Sie fragte mich, wem denn der Wickelrock gehörte und ich zeigte auf mich. Ich mag den Moment, der nach solch einer Aussage aufkommt. Ein Moment, in dem offensichtliche Gedanken durch den Kopf des Gegenübers schwirren und überlegt wird, wie man die Frage formuliert oder ob man sie gar nicht stellt. Und dann erkläre ich meist ganz ungefragt. So war es zumindest in diesem Fall, als ich zugab, dass so ein Rock einfach unheimlich bequem sei und gerade wenn es warm ist und man eh den Tag nur auf dem Balkon oder in der Wohnung verbringt, dann würde ich das sehr zu schätzen wissen. Sie nickte lächelnd.

Während wir uns die Brötchen schmecken ließen, erfuhr ich von ihr, dass sie Julia heißt. Und immer mehr wurde ich mir ihrer Attraktivität bewusst, die mit jedem Grinsen in die Welt hinaus strahlte. Kein Flirt der letzten Winterwochen fühlte sich so herzlich an, wie jeder noch so kleine Moment bei diesem Frühstück. Als ich zwischendrin mal auf die Toilette verschwand, vernahm ich ihren Gesang. Offensichtlich lag ihr die Musik, die ich herausgesucht hatte und mir gefiel ihre Stimme. Sie summte noch ein wenig weiter, als ich wieder das Zimmer betrat und ich fragte mich, ob sie sich immer so schnell einem bis dahin noch Fremden öffnete. Aber vielleicht waren wir jetzt auch schon längst keine Fremden mehr.

Joggingrunde – Teil 2

Während ich über den anthrazitfarbenen Asphalt lief, überlegte ich, wie es wohl damals bei dem Wettlauf jenem Typen gegangen sein mag, dem ich nicht von der Pelle rückte, bis nur noch die letzten zweihundert Meter vor uns lagen und ich ins Ziel hastete, während er weiterhin seine perfekte Geschwindigkeit hielt. Ich hatte mich zwar danach bei ihm dafür bedankt, dass er mich so unwissend mitgezogen hatte, aber hatte er sich womöglich von mir nervig verfolgt gefühlt? Entschuldigt hatte ich mich zumindest nicht, weder für die Verfolgung, noch für das Zurücklassen kurz vor der Zielgeraden.

Und wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine laute Atmung und schnelle Schritte hinter mir vernahm, dieses Mal würde mich die Person überholen, das stand fest, aber es schockte mich, dass jemand so viel schneller als ich unterwegs war, wo ich doch sonst immer der schnellste Läufer bin. Ich zuckte, als eine Hand meine Schulter griff.

Die Hand gehörte zu jener Joggerin von eben und ich blieb stehen. Sie hatte ihren Schlüssel vergessen und ihre Mitbewohnerin öffnete nicht. Sie fragte mich, ob ich ein Handy dabei hätte, damit sie sie anrufen könnte. Ich verneinte, worauf sie nur antwortete, was ich denn für ein Jogger wäre, der ohne Smartphone unterwegs sei. Ich entgegnete, dass ich wohl ein ebenso mieser Läufer wie sie sein müsste, die ganz offensichtlich selbst ohne Handy unterwegs war.

Ich schlug ihr vor, dass sie einfach die paar Minuten bis zu mir mitkommen sollte und von dort aus anrufen könnte. Sie willigte ein und so liefen wir auch diesen letzten Kilometer bis zu mir nebeneinander her.

Bei mir angekommen, gab ich ihr mein Handy. Sie tippte eine Nummer ein, brauchte jedoch recht lang. Mein fragender Blick wurde schnell aufgeklärt, denn sie war sich nicht sicher und ich ließ sie probieren, doch keine der Nummern wollte die gewünschte Mitbewohnerin ans Telefon bringen. Ich bot ihr einen Platz auf dem Balkon an und stellte ihr ein Glas Wasser dazu. So verließ ich sie, um schnell unter die Dusche zu springen und womöglich würde ihr dabei die Nummer einfallen.

Das Duschen rundet so einen Lauf erst ab. Es erfrischt und wirkt wie eine kleine Belohnung für die Mühen. Man hat sich den Schweiß eben erst erarbeiten müssen, der nun wieder runter von der Haut soll. Ein paar Momente später, stand ich also in frischen Klamotten vor dem verschwitzten und verzweifelten Etwas. Ich verschwand, um direkt darauf wieder vor ihr zu stehen, dieses Mal mit einem Badetuch und der Frage, ob sie sich nicht duschen möchte, während ich frische Brötchen vom Bäcker besorge. Sie zuckte zurück, das war vermutlich doch zu intim für unser erstes Kennenlernen. Während ich mich wieder umdrehte, sah ich ein Grinsen in ihrem Gesicht und ihre Feststellung, dass so eine Dusche jetzt großartig wäre.

Joggingrunde – Teil 1

An solch warmen Sonntagen laufe ich lieber zu dem Zeitpunkt, wenn die Sonne fast verschwunden oder gerade erst erschienen ist. Die Luft ist dann schon etwas kühler und der Himmel ist unbeschreiblich. Ich war also nach dem Aufstehen auf meiner Lieblingsstrecke unterwegs und hatte mein Tempo gefunden.

Meist weiß ich gar nicht mehr, was mir beim Laufen so ein- und auffällt, aber in diesem Moment war es die pure Schönheit der Natur. Das Rauschen der Bäume ist so anders als das monotone Gedröhn der sonst hörbaren, fernen Autos. Keine Glühlampe zaubert dir so ein Lachen ins Gesicht, wie die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Und das Lachen hatte ich über die Wintermonate ein wenig verloren. Es ging mit dem Herzen und kein Flirt wollte so recht jene Flamme wieder entzünden, die doch sonst so gern flackert. Das Thema „Frau“ war also abgehakt und das machte das Leben leichter, die Flirts übrigens auch.

Es war dann plötzlich ein lautes Atmen und Schritte hinter mir zu hören. Ein wenig zurückblickend, nahm ich eine Person hinter mir wahr, die schneller als ich sein musste, also machte ich mich auf die rechte Seite des doch recht engen Feldweges, doch das Überholen blieb aus.

Es gibt diese Momente auch in der Stadt, wenn schon weniger Leute unterwegs sind und dann merkt man plötzlich, wie Jemand hinter einem hergeht und weder überholt, noch zurückfällt. In der Stadt bleibe ich dann einfach abrupt stehen und drehe mich um. Man wird dann endlich überholt und kann sich daraufhin, wenn man seinen Weg fortsetzt, wieder seinen Gedanken widmen und eben nicht dem nervigen „Verfolger“.

Aber hier war das eine andere Situation und ich überlegte, ob ich mein Tempo einfach verändern sollte. Langsamer wollte ich nicht werden, denn dann wäre mein Vorhaben, meine Bestzeit zu unterbieten, in Gefahr. Schneller werden war durchaus möglich, aber mit der Gefahr verbunden, dass dann etwas später ein umso heftigerer Einbruch folgen würde. Ich lauschte noch einmal genau und der Abstand schien sich nicht verändert zu haben. Ich drehte mich im Lauf um und blickte die Person an, die sich erschrak. Ohne ein Wort zu sagen, deutete ich an, dass sie mich ruhig überholen solle, während mein Gesicht eine amüsante Mischung aus einem Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue darstellte. Sie rief mir zu, dass ich ihr eine gute Geschwindigkeit vorgebe und ob es okay sei. Mit dieser Absprache war es in Ordnung für mich. Ich nickte und just in dem Moment trat ich in eine Kuhle und fiel zu Boden.

Die Läuferin blieb neben mir stehen und half mir auf, während sie sich erkundigte, ob ich mich verletzt hätte. Hatte ich nicht und so nahmen wir den Lauf wieder auf. Mein Vorhaben bezüglich der Bestzeit hatte ich jetzt allerdings aufgegeben und auch sie schien mich nicht als Geschwindigkeitsgeber nehmen zu wollen und so liefen wir die Strecke wortlos nebeneinander her.

Beim Joggen eine Person kennenzulernen ist eigentlich unmöglich, weil man nie die gleiche Geschwindigkeit hat und man zudem andere Wege läuft, aber genau deswegen war sie überhaupt erst hinter mich gekommen, denn eine Kreuzung hatte unsere Wege vereint.

Ein Flirt ist noch weniger möglich, da man beim Joggen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen will – ich zumindest nicht, aber da hab ich tatsächlich auch schon andere „Läufer“ gesehen. So war es aber genau richtig: einfach zwei Menschen, die das gleiche Tempo und die gleiche Richtung hatten.

Als wir das waldige Grün verließen, gab sie mir einen sanften Stoß in die Rippen, um sich zu verabschieden und zu dem Haus zu laufen, in dem sie wohl wohnte. Ich sah ihr noch ein wenig nach und grinste dann vor mich hin, da der ganze Lauf doch sehr besonders war.

Die letzten Tage

Sie fiel auf in der Masse, zumindest wenn man oben darauf schauen konnte. Wem sie begegnete, dem schenkte sie ein Lächeln, aber es kamen nur verhasste, gestresste und gehetzte Blicke zurück. Mitten in diesem wilden Treiben sah sie ein kleines Mädchen stehen. Sie ging auf sie zu, beugte sich herab und sprach sie an: „Hallo, kleine Prinzessin. Wo sind denn deine Eltern?“ Doch die kleine Prinzessin zuckte nur mit den Schultern. „Man nennt mich Hasenzahn“, setzte die ruhige Frau abermals an „wollen wir gemeinsam suchen?“ Die kleine Prinzessin nickte und griff sofort nach der rechten Hand der jungen Frau, die in all dem Trubel so viel Ruhe ausstrahlte. So ging das Gespann in einem großen Kreis durch die hastende Menge und lernte sich kennen. Als sich kein Erfolg einstellen wollte, fragte die Hasenzahn, was denn die Eltern erzählt hätten, bevor sie gingen. Die Prinzessin überlegte und erklärte dann, dass ihr Vater verwirrt zu sein schien, er sagte etwas davon, dass die paar Tage mehr oder weniger auch egal seien. Die junge Frau verstand sofort, was die kleine Prinzessin noch nicht verstehen konnte. Sie schluckte tief, griff dann die Hand des Mädchens und lud sie ein, mit ihr zu kommen und etwas Leckeres zu essen. Das Mädchen wusste nicht so recht, fühlte sich aber so wohl bei der noch fremden Frau, dass sie sich ihr anschloss.

Die Wohnung, die sie betraten, war recht gemütlich gehalten. Nach einer kurzen Weile standen zwei Teller mit duftend heißer Suppe auf dem Tisch. Die kleine Prinzessin hatte ordentlich Hunger und so aß sie schnell ihre Portion auf, während die junge Frau bedächtig jeden Löffel eintauchte, behutsam pustete und ihn dann erst zum Mund führte. „Warum bist du so ruhig?“, fragte die kleine Prinzessin. Die junge Frau kaute langsam und schien zu überlegte, dann setzte sie an: „Es ist so, dass ich schon sehr lange nicht mehr auf dieser Welt sein wollte. Ich fühlte mich nicht richtig an diesem Ort, aber einfach zu gehen, das hätte ich niemals getan. Ich hatte immer Angst, dass ich damit anderen Menschen Schmerzen zufügen würde. Aber seit es klar ist, dass die Welt untergehen wird, scheint es mir, als wäre dies meine Bestimmung gewesen. Denn niemals fühlte ich mich so frei, wie in diesen letzten Tagen. Es gibt nichts, was ich noch tun müsste und nichts, vor dem ich Angst haben müsste.“ Die kleine Prinzessin nickte, auch wenn sie nicht alles verstand, was ihr von Frau Hasenzahn erzählt wurde. Sie rührte mit der Kelle in dem Topf mit der Suppe, tat sich und der jungen Frau noch etwas auf und schlürfte wieder die Suppe. Sie wusste ganz ohne fragen zu müssen, dass sie neben einer Freundin saß. Einer Freundin, die sie nicht verlassen würde.