Schiffbrüchig

Strahlend blauer Himmel, endlos weißer Sandstrand mit prachtvollen Palmen und salziger Luft, das erwartet man doch, wenn man Schiffbruch erleidet. Tja, das trifft leider so gar nicht zu. Wir sind eben nicht gestrandet. Es war eine riskante Aktion, ins Packeis zu fahren, aber es war der kürzeste Weg und kein anderer würde uns ans Ziel führen. Zuerst schob sich das Eis immer enger zusammen und unser Kapitän hatte noch die Idee, dass wir die gesamte Ladung und uns von Bord schaffen sollten, so dass das Eis unser Schiff nach oben drücken konnte, aber trotz seiner Leichtigkeit wurde der Rumpf dann doch zermalmt.

Wir haben ein kleines Lager errichtet, da nur ein kleiner Stoßtrupp weiterziehen soll. Ich habe mich bereiterklärt, mitzugehen. Doch der heutige Tag ist noch ein letzter des Abschieds. Mein Blick geht in den blauen Himmel. Nach Sand oder Palmen brauche ich nicht zu suchen und die Luft riecht auch nicht nach Salz. Sie riecht gar nicht, wie man es aus den bitterkalten Winternächten kennt, wenn selbst die Moleküle gefrieren.

Eigentlich war mir vorher schon bewusst, dass diese Expedition keine gute Idee war, aber aus meiner damaligen Position heraus war sie es eben doch. Eine lange Reise, bei der ich jeden Tag gefordert werden würde, was könnte es besseres geben, um ihr langes, schwarzes Haar zu vergessen oder ihre dunkelbraunen Augen, ihren schlanken Beine, die wohl bis in die Ewigkeit laufen konnten. Hätte ich damals nur gewusst, dass sie diese benutzen würde, um vor mir wegzulaufen. Mein Plan ging teilweise auf, denn es gab Momente, in denen ich ihr Gesicht vergaß oder ihre Stimme oder ihren Geruch.

Es ist nur ausgeschlossen, einen Ort zu finden, der kein noch so kleines Staubkorn der Erinnerung hervorrufen könnte. Als jemand die geschälten Mandeln auspackte, war sie wieder da. In voller Pracht auf ihrem Bett. Sie, die mir ebenfalls ein paar Mandeln anbot, während sie sich selbst eine mit ihren zarten Fingern in den wunderschönen Mund schob, den ich so gern küsste. Nein, es gab kein Entrinnen, aber die Arbeit auf dem Schiff und nun in der Kälte brachte mich dennoch fort von ihr. Fort von dem ständigen Verlangen nach ihr an meiner Seite und es zog mich immer mehr zurück in mein Leben. Nur mein Leben, das war es, was ich noch vor mir sah.

Schon merkwürdig, dass ich mich vor dem Tod und vor dem Leben fürchtete, bevor ich sie traf. Als ich die Scherben der zerbrochenen Beziehung zusammenkehrte, hatte ich die Angst vor dem Tod verloren und jetzt endlich auch die vor dem Leben. Niemals hatte ich mich so frei gefühlt, selbst mit ihr nicht. Nach ihr schloss sich eine Tür, aber es tat sich keine neue auf. Nein, der gesamte Boden öffnete sich stattdessen und ließ mich fallen, bis ich in einer vollkommen neuen Welt landete.

Wenn ich mich so im Lager umschaue, dann sehe ich erschöpfte und traurige Gesichter. Ich kann sie verstehen, unsere Chancen stehen schlecht, ja sie sind sogar ausgesprochen aussichtslos. Das sind vermutlich unsere letzten Tage, aber ich kann sie mit einem Lachen angehen. Sterben wollte ich bereits, davor graut es mir nicht. Nein, ich bin dankbar für jeden Tag, jede Stunde und jede Minute, die mir noch bleibt und ziehe meine Kraft aus dem Wissen, dass unsere Zukunft noch nicht geschrieben steht. Im schlimmsten Fall findet man mich womöglich in tausenden Jahren und stellt die wildesten Theorien auf, wie ich wohl gelebt haben mag. Ob eine Theorie mein Leben erfassen wird?

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

11 Kommentare zu „Schiffbrüchig“

  1. Traurigschön und irgendwie voller tröstlicher Hoffnung. Ist es so, wenn man den letzten Weg beschreitet? Ich wünschte es. Wunderschön beschrieben, Ben. Bitte lesen. Mit der Traumtänzerstimme…

    1. Darüber habe ich schon nachgedacht, aber dafür muss ich ihn auch noch einmal umschreiben und dann geht es frühestens heut Abend, wenn die Bauarbeiten wieder ruhen 🙂

  2. Wie schön. Du hast einen wirklich sehr schönen Schreibstil, da kann ich förmlich den Duft der Mandel bis hierher riechen. Ich wünsche Dir einen schönen Samstag Abend. Liebe Grüße Peppa

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