Alte Schule eben

Mein Zenit war für diesen Abend eigentlich schon erreicht, aber meine Freunde wollten unbedingt noch weiterziehen und es fiel mir zu schwer, ihnen nicht zu folgen. Natürlich sollten weitere Drinks meine Kehle hinablaufen, das war mir zuvor schon klar und gehörte dazu. Es tötete die schüchterne Ader, wenngleich das an jenem Abend unnötig erschien, denn erst nahm ich ihre Blicke wahr und nur einen Augenblick später sprach sie mich an.

Sie war Anfang zwanzig und eine Schönheit, wie man sie nur selten sieht. In solch einem Moment schätze ich mich einfach nur glücklich, denn ich weiß nicht, womit ich es verdient habe. Große Mandelaugen blickten mich an und so wie sie zuvor schon die Führung übernahm, ließ sie sich auch jetzt nicht das Heft aus der Hand nehmen. Solche Gespräche kommen schnell mal an einen toten Punkt, aber das sollte hier nicht der Fall sein, da war auf Aina, so ihr Name, verlass.

Irgendwann pausierte das Gespräch dann doch. Sie hatte es forciert, denke ich. Es war der Moment, in dem ich zum ersten Mal Initiative zeigte, denn ich war es, der sich zu ihr beugte, um sie zu küssen. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann glaube ich eher, dass sie mir allein das Gefühl geben wollte, hier mal der Mann zu sein. Wir tanzten noch ein wenig und gingen schlussendlich zu mir.

Es brauchte nicht lang, bis ich nur in Unterhose dastand und auch Aina behielt ihr Kleid nicht lang an und bot mir so einen Blick auf ihren Rücken. Ich öffnete ihren Büstenhalter und umfasste danach ihre Brüste. Sie griff meine rechte Hand und führte sie hinab zwischen ihre Beine. Der Moment riss mich aus meiner Trunkenheit, denn mir wurde schlagartig bewusst, dass sie zumindest an der Stelle ein Mann war. Mir schoss sofort mein Vater durch den Kopf, der alte Aufreißer. Was er wohl getan hätte, wenn er in solch eine Situation geraten wäre. Ich musste lachen und Aina drehte sich zu mir um. Sie war vermutlich voller Erwartung, wie ich weiter vorgehen würde. Mir blieb nur das Grinsen, doch meine Erregung war verschwunden.

Ich ging ins Bad um Aina einen Bademantel zu geben, ich selbst zog mir die Jeans wieder an, die ich nur kurz zuvor ausgezogen hatte. Mir war nach einer Zigarette zumute und fragte meine Bekanntschaft, ob sie auch eine wollte. Sie nickte nur und wir gingen auf den Balkon. Ich erklärte Aina, dass ich froh bin, sie kennengelernt haben zu dürfen, auch wenn ich nicht weitergehen könnte. Sie fragte mich, warum ich gelacht hatte und ich erklärte ihr, wie mein alter Herr darauf wohl reagiert hätte und das ich eben dies so amüsant fand. Er wäre wohl wütend geworden und außer sich, alte Schule eben. Aina wurde still und mir wurde klar, warum. Schon merkwürdig, dass wir eine Ausrede für die Leute parat halten, die ein Problem mit unserer neuen Welt haben und dabei gar nicht bemerken, wie wir damit den Leuten vor den Kopf stoßen, die jeden Tag den Mut aufbringen, diese neue Welt mitzugestalten.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

24 Kommentare zu „Alte Schule eben“

      1. Nein selbstverständlich ist das nicht der erste Text bei dem die Frage aufkommt- das bleibt wohl immer ein munteres Ratespiel und mittlerweile habe ich wahrscheinlich ein sehr fiktives Bild von dir 😀

      2. Oh nein, da sollte keine Kritik mitschwingen. Aber andererseits – ja jetzt schon 😛 Tja tja, irgendwann wird der gute Ben zu einer sagenumwobenen Märchengestalt.

  1. Wie Frau Pustekuchen, habe ich mich auch gefragt, ob dieser Abend wirklich passiert ist und mir sagt mein Gefühl, dass es sich um die Erinnerung eines nie erlebten Abends handelt.

    Egal ob Fiktion oder Realität, auf den letzten Satz kommt es an…

      1. Einfach die anderen so behandeln, wie wir selbst gerne behandelt werden möchten…

  2. Was ich mich gefragt habe, ob das Wort „Bekanntschaft“ nach der unerwarteten „Entdeckung“ bewusst gewählt ist? Vorher schwang soviel mehr Gefühl mit und „danach“ fand ich es richtig hart/kalt.
    Gute Erzählung. Die Reaktion von „dir“ finde ich höflich…

    1. Das war schon ganz absichtlich so geschrieben, wobei „Bekanntschaft“ gewählt wurde, weil ich den Namen nicht schon wieder nehmen wollte. Aber der Text entstand ja auch in später Abendstunde, da bleibt die Kunst auch mal ein wenig hängen…

  3. Grins… ich hörte von zwei ähnlichen Geschichten vor vielen Jahren. Der eine „überraschte“ war damals grade zwanzig und auch der Alkohol war kein Hindernis, sofort aus dem Auto zu flüchten. Der andere wiederum, war neugierig und sie verbrachten ne heiße Nacht 🙂
    Aber dem Rest schließe ich mich mich an, der letzte Satz ist elementar. Zumal ich eine gute Freundin habe, die eben solch ein Leben führt. Im Grunde im falschen Körper geboren, als Frau nun lebend, denoch die Schwierigkeit mit den Blicken und dem Umgang der Umwelt…

    1. Schön, wenn man sich dann einfach darauf einlässt und die Nacht genießt. Das ist natürlich der beste Umgang 😀 und wie du schon schreibst, so ist es ja der Punkt, dass sich die Person nicht zu ihrem Geschlecht zugehörig und unwohl fühlt, da möchte ich gern ein Grund sein, sich in meiner Gegenwart nicht unwohl zu fühlen.

      1. Ja, da geb ich dir absolut recht. Obwohl ich grundsätzlich ja immer eher auf offene Worte stehe. Vor einigen Jahren war ich in einem Unterwäschegeschäft, eine Zeit in der der Wonderbra seine Hochkonjunktur hatte. Sahen ja schick aus. Aber die Vorstellung, eines augenscheinlichen immensen Vorbaus dann, der sich gegebenenfalls in vermeintlicher Situation als Mogelpackung herausstellt, gefiel mir nicht. …
        🙂

      2. Ich kann durchaus verstehen, warum du den Bra nicht genommen hast, aber um mal für mich zu sprechen: so wichtig ist die Oberweite überhaupt nicht. Sie strahlt mich nicht an, wenn ich ihr ins Gesicht schaue und ich spüre sie auch nicht in irgendeiner Form mehr oder weniger intensiv. Kleine Brüste sind nicht weniger schön, als normale. Aber ich hasse deswegen Schminke, weil ich die Frau, die mir so sehr gefällt, auch am nächsten Morgen noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollte und nicht plötzlich eine ganz andere Person sein, von der ich mich fragen muss, ob sie mit jener anderen Frau überhaupt verwandt sein kann.
        Zu deinem Freund:
        Die richtigen Worte sollte man in der Tat finden, aber wenn man in dem Moment ist es doch genial, wenn man das auch noch genießen kann, denn wie oft hat man schon so eine Gelegenheit? Und davon abgesehen kann man dann auch mal rausfinden, wie so ein Blowjob eigentlich so gemacht wird und wie anstrengend das auch sein kann ^^

      3. Genau. Eine Menge Schminke gehört in die gleiche Kategorie. Sehe ich ebenso. Der Gedanke an ein erschrecktes Gesicht am Morgen, neben dir, hält auch davon ab 😀
        Was das Genießen angeht, unbedingt. Wer sich drauf einlassen kann, Erfahrungen sammelt, vielleicht sogar neue Leidenschaften, bis dahin unwissentlich, entdeckt, was kann es schöneres geben.
        Also der anstrengende Blowjob lässt jetzt grad ein lustiges Kopfkino zu. Sehe ihn grad schon schweißüberströmt, sein bestes gebend vor mir 😀

      4. Ich meinte die Anstrengung eher im Kiefer 😉 und schön, dass du ihn vor dir siehst, hast du ihn mal gefragt, ob er sich an deinem Schw*nz austoben will? 😛

  4. So einfach sollte es sein. Wir müssen eine Neue Alte Schule erschaffen. Die höflichen Dinge, wie Umgangsformen; übernehmen und neue hinzufügen. Wie die Toleranz gegenüber anderen. Gut geschrieben, Ben, egal, ob real oder fiktiv.

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