fernab (Teil 1)

Mit dem letzten Geld hatte ich mir ein Auto gekauft, es vollgetankt und bin einfach verschwunden. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zurück zu lassen, so ein Gedanke kam mir nie und sie machten es mir auch leicht. Sie, die wussten, wie man sein Leben zu leben hat. Sie, die Vorsorge treffen, Pläne machen und alt werden. Sie, die einen unwohl fühlen lassen, weil man einfach nur lebt. Wenn es darum geht, warum ein Mann mit mehreren Frauen schläft, dann kommen sie dir mit evolutionären Erklärungen, aber wenn es um mein Leben geht, dann gelten diese Erklärungen etwa nicht mehr? Die haben damals doch auch nicht auf der Couch gesessen, sind dick geworden und haben sich den Kopf zerbrochen, wie sie ihren Lebensabend verbringen. Stattdessen waren sie unterwegs, bauten ein neues Zuhause zum Überwintern und zogen weiter. Scheint mir verdammt menschlich zu sein so zu leben. Die Sporttasche mit meinen Klamotten hatte ich auf die Rückbank dieser verrosteten Klapperkiste geschmissen. Eine Karre ohne Dach, die viel mehr Freiheit bot, als es der Balkon tat, wenn man sich darauf in die Sonne legte. Zu sehr engten die Wände ein, selbst wenn man nicht direkt zwischen ihnen saß, denn sie holten einen selbst dort draußen ein.

Neben mir saß dieser süße Engel von letzter Nacht. Sie bezeichnete sich selbst als gestört und für sie würde das hier nichts weiter als ein kurzer Trip sein, von dem sie wieder zurück in ihr Leben kehren würde. Ja, sie war tatsächlich kaputt, vermutlich von den gleichen Regeln, die auch mich fliehen ließen. Aber sie versuchte ihren Wunsch nach Freiheit mit dem sogenannten bürgerlichen Leben zu verbinden und ich wünschte ihr, dass sie den Weg dazu findet, ich konnte oder wollte ihn einfach nicht sehen. Und warum sollte ich auch, wenn ich nur die Freiheit brauchte. Ich wollte keinen riesigen Fernseher und auch keine Designermöbel. Allein meine Schreibmaschine war mir wichtig, wobei zur Not auch ein Notizbuch und ein Kuli taugten. Das beruhigende Brummen des Motors tat sein Übriges, wenngleich zumindest das in absehbarer Zukunft ein Problem werden könnte.

„Mach dir keinen Kopf, die nächste Tankfüllung geht auf mich.“, sagte sie mir und ich fragte mich, ob sie meine Gedanken lesen konnte. „Ich dachte, du hättest kein Geld?“, erwiderte ich und sah ihr Grinsen, während sie mir gestand, beim Tanken zuvor dem Verkäufer einen geblasen zu haben. Das schockte mich doch gewaltig: „Warum hast du das denn gemacht?“, „Nun, dich hätte er wohl nicht rangelassen, also verurteile mich nicht.“ Das verlangte nach Aufklärung: „Glaubst du, ich verurteile dich? Deswegen bin ich nicht sauer. Du darfst tun und lassen, was du willst. Aber meine Reise bezahle ich selbst und nicht mit dir.“ Einen kurzen Moment lang herrschte Stille, die ich dann doch brechen musste, weil mich die Erinnerung nicht los ließ und ich lachen musste: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum der Kerl mich so angegrinst hatte, als ich vom Klo kam. Ich fragte mich schon, ob der ne Kamera versteckt hat oder ob er sich nur einfach ebenso sehr für meine Erleichterung freute, wie ich.“ Der Sache war damit für mich erledigt und offensichtlich für meinen nicht ganz so unschuldigen Engel neben mir ebenso.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

17 Kommentare zu „fernab (Teil 1)“

    1. Mal schauen, es gibt bisher nur einen weiteren Absatz, der aber auch erst gut in Teil 3 oder 4 passen würde, also zeitlich gesehen…die Stimmung war gestern mal wieder genau richtig für jene Zeilen, da darf man eigentlich gar nicht aufhören zu schreiben 😉

      1. Aber irgendwann muss man nun mal aufhören. Dann musst du dich eben einfach wieder in die Stimmung zurückzwingen. Es sei denn, du findest sie zu negativ. Dann wünsche ich dir sie nicht zurück.

      2. Nein, ich finde die Stimmung gar nicht negativ, aber meist braucht es ein wenig Alkohol und das muss ich nun wirklich nicht übertreiben und zudem darf ich mich jener Stimmung auch nicht zu oft hingeben, sonst besorge ich mir wirklich so eine Klapperkiste und bin weg.

      3. ‚Tschuldigung, dass ich mich einmische, aber zuletzt habe ich in einem anderen Beitrag von dir gelesen, dass das Leben gut zu dir sei. Ich fand es schön, dass da ein unbekannter Jemand ist, der zufrieden durchs Leben joggt… Und nun? Temporäres Tief? :-/

      4. Das Leben meint es ausgesprochen gut mit mir, aber dennoch langweilt mich der so sichere Stillstand auch ebenso. Es gibt eine große, weite Welt, die es zu entdecken gilt. Menschen mit echten Problemen und Menschen mit echtem Lachen, da ist es doch nur logisch, dass man sich auch danach sehnt, auszubrechen und alles liegen zu lassen. Nur die Vernunft und das Wissen um die Sorgenfalten der Verwandten und Freunde sind es, die einen zurückhalten.

      5. Da wird es wohl aber andere Möglichkeiten geben, den sicheren Stillstand, Abenteuerlust und „globale Neugierde“ zu befriedigen. Metaphorisch gesehen, saß ich schon oft in der Klapperkiste und das, was einen dann erwartet ist nicht gerade rosig… Andererseits würde ich dir auch nicht empfehlen, das Leben zu leben, was andere sich für dich vorstellen. Das war mein Fehler!

      6. Ich sehe jenes Leben auch nicht als rosig an und ich glaube man liest auch jetzt schon heraus, dass der Kerl am Steuer nicht der Mensch ist, der ich bin. Dennoch hat das Ausbrechen seinen Charme und dafür gibt es viele Möglichkeiten. Eine davon ist die Fantasie und die lebe ich hier schriftlich aus.

    1. Ich kann es nicht versprechen. Es ist die Lust für weitere Teile vorhanden, aber die müssen mit der gleichen Leichtigkeit und Authentizität wie dieser erste Teil geschrieben werden 😀 Vielen Dank.

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