fernab (Teil 4)

Beim Betreten der Bar, spürte ich die Blicke der Anderen auf mir. Mein Interesse galt der Theke, auf die ich zielgerichtet zuging. Die Besitzerin sprach ein sehr gutes Englisch und nach wenigen Worten war klar, dass ich an diesem Abend beim Ausschenken helfen durfte. Meiner Wirkung auf die Besucher war ich mir bewusst und so würde ich einiges an Trinkgeld bekommen. Den ein oder anderen Flirt, damit das Geld noch etwas lockerer saß und ich noch häufiger gerufen wurde, der Trick funktioniert bei allen Männern, man muss nur wissen, worauf sie stehen.

Antonia hatte mir erklärt, wie es zu dieser Kuriosität gekommen war. Eine Schwulenbar in einem kleinen Ort, das konnte doch eigentlich nicht funktionieren, bis zu jenem Bürgermeister, der einer von ihnen war und offen dazu stand. Er war im gesamten Dorf beliebt und eben dadurch schwanden sämtliche Vorurteile. Das ist so eine von diesen Geschichten, die zu schön ist, um wahr zu sein, die aber immer wieder vorkommt. Die Bar war nicht als solche gedacht, aber nachdem es sich in den umliegenden Dörfern rumgesprochen hatte, wie gutherzig man hier miteinander umging, wurde sie zum Treffpunkt all derer geworden, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten.

Dass ich hetero war, interessierte Antonia nicht weiter, ich sollte Getränke verkaufen und ihr war klar, dass das keine Anforderung an mich stellte. Berührungsängste hatte ich nicht gezeigt und die kannte ich auch nicht, sonst hätte das ein verdammt langer Abend werden können. Ich rechnete mit gierigen Blicken und mit der ein oder anderen falsch abgelegten Hand. Es würde mich für diesen Abend nicht stören, so dachte ich. Denn es war ein einzelner Besucher und nicht die wahllosen Blicke, die mich förmlich verfolgte. Er setzte sich an der Theke direkt vor den Zapfhahn und versuchte mich immer wieder in ein Gespräch zu ziehen. Dafür lehnte er sich weit über die Ablage und tatschte mir immer wieder auf die Hand. Sein Blick durchbohrte mich förmlich und er schaffte es, dass ich mich unheimlich unwohl fühlte.

Meine Rettung kam von einer Stelle, an die ich niemals gedacht hätte. Mein süßer Engel stand plötzlich vor mir und gab mir einen langen Kuss auf die Wange. Meine Verwunderung wich sofort der Begeisterung, denn damit war der alte Plan wieder so einfach. Ich überlegte, ob ich sie fragen sollte, wo sie war, warum sie zurück kam und wie sie mich fand. Ihr sah ich an, dass sie wohl ähnliche Überlegungen anstellte, aber jedes Wort darüber war unnötig. Stattdessen entfuhr ihr grinsend: „Warum ist es okay, wenn du einen Schwanz für Geld in den Mund nimmst und wenn ich das mache, dann ist es verkehrt?“ Auch das brauchte keine Antwort und ich grinste über ihre selbstverständlich freche Art.

Die Reise weiterhin mit ihr verbringen zu können, machte mich glücklich und an diesem Abend verdiente ich das Geld für die weiteren Tankfüllungen und Verpflegung. Mir war es lieber, wenn wir es auf diese Weise taten, als dass wir es auf ihre Weise machten, wenngleich der Unterschied mir tatsächlich nicht so groß erschien. Zumindest nicht, wenn ich den Kerl vor dem Zapfhahn sah und mir bewusst wurde, dass ich ihn nicht abgewiesen habe, denn er bestellte einen Drink nach dem anderen und sparte nicht an Trinkgeld. Syredin und ich verkauften uns als Träume für den Moment.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

4 Kommentare zu „fernab (Teil 4)“

  1. Hehe, was du für Bars kennenlernst, sehr gut 🙂 Da muss ich dir wirklich bald mal von der schönen Frau mit ihrem zweibeinigen Hund an der Leine berichten, nebst Location in der ich ihnen begegnete.
    Bin gespannt auf den weiteren Reiseverlauf 🙂

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