Der alte Mann (Teil eins)

In dem Laden hatte man mich gewarnt. Ich hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zum Grundstück meines Großvaters zu fragen. Der Verkäufer sah mich ungläubig an und verstand nicht, warum ich da hin wollte. Er meinte, dass der alte Mann die gesamte Zeit über mürrisch sei und niemand gern bei ihm sein würde, weil er niemanden bei sich haben wollte. Ich verschwieg, dass es sich um meinen Verwandten handelte und setzte mich wieder in meinen Jeep, nachdem ich den Weg erfahren hatte. Durch den Stopp konnte ich noch ein wenig frisches Brot und ein großes Stück Gouda kaufen. Das ist so eine Art Urlaubsproviant für mich. Sobald mich der Hunger überkommt, breche ich mir ein Stück Brot ab und esse dazu ein wenig Käse. Mehr braucht es nicht. Wir vergessen das nur zu gern, weil wir gewohnt sind, immer tausend Dinge im Kühlschrank zu verstauen. Es kommt uns gar nicht merkwürdig vor, dass jeder Haushalt über einen oder mehrere solcher Geräte verfügt, als hätten die Menschen früher nicht auch gewusst, wie man Essen so aufbewahrt, dass es einige Tage übersteht. Doch zurück zum Käse, der so köstlich mit frischem Brot schmeckt. Ich würde womöglich irgendwo noch einen Halt machen und ein paar Bissen davon essen, denn mit leerem Magen wollte ich dem alten Herren nicht gegenüberstehen.

Es ist schon gut zwei Jahrzehnte her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es war die Beerdigung von Oma und kurz darauf waren wir überrascht, als er aus der Wohnung ausgezogen war. Er hatte es niemandem mitgeteilt und wir vermuteten, dass er in jene Hütte gezogen war, die schon seit ein paar Generationen in Familienbesitz war. Wir hatten mal einen Urlaub darin verbracht. Ich erinnere mich noch, wie ich heimlich am Bier nippte, weil mein Vater es nicht ausgetrunken hatte. Der ekelhafte Geschmack von damals ist mir noch heute bekannt und eine bessere Vorbeugung es zu trinken hätte es nicht geben können. Ich kam an den See und sah die Hütte. Keine zwei Minuten später stand ich an der alten Holztür und klopfte an, doch es war kein Geräusch zu vernehmen. Ich ging zurück zum Auto und griff nach meinem Einkauf. Am Ufer würde ich mir ein köstliches Mahl bereiten, solange ich auf wartete. Auf dem See dann erblickte ich ihn. Er angelte in einem Holzboot. Vermutlich wusste er längst, dass ich hier war. Den Wagen konnte er kaum überhört haben. Also brauchte auch ich nun nicht nach ihm zu rufen oder wild zu winken. Hier würde ich auf ihn warten.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

8 Kommentare zu „Der alte Mann (Teil eins)“

  1. Diese Geschichte ist wie ein Déjà-vu. Als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen und dennoch weiß ich nicht, wie es weiter geht. Muss an deinem Schreibstil liegen und ich bin gespannt, was aus der Begegnung der beiden wird.

    1. Ui, jetzt dachte ich schon, ich hätte dir die Geschichte bereits erzählt…aber ne, offensichtlich noch nicht. Mir kam sie beim Schreiben zumindest noch nicht bekannt vor. Vielen Dank.

  2. ist die Geschichte fiktiv oder wahr, Ben?
    Wenn sie wahr ist, ist es doch traurig, dass du deinen Opa all die Jahre nicht gesprochen hast, oder?
    Und die andere Frage wäre ja, warum er ohne ein Wort aus dem Haus fortzog?
    Sehr merkwürdig. Aber ich bin auch gespannt auf den weiteren Teil! 🙂

    1. Ja, warum und was und wieso…dafür gibt es ja Fortsetzungen 😉 und ansonsten schreibe ich ja schon in meiner Blog-Beschreibung, dass die meisten Texte hier ausgedachte Geschichten sind. Ich blogge zwar auch mal aus meinem Leben, aber dann doch eher solche Tatsachenberichte, wie die von der Wursttheke 😉

  3. Hurra, mal wieder eine Fortsetzungsgeschichte vom Ben! Bin gespannt, wiesoweshalbwarum die viel zu lange Pause zwischen den zweien Bestand hatte. Sie gleichen sich doch sehr in ihrer beschriebenen Genügsamkeit, der Alte und der Junge. Vielleicht mußte der Jüngere erst sich selber finden, ehe er dem Älteren wieder entgegentreten konnte? Brotundkäsegeschichten, die Rückbesinnung erfordern müssen viel öfter geschrieben werden. Ich freue mich auf den nächsten Teil.

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