Der alte Mann (Teil drei)

Seine Worte schufen eine Grenze. Er ist also Tom und nicht >mein Großvater<. „Gut, dann nenn mich Henry, so nennen mich meine Freunde“, bot ich ihm an und versuchte so eine neue Ebene für uns zu schaffen. Doch er ging zur nächsten Frage über, ohne auf das einzugehen, was ich soeben zu ihm gesagt hatte: „Ich mache eine Suppe aus Fisch und Gemüse. Ich vermute, dass du auch etwas davon essen möchtest.“ Ich nickte nur und setzte mich unaufgefordert an den Tisch. Lange überlegte ich, wie ich vom Tod meines Vaters erzählen sollte. Es auszusprechen fiel mir nicht schwer, dafür war die Distanz zwischen ihm und ihm schon immer zu groß gewesen. Weder brach meine Stimme brach noch kamen mir Tränen, aber gegenüber meinem Großvater wusste ich nicht, wie ich es sagen sollte.

Tom stellte mir einen tiefen Teller auf den Tisch ebenso sich selbst. Als er kochte, fiel mir auf, wie oft er hustete und auch jetzt, während wir aßen hustete er einige Male und es klang alles andere als gesund. Als ich nachfragte, wann er denn das letzte Mal beim Arzt gewesen sei, antwortete er, dass er keinen Arzt brauche. Ich hakte nach, ob er schon lange so hustete, und er reagierte genervt, dass ich doch wohl kein Mediziner sei. Nein, das war ich wirklich nicht. Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich war, denn es gab keinen Job, zu dem ich mich endgültig berufen fühlte.

Es lag eine unangenehme Stille im Raum, die ich plötzlich durchbrach mit den Worten: „Vater ist tot.“ Ich war selbst überrascht, dass ich das einfach so sagte. Tom hielt seinen Löffel für einen Moment in der Luft. Dann führte er ihn zum Mund. Er hatte es gehört und auch verstanden. Eine weitere Reaktion blieb aus. „Ich würde gern ein paar Tage hier bleiben. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen“, erklärte ich ihm und sein Gesicht strahlte Gleichgültigkeit aus. Einige Sekunden später jedoch schon stellte er die erste Regel für meinen Besuch auf: „Du machst den Abwasch!“ Endlich ließ er mich an sich heran. Er akzeptierte meine Anwesenheit und baute mich sogar mit ein. So viel Freude hatte ich schon lange nicht mehr am Abwasch gehabt.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

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