Mal eine neue Stadt kennenlernen

Marburg. Eine schöne Stadt, der ich mal einen Ein-Tages-Besuch abstattete. Aber wie kam es dazu? Ich war noch ein junger Student und fühlte mich ein wenig allein. Schnell war ein Profil auf einer Community-Seite erstellt, wobei ich diese ursprünglich aufgrund von Partyfotos angesteuert hatte. Ganz wichtig war mir natürlich, dass das keine Datingseite war, das wäre ja erbärmlich gewesen, da meldet man sich doch nicht an. Und dann lernte ich jenes süße Mädel kennen. Gerade fertig mit dem Abitur und nun noch unwissend, wo es hingehen sollte. In Marburg wohnte sie, noch bei ihren Eltern.

Wir schrieben viel und flirteten so einige Tage hintereinander. Also wollte ich sie besuchen. Einfach ins Auto setzen und hinfahren. Aber natürlich nur nach Verabredung. Der freie Tag war gefunden und die Uhrzeit gesetzt. Gentleman, wie ich war, gab ich ihr meine Nummer und fragte nicht nach ihrer. Sie sollte mich einfach zu besagter Zeit anrufen, ich würde es schon finden, mein Handy konnte ja navigieren. Und so kam ich in Marburg an. Zuerst zum Bahnhof und dort fragte ich mich, warum so viele Städte ihre Besucher auf diese Weise empfangen. Nein, so schön war Marburg nicht, aber ich hatte ja ein schönes Date mit einem schönen Mädchen, was sollte mich der Bahnhof stören. Ich fuhr ein wenig durch die Stadt und stellte mein Auto ab, denn mein Tank war nicht endlos gefüllt und mein Guthaben recht ausgereizt, Student eben.

Ich ging Richtung Stadtmitte und wartete dort, bis…ja, bis nichts passierte. Absolut nichts. Kein Piepsen vom Handy, auch nicht nach zwei Stunden. Das war also Marburg, dachte ich mir und begriff, dass ich die Stadt noch gar nicht gesehen hatte. Ich machte meine eigene Tour und stapfte hinauf zum Schloss. Die Sonne wurde mein Flirtpartner und strahlte mir ins Gesicht. Da ich in der Nähe der Kirche geparkt hatte, war das mein Ziel für den Rückweg und besuchte stattdessen die Lahn. Ich kaufte mir irgendwo etwas zu essen und aus einem Date wurde ein Städtetrip. Eine schöne Stadt hatte ich kennengelernt, aber das Ego blutete noch, zu verletzt fühlte ich mich.

Zuhause wurde die virtuelle Freundschaft wortlos gelöscht und zehnmal tief eingeatmet, das half. Bis zum nächsten Tag, da fand sich eine Nachricht von ihr im Postfach. Die erste, seit wir das Date vereinbart hatten und ich ihr meine Nummer schickte. Sie fragte, warum ich die Freundschaft gelöscht hatte. Die Wut war erneut entbrannt und so schrieb ich ihr, was ich von all dem hielt, was so geschehen war. Sie entschuldigte sich, denn sie hätte es gar nicht so verstanden, als würden wir verabredet sein. Klar, eine Aussage wie „morgen gegen 13 Uhr bin ich da, ruf mich einfach an.“ lässt sich auch falsch verstehen. Das glaubte ich ihr tatsächlich und schickte ihr eine Freundschaftsanfrage. Sie nahm sie an und ich war wieder glücklich, redete ich mir ein.

24 Stunden später setzte ich mich wieder an den PC und öffnete die Communityseite. Keine Nachricht von ihr, was hätte sie mir auch schreiben sollen? Ein wenig suchen, bis ich die Seite fand, auf der ich mein Profil löschen konnte. Ein Freund fragte mich ein paar Tage später, was ich an jenem Wochenende gemacht hätte. Mir rutschte heraus, dass ich in Marburg war und natürlich hakte er nach, was ich dort getrieben habe. „Ich wollte mal ne andere Stadt besuchen. Wollte mal raus“, erzählte ich ihm. Ja, ich wollte mal raus. Nein, ich musste einfach mal rauskommen.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

19 Kommentare zu „Mal eine neue Stadt kennenlernen“

  1. Ben, wenn ich mir die anderen Blogs anschaue, dann kann das, was Du schreibst gar nicht den Tatsachen entsprechen. Eine Frau würde so etwas nicht tun. Ein Mann vielleicht oder wahrscheinlich, aber doch keine Frau.

    Coole Story und Haken hinter Marburg.

    1. Ja, da hast du wohl recht. Aber vielleicht enttarnt mich diese Story ja nun endlich. Ich bin nämlich eigentlich eine Frau und schreibe solche Geschichten nur, um dann gaaaaaanz am Ende meinen blauäugigen Lesern zu offenbaren, dass die Geschlechterrollenverhältnisse immer umgekehrt zu verstehen waren ^^

      Ja, Marburg war den Besuch wert und ich würde auch mal wieder hinfahren. Gibt aber auch noch genügend andere Städte zu besichtigen.

  2. Ja ja,
    wenn die Liebe zuschlägt, wird man blind (oder kann alternativ nicht mehr richtig denken).

    Und wirklich: Gegen 13 Uhr bin ich da, ruf mich an – tsts, das klingt nur wahrlich nicht nach einem Date 😉

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