gelebtes Holz

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir diesen Tisch damals besorgten. Rana hatte mich angerufen, ob ich Zeit hätte und wir mit meinem Auto etwas abholen könnten. Ich sagte zu, noch bevor ich wusste, wie weit wir dafür fahren mussten. Ich verdrehte die Augen, als ich das Ziel ins Navi eingab und es mir anzeigte, wie lange die Fahrt dauern würde. Da es noch früh am Morgen war, schwieg ich, wie ich es immer nach dem Aufstehen mache. Die Musik unterhielt uns und Rana schlief ein, noch bevor wir die Stadt verlassen hatten.

Als wir an dem Bauernhaus angekommen waren, verstand ich jedoch, warum es den Weg wert gewesen war. Allein jener Ort, der so viel Ruhe ausstrahlte, war perfekt für diesen Samstag. Ein Mann mit grauem Haar und zotteligem Bart begrüßte uns. Sie luden uns ein, auf einen Tee hinein zu kommen und boten uns dazu selbstgemachte Brötchen mit allerlei Obst an. Tatsächlich hatte ich kaum etwas gegessen und so freute ich mich über dieses zweite Frühstück.

Das alte Paar hatte sich den Hof vor einigen Jahren gekauft und empfing seither immer wieder junge Leute, die auf dem Hof mithalfen und dafür nichts für das Essen oder das Dach überm Kopf zahlen mussten. Die Rechnung ging wohl nicht immer auf, aber da ihre Rücklagen groß genug waren, störte es nicht weiter. Ihnen war wichtig, es zu versuchen und jungen Menschen eine Möglichkeit des Ausprobierens zu bieten. Das war ihr kleiner Beitrag, den ich mächtig groß fand, zu einer besseren Welt. Rana sprach viel mit ihnen, während ich aufmerksam zuhörte. Manchmal fehlen mir einfach die Worte und dann genieße ich es, wenn sie im Raum umherschwirren und ich sie nur aufnehmen brauche.

Nach guten zwei Stunden gingen wir zur Garage, die früher mal ein Stall war und wieder werden sollte, doch dafür müsste Platz geschaffen werden. Und nun verstand ich Rana, die jene Strecke so unverblümt gefordert hatte, denn er war es wert. Ein hölzerner Opiumtisch von einer Größe, dass ich befürchtete, er könnte nicht ins Auto passen. Die Alten wollten kaum Geld dafür haben und schoben es auf den Zustand. Mir und Rana war klar, dass es nur nach ein wenig Schleifarbeit und neuem Lack schrie und ich bin mir sicher, dass es die zwei auch wussten. Sie hätten einen Neuling in ihrem Haus damit beauftragen können, aber vermutlich wollten sie, dass jene Person den Tisch bekommt, die ihn auch herrichtet, eben um den Wert zu schätzen.

Ich hatte mich mit der Größe getäuscht, denn der Tisch passte problemlos ins Auto, nachdem die Rückbank umgelegt war. Die kurzen Beine machten es möglich. Wir verabschiedeten uns, wenn auch mit dem Gedanken, den Hof in Zukunft wieder zu besuchen, womöglich wenn wir zwei Wochen Zeit hatten und uns selbst mal dem „einfachen“ Leben hingeben wollten. Weg von der schnellen Welt, in der man ständig erreichbar war.

Auf der Rückfahrt sprachen Rana und ich immer mal wieder, aber meist sangen wir die Songs, die die Playlist meines Radios hergab mit. Es fühlte sich gut an, dieser kurze Ausflug. Zu zweit schleppten wir den Tisch in die Wohnung und bei meinem nächsten Besuch war der Tisch bereits geschliffen und lackiert. Er sah dennoch benutzt aus und gerade da lag sein Charme. Es war eben kein perfekt geschliffener aus dem Katalog, sondern einer, der schon Leben mitbekommen hatte.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

12 Kommentare zu „gelebtes Holz“

  1. Ich kann die Empfindung der Protagonisten nach erfolgter Überarbeitung des Tisches gut nachempfinden: im Schlafzimmer habe ich eine Schräge zur Kleideraufbewahrung (die Bezeichnung Kleiderschrank wäre übertrieben!) ausgebaut (beim Tragen der Holzplatten ist die „eine“ Bandscheibe ausgelaufen) und ich bin total stolz darauf. 🙂

    1. Huhu Aurelia,

      darf ich dir eigentlich einen Roman ans Herz legen? Ich habe gerade ein Buch von einer befreundeten Bloggerin gelesen und dreimal darfst du raten, wie die Hauptperson heißt: Aurelia natürlich. „Gefrorenes Herz“ von Mirjam Hüberli

      So, Werbung ist gemacht und nun zum Award. Ich bekam den schon und freue mich immer wieder, wenn ich nominiert werde. Unter 1000 Follower bei Facebook…öhm keine Ahnung, wer die haben soll ^^ ich werde dir gern die Fragen beantworten, aber weitere Blogger werde ich nicht nominieren. Ich werde stattdessen in Zukunft mal einzelne Blogempfehlungen posten.

      Ich fühle mich sehr geehrt, dass du mich nominiert hast und die Beschreibung gefällt mir dabei außerordentlich. Ich hab sogar schon überlegt, ob ich die nicht sogar in meine „Über mich“-Seite einbaue.

      Liebste Grüße,
      Ben

      1. Du darfst mir immer gerne Romane ans Herz legen 🙂

        hahaha das mit den followern hab ich mich auch gefragt!

        Tu was du nicht lassen kannst, meine Unterstützung hast du 🙂

        Wirklich? das find ich gut! ich wollte unbedingt dass es auch haargenau klingt wie du und deine schriftlichen Ergüsse.

        herzliche Grüße,
        Aurelia

      2. So, der Beitrag ist fertig…er wartet jedoch auf dich, denn natürlich hab ich dich bzw. deinen Blog bereits mit der neuen Domain verlinkt und ich werde den Beitrag nicht online stellen, solange die HP einen noch sehnsüchtig warten lässt.

        Liebste Grüße,
        Ben

      3. juhuuu!
        Perfektes Timing!!! gerade ist womanandfabulous.de öffentlich geworden 😀

        Find ich aber soooo aufmerksam und nett von dir! freu mich

        glg Aurelia

      4. Das passt ja wirklich perfekt. Was ich gerade noch nicht gefunden habe ist ein Follow-Link für WP-User. Die Kopfanzeige fällt nämlich bei einer eigenen Domain weg.
        Dann lese ich mal meinen Artikel durch und stelle ihn gleich online.

        Liebe Grüße,
        Ben

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