Im Innern

Wohin gehen wir eigentlich, wenn wir einen kurzen Moment die Augen schließen, bevor wir mit etwas beginnen, das uns etwas besonders Wichtiges ist? So wie er, der da eben noch mitten zwischen uns saß. Mit uns lachte und redete. Keine Person, die man sofort wahrnehmen würde, weil er nicht der Typ ist, der in einen vollen Raum kommt und alle Menschen darin sofort gefangen nimmt. Die krause Frisur hat schon ein paar Lücken und der Bart ist auch kaum mehr als eine löchrige Hecke. Dann stand er auf, aufgefordert vom Freund, der die Feier schmeißt, und setzte sich ans Klavier. Seine Finger fühlten die Tasten und dann schloss er die Augen, nur um kurz darauf die ersten Noten aus dem großen Holzkasten erklingen zu lassen. Vollkommene Ruhe kehrt ein, als seine Stimme ertönte. Eine Stimme, die genau zu wissen scheint, wie jeder Mensch Freud und Leid empfindet und die noch unzählige andere Emotionen in uns hervorruft.

Ich schüttle mich ein wenig. Das habe ich manchmal, es passiert immer, wenn meine Gefühle so eingespannt werden. Es ist ein Schütteln, dass ich nicht kontrollieren kann. Ich spüre, wenn es ansetzt und ich kann es verzögern, so wie man ein Niesen herauszögert, aber ich komme schlussendlich nicht dagegen an und es ist ein wohliges Gefühl. Manchmal bemerkt es ein anderer Mensch und erkundigt sich, ob es mir gut geht. Oh ja, und wie gut es mir geht. So gut, dass auch ich die Augen schließen möchte und dorthin will, wo der Klavierspieler war, bevor er mit seinem Spiel begann.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

17 Kommentare zu „Im Innern“

  1. Ein sehr schöner Text, der auf etwas hinweist, worüber sich viele Menschen mit Sicherheit noch nie Gedanken gemacht haben – dieser „Ort davor“.
    Ich spiele selbst seit vielen Jahren Klavier und kann dir einen Teil dieser Frage vielleicht beantworten…

    Das Klavier ist ein sehr komplexes Instrument, das schwer zu erlernen ist und viel Zeit benötigt. Wer sich ernsthaft und offen damit auseinandersetzt, wird im Laufe der Jahre irgendwann an einen Punkt kommen, an dem er nicht mehr „Klavierspielen lernt“, sondern „Klavier spielt“.
    Es ist der Punkt, an dem du die Musik nicht mehr nur abspielst, sondern fühlst. Du verlierst dich in den vielen Melodie-ebenen, die 10 Finger und eine Menge Platz ermöglichen, es fällt dir nicht schwer, zu improvisieren, und du steckst automatisch wahnsinnig viel Gefühl in das Stück, weil es dich mit allen Sinnen einnimmt.
    Manchmal, wenn ich gerade gut in Übung bin und den richtigen Tag erwische, fühlt sich das Spielen an wie eine Trance, wie ein anderer Ort für den Geist, in dem es nur schwarz und weiß und Melodie gibt, und ich fühle mich ganz benommen, wenn ich irgendwann aufhöre.

    Vielleicht bin ich der einzige Mensch, der das so empfindet, aber wenn ich andere beobachte, die Klavier spielen, das merkt man besonders bei professionellen Spielern selbst auf Videos, bin ich mir fast sicher, dass es nicht so ist.

    Vielleicht ist das der Ort, den du suchst.

    1. Oh, ich suche den Ort nicht, denn ich kenne ihn bereits. Dennoch lässt er sich nicht wirklich greifen und so bleibt die Frage nach ihm. Es ist so, dass ich gerade an einem längeren Text schreibe und gestern war so ein Punkt, an dem ich mehrmals angesetzt hatte, aber einfach nicht zufrieden mit dem war, was da an Worten und Ideen zu mir fand. Spät in der Nacht dann öffnete ich den Laptop, schloss meine Augen, atmete tief ein und tippte in einem Rutsch anderthalb A4-Seiten runter. Natürlich war es eine lautlose Symphonie, die ich da spielte, aber ich konnte nicht von ihr ablassen. Es ist in aller erster Linie natürlich ein zu-sich-selbst-finden. Aber das allein kann ist es nicht und deswegen gefällt mir deine Beschreibung sehr gut. Ich war gestern schon hell auf von deinen Texten begeistert und das geht heute offensichtlich weiter.

      Vielen Dank

  2. Du hast Recht, es geht auch sowieso um den Moment davor, nicht den während der eigentlichen Tätigkeit. Diesen „Airwaves“-Moment aus der Werbung meinst du vermutlich, mit dem „tief einatmen!“ und dann kommt irgendetwas besonderes. 😀

    Auch dieses Gefühl beim Schreiben kenne ich gut, besonders tief in der Nacht; ein Grund, warum ich fast ausschließlich nachts schreibe. Also, WIRKLICH schreibe.

    Oh, vielen Dank für das große Kompliment! Es freut mich so sehr, wenn ich auf Leute treffe, mit denen ich diese Schreibbegeisterung in beide Richtungen teilen kann, denn mir geht es mit deinen Texten genauso.

    Danke für deine Antwort!

    1. Hm…jetzt muss ich ja doch Kritik üben… so können wir den Moment nicht nennen. Den definieren wir ja nicht über die Werbung. Nein, wir müssen einen anderen Begriff finden, gegen Airwave verwehre ich mich 🙂

      Ja und schon hat die Nacht einen wieder. Ich glaube, man ist im Dunkeln und in der Ruhe mehr bei sich, deswegen eignet sich die Zeit einfach dafür. Denn tagsüber schreibe ich in meinen eigenen vier Wänden auch seltener. Allerdings sind Zugfahrten durchaus auch ein guter Schreibimpulsgeber.

      Es freut mich, wenn es dir mit meinen Texten ebenso geht. Ich fühlte mich bei deinen willkommen. Ich glaube, dass wir gern diese besonderen Momente hervorheben, die vielen Menschen leider verloren gehen, weil sie eilen und den Blick ein wenig verloren haben. Aber das schöne an Dingen, die man verliert ist ja, dass man sie wiederfinden kann. 😉

  3. Nein, so ein Begriff darf nicht über so etwas simples wie Kaugummiwerbung definiert werden. Das war nicht ernst gemeint, aber ein komplett Treffender fällt mir nicht ein, egal wie lange ich ihm hinterherdenke….

    Genau das ist es!!
    Also, weiterschreiben, um dem Teil der Menschheit seinen Blick zurückzubringen, der ihn verloren hat! 🙂

    1. Ich gebe zu, dass mir auch kein schöner Begriff einfällt, aber ich vertraue da auf meine Fantasie, die irgendwann ohne Vorwarnung zuschlägt 😀

      Ich schreib ja schon, ich schreib ja schon ^^

  4. Das kenn ich… Musik kann Menschen so tief berühren. Durch sie können Menschen sich selbst offenbaren und ihre Zuhörer in eine neue Gefühlswelt hinein tragen. Musik fasziniert und weckt Sehnsüchte. Ich könnte niemals genug von ihr haben…
    Wirklich schön geschrieben 🙂

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