In deiner Haut möchte ich nicht stecken…

„Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl in meiner Haut.“ Mit dieser Aussage begann es. Na wohl eher mit dem Schutzmantel. Es gab wohl kaum jemanden, der keinen besaß. Es war eine wirklich praktische Erfindung, aber es ist schon etwas komplett anderes, ob man einen Gegenstand direkt berührt oder durch diese dünne, transparente und gummiartige Schichte.

Hätten wir uns nicht an diesen Schutz gewöhnt, wir hätten wohl niemals die Hautanzüge erfunden, oder doch? Endlich konnte ich aus meiner Haut und da gab es dieses Sonderangebot, welches so perfekt passte. Zwar wusste ich, dass die neue Haut durch die Bewegung hie und da noch etwas ausleiern würde, aber so heftig hätte es nicht passieren dürfen. Immer wenn ich einen Touchscreen berühren wollte, verschob ich meinen Finger innerhalb der Haut. Es bildeten sich Falten und eine Bedienung war unmöglich. Auch beim Kauen biss ich mir ständig in die hin- und herflatternde Wange. Und so sehr mir die Farbe der Haut auch gefiel, sie musste zurück.

Der Verkäufer entschuldigte sich mehrmals. Es sei wohl eine amerikanische Größe gewesen, die er gegriffen hatte. Ich nickte nur und spürte, wie meine Haare dabei vor und zurück rutschten. Wir gingen durch den Laden, um nach anderen Häuten zu schauen. Nervig war dabei bloß, dass ich für die Versionen, die weiter oben hingen, den Kopf in den Nacken legen musste, da die Augenlider tief hingen. Ich entschied mich für einen Naturton. Etwas dunkler als mein natürlicher Hautton, aber es war ja auch Sommer. Sollte die Haut dann doch Falten werfen oder ledrig werden, könnte ich ja eine neue kaufen. Zur Not auf Kredit aus der hohlen Hand heraus.

Last days

„Du Ben, ich würde gern durch die Alpen wandern“, sagte meine Mitbewohnerin Nara zu mir und meinte so viel mehr damit. Sie fragte mich nach Geld für den Ausflug, nicht um eine Leihgabe, das war mir klar. „Willst du allein gehen oder mit einer guten Freundin?“, war meine Antwort, in der ein Ja zum Geld beinhaltet war. Sie blickte gen Boden, vermutlich wusste sie das selbst noch nicht genau. Da war noch mehr in dieser Frage von ihr und ich tat mich schwer damit, anstelle ihrer nachzufragen: „Willst du…“, es brauchte einen Moment, bevor ich erneut ansetzte: „Ich weiß nicht, ob ich fragen sollte. Wirst du dort bleiben? Ich meine, willst du…“ Ihr Blick wanderte höher und für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, die sich daraufhin mit Tränen füllten. Ich hätte mir auch einen anderen Ort für meine letzten Tage gesucht, wenn ich das Datum kennen würde. Sie wusste es nicht genau, aber sie hatte bereits erklärt, nicht bis zum letzten Moment warten zu wollen. Ich stand auf und legte meine Arme um sie. Ein Kuss auf ihren Kopf war ein Abschied und ein deutliches Ja. Mehr gab es nicht zu sagen.

Kleiner Buddha

Da war sie also. Sie schien unstet und bestätigte es in ihren Aussagen. Welch ein Gegensatz zu dem, weshalb ich hier war. Ein kleines und gemütliches Café. Die Sonne schien direkt auf die Tische davor und wärmte uns auf, in diesen kälter werdenden Tagen, an diesem kühlen Herbsttag. Eine heiße Schokolade stand neben mir. Meine Begleitung hatte sich einen Milchkaffee gewünscht und ich hatte auch diesen geordert. Wir hätten wohl ganz gemütlich dort gesessen und den Nachmittag genossen, aber da war ja noch sie. Jene Frau, die ich als unstet empfand. Und sie sprach, als wollte sie keine Sekunde verschenken, weil sie so viel mit uns teilen wollte.

Ihr Blick in meine Augen ging tief und ich hatte Angst, was sie da wohl lesen könnte. Konnte sie hinter die Fassade schauen, die die meisten von uns tragen, weil es einfacher so ist? Was sie erzählte, war zu viel für den Menschen, der seiner Ratio folgte. Nein, sie musste doch verrückt sein. Erleuchtet wollte sie gewesen sein. Ich spürte, wie meine Begleitung das Gespräch verlassen hatte und ich war überfordert mit all dem, was da auf mich einprasselte. Innerlich schüttelte ich den Kopf und gar nicht so viel später machten wir uns auf. Die Sonne konnte nicht gegen den kalten Wind ankommen und ihre Worte schienen ungehört zu verhallen.

Einige Zeit später fand ich mich allein im Bett mit Gedanken an jenes Treffen wieder. Ich war unruhig, denn ich musste feststellen, dass ich mit meiner Handlung absolut nicht einverstanden war. Hier öffnete sich ein kleines Wesen. Sie wirkte stark und doch so zerbrechlich, aber ich ließ sie nicht an mich heran. Dabei gibt es da jene Frage in mir, die nach mehr als dem verlangt, was ich wahrnehmen und erleben kann. Buddha saß einst unter einem Bodhibaum und fand seine Erleuchtung. Die Welt floss ineinander über. Und hier war ein Mensch, der mir erzählte, selbiges erlebt zu haben, doch ich konnte oder wollte es nicht glauben.

Es bleibt die Frage, warum ich es nicht glauben wollte. Was hätte ich verloren, wenn ich sie länger angehört hätte und mit ihr die Fragen besprochen hätte, die mich schon so lang beschäftigen? Warum verschließen wir uns immer vor den Dingen und den Menschen, die wir nicht mit all unserer Wissenschaft in Einklang bringen können? Da sehe ich Micheangelos „Erschaffung des Adam“ vor mir, der in seiner Bequemlichkeit seinen Finger nicht zu den himmlischen Figuren ausstreckt. So wollte ich doch niemals sein und hab nun doch die ausgestreckte Hand weggeschlagen, als würde ich irgendetwas besser wissen.

Kakao

Ich mag das Klirren des Metalllöffels, der beim Rühren gegen das Glas schlägt. Wie lang Kakao doch manchmal braucht, bis er sich ganz in der Milch aufgelöst hat. Aber dann braucht man nicht lange zu warten und schon sieht man die kleinen Schokopartikel, wie sie in der Milch zu schweben scheinen. Dann rührt man das kleine Universum wieder kräftig durch, damit es das wohl schönste Braun der Welt ergibt.

Nein, das stimmt gar nicht. Es gibt ein viel schöneres Braun. Es ist jener braune Hautton, den ich so liebe. Nicht ganz dunkel und auch nicht so bleich, wie ich es bin. Die Mixtur ist es. Milch ist schon lecker und Kakaopulver hab ich auch schon gelöffelt, aber gemischt ist es ein Meisterwerk. So ist es auch bei den Menschen. Als Jugendlicher war ich traurig darüber, dass ich so bleich bin, denn viel lieber hätte auch ich einen dunkleren Hauttyp gehabt. Zum Glück begegneten mir in meinem Leben so einige dieser schönen Wesen, deren Eltern aus den verschiedensten Teilen der Welt zusammenkamen. Wunderschöne Mandelaugen und ein langer Körper. Dunkle Haut und blaue Augen. Wer solche Schönheiten erblickt, der weiß, dass diese Welt eins ist und sich nicht in verschiedene Teile trennen sollte.

Kakao zu trinken, das ist wie ein Ticket ins Wohlfühlen. Wie schnell wird man vom ernsten Erwachsenen zum Kind mit gewitztem Gemüt, wenn so ein Glas kalten Kakaos vor einem steht. Für mich ist es immer wieder eine Reise wert. Viel zu schnell ist das recht große Glas ausgetrunken und die Realität hat einen wieder, aber für diesen kurzen Moment ist man im Urlaub, einfach so. Im Handumdrehen.

Fräulein Green und ich haben uns entschieden, jeweils eine Kakao-Geschichte zu schreiben. Ich bin mal gespannt, wie ihre Version ist.