Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 1 – Tiefer Schlaf

Es sollte nur eine kurze Fahrt den Hooghly entlang werden, der durch Kalkutta fließt und alles mit sich nimmt, was hineinfällt oder hineingeworfen wird. Wie hätte ich ahnen können, dass ich mich besser nicht in die Mittagssonne aufs Deck hätte legen und einschlafen sollen? Als ich wieder erwachte, stotterte der Motor sein letztes bisschen Leben aus. Ich blickte über den Bug und sah das offene Meer vor mir. Der Blick zurück zeigte mir das gleiche Bild. Der Indische Ozean und ich allein in einem Kutter auf ihm. Meine Tasche hing noch an mir, aber was brachten mir Geld und meine Papiere mitten im Meer? Ich durchsuchte die Kanister, ob noch Treibstoff in ihnen war, doch sie waren leer. Weder Benzin noch Wasser war vorhanden. Den Weg nach Norden hätte ich schon gefunden, auch wenn die Sonne gerade unterging und somit die Zeit knapp wurde, sich zu orientieren. Schon überraschend, dass ich mich ganz ruhig hinsetzte und an nichts dachte. Wäre es nicht natürlich, jetzt in Panik auszubrechen? Oder einfach zu schreien und zu weinen? Mir war nicht danach. Ich saß auf dem Boot und ließ mich treiben. Ich lachte sogar, weil mir der Gedanke kam, dass der Kutter ja jetzt mir gehörte. Ich hatte nur leider nichts davon.

Teil 2

Gestöber

Schnee ist schon eine eigenartige Sache. Wenn ich bei Kälte von einem Regenguss überrascht werde, dann habe ich keine große Lust, stehen zu bleiben und in den Himmel zu blicken. Doch wenn es schneit, da ist es anders. Da erlaube ich mir doch ein paar Kristalle auf der Zunge zergehen zu lassen. Als die erste weiße Decke auf der Straße lag, machte ich mich nach dem Mittagessen zum Einkaufen auf. Sonst immer per Rad, aber bei dem Wetter keine gute Idee und so wird aus einer halben Stunde eine ganze. Die lohnte sich aber , denn die Schneeschieber und Sand- oder Salzstreuer grüßten mit einem Lächeln und ebenso tat ich es. Das wäre wohl an einem verregnet-grauen Nachmittag sonst nicht der Fall gewesen. Klar, würde man das ganze Jahr den Schnee wegschieben müssen, dann wär das mit dem Lächeln schon anders, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Natur hat sich da schon etwas schönes einfallen lassen. Eine dicke Schicht, die für jeden knirscht, der sie betritt. Und eine weiche und rutschige Piste wird auch von ganz allein an jedem Hügel daraus. Oh und mit Pfützenwasser würde man sich wohl kaum so ausgelassen bewerfen oder einen Engel hineinmalen.

Der Rand

Neulich beim Abendessen wollte eines der Mädchen den Rand ihrer Pizza nicht essen. Ihr wackeln gerade acht Milchzähne und ich kann sie verstehen. Nun gibt es Menschen, von denen wir sagen, sie leben am Rand der Gesellschaft und so möchten wir sie auch an den Rand unseres Lebens schieben oder gar darüber hinaus. Vor den Kaufhäusern, die gerade im Winter viel Wärme abgeben, dürfen sie nicht liegen und auf den Bänken auch nicht. Am besten gar nicht erst sehen, denn das schlechte Gewissen kommt hervor: Man müsste ihnen etwas Geld geben und dabei will man doch nur schnell vorbei. Ja, diesen „Rand“ lassen wir gern auf dem Teller liegen und schieben ihn satt von uns weg. Wir, das bin auch ich, es fällt mir nur leichter, wir zu schreiben, aber es ist falsch, auch wenn wir es sind. In erster Linie bin ich es.

Ich wollte so einige Male bei dem Mann anhalten, der unter der Unterführung lag, an der ich jeden Tag vorbei fuhr. Ich wollte ihm eine Mütze, Handschuhe und ein wenig Brot und Saft mitbringen…ich wollte…und tat es nicht. Seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ist ihm was passiert? Fand er einen besseren Platz? Bekam er Ärger mit der Polizei, weil sich jemand beschwerte? Ich werde es vermutlich nie erfahren und ich würde ihn jetzt im Normalfall vergessen. Mein nicht getaner Wunsch, ihm zu helfen und mit ihm zu reden, wird verschwinden, wenn ich nur weiter auf der Couch sitze und die Katze streichle.

Ich sehe die Schneeflocken, die draußen vom Himmel fallen und es sieht schön aus. Die Welt überzieht es mit einer dicken Schicht, die so wunderbar knirscht, wenn man hineintritt. All die romantischen Gedanken, die kann ich mir erlauben, weil ich ein warmes Zimmer habe, in dem ich gerade sitze. Wie man wohl über Schnee denkt, wenn man ihn als harte Natur ertragen muss? Dieser „Rand“ ist gar kein Rand. Diese Menschen leben mitten unter uns. Dort gehören sie hin und nicht an den Rand, weil wir sie satt haben.

Sie könnten doch auch zum Amt gehen und Hilfe bekommen. So dachte ich mir das immer, aber so leicht, wie ich mir das dachte und hier schreibe ist es nicht. Der Weg unter die Brücke kann der einzig ersichtliche sein, wenn der Job fehlt und auch das private Leben zerbröckelt und man sich verlassen fühlt. Es ist ja nur für einen Tag, morgen wird es schon wieder aufwärts gehen…Morgen gehe ich zum Amt…und dann doch nicht. Es lässt sich nur schwer vorstellen, wie gelähmt man sich manchmal im Leben fühlt, dass man Freunde nicht mehr um Hilfe bitten möchte und sogar davonläuft, weil man es ihnen nicht zumuten möchte, denn man wird es schon schaffen und sich wieder aufrappeln. Vielleicht sind auch gar keine Freunde mehr da, die man bitten könnte. Und plötzlich findest du dich auf der Straße wieder.

Das Thema beschäftigt mich und es ist sehr theoretisch. Deswegen möchte ich diesen Menschen ein Gesicht geben und ihre Geschichten weitergeben:

Es gibt diesen Robbie aus Preston, der einer Studentin 3 Pfund anbot, als sie ihre Kreditkarte verloren und kein Geld für ein Taxi hatte. Jener Robbie ist in Preston nicht unbekannt, da er sich dadurch auszeichnet, den Leute zu helfen. Die Sache wurde bekannt, weil jene Studentin sich engagierte und Geld für ihn sammelte. Bevor sie es ihm gab, verbrachte sie 24 Stunden auf der Straße mit ihm. Ob man jedem einzelnen helfen sollte oder doch allen, das muss jeder für sich entscheiden. Aber dieses Eintauchen in das Leben einer anderen Person, würde keinem von uns schaden.

In Luzern gab es den Herrn Emil Manser. Er hat etwas von Diogenes und so fand ich bei der Suche nach ihm sofort den Ausspruch „Zu viel Alkohol macht peinliche Narren. Diene als schlechtes Beispiel“. Er war also der gebildete Obdachlose, der sein Wissen nicht für sich behielt und am Ende noch einen Abschiedsbrief an der Brücke hinterließ, von der er sich stürzte.

Ich las einmal von einem blauäugigen Arzt, der laut eigener Aussage mit dem vorherigen Leben komplett abschließen wollte. Auch bei ihm merkte man so viel Lebensweisheit, die er nur zu gern teilte. Ich habe ihn leider nicht mehr gefunden und kann daher nur auf meine Erinnerung zurückgreifen.

Ich erwähne diese Beispiele nicht, weil ich behaupten möchte, dass alle Obdachlosen geniale Künstler und Helferpersönlichkeiten sind. Sie sind Menschen wie wir, die gute und die schlechte Tage kennen. Vor denen wir uns aber nicht fürchten brauchen. Wir alle sollten sie wahrnehmen und nicht versuchen, sie auszublenden. Das ist mein Fazit, das ich besonders an mich selbst richte.

Mein persönliches Unwort des Jahres

Ich bin ja absolut kein Fan von diesen Unworten, weil ich die Sprache schön finde und mit ihr auch jedes Wort. Klar gibt es Begriffe, die eklige Assoziationen wecken, aber gerade die mag ich, denn solch eine Reaktion muss man als Wort erst einmal hinbekommen, die haben es da nicht so leicht, wie man es denkt. Meist werden Worte gewählt, die in einem politischen Zusammenhang stehen und auch da ärgere ich mich dann meist darüber, weil das Wort verantwortlich gemacht wird für eine Begebenheit, für die es nichts kann. Mein Wort passt aber eben auch in diesen zuletzt erwähnten Bereich, denn es ist „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Wenn ich das Wort lese, dann weiß ich schon, dass damit braungefärbte Gedanken sich rechtfertigen wollen. Man sei ja gar nicht gegen Flüchtlinge, aber… (eigentlich müsste das Unwort  ein Unsatz sein und heißen „Man sei ja nicht gegen…, aber“). Jaja, diese Wirtschaftsflüchtlinge, die sich hier so verhalten würden, wie sie es in ihrem Land nicht tun. Und ganz nebenbei noch den Islam als Staatsreligion einführen. Irgendwie. Sieht man ja überall. Öhm hier und da… bloß nicht genau erklären, wo das eigentlich sein soll, denn da fällt die Argumentation schon ins Bodenlose.

Wirtschaftsflüchtlinge könnte auch eine ganz andere Bedeutung haben. Es könnte Obdachlose und Aussteiger bezeichnen, die ein System verlassen, welches nur nimmt und nicht gibt. Ja, eigentlich passt das doch viel besser und wenn ich so überlege, dann bin ich gern dabei, bei der Wirtschaftsflucht.

Folterbank 2.0

Es ist ja eigentlich schon zum Lachen, wenn es nicht so verdammt traurig wäre. Aber was sich mancherorts ausgedacht wird, um mit Obdachlosen umzugehen. Ich nehme an, dass der Grundgedanke dabei ist, dass Obdachlose nur deswegen vorhanden sind, weil wir ihnen den Platz zum Übernachten auf Parkbänken, in einer trockenen Bucht an einer Häuserfassade oder unter Unterführungen bieten.

Anders lässt sich zumindest nicht erklären, wie man sonst auf die Idee kommt, Sitzbänke zu umzäunen oder sie mit Stacheln zu versehen, die sich beim Einwurf von 50 Cent in einen Schlitz einziehen. Das sind wohl die neues Mittel aus Frankreich: #Angouleme und #SDF sind die nötigen Schlagworte, die die Bilder dazu zeigen. In London ist es gerade ein halbes Jahr her und das Echo hätte man auch in Frankreich vernehmen können.

Der wahre Grund für solche Aktionen ist natürlich, dass man die Obdachlosen aus dem Sichtfeld haben will. Erstrecht in Innenstädten, wo die Leute doch gut gelaunt ihr Geld für Einkäufe ausgeben soll, die sollen doch kein schlechtes Gewissen haben. Wenn man mal so schaut, dann packt man kranke und alte Menschen weg, man steckt Behinderte in Heime und Obdachlose soll auch niemand zu sehen bekommen, denn sonst glänzen die frisch gewaschenen Scheiben nur noch halb so schön in der Sonne und die Fassade der Perfektion bröckelt. Dabei täte uns eine gehörige Priese Realität gar nicht schlecht.

ice cold

Eis am Stiel, nein, es müsste eher Stieleis heißen, was ich da in der Hand hielt. Ich hatte mir diesen dünnen Eiszapfen vom Gletscher abgebrochen. Ich fragte mich, ob ich jetzt ein Umweltsünder sei, wo ich den eh schon abschmelzenden Gletscher bestohlen hatte. Nun hielt ich das gefrorene Wasser in der Hand und lutschte daran. So lecker kann pures Wasser schmecken, aber es soll eine Ausnahme gewesen sein, denn das Wasser im Ort wurde vom Gletscher gespeist. Der See war so traumhaft blau, wie die Augen Kyrias, die ich auch nach Jahren nicht vergessen konnte. Es waren Augen, denen man sofort erlag. Bisher kannte ich das nur von Kleinkindern, Kyria hatte das wohl nie abgelegt ebenso ihre kindliche Naivität, die manches Mal anstrengend war, sie allerdings oft genug umso liebenswerter machte. Die Färbung des Sees zog mich in ihren Bann, vermutlich besonders, weil er mich an jene wunderschönen Augen erinnerte.

Unsere Zeit war arg begrenzt, aber dafür lebten wir sie umso intensiver, denn das Ablaufdatum kannten wir vom ersten Tag an. Das ist die traurige Realität beim Reisen. Nun, es ist gleichzeitig auch die schöne Realität, denn ich behaupte, dass diese Intensivität und dieser Wagemut sonst nicht dieses Level erreicht. Wie viele Drinks oder Kurze muss man sich einverleiben, bis man beim Feiern in der Stadt, in der man wohnt, eine fremde Person anspricht. Manchmal geht das ganz ohne, aber an den Abenden, in denen sich das Selbstbewusstsein gerade im Schatten vor der Bar versteckt, da braucht es kleine Erinnerungslücken und Stimmungsheber. Es könnte ja peinlich werden und dieses oder jenes passieren.

Diese Gedanken nehmen in der Fremde ab. Zumindest ging es mir so und Kyria ebenso. Wir lernten uns im Hostel kennen und quatschten auf der Couch. Ich kannte ihren Namen nicht, denn sie fragte mich direkt: „Hey, wie gefällt Dir die Stadt, gibt es was, das ich unbedingt gesehen haben muss?“ Worauf ich nur erwiderte: „Sorry, ich bin selbst erst heute Abend hier angekommen und so lange wollte ich mich eh nicht in der Stadt aufhalten.“ Es folgten noch ein paar wenige Sätze und plötzlich küssten wir uns innig. Das ist mir in der Geschwindigkeit noch nie zuvor oder danach passiert, aber überrannt fühlte ich mich absolut nicht. Das Zimmer hatten wir in der Nacht für uns, aber das quietschende Hostelbett ermahnte uns immer wieder, nicht zu intensiv zu werden. Der Blick des Typen von der Rezeption sprach Bände, als wir am nächsten Morgen zum Essen kamen. Was hätte ich mich entschuldigen sollen, ich konnte ja selbst nur wenig schlafen.

Ich war an dem Morgen sehr wortkarg, so bin ich einfach, nur Kyria lief schon früh zu Höchstform auf und begann zu erzählen. Da sie dabei aber nur einen Zuhörer brauchte, ergänzten wir uns ausgezeichnet. Ich muss gestehen, dass ich nicht jedes Detail hätte wiedergeben können und es gab einen Moment, wie man ihn aus der Schule kennt, wenn man direkt angesprochen und gefragt wird, worum es ging. Sie hatte eine Frage gestellt und es war still geworden. Nicht übermäßig lang, aber doch lang genug, um mir bewusst zu machen, dass ich meinen Einsatz verpasst hatte. Ich grinste nur und meinte: „Sorry, ich hab letzte Nacht nicht viel geschlafen und hab ein wenig von dir geträumt.“ Das war natürlich mächtig dick aufgetragen und wär wohl nie gut gekommen, wenn die Ironie nicht so deutlich gewesen wäre. Ich weiß nicht, ob sie mir das damals übel genommen hat, aber da wir die nächsten zwei Wochen gemeinsam im Zelt unterwegs waren, würde ich behaupten, dass sie es mir nicht nachgetragen hat.

Be-Sinnung

Neulich fragte ich mich, wie viele meiner Mitmenschen ich wahrnehme und die Anzahl ist erschreckend gering. Ich hielt es immer für menschlich, dass man sich selbst in den Mittelpunkt setzt, denn alles andere wäre ja nur ein theoretischer Natur, woher sollte ich denn wissen, wie ein anderer empfindet oder denkt? Aber ist das wirklich menschlich? Wenn ich so in die Natur schaue, dann sehe ich Tiere, die wissen, wie sich das Wetter ändert und die Erdbeben spüren können, lange bevor unsere Detektoren anspringen. Die Natur bekommt offensichtlich sehr viel mehr mit, als wir es tun, mit all unseren Erfindungen, die ja dennoch nicht unpraktisch sind, doch faulenzen unsere Sinne nicht, weil Maschinen ihre Arbeit verrichten?

Unterhaltung – das ist ein schönes Wort. Mir fällt als erstes ein Gespräch dazu ein. Aber ebenso all das, was wir allein konsumieren können. Ein Film auf dem Sofa oder Musik. Unterhaltung, das darf natürlich auch für einen allein vorhanden sein. Aber wenn ich den Menschen betrachte. Wenn ich überlege, was seine Besonderheit ist, so ist es die Fähigkeit zu sprechen und zu verstehen. Ein Film kann mich zum Denken und zum Verstehen anregen, doch kann ich mit ihm sprechen? Gut, das Internet macht mehr Kommunikation und Interaktion möglich, doch ist eine Unterhaltung wirklich der pure Austausch von Worten? Gehört da nicht die Präsenz des Gegenübers als Grundvoraussetzung dazu? So vieles kann falsch gesagt oder verstanden werden, doch eine Person zu berühren, sie anzulächeln und zu umarmen, das scheint mir wenig missverständlich.

Was wir geschaffen haben, sollten wir auch erhalten und auch die Forschung sollten wir nicht Einhalt gebieten. Es ist der Drang des Menschen, nach immer neuem Wissen. Dies ist ein Wesenszug, der auch nur ihm eigen ist und ihn zu verleugnen oder abstellen zu wollen, wäre falsch. Wir werden deswegen immer wieder auf neue Probleme stoßen, die der Menschheit so einiges an Kraft und neuen Ideen abverlangen wird. Doch das gehört dazu. Stattdessen sollten wir bei uns anfangen und um uns schauen. Wann brauche ich was? Warum brauche ich dieses etwas? Was bewirkt das in mir? Wir alle haben materielle Wünsche und die Erfüllung macht uns glücklich, meist nur für den Moment, aber auch dieses Glück ist deswegen nicht unecht oder unberechtigt. Wenn ich aber schaue, was mir selbst wichtig ist, so ist es die Nähe und der Austausch mit anderen Menschen. Ein Lächeln kostet nichts, aber verschenke ich es, so bekomme ich jenes Geschenk oftmals zurück. Und was ist das für ein Geschenk: Zwei Menschen, die sich anlächeln.