Räuber Baumbrech (Für Kinder und jene, die es immer wieder gerne sein möchten)

In einem dunklen Wald lebte einst der Räuber Baumbrech. Er war eigentlich gar kein Räuber, aber immer wenn jemand durch den Wald ritt und Baumbrech begegnete, erschrak diese Person von Baumbrechs ungeheurer Größe und seinem langen, schwarzem Bart. Die Leute schmissen dann all ihr Hab und Gut auf den Boden und ritten davon. Dabei konnte Baumbrech mit all den Kostbarkeiten und all dem Geschmeide gar nichts anfangen. Seine Hütte blieb kalt und sein Magen knurrte weiterhin.

Eines Tages kam der Händler Karl auf seiner Kutsche durch den Wald. Er hatte all sein Geld für das Wachstumselixier auf seinem Wagen ausgegeben und als er Baumbrech erblickte, der ihn nur freundlich begrüßen wollte, da hatte Karlchen nichts, das er dem Räuber hätte entgegenwerfen können. Also sprang er von seiner Kutsche und lief in den Wald hinein. Baumbrech wusste, dass es in der Richtung einen Abgrund gab und so rief er mit seiner tiefen und brummigen Stimme: „Vorsicht. Bleib doch stehen!“ Doch Karl blickte nur ängstlich hinter sich und stolperte im nächsten Moment den Abgrund hinunter.

Baumbrech eilte ihm hinterher und fand den verletzten Karl am Boden liegend. Der Räuber nahm Karl, der nicht einmal halb so groß wie Baumbrech war, auf die Schulter und schaffte ihn und seine Kutsche zur Hütte. Baumbrech legte den Händler aufs Bett, verband dessen Wunden und gab ihm aus einem Fläschchen von Karls Kutsche etwas Medizin. Baumbrech konnte nämlich nicht lesen und wusste daher nicht, dass auf den Flaschen „Wachstumselixier“ stand.

Am nächsten Morgen erwachte Karl und fühlte sich wieder rund um wohl. Er erschrak abermals vor Baumbrech, besann sich aber eines besseren. Baumbrech begrüßte ihn: „Du sahst wirklich schlimm aus gestern“, und ergänzte: „Aber deine Medizin ist anscheinend Zauberzeugs, denn du bist vollkommen geheilt.“ „Meine Medizin?“, fragte Karl ungläubig. „Ja, das was in den Flaschen in deiner Kutsche steht“, erwiderte der Räuber. Der Händler begann zu strahlen: „Dann ist das Zeug ja doch zu etwas nütze. Ich kaufte es, weil ich wachsen wollte. Und weil ich andere und ihre Haare wachsen lassen wollte. Aber es funktionierte nicht und alle lachten mich nur aus, weil ich so ein kleiner Mensch bin.“ „Ich wär gern so klein, dann würden nicht immer alle weglaufen, wenn sie mich sehen und ich hätte endlich einen Freund“, sagte Baumbrech traurig. „Lass uns doch einfach Freunde sein“, schlug Karl vor und Baumbrech platzte fast vor Freude und umarmte seinen neuen Freund ganz fest.

Karl entsann eine List: Beide fuhren mit der Kutsche in die Stadt und Baumbrech blieb versteckt in ihr sitzen. Dann erzählte Karl auf dem Markt, dass er heute ein neues Wachstumselixier bekommen hätte. Er nahm einen Schluck aus dem Fläschchen und ging dann in die Kutsche, um eine Kiste zu holen. Tatsächlich versteckte er sich im Boden der Kutsche und Baumbrech trat heraus. Er tat so, als sei er der kleine Karl und alle anderen seien plötzlich geschrumpft.

So verkauften sie einige Flaschen, doch der Schwindel flog schnell auf, weil niemand wuchs und keine Glatze mit Haaren bedeckt wurde. Die Meute wollte gerade auf Baumbrech losgehen, da schrie plötzlich einer von ihnen: „Halt“. Es war ein kleiner, alter Mann, den man schon seit Jahren nicht mehr hatte sprechen hören. Ein anderer schrie glücklich: „Ich kann wieder hören.“ Und ein dritter gluckste: „Und ich kann wieder sehen.“

So lernten alle die Zaubermedizin kennen. Man vergab Baumbrech und Karl ihre Lüge und erfreute sich der besten Gesundheit. Die zwei Freunde wurden von da an weder ausgelacht, noch lief man vor ihnen davon. Stattdessen wurden sie mit höchstem Respekt und Freundschaft empfangen.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

20 Kommentare zu „Räuber Baumbrech (Für Kinder und jene, die es immer wieder gerne sein möchten)“

  1. Was für eine schöne Weihnachtsgeschichte, lieber Ben. Ich kann regelrecht die Kinderkulleraugen sehen, die kerzenlichtspiegelnd auf einem Vorleser ruhen. Hier flackert auch eine vor sich hin und Adventsstimmung abseits von Jinglebells und Hohoho macht sich wohlig breit. Danke, schön, Dich zu lesen, Deine Käthe.

    1. Na ich bin gespannt, wie viele Kinderaugen es sein werden. Wir haben noch eine weitere Geschichte in Nussschalen verpackt, so dass alle Anwesenden Nüsse knacken und man dann die Geschichte herauszieht, die ja gerade so in der Realität stattfindet. Zumindest wird der beschädigte Gartenzaun und ein hinterlassener Brief des Weihnachtsmanns Zeuge jenes Falls sein. 😀 Ich zünde hier auch täglich Kerzen an, das ist einfach gemütlich, zumal mein Zimmer recht wenig Tageslicht abbekommt. 🙂

      Schön, gelesen zu werden. Dein Ben.

      1. Was für eine charmante Sache, das mit den Geschichten in Nußschalen! Wie bonfortionös ist das denn! Oh, Ben, bitte alle Geschichten mit uns teilen, bittöh, oder besser bittemitö. Feinstsonntagsgrüße, Deine Köthe, kwatsch, Käthe.

      2. Ja, ich mache das mit den Nussschalen so gern. Am liebsten stecke ich da Edelsteine hinein und verschenke sie passend zum Charakter. Aber so eine Geschichte für die Gruppe, das hat schon was zauberhaft verhextes. Das fehlt so oft an Weihnachten, die stille Heimlichkeit. Vom Räuber Baumbrech erzähle ich gern weitere Geschichten und ansonsten muss ich mal schauen, was die Inspiration so mit mir anstellt 😉
        Dein Bön ^^

    1. Die wünscht sich schon viel zu viel von mir: Geschichten vorlesen, welche schreiben, sich um die Meerschweinchen kümmern oder um ihre Töchter…nööö, die traut sich das glaub ich gar nicht 😉

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