ice cold

Eis am Stiel, nein, es müsste eher Stieleis heißen, was ich da in der Hand hielt. Ich hatte mir diesen dünnen Eiszapfen vom Gletscher abgebrochen. Ich fragte mich, ob ich jetzt ein Umweltsünder sei, wo ich den eh schon abschmelzenden Gletscher bestohlen hatte. Nun hielt ich das gefrorene Wasser in der Hand und lutschte daran. So lecker kann pures Wasser schmecken, aber es soll eine Ausnahme gewesen sein, denn das Wasser im Ort wurde vom Gletscher gespeist. Der See war so traumhaft blau, wie die Augen Kyrias, die ich auch nach Jahren nicht vergessen konnte. Es waren Augen, denen man sofort erlag. Bisher kannte ich das nur von Kleinkindern, Kyria hatte das wohl nie abgelegt ebenso ihre kindliche Naivität, die manches Mal anstrengend war, sie allerdings oft genug umso liebenswerter machte. Die Färbung des Sees zog mich in ihren Bann, vermutlich besonders, weil er mich an jene wunderschönen Augen erinnerte.

Unsere Zeit war arg begrenzt, aber dafür lebten wir sie umso intensiver, denn das Ablaufdatum kannten wir vom ersten Tag an. Das ist die traurige Realität beim Reisen. Nun, es ist gleichzeitig auch die schöne Realität, denn ich behaupte, dass diese Intensivität und dieser Wagemut sonst nicht dieses Level erreicht. Wie viele Drinks oder Kurze muss man sich einverleiben, bis man beim Feiern in der Stadt, in der man wohnt, eine fremde Person anspricht. Manchmal geht das ganz ohne, aber an den Abenden, in denen sich das Selbstbewusstsein gerade im Schatten vor der Bar versteckt, da braucht es kleine Erinnerungslücken und Stimmungsheber. Es könnte ja peinlich werden und dieses oder jenes passieren.

Diese Gedanken nehmen in der Fremde ab. Zumindest ging es mir so und Kyria ebenso. Wir lernten uns im Hostel kennen und quatschten auf der Couch. Ich kannte ihren Namen nicht, denn sie fragte mich direkt: „Hey, wie gefällt Dir die Stadt, gibt es was, das ich unbedingt gesehen haben muss?“ Worauf ich nur erwiderte: „Sorry, ich bin selbst erst heute Abend hier angekommen und so lange wollte ich mich eh nicht in der Stadt aufhalten.“ Es folgten noch ein paar wenige Sätze und plötzlich küssten wir uns innig. Das ist mir in der Geschwindigkeit noch nie zuvor oder danach passiert, aber überrannt fühlte ich mich absolut nicht. Das Zimmer hatten wir in der Nacht für uns, aber das quietschende Hostelbett ermahnte uns immer wieder, nicht zu intensiv zu werden. Der Blick des Typen von der Rezeption sprach Bände, als wir am nächsten Morgen zum Essen kamen. Was hätte ich mich entschuldigen sollen, ich konnte ja selbst nur wenig schlafen.

Ich war an dem Morgen sehr wortkarg, so bin ich einfach, nur Kyria lief schon früh zu Höchstform auf und begann zu erzählen. Da sie dabei aber nur einen Zuhörer brauchte, ergänzten wir uns ausgezeichnet. Ich muss gestehen, dass ich nicht jedes Detail hätte wiedergeben können und es gab einen Moment, wie man ihn aus der Schule kennt, wenn man direkt angesprochen und gefragt wird, worum es ging. Sie hatte eine Frage gestellt und es war still geworden. Nicht übermäßig lang, aber doch lang genug, um mir bewusst zu machen, dass ich meinen Einsatz verpasst hatte. Ich grinste nur und meinte: „Sorry, ich hab letzte Nacht nicht viel geschlafen und hab ein wenig von dir geträumt.“ Das war natürlich mächtig dick aufgetragen und wär wohl nie gut gekommen, wenn die Ironie nicht so deutlich gewesen wäre. Ich weiß nicht, ob sie mir das damals übel genommen hat, aber da wir die nächsten zwei Wochen gemeinsam im Zelt unterwegs waren, würde ich behaupten, dass sie es mir nicht nachgetragen hat.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

9 Kommentare zu „ice cold“

    1. Ja, zuerst hieß sie noch sehr zweideutig: „blue ice“ aber mir gefiel „ice cold“ klanglich besser, so kam es zu dem eher unpassenden Titel 😉 ich hätte aber mal eine Umfrage einbauen sollen, in welchem Land sich die beiden kennengelernt haben (also warmes oder kaltes Land).

      Liebe Grüße,
      Ben

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