Folterbank 2.0

Es ist ja eigentlich schon zum Lachen, wenn es nicht so verdammt traurig wäre. Aber was sich mancherorts ausgedacht wird, um mit Obdachlosen umzugehen. Ich nehme an, dass der Grundgedanke dabei ist, dass Obdachlose nur deswegen vorhanden sind, weil wir ihnen den Platz zum Übernachten auf Parkbänken, in einer trockenen Bucht an einer Häuserfassade oder unter Unterführungen bieten.

Anders lässt sich zumindest nicht erklären, wie man sonst auf die Idee kommt, Sitzbänke zu umzäunen oder sie mit Stacheln zu versehen, die sich beim Einwurf von 50 Cent in einen Schlitz einziehen. Das sind wohl die neues Mittel aus Frankreich: #Angouleme und #SDF sind die nötigen Schlagworte, die die Bilder dazu zeigen. In London ist es gerade ein halbes Jahr her und das Echo hätte man auch in Frankreich vernehmen können.

Der wahre Grund für solche Aktionen ist natürlich, dass man die Obdachlosen aus dem Sichtfeld haben will. Erstrecht in Innenstädten, wo die Leute doch gut gelaunt ihr Geld für Einkäufe ausgeben soll, die sollen doch kein schlechtes Gewissen haben. Wenn man mal so schaut, dann packt man kranke und alte Menschen weg, man steckt Behinderte in Heime und Obdachlose soll auch niemand zu sehen bekommen, denn sonst glänzen die frisch gewaschenen Scheiben nur noch halb so schön in der Sonne und die Fassade der Perfektion bröckelt. Dabei täte uns eine gehörige Priese Realität gar nicht schlecht.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

31 Kommentare zu „Folterbank 2.0“

    1. Ja, was solche Erfindungen angeht, da gibt es wohl keine Grenzen…ich musste erst schmunzeln, als ich jene Bänke mit den Zäunen sah. Dann setzte aber wieder der Realitätssinn ein, wenngleich der sich schwer tut bei solchen Bildern und verqueren Gedanken. Ich hab selbst schon mal ein paar Stunden auf einer Parkbank gelegen, zu meinem Glück nur, weil ich zu viel getrunken hatte und nicht, weil ich keinen anderen Weg mehr wusste. Wie heftig wären da solche Spikes gewesen…

      1. Kannte ich bisher noch gar nicht. Hab mir gerade die grobe Handlung angesehen und es klingt sehr spannend und ganz sicher nebenbei noch etwas, das die Sichtweite verbreitert.

  1. Wir sind umgeben von etlichen Prisen von uns bekannten Realitäten. Diesen zu entfliehen ist das, was nicht wenige Menschen das Leben nennen.

    Die Prisen tun schlecht…sie desillusionieren, ent – täuschen. Das warme Stübchen als Komfortzone ist gefährdet. …und das wissen die meisten von uns.

    Die, welche sich schonungslos mit den Prisen konfrontieren sind nicht unser Umgang… Wir hängen zu sehr an unserer warmen Stube…

    1. Der Wunsch, sich wohl zu fühlen und danach zu streben, diesen Zustand zu bewahren, das kann ich nachvollziehen, wenngleich ich das nicht als Leben bezeichnen würde. Du (ich hoffe es ist in Ordnung, wenn ich das „du“ nutze, so ist es auf meinem Blog zumindest sonst üblich) zeigst aber vollkommen zurecht auf uns (du sprichst ja vom „wir“) und genau das darf man bei der Kritik nicht vergessen. Denn es sind nicht nur Bürgermeister oder Stadträte, die diesen Umgang pflegen.

      Zu sehr an den wohligen Plätzchen zu hängen, bedeutet aus meiner Sicht Stillstand, aber gleichzeitig ist es vielleicht auch nicht so verkehrt, um Kinder zu bekommen und sich zu entwickeln (zur Erklärung des letzten Punktes: wenn man die wandernden Völker mit denen vergleicht, die sich niederließen, dann ist bei den sesshaften weitaus häufiger eine zivilisatorische Entwicklung zu betrachten).

      Vielen Dank für Deinen Kommentar,
      Ben

      1. Oh, da geht noch viel mehr. Überlege nur, dass es immer wieder Vorstöße gibt, mit Strafen gegen Obdachlose vorzugehen. Vermutlich wird diese Idee noch unterfüttert von dem Sozialstaat, der eigentlich niemanden auf der Straße verhungern oder leiden lassen will. Doch so einfach ist das eben nicht.

      2. War mir leider klar, dass ich es nur sagen möchte, es aber nicht wirklich aussprechen kann. Mensch ist zu unberechenbar in seinen Berechnungen.

    1. Bei den umzäunten Bänken hab ich mich gefragt, warum man die nicht gleich abmontiert hat…was all diese Maßnahmen wohl kosten und wieviel wohl eine Bahnhofsmission an Geld benötigt?

      1. Hätte man sie abmontiert, hätte man doch keine so offensichtlich widerliche Message der „Ausgrenzung“ hinterlassen können. Ich kann’s immer noch nicht fassen. 😦

      2. Ja, das war auch mein Gedanke. Aber gut, Mauern oder Zäune hochziehen, das sind wir Menschen eben gut drin und das beeinflusste schon meine Kindheit. Wenn man so etwas mitbekommt, da fragt man sich schon, wann Obdachlosigkeit zur Straftat wird.

  2. Ich kann mich an einen Obdachlosen erinnern, der in Luzern allen die er traf, einen schönen Tag wünschte. Wenn er gute Laune hatte.
    An Weihnachten trug er einen Adventskranz mit brennenden Kerzen auf seinem Kopf.

    Als er von der Brücke sprang, hinterliess er auf dem Geländer einen Abschiedsbrief.

    Diese Begegnung war für mich prägend.
    Für mich sind die Randständigen (wir nennen sie in der CH so) die letzten Rebellen der Gesellschaft.
    Ihnen gebührt der gleiche Respekt, wie allen anderen.

    1. Das erinnert mich an die Geschichte von dem Obdachlosen in Preston, der einer Studentin, die nach Hause wollte, aber kein Geld mehr hatte, drei Pfund schenken wollte. Robbie hieß er glaub ich und ist in dem Ort sehr bekannt, weil er eine ebenso liebevolle Art, wie jener besitzt, von dem du hier schreibst. Auch ich kenne hier bei uns einen, dem ich nur zu gern begegne, weil er eigentlich immer gut drauf ist und einen freundlich grüßt.

      Ja, die letzten Rebellen der Gesellschaft, das klingt gut, fast nach einem Titel für eine neue Kurzgeschichte…Danke für den Kommentar, der den Obdachlosen oder Randständigen ein Gesicht gibt.

      1. Ja. Diese Geschichten 🙂
        Übrigens. Darf ich dir einen Namen zum Menschen geben?
        Emil hiess er.
        Emil Manser.
        Und vielleicht googelst du ihn mal. Du wirst auf einen wirklich besonderen Menschen stossen.

      2. Ja, ein ehrlicher Künstler…ich suche gerade nach einem WP-Eintrag, über einen ehemaligen Arzt, der nun auf der Straße lebt. Seine strahlend blauen Augen sind sein Merkmal. Ich hab gerade so eine Idee, an der ich bastle und da möchte ich möglichst viele Gesichter zeigen. Und solche besonderen noch umso mehr.

  3. Beiden.
    Plotte mal beide. Du wirst selber sehen, bei welcher du zögerst und bei welcher du voller Begeisterung hängen bleibst.
    Wenn du die Story zu Ende hast, kannst du dich der anderen widmen 🙂

  4. Bei obdachlosen (oder einer sonstigen Randgruppe zugehörigen) Personen vergessen sowohl Politiker als auch Restbevölkerung leider viel zu oft, dass diese auch Menschen sind. Menschen mit einem unbegreiflichem Schicksal, Menschen mit Gefühlen, Menschen mit Menschenrechten. Einfach abscheulich, wie mit ihnen umgegangen wird.

    1. Ja, das Vergessen des Menschseins nimmt eben umso mehr ab, je mehr man sich von ihnen fernhält, wir sehen das ja gerade beim Thema Flüchtlinge. Deswegen halte ich dieses Aussperren auch für unheimlich gefährlich.

      1. Na klar, wenn das Problem nicht mehr sichtbar ist, kümmert es niemanden mehr. Gerade deshalb sehr schön und inspirierend, dass du darüber schreibst.

  5. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Wie verläuft ein Gedankengang, an dessen Ende so etwas steht? Das ist einfach nur traurig. Traurig und erbärmlich.

    Ich geh jetzt und spende der Kältehilfe. Dann fühle ich mich vielleicht wieder etwas besser. Die sorgt nämlich auch dafür, dass im Winter weniger Obdachlose auf Parkbänken schlafen… ganz ohne Spikes und Zäune, und vor allem ohne Verachtung.

    1. Eine Kältehilfe gibt es hier gar nicht, aber die Bahnhofsmission. Zudem gibt es hier einen „Laden“, der nichts verkaufen möchte. Es ist mehr ein Treffraum, der ein Gegenstück zur Konsumgesellschaft darstellen möchte und am 24.12. ab 16 Uhr geöffnet war, damit man dort Weihnachten feiern konnte. Jeder. Natürlich kümmert man sich nicht um Obdachlose oder gibt ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit, aber hier gehören sie einfach dazu. Ebenso wie im Umsonstladen, wo man hingibt, was man hat und nicht mehr braucht, was aber natürlich noch brauchbar ist und funktioniert. All das sind Ansätze, an denen ich mich gern beteilige und die Bahnhofsmission könnte sicherlich auch ne Unterstützung gebrauchen. Danke für die Anregung.

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