Der Rand

Neulich beim Abendessen wollte eines der Mädchen den Rand ihrer Pizza nicht essen. Ihr wackeln gerade acht Milchzähne und ich kann sie verstehen. Nun gibt es Menschen, von denen wir sagen, sie leben am Rand der Gesellschaft und so möchten wir sie auch an den Rand unseres Lebens schieben oder gar darüber hinaus. Vor den Kaufhäusern, die gerade im Winter viel Wärme abgeben, dürfen sie nicht liegen und auf den Bänken auch nicht. Am besten gar nicht erst sehen, denn das schlechte Gewissen kommt hervor: Man müsste ihnen etwas Geld geben und dabei will man doch nur schnell vorbei. Ja, diesen „Rand“ lassen wir gern auf dem Teller liegen und schieben ihn satt von uns weg. Wir, das bin auch ich, es fällt mir nur leichter, wir zu schreiben, aber es ist falsch, auch wenn wir es sind. In erster Linie bin ich es.

Ich wollte so einige Male bei dem Mann anhalten, der unter der Unterführung lag, an der ich jeden Tag vorbei fuhr. Ich wollte ihm eine Mütze, Handschuhe und ein wenig Brot und Saft mitbringen…ich wollte…und tat es nicht. Seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ist ihm was passiert? Fand er einen besseren Platz? Bekam er Ärger mit der Polizei, weil sich jemand beschwerte? Ich werde es vermutlich nie erfahren und ich würde ihn jetzt im Normalfall vergessen. Mein nicht getaner Wunsch, ihm zu helfen und mit ihm zu reden, wird verschwinden, wenn ich nur weiter auf der Couch sitze und die Katze streichle.

Ich sehe die Schneeflocken, die draußen vom Himmel fallen und es sieht schön aus. Die Welt überzieht es mit einer dicken Schicht, die so wunderbar knirscht, wenn man hineintritt. All die romantischen Gedanken, die kann ich mir erlauben, weil ich ein warmes Zimmer habe, in dem ich gerade sitze. Wie man wohl über Schnee denkt, wenn man ihn als harte Natur ertragen muss? Dieser „Rand“ ist gar kein Rand. Diese Menschen leben mitten unter uns. Dort gehören sie hin und nicht an den Rand, weil wir sie satt haben.

Sie könnten doch auch zum Amt gehen und Hilfe bekommen. So dachte ich mir das immer, aber so leicht, wie ich mir das dachte und hier schreibe ist es nicht. Der Weg unter die Brücke kann der einzig ersichtliche sein, wenn der Job fehlt und auch das private Leben zerbröckelt und man sich verlassen fühlt. Es ist ja nur für einen Tag, morgen wird es schon wieder aufwärts gehen…Morgen gehe ich zum Amt…und dann doch nicht. Es lässt sich nur schwer vorstellen, wie gelähmt man sich manchmal im Leben fühlt, dass man Freunde nicht mehr um Hilfe bitten möchte und sogar davonläuft, weil man es ihnen nicht zumuten möchte, denn man wird es schon schaffen und sich wieder aufrappeln. Vielleicht sind auch gar keine Freunde mehr da, die man bitten könnte. Und plötzlich findest du dich auf der Straße wieder.

Das Thema beschäftigt mich und es ist sehr theoretisch. Deswegen möchte ich diesen Menschen ein Gesicht geben und ihre Geschichten weitergeben:

Es gibt diesen Robbie aus Preston, der einer Studentin 3 Pfund anbot, als sie ihre Kreditkarte verloren und kein Geld für ein Taxi hatte. Jener Robbie ist in Preston nicht unbekannt, da er sich dadurch auszeichnet, den Leute zu helfen. Die Sache wurde bekannt, weil jene Studentin sich engagierte und Geld für ihn sammelte. Bevor sie es ihm gab, verbrachte sie 24 Stunden auf der Straße mit ihm. Ob man jedem einzelnen helfen sollte oder doch allen, das muss jeder für sich entscheiden. Aber dieses Eintauchen in das Leben einer anderen Person, würde keinem von uns schaden.

In Luzern gab es den Herrn Emil Manser. Er hat etwas von Diogenes und so fand ich bei der Suche nach ihm sofort den Ausspruch „Zu viel Alkohol macht peinliche Narren. Diene als schlechtes Beispiel“. Er war also der gebildete Obdachlose, der sein Wissen nicht für sich behielt und am Ende noch einen Abschiedsbrief an der Brücke hinterließ, von der er sich stürzte.

Ich las einmal von einem blauäugigen Arzt, der laut eigener Aussage mit dem vorherigen Leben komplett abschließen wollte. Auch bei ihm merkte man so viel Lebensweisheit, die er nur zu gern teilte. Ich habe ihn leider nicht mehr gefunden und kann daher nur auf meine Erinnerung zurückgreifen.

Ich erwähne diese Beispiele nicht, weil ich behaupten möchte, dass alle Obdachlosen geniale Künstler und Helferpersönlichkeiten sind. Sie sind Menschen wie wir, die gute und die schlechte Tage kennen. Vor denen wir uns aber nicht fürchten brauchen. Wir alle sollten sie wahrnehmen und nicht versuchen, sie auszublenden. Das ist mein Fazit, das ich besonders an mich selbst richte.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

29 Kommentare zu „Der Rand“

  1. Du hast recht, „wir“ zu sagen ist leichter, als „ich“. Und dennoch beinhaltet „wir“ uns alle. Wenn wir wüssten, wie schnell es gehen kann, bis man selbst den „Rand“ ausmacht… würden wir uns anders verhalten?

  2. Sehr schön geschrieben, aber… bitte nicht als destruktive Kritik verstehen: manch ein „man“ würde ich durch Personalpronomen ersetzen, da das „man“, zumindest in meinen Augen, eine gewisse Entfernung zum Geschehen bietet. Als würde „man“ keine Verantwortung übernehmen… Dieser „man“ ist so weit weg…

    Aber du bist ja der Lehrer… Ich meide das „man“ und beziehe mich auf andere oder mich, aber nicht auf einen indefinierten „man“… Ist für mich persönlicher… Für mich!

    1. Ich denke, dass es in diesem Beitrag kein so großes Problem ist, da ich mich direkt als Adressaten meiner Rede nenne. Das „man“ passiert mir aber eh viel zu häufig und da muss ich drauf achten. Es gibt manche Phrasen oder Worte, die viel zu oft in meinen Texten vorkommen, auch wenn es selten so eine Wirkung wie das „man“ mit sich bringt.

      1. Du, mir geht es keineswegs um die Wiederholung, sondern um die Intensität der Ansprache.
        „Man müsste ihnen etwas Geld geben und dabei will man doch nur schnell vorbei.“ Wir müssten ihnen etwas Geld geben und dabei wollen wir nur schnell vorbei. Merkst du den Unterschied? Vielleicht bin ich auch einfach nur zu kleinlich, aber bei „man“ schließen wir uns irgendwie aus, als ging es um andere, unbestimmte Menschen. Sorry, ich bin ein ganz schlechter Erklärer… Und es war auch nicht meine Absicht, zu belehren. Das Problem des Umgangs mit Obdachlosen betrifft uns alle und „man“ kann das einfach nicht unpersönlich betrachten, sondern WIR können darauf aufmerksam machen und diese Menschen entsprechend beachten.

      2. Ne, gar nicht. Denn mir fällt gerade auf, dass ich den nötigen Doppelpunkt vergessen habe, der das anzeigen soll. Jetzt ist die Stelle eindeutig und kann nicht nur vom Schreiber ohne Erklärung verstanden werden 😉

        Ich habe auch mal den restlichen Text nach „man“ untersucht und die übrigen werde ich so lassen, wenngleich es viel zu viele sind. Für mich ist das eher ein Qualitätskriterium für die Leser, denen ich eine ständige Wortwiederholung ersparen möchte. Dein Hinweis war dennoch nicht verkehrt, ich hatte es einfach anders gedacht, aber eben nicht gekennzeichnet 😉

  3. Was für ein schöner Beitrag, und wie wahr! Mir gefällt der Link vom Pizzarand zum Rand der Gesellschaft – auf diese Idee muss man auch erst mal kommen. Kompliment! Übrigens: Es ist gar nicht so schwer, den Randständigen etwas vorbeizubringen, ich mach das öfters mal. Nicht wegen dem schlechten Gewissen, sondern einfach, weil es mir ein Bedürfnis ist. Im übrigen wollen viele von ihnen nicht in die Wärme. Ich kenne da ein paar, die mir immer erklären, dass sie sich dort an Regeln halten müssen und es ihnen stinkt, dass sie da nicht tun und lassen können, was sie wollen. Deshalb ziehen sie die Strasse vor. Es ist nicht so, dass sie keinen warmen Platz angeboten bekämen…sie wollen ihn einfach nicht annehmen. Deshalb bringe ich halt hin und wieder einfach so was vorbei. 🙂

    1. Guter Hinweis, es ist eben gar nicht so schwer und das weiß ich jetzt auch beim nächsten Mal. Ich möchte mir beim nächsten Mal auch einfach mal unterhalten. Einfach mal zuhören und lauschen.

      Und kennst du das mit der Wärme, die nicht gemocht wird, von vielen? Ich bin ja ein wenig überrascht, wenngleich ich schon verstehen kann, dass man sich da irgendwann dran gewöhnt.

      1. Ja, ich mag zum Beispiel die Sommerwärme nicht. Aber im Winter unter der Brücke schlafen wäre auch nicht meins. Jeder halt so, wie er es möchte. Dann ist doch allen gedient! 🙂

      2. …eben…und dahinschmelz ist ätzend! Mag ich nicht! Ich liebe den Winter! Aber den richtigen Winter, mit Schnee und allem Drum und Dran, nicht den Pseudowinter! 🙂

      3. Ich fand es durchaus schön, nur dass mein Rad jetzt gerade stehen bleiben muss, das schmeckt mir nicht…bin vorhin fix in den Supermarkt und da brauchte es schon recht lang, wenngleich ich es angenehm fand, all die Leute zu sehen, die trotz des Schneeschiebens ein breites Lächeln auf den Lippen trugen, ebenso wie ich. 🙂

  4. Ehrliche Worte zu einem brennenden Thema. Ich nehme es auf Augenhöhe real wahr & helfe wo meine Sinne mir es zeigen. Fern von einem Programm.

    1. Klingt sehr gut. Ich will bei solchen Themen auch ehrlich sein. Die Leser können mehr damit anfangen, als wenn ich so tue, als wäre ich perfekt und müsste sie belehren und ich selbst hab auch mehr davon, weil ich mir versuche, meine Fehler bewusst zu machen, damit ich sie nicht wiederhole und ich habe ja dadurch auch schon von danielajeggi einen Hinweis bekommen, dass das überhaupt nicht schwer ist. Manchmal blockiere ich mich selbst, weil ich mir vorher ausmale, wie es passieren und kommen wird. Das ist natürlich totaler Käse. Schön, dass du von dir aus hilfst. Ich freue mich, wenn solch ein Feedback kommt, denn das stachelt mich und auch sicher einige Leser an, selbst auch was zu tun. So schwer ist das ja nicht. 🙂

  5. Hat dies auf Madame Lila rebloggt und kommentierte:
    Ben Fröhlich.
    Er trifft die Worte präzis. Ohne den erhobenen Zeigefinger, den ich so gar nicht mag. Ich bin auch sicher, er isst die Pizza mit Rand.
    Wegschieben zählt nicht.

  6. Oh Ben…genialer Artikel und so richtig und wertvoll. 💛💛💛

    Es gibt einen Vorstädter, der hat gestern die so gute Idee gehabt, die ansässigen Gastronomen unter anderem zu bitten,, dagebliebene Mützen, Schals und Handschuhe zum sammeln und er wolle sie nun regelmäßig dort abholen und verteilen. Fand ich eine sehr gute Idee

    Es ist eine so sehr leidiges Thema, wenn sie einfach übersehen und „verurteilt“ werden. Ja…es kann ganz ganz schnell gehen. Und jeden treffen. Ganz unvermittelt.

    1. Vielen Dank, es lag mir auf dem Herzen und musste raus 🙂

      Eine gute Idee ist das mit den liegen gebliebenen Sachen, also nach einer Zeit zumindest ^^ man kann aber auch selbst einfach mal ganz ehrlich ausmisten. Ich hab das früher immer in die Kleidercontainer geworfen, weil ich davon ausging, dass es den Armen zugute kommt. Mittlerweile bringe ich die Sachen in unseren Umsonstladen vor Ort oder wenn es in den Container soll, dann zu einer Organisation, bei der ich es in Ordnung finde, wenn sie durch den Weiterverkauf ein wenig Geld verdienen.

      Und dieser Punkt, dass es einen ganz schnell erwischen kann, das ist es eben auch, was ich kaum auszudrücken vermag, was ich aber weitergeben will, denn das ist es ja, was ich selbst nicht verstehen konnte.

      1. Wäre bis 10 Euro muss nicht die gesetzliche Aufbewahrungsfrist einhalten. Geht also recht schnell, wenn gewünscht.
        Das mit dem Umsonstladen find ich auch klasse.

        Und wenn du das jetzt für dich sehen und fühlen kannst, umso wertvoller ist es. 🙂

      2. Mag ja sein, dass die Klamotten nicht so lang aufbewahrt werden müssen, aber stell dir mal vor, du lässt deinen Lieblingsschal wo liegen, gehst vier Tage später hin, um ihn dir wieder zu holen und er ist einfach weg. Das wär doch auch blöd. 😉

  7. Ich blende nicht aus. Ich schaue hin und reagiere. Teilen macht glücklich! Jeder kann was abgeben und wenn man mit offenen Augen achtsam fokussiert, sieht man sein eigenes Leben, das einem oft minderwertig erscheint, in Glanz erstrahlen und lernt wieder Dankbarkeit zu spüren. Teilen ist wunderbar.

    1. Ja, genau darum schrieb ich hier. Es stimmt mich fröhlich, dass es nicht nur solche Eumel wie mich gibt, die zu lange nachdenken, statt es einfach zu tun. Ihr seid mein Tritt in den Hintern, es von nun an besser zu machen. 🙂

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