Die schönen Fehler

Gefangengenommen von einem Wesen. Unerklärlich.

Der erste Gedanke am Morgen. Unentbehrlich.

Verschoben und verhaspelt sind die Worte. Aufgeregt

Das Glück lässt sich auch schweigend genießen. Gut aufgelegt.

Termine verpasst und vergessen. Gedankenverloren.

Durcheinander gewirbelt das Sein und umgeordnet. Wie neugeboren.

Der Katzenmann – Teil 5

Die Geschichte von vorn

Montag war ein freier Tag für Heinrich, der den verlängerten Morgen genoss. Nur zu gern sah er den Menschen dabei zu, wie sie regsam durch die Gegend stürmten, während in seiner Wohnung die Hektik zu pausieren schien. Ganz ungenutzt sollte der Tag jedoch nicht verlaufen, denn ein Besuch im Baumarkt und in der Tierhandlung stand noch auf dem Plan. Heinrich baute nur zu gern Kletter- und Verstecktürme für seine haarigen Freunde.

Er ging die Wege zu Fuß, da beide Läden in seiner näheren Umgebung lagen. Zudem fürchtete er, dass er mit den Brettern aus dem Baumarkt, nicht hätte Radfahren können. Die Tierhandlung suchte er einzig wegen Tigers Futter auf. Sie aß nur diese eine Sorte und auch dort nicht alle Stücken, vermutlich unterschied sie da anhand der Frische. Es überraschte ihn, als er ein ihm bekanntes Gesicht zwischen den Regalen erblickte. Er nickte dem Gesicht freundlich zu und die Reaktion darauf war eine Begrüßung: „Hallo, Herr Kalkenrisse, ich sollte wohl nicht verwundert sein, Sie hier anzutreffen.“ „Nein, Frau…ähm Leiser. Oder eigentlich doch, denn ich komme nur für eine Spezialität hier her. Haben Sie ein Haustier?“ „Bisher nicht, aber ich hatte darüber nachgedacht. Ich wollte schon immer eine Katze haben, habe es aber nie umgesetzt und nun schaue ich gerade, was es so alles gibt. Ich wollte danach noch zu den Katzenbabys und mir eine aussuchen. Vielleicht so eine, wie Sie sie haben. Die Graue mit dem buschigen Schwanz“, erklärte die Polizistin. „Ah, sie meinen Tiger. Die hat leider nie Nachwuchs gehabt, sonst hätte ich Ihnen einen Abkömmling gegeben. Aber wenn ich Ihnen einen guten Tipp geben darf, dann lassen Sie sich nicht von den süßen Babys blenden und gehen besser ins Tierheim, da wartet gerade eine sibirische Katze auf eine liebevolle Person.“ „Woher wissen Sie…ach ja, Sie arbeiten ja dort. Das habe ich ganz vergessen“, erklärte die Beamte, die nach den zwei Befragungen bereits einen Einblick in das Leben von Heinrich bekommen hatte. „Wann arbeiten Sie denn wieder da. Morgen vielleicht?“, fragte die Beamte und entnahm dem Kopfnicken Heinrichs bereits die Antwort: „Ja, den ganzen Tag.“ „Dann komme ich morgen einfach zu Ihnen und Sie zeigen mir mal jene Katzendame.“ Heinrich nickte fröhlich lächelnd und spürte den restlichen Tag eine Vorfreude, wieder dieser hübschen Frau zu begegnen.

Zum 6. Teil

political correctness und ihre Grenzen

Als ich 16 war, begann ich mich mit der Diskriminierung von Afroamerikanern in Amerika zu beschäftigen. Ich las Bücher zu Malcolm X und verurteilte Leute, die die falschen Begriffe benutzten. Es ging doch um den Respekt gegenüber jenen Menschen, die für ihre Rechte kämpften. Warum mich gerade dieses Thema beschäftigte, ist eine Frage, die ich kaum zu beantworten weiß. Warum ging es mir nicht um den Umgang der Deutschen mit den Juden? Oder um Gleichberechtigung? Ich wünschte mir eine dunklere Haut und erklärte jedem, egal ob er es hören wollte oder nicht, dass Jesus falsch dargestellt wird, denn sein Hauttyp müsste dunkler sein.

Einige Begebenheiten in den letzten Tagen ließen mich wieder nachdenken. Wie gehe ich mit den Begriffen um und könnte ich mit meinen Worten jemanden beleidigen? Ich habe einen guten Freund, der aus Sri Lanka stammt. Wenn es überhaupt mal ein Thema ist, dann bezeichne ich seine Hautfarbe als schwarz. Ob ich damit politisch korrekt handle, weiß ich gar nicht, aber ich weiß, dass er es nicht negativ aufnimmt. Gerade durch ihn habe ich die Einstellung gewonnen, dass man über alles lachen kann. Bis ich neulich merkte, dass das nur funktioniert, wenn es eben auch alle witzig finden. Es gibt also Grenzen und das Lachen könnte ganz schnell falsch verstanden werden.

Zurück zur politischen Korrektheit. Ich bin manchmal unachtsam in meiner Sprache, aber ich glaube, dass mich politisch korrektere Sprache nicht zu einem mehr oder weniger rassistischen Menschen macht. Während ich also überlege, ob ich meinen Freund als schwarz bezeichnen darf oder doch besser als Menschen aus Sri Lanka, wird mir klar, dass ich ihn nie kategorisiert habe und es deswegen auch nicht weiter relevant ist. Er ist für mich nicht besser oder schlechter in diesem oder jenem. Weder aufgrund seiner Herkunft noch seiner Hautfarbe. Dennoch möchte ich mehr auf meine Wortwahl achten. Den einen Denkfehler darf man aber nicht machen, nämlich jenen, wegen dem wir ständig Wörter austauschen: Man behandelt Menschen nicht besser oder sieht sie als ebenbürtig an, nur weil man sich einen neuen Begriff überlegt und den, am besten noch ohne sie zu fragen, einführt.

Der Katzenmann – Teil 4

Die Geschichte von vorn

Heinrich war nicht ganz unglücklich über den Besuch der Beamten, denn eine der beiden war die Polizistin vom Vortag, die sich als Frau Leiser vorgestellt hatte. Sie gefiel Heinrich, auch wenn ihm klar war, dass aus der Situation heraus keine Option für ein Kennenlernen bestand. Stattdessen musste er sich Fragen zu Frau Bauer und seinem Leben mit den Katzen gefallen lassen. Wie so üblich hatte Heinrich das Gefühl, sich für seine Liebe zu den Katzen rechtfertigen zu müssen. Und wie sonst auch entschuldigte er sich geradezu dafür. Nach knapp einer halben Stunde war das Verhör beendet und Heinrich nahm all seinen Mut zusammen, um nachzufragen, was denn mit Frau Bauer geschehen sei, dass man ihn so intensiv befragte. Die beiden Beamten gaben keine Auskunft und verließen Heinrichs Wohnung.

Der Katzenfreund ging hinüber zum Bäcker, der ihn ganz ungewöhnlich mit einem Guten Morgen, Herr Kalkenrisse begrüßte. „Die Polizei war vorhin bei Ihnen, habe ich gesehen. Was war denn los?“, fragte er Heinrich anstatt sich zu erkundigen, was dieser gerne kaufen wollte. „Die hatten nur noch ein paar Fragen wegen Frau Bauer.“, antwortete Heinrich und ergänzte: „Ich darf aber nicht darüber reden, das verstehen Sie ja sicherlich.“ Der Bäcker blickte ihn unzufrieden an, schnaufte laut durch die Nase und war nun bereit zu bedienen: „Was hätten Sie denn gern?“ „Drei normale Brötchen, das wäre alles.“ „Bitte sehr. Haben die nur wegen der Bauer gefragt oder auch wegen Erik?“ „Wegen Erik? Nein, nur wegen der Bauer und ich wüsste auch nicht, warum man mich zu dem hätte befragen sollen“, erwiderte Heinrich, griff die Tüte mit den Brötchen und verließ den Bäcker.

Zuhause bereute er schon wieder zu jenem Bäcker gegangen zu sein. Er hatte sich freier und wohler gefühlt, nachdem die Bauer und Erik ihn nicht mehr angiften konnten, aber die Welt in diesem Ort war noch immer dieselbe. „Der verfluchte Bäcker. Der soll lieber mal seine Waren selbst backen und sich nicht beliefern lassen, statt so viel Tratsch zu verbreiten und seine Anschuldigungen loszuwerden. Immer diese Blicke von dem Typen. Kann da nicht ein anderer bedienen?“, ärgerte Heinrich vor sich hin, als er sich die Brötchen aufschnitt und mit Frischkäse beschmierte, ohne zu bemerken, wie er von Tiger beobachtet wurde.

Zum 5. Teil

Der Katzenmann – Teil 3

Die Geschichte von vorn

Die Sonne blendete Heinrich, als er auf den Balkon trat und so blinzelte er einige Male, dann blickte er in den Hof und sah, wie zwei Polizisten, drei Sanitäter und einige Nachbarn vor der Tür standen, vor der er vorhin die tote Maus entsorgt hatte. Er entdeckte ebenfalls eine Decke auf dem Boden, unter der sich vermutlich eine Leiche befand.

Heinrich zuckte zusammen, als Tiger ihm in dem Moment um die Beine schlich. Sie miauzte ihn an, sprang auf den Sessel, um direkt in der Nähe seiner Hand zu sein, die sie anstupste, um gekrault zu werden. Dass jemand in seiner direkten Nähe gestorben ist, ließ Heinrich erschaudern. Er blickte gedankenverloren in den Hof und wurde erst von Tiger wieder in die Realität zurückgeholt, als diese ihm leicht in den Finger biss. Das war ihre Art zu zeigen, dass sie Hunger hatte. Er holte eine Tüte mit Trockenfutter und schüttete eine gute Portion in die leere Schüssel von Tiger. Sie aß nur aus ihr und keine andere Katze wagte sich an diese heran.

Er begab sich in die Küche, um sich wieder Wasser für einen Tee aufzukochen, als es an der Haustür klingelte. Vor ihm stand eine junge Polizistin, die ihn fragte: „Herr Kalkenrisse?“ „Ja, der bin ich.“ „Mein Name ist Leiser. Ich bin von der Polizei und würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.“ Heinrich war ein wenig perplex, bat die Frau aber herein. „Nein danke, es geht ganz schnell und mein Kollege und ich müssen noch die anderen Anwohner befragen. Waren Sie den ganzen Mittag Zuhause?“ „Ja, außer gegen elf Uhr, da war ich beim Bäcker gegenüber.“ „Okay und ansonsten waren Sie in der Wohnung?“ „Ja“, antwortete Heinrich und sah, dass die Frau etwas notierte. „Haben Sie bemerkt: Ein Geräusch oder eine Person, die Sie zuvor nicht gesehen haben?“ „Nein, nichts. Was ist denn passiert?“ „Eine Anwohnerin ist tot im Hof aufgefunden worden, wir nehmen nun alles für die Untersuchung auf. Das ist die Standardvorgehensweise“, erklärte sie und ließ sich danach noch Angaben zur Person von Heinrich geben. Sie verabschiedete sich freundlich und ließ den Katzenfreund mit der Frage zurück, wer da tot vor seiner Haustür lag.

Er sollte es am nächsten Morgen erfahren, als zwei Polizisten vor seiner Tür standen und ihn zu seinem Verhältnis zu Bauer befragten, der alten Frau, die sich über ihn beim Vermieter beschwert hatte. Sie hätten mit dem Eigentümer gesprochen und dabei sei sein Name gefallen, deswegen wollten sie noch einmal nachhaken.

Zum 4. Teil

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 8 – Zwischen den Kontinenten. Inmitten der Kulturen

Zum Beginn der Geschichte

Die Stadt am Bosporus erschlug mich. Was für eine Masse an Stadt, Kultur und Menschen. Die Architektur erinnert mich an die Menschen in Hamburg. Der alte Ehrenwerte sitzt neben dem heruntergekommenen, schlaksigen und jungen Kerl in knallbunten Klamotten. Sie geben ein ungleiches Paar ab, aber sie sitzen friedlich beieinander und trinken ihr Bier oder ihren Tee, je nachdem ob man in Hamburg sitzt oder durch die Gassen Istanbuls zieht.

„Kennst du das, wenn du morgens aufwachst und dich fragst, in welchem Leben du eigentlich steckst?“, fragte ich Pete. „Nö. Für mich ist die Welt ein riesengroßer Spielplatz, auf dem ich ständig Neues erlebe und Menschen kennenlerne.“ „Mir geht es da gerade anders. Ich weiß gar nicht, zu wem das Leben bisher gehörte. Dieses hier fühlt sich nach mir an.“ „Dann lebe doch auf diese Weise. Hör auf darüber zu reden und nachzudenken und mach es einfach“, sagte Pete in einer sehr ruhigen Art. Er redete mir gut zu.

Istanbul wäre ein guter Anfang. Wie offen und liberal der Umgang hier war, das war es doch, wonach ich suchte. Oder Bulgarien, da hatte ich doch auch schon eine Heimat gefunden, aber statt zu bleiben, lief ich weiter. Die Reise sollte bis Indien gehen, das beschloss ich in dem Moment und dann würde ich weitersehen.

Teil 9

Der Katzenmann – Teil 2

Die Geschichte von vorn

Zuhause angekommen, stellte Heinrich seinen Einkauf ab und die Milch in den Kühlschrank. Er begann Brötchen aufzuschneiden und bemerkte dabei, dass er übers gesamte Gesicht grinste. Mit dem Blick auf Flor zwang er sich, das Grinsen abzusetzen. Es war etwas Schreckliches passiert und er erfreute sich daran. Was war er nur für ein Mensch, fragte er sich. Heinrich goss sich ein Glas Milch ein und bestrich die Brötchen mit Aufstrich und Butter. Es ärgerte ihn, dass er diese Erleichterung nicht genießen konnte, aber dennoch fühlte er sich so leicht und befreit, wie seit Jahren nicht mehr.

Nach dem späten Frühstück verließ Heinrich die Wohnung, um die Mäuse zu beseitigen, die ihm seine Katzen nur zu gern vor die Tür zum Hinterhof legten. Die alte Frau, die in der Wohnung neben ihm wohnte, begrüßte ihn, als sie aus dem Hof kam: „Guten Tag, Herr Kalkenrisse.“ Er grüßte mit einem gespielten Lächeln zurück: „Guten Tag.“ Die Alte hatte sich mal beim Vermieter über die toten Mäuse und die vielen Katzen beschwert, obgleich sich Heinrich immer sehr darum kümmerte, alles in Ordnung zu halten. Zudem hatte er sich niemals darüber beschwert, dass sie ständig auf ihrem Balkon rauchte und dadurch ständig der Gestank in seine Wohnung zog. Jedes Mal, wenn sie am Morgen zu husten begann, wünschte er sich, dass sie doch endlich daran ersticken möge, aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Er war schon fast aus der Tür zum Hinterhof raus, da hörte er sie noch durch den Flur meckern: „Und kümmern sie sich mal um die armen, toten Mäuse draußen.“ Er war ja gerade dabei, aber den Satz konnte sie sich nicht verkneifen, der gehörte dazu. Er antwortete mit einem automatisierten Jaja. Und dachte sich dabei „Leck mich doch, du alte Schachtel.“ Draußen lag eine Maus, die er sogleich beseitigte. Tiger sah ihm dabei zu und maunzte ihn glücklich an. Sie hatte ihm das Dankeschön vor die Tür gelegt.

Heinrich kehrte danach wieder in die Wohnung zurück, legte sich auf seine Couch und genoss es, nach der Lektüre der Zeitung, ein wenig die Augen zu schließen, bis er von einer verzerrten Stimme und einem Fiepsen, welches er einem WalkyTalky zuordnete, geweckt wurde. Er lauschte und hörte Gemurmel, weshalb er aufstand und zum Balkon ging.

Zum 3. Teil

Der Katzenmann – Teil 1

Da war er wieder, der Blick vom Bäcker zusammen mit dem plötzlichen Schweigen der anderen Kunden, als er, Heinrich, den Laden betreten hatte. Er wollte gar nicht mehr zu diesem Bäcker gehen, aber da seine Wohnung genau gegenüber lag und am Sonntag nur schwer an frisches Brot und Milch zu kommen ist, musste es einfach sein, auch wenn es Heinrich einiges an Überwindung kostete.

Viel schlimmer war allerdings der Nachbarsjunge Erik. Er war immer mit zwei Freunden unterwegs und ärgerte Heinrich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ganz schlimm war es mal auf dem Markt. Erik quälte ein anderes Kind in einer Seitengasse, Heinrich sah das Treiben und rief laut, dass es genug sei. Erik ließ tatsächlich von den Kind ab und schrie laut zurück, was Herr Katzenpisse denn sonst machen wollen würde. „KATZENPISSE. KATZENPISSE!“, brüllte Erik und seine zwei Freunde stimmten ebenfalls mit ein. Selbst der Junge, der eben noch unter Eriks Tortur zu leiden hatte, schrie aus vollem Halse mit. Heinrich ging wieder auf den Markt, doch wurde er vom Geschrei verfolgt. Er sah die Gesichter der anderen Erwachsenen, von denen nicht wenige ein Schmunzeln nur schwerlich unterdrücken konnten. Niemals zuvor fühlte sich Heinrich so verlassen, wie in dem Moment. Als er an jenem Abend mit seinen Katzen Zuhause saß und seine graue gestreifte Freundin aus Sibirien streichelte, da murmelte er vor sich hin: „Hoffentlich geschieht diesem Erik mal ein Unglück.“ Dieser abendliche Singsang wurde zu Heinrichs Ritual, ganz ohne dass er es merkte. Immer saß ihm dabei Tiger, die sibirische Katze, auf dem Schoß, die ihm schnurrend in die Augen blickte.

Als er an diesem Sonntagmorgen in der Bäckerei stand und darauf wartete, dass der Bäcker die Brötchen und das Brot einpackte, kam ein aufgeregter Mann herein. Er erzählte vollkommen außer Atem, dass ein Unglück geschehen sei. Heinrich gab nichts auf das Getratsche, doch als er hörte, dass man Erik die ganze Nacht über gesucht hatte, wurde er hellhörig und lauschte gespannt. Am Morgen hätte man seine Leiche am Bach gefunden. Heinrich wäre beinahe ein Lächeln entglitten, aber er riss sich zusammen, bezahlte seinen Einkauf und ging, als hätte er nichts von dem mitbekommen, was nicht zu überhören gewesen war.

Zum 2. Teil

Freedom of Speech

Wer zehn Minuten Zeit hat, der kann sich gern mal folgendes Video anschauen, auf das ich stieß. Vielen Dank an Mary für diesen Eintrag, der mich dorthin führte, ich hoffe, es ist okay, dass ich Dich hier ungefragt verlinke.

Wem das zu lang ist, dem erkläre ich fix, was ich gesehen habe:

Dr. Reza Aslan (er ist Religionswissenschaftler) schrieb ein Buch über Jesus. Er selbst ist Muslim und deswegen sollte er auch nicht über Jesus schreibe, so die Meinung der Interviewerin.

Mir geht es weniger um die Dummheit, die in solch einem kategorisierenden Denken steckt, denn folgt man dieser Denke, dürfte ich nur mit Leuten sprechen, die genau meiner Meinung sind und das sind…Moment…oh…NULL MENSCHEN.

Es geht mir um die so hochgelobte Meinungsfreiheit, die uns gestattet, Karikaturen über den Propheten Mohammed zu drucken, die es aber einem Muslim verbietet, über Jesus zu schreiben und das in einer ernsthaften und wissenschaftlichen Form…man sollte sich nicht über das Interview aufregen, das ist unsinnig.Stattdessen sollte sich jeder Mensch fragen, wo die eigenen Grenzen sind. Finde ich es lustig, wenn jemand meine Mutter beleidigt? Aber wenn es doch nur Satire war?

Meinungs- und Pressefreiheit haben einen Zweck, nämlich gegen Missstände aufzuklären. Meist sind diese politischer Natur, aber sie können auch religiöser Natur sein. Ich könnte mich über einen Jesus amüsieren, der mit dem Kreuz auf dem Rücken über den mittleren Osten fliegt, eine Bombe abwirft und dann zu einer Taube „Peace“ zwitschert.

P.S. bevor das zu einer Diskussion über die Rechtmäßigkeit von Anschlägen usw. wird. Darum geht es mir nicht. Wer mich liest und kennt, weiß dass ich Gewalt verabscheue und sie niemals rechtfertige. Es geht mir allein darum, dass wir ganz ehrlich unsere eigene Einstellung überprüfen. Jeder von uns.

Unser Glauben – Erklärung

Gestern stellte ich vor, was ich als allgemeine Punkte des mittelalterlichen Christentums ansah und heute möchte ich auflösen, womit ich es verglichen habe. Zuvor aber weitere Ansätze, auf die man es beziehen könnte:

Liebe, Wissenschaft oder auch Demokratie könnten durchaus passen, ich meinte aber den Konsum bzw. die Wirtschaft, wenngleich die mittlerweile nicht mehr von der Demokratie und von der Wissenschaft zu trennen ist. Vielleicht sogar nicht mal mehr von der Liebe. Oh, die Sportleidenschaft würde auch passen.

Hier nun die Erklärungen, warum der Konsum ganz ähnlich funktioniert, wie der mittelalterliche Glauben:

  • Man traf sich und hörte sich an, was man nicht verstand. Es gab Übersetzungen und die gaben dir eines zu verstehen: Halte dich genauestens an die Regeln, sonst landest du in der Hölle. -> Wenn Wirtschaftsweisen und Politiker erklären, warum wir dieses und jenes machen müssen, ist es für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Auch die Größenordnungen von Verschuldungen oder Bauprojekten sprengt jeden vorstellbaren Rahmen. Ich kann mir tatsächlich nicht ausmalen, was eine Milliarde Euro eigentlich ist.
  • Man baute große Kathedralen und Kirchen. Wahre Prachtbauten, auf die wir noch heute mit einem Staunen schauen. -> Schauen wir uns mal die heutigen Prachtbauten an. Da gibt es all die Hochhäuser der Banken oder die riesigen Einkaufszentren. Das sind doch die neuen Tempel, in die wir alle laufen.
  • Hatte man sich doch einmal einen Fehler erlaubt und dies geschah schon bei unkeuscheren Gedanken, so gab es Ablassbriefe, mit denen man sich wieder von der Sünde befreien konnte. -> Wie oft kaufen wir Dinge und dabei geht es uns besser? Wir glauben sogar, dass wir konsumieren müssen, ansonsten geht es der Wirtschaft schlecht.
  • Gott war alltäglich. Die Anbetung kam der Liebe gleich. ->Wer besitzt ein Smartphone bzw. wie viele hattet ihr bereits? Überlegt mal, wie lange ein Computer hält und wie wir ihn nutzen, aber schon ein Tablet oder ein Smartphone ist innerhalb eines Jahres veraltet…die Liebe kommt dann bei der Benutzung. Erst gestern sprach der Chef von Microsoft davon, dass die Windowsuser ihr Betriebssystem lieben sollten, so wie es bei anderen Herstellern ist. Man hört häufiger, dass man sein Smartphone liebt, als einen Menschen. Schön, wenn man seinen Gott in der eigenen Tasche hat.
  • Es gab klare Trennungen, wer welchem Gott bzw. welcher Auslegung seiner Worte folgte. Man gehörte zu der einen oder zu der anderen Gruppe. Diese Gruppe wurde verteidigt. -> Bleiben wir gleich bei den Marken. Da haben wir die Apple-Jünger, ja allein das Wort…nunja…regelmäßig gibt es dieses Android ist besser als MacOS usw.

So viel dazu, es sind nur ein paar Gedanken und ich hoffe, ihr könnt meine Gedanken ein wenig ergänzen. Auch freue ich mich über Widerspruch. Wer ein Apple-Gerät besitzt, fühlt sich hoffentlich nicht angegriffen, du bzw. ihr steht als Stellvertreter da, das habt ihr einfach den Nachteil, dem Marktführer (zumindest was den Gewinn betrifft) anzugehören. Ich hätte natürlich auch andere Sparten nehmen können, aber bei den Handys sieht man sofort, dass wir selbst unsere Kinder schon mit „unserem Glauben“ infiltrieren.

P.S. ein Nachschub von Jetamele, den ich unbedingt einbauen möchte. Der Eintrag verliert dadurch ein wenig an Struktur, aber ihre Punkte fehlen bei mir und ich finde sie absolut stimmig:

In unserer globalisierten Welt ist es doch paradox, einerseits hier auf dem ‚goldenen Kissen‘ zu leben und gleichzeitig zu wissen, wer dafür woanders definitiv gar kein Kissen mehr unterm Hintern hat? Dass all das dazu beiträgt, dass es der Welt immer schlechter geht? Im Namen dieses ‚Glaubens‘ geschehen doch unglaubliche Dinge, jeden Tag. Trotzdem rennen wir dem ‚Mehr‘ weiter hinterher. Da kann ich mich überhaupt nicht von frei machen.
Und ein bisschen können wir uns vielleicht von diesem Gefühl der Mitschuld, die eigentlich ohnmächtig macht, ‚frei’kaufen, indem wir meinen, uns über diese Dinge bewusst zu sein, darüber nach zu denken, dann und wann dem Obdachlosen einen Euro geben (anstatt ihn zum wärmenden Tee einzuladen) im Bioladen einkaufen, unseren Müll trennen, vielleicht eine billige Klamotte weniger kaufen, einmal im Jahr spenden für irgendwen und fair gehandelten Kaffee trinken (oder Tee ;-)…).