Unser Glauben – Erklärung

Gestern stellte ich vor, was ich als allgemeine Punkte des mittelalterlichen Christentums ansah und heute möchte ich auflösen, womit ich es verglichen habe. Zuvor aber weitere Ansätze, auf die man es beziehen könnte:

Liebe, Wissenschaft oder auch Demokratie könnten durchaus passen, ich meinte aber den Konsum bzw. die Wirtschaft, wenngleich die mittlerweile nicht mehr von der Demokratie und von der Wissenschaft zu trennen ist. Vielleicht sogar nicht mal mehr von der Liebe. Oh, die Sportleidenschaft würde auch passen.

Hier nun die Erklärungen, warum der Konsum ganz ähnlich funktioniert, wie der mittelalterliche Glauben:

  • Man traf sich und hörte sich an, was man nicht verstand. Es gab Übersetzungen und die gaben dir eines zu verstehen: Halte dich genauestens an die Regeln, sonst landest du in der Hölle. -> Wenn Wirtschaftsweisen und Politiker erklären, warum wir dieses und jenes machen müssen, ist es für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Auch die Größenordnungen von Verschuldungen oder Bauprojekten sprengt jeden vorstellbaren Rahmen. Ich kann mir tatsächlich nicht ausmalen, was eine Milliarde Euro eigentlich ist.
  • Man baute große Kathedralen und Kirchen. Wahre Prachtbauten, auf die wir noch heute mit einem Staunen schauen. -> Schauen wir uns mal die heutigen Prachtbauten an. Da gibt es all die Hochhäuser der Banken oder die riesigen Einkaufszentren. Das sind doch die neuen Tempel, in die wir alle laufen.
  • Hatte man sich doch einmal einen Fehler erlaubt und dies geschah schon bei unkeuscheren Gedanken, so gab es Ablassbriefe, mit denen man sich wieder von der Sünde befreien konnte. -> Wie oft kaufen wir Dinge und dabei geht es uns besser? Wir glauben sogar, dass wir konsumieren müssen, ansonsten geht es der Wirtschaft schlecht.
  • Gott war alltäglich. Die Anbetung kam der Liebe gleich. ->Wer besitzt ein Smartphone bzw. wie viele hattet ihr bereits? Überlegt mal, wie lange ein Computer hält und wie wir ihn nutzen, aber schon ein Tablet oder ein Smartphone ist innerhalb eines Jahres veraltet…die Liebe kommt dann bei der Benutzung. Erst gestern sprach der Chef von Microsoft davon, dass die Windowsuser ihr Betriebssystem lieben sollten, so wie es bei anderen Herstellern ist. Man hört häufiger, dass man sein Smartphone liebt, als einen Menschen. Schön, wenn man seinen Gott in der eigenen Tasche hat.
  • Es gab klare Trennungen, wer welchem Gott bzw. welcher Auslegung seiner Worte folgte. Man gehörte zu der einen oder zu der anderen Gruppe. Diese Gruppe wurde verteidigt. -> Bleiben wir gleich bei den Marken. Da haben wir die Apple-Jünger, ja allein das Wort…nunja…regelmäßig gibt es dieses Android ist besser als MacOS usw.

So viel dazu, es sind nur ein paar Gedanken und ich hoffe, ihr könnt meine Gedanken ein wenig ergänzen. Auch freue ich mich über Widerspruch. Wer ein Apple-Gerät besitzt, fühlt sich hoffentlich nicht angegriffen, du bzw. ihr steht als Stellvertreter da, das habt ihr einfach den Nachteil, dem Marktführer (zumindest was den Gewinn betrifft) anzugehören. Ich hätte natürlich auch andere Sparten nehmen können, aber bei den Handys sieht man sofort, dass wir selbst unsere Kinder schon mit „unserem Glauben“ infiltrieren.

P.S. ein Nachschub von Jetamele, den ich unbedingt einbauen möchte. Der Eintrag verliert dadurch ein wenig an Struktur, aber ihre Punkte fehlen bei mir und ich finde sie absolut stimmig:

In unserer globalisierten Welt ist es doch paradox, einerseits hier auf dem ‚goldenen Kissen‘ zu leben und gleichzeitig zu wissen, wer dafür woanders definitiv gar kein Kissen mehr unterm Hintern hat? Dass all das dazu beiträgt, dass es der Welt immer schlechter geht? Im Namen dieses ‚Glaubens‘ geschehen doch unglaubliche Dinge, jeden Tag. Trotzdem rennen wir dem ‚Mehr‘ weiter hinterher. Da kann ich mich überhaupt nicht von frei machen.
Und ein bisschen können wir uns vielleicht von diesem Gefühl der Mitschuld, die eigentlich ohnmächtig macht, ‚frei’kaufen, indem wir meinen, uns über diese Dinge bewusst zu sein, darüber nach zu denken, dann und wann dem Obdachlosen einen Euro geben (anstatt ihn zum wärmenden Tee einzuladen) im Bioladen einkaufen, unseren Müll trennen, vielleicht eine billige Klamotte weniger kaufen, einmal im Jahr spenden für irgendwen und fair gehandelten Kaffee trinken (oder Tee ;-)…).

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

25 Kommentare zu „Unser Glauben – Erklärung“

  1. Ja den Gott in der Tasche haben. Und immer bereit von den Hostien der Zeit nichts zu verpassen.
    So erscheint es mir oft. Das LSD der Zeit.

    1. War es nicht das Opium fürs Volk? Und zu Gott in der Hosentasche fällt mir auch ein, dass da immer eine Welt untergeht, wenn das Ding mal kaputt geht. Klar, da können natürlich schöne Fotos drauf sein, aber am Ende ist es doch nur ein Gegenstand und eben kein Gott oder doch??? 😉

      1. Fuer die Nachrückenden ist es Gott und Warhol zugleich. So will es mir scheinen.
        Head Down und immer bereit nichts zu verpassen.

      2. Ja, das stimmt. Wobei ich denke, dass das kein ewiger Zustand sein wird. Es gab mal dieses Bild, wo eine Frau in der Bahn steht und alle um sie herum lesen Zeitung. Das war aus einer der Hochphasen jenes Printmediums und schon damals gab es die Kritik, dass die Leser nur die Zeitung, nicht aber die Umwelt wahrnehmen. Da das irgendwann mal nicht mehr so war, denke ich, dass es auch bei den Smartphones jene Änderung geben wird. Irgendwann hat die Masse vermutlich dieses virtuelle Socialising satt und findige Leute werden uns dann etwas neues verkaufen, damit uns die Götter nicht ausgehen.

  2. Also, a bissi Konsum muss schon sein… Heute war ich im Supermarkt, das ist ja auch Konsum. Schlimm finde ich allerdings, wenn wir uns über unsere Dinger definieren oder wenn jemand, der hat, sich für etwas Besseres hält. Wie sieht die Verschuldungsstatistik hier zu Lande aus? Abgesehen von der Überverschuldung, die für die Schuldner hoffnungslos ist. Und das soll mich glücklich machen? Hmmm… Ich verstehe nicht, dass es uns, der Gesellschaft, so wichtig ist, mit Gütern, die wir uns nicht leisten können und die auch nicht bezahlt sind so wichtig ist zu glänzen. Warum meinen wir, dass es uns interessant macht und wieso fallen wir darauf rein?

    Eine Frage stelle ich mir aber doch: würden wir nicht konsumieren oder verkaufen, müssten diese Güter auch nicht produziert werden. Das bedeutet aber wiederum, dass wir mehr Arbeitslose hätten… Verfluchtes Dilemma!

    P.S. 3% Zinsen wären heutzutage ein Traum: ich habe die Tage mein Tagesgeldkonto angeschaut und ich bekomme aktuell 0,35% Zinsen im Jahr. Und was beabsichtigt die Wirtschaft/die Politik damit? Dass wir die Kohle ausgeben… Und wieso? Weil es Wachstum generiert. Super, es geht wieder nur ums Geld… :-/

    1. Nun, ich hätte auch konsumieren schreiben können. Mir kommt es so vor, als würde man heutzutage alles konsumieren können. Produkte, Gefühle, Menschen…der Gedanke mit den Arbeitslosen ist doch immer nur ein Momentzustand. Zum Beispiel konnte man sich bei uns die Tickets für die Straßenbahn immer an einem Schalter kaufen, mittlerweile geht das ausschließlich beim Automaten, deswegen steigt aber die Arbeitslosenquote höchstens für einen Moment. Es ist ja auch die Frage, ob wir so viele Produktivkräfte brauchen, die Vollzeit arbeiten. Das System verlangt es, keine Frage, aber die Realität eigentlich nicht. Es gibt ja die Idee der zinslosen Wirtschaft. Da wird das Geld, was auf deinem Konto liegt sogar weniger, weil die Bank ja Gebühren verlangt. Das Geld wird dann so verderblich, wie jede andere Ware auch. Sie wird damit natürlich ständig für Investitionen genutzt, aber kann niemals als Bereicherungsmittel genutzt werden, außer man investiert und bekommt den anteiligen Gewinn, man kann dabei aber eben genauso sehr verlieren. Die Idee gefällt auf den ersten Blick nicht, weil damit das Sparen unsinnig wird. Ich glaube aber, dass jene Geldwirtschaft diesen Turbokapitalismus entgegensteht bzw. es ist sogar bewiesen. Ich würde es gern theoretisch mit einem offenen BWLer durchspielen oder gar ausprobieren.

      1. Solltest du die Möglichkeit haben befrag mehr als nur einen Fachmann. Ich kann mir vorstellen, dass je nach Gesinnung des Einuzelnen, die Meinungen und Ansichten ziemlich auseinander gehen.

      2. Ja, das werden sie tun, deswegen wäre mir einer, der offen für neue Ideen ist, schon sehr viel wert. Ich gehe davon aus, dass viele Ökonomen sofort gegen eine zinsfreie Wirtschaft protestieren werden. Es ist ja nicht anders, wenn man zu mir Politologen kommt und gegen die Demokratie wettert 😉 allerdings höre ich mir gern andere Konzepte an, wenn es wertfrei geschieht.

      3. Ich bin ja Laie, obwohl ich BWL- und VWL-Unterricht hatte, aber ich befürchte, dass deine zinsfreie Wirtschaft nur in einem vom Rest der Welt isolierten und selbstversorgenden Staat funktionieren kann. Sobald „dein“ Land in irgendeiner Form von Gütern oder Dienstleistungen des Auslandes ist, ist Schluss und würdest du dann als Regent massiv eingreifen, um deine gewünschten Verhältnisse beizubehalten, dann wäre es aus mit der Demokratie… Das ist meine Meinung – keine Kritik!

      4. Deine Meinung teile ich absolut. Ich drücke es sogar noch direkter aus. Meine Idee ist nicht umsetzbar, denn das System wird immer im Wettstreit zu anderen Ländern stehen. Selbst wenn es nicht wirtschaftlich sein sollte, wäre es dann eben gesellschaftlich bzw. vom Wohlstand her. Das ist übrigens auch das Problem mit dem Grundeinkommen. Die Idee könnte nur funktionieren, wenn man den Geldfluss nur im Land hält und gleichzeitig Einwanderung stoppt. Das Land müsste also komplett seine Grenzen schließen. Das ist nichts, was ich für wünschenswert erachte. Dennoch darf und muss es kommuniziert werden.

      5. Ich könnte mich schon wieder aufregen: gestern beschließt Draghi sein staatliche-Anleihen-Programm, heute schließt der DAX auf Höchststand. Wer Aktien hatte, hat noch mehr, wer keine hat, bleibt unberührt… Da fließt die Kohle schon wieder an die Bessergestellten… An die, die es eh haben… Unsere Welt, halt… Super! :-/

      6. ??? nicht vom DAX unabhängig???
        oder
        vom DAX unabhängig?
        oder
        nicht vom DAX abhängig?
        :-/

  3. Ich denke mir auch oft, dass das Einkaufen für viele eine Art Religion geworden ist. Zumindest tun sie es mit Hingabe, gerne auch Sonntags und gerne möglichst viel möglichst billig. Gerade in Bezug auf Technik (siehe Anbetung der Apple-Produkte) ist der Vergleich mit einem neuen Gott nicht von der Hand zu weisen. Interessant finde ich auch, dass, je mächtiger wird dank Technik werden und je gottähnlicher (Stichwort Enhancement) desto mehr werden wir selber zum Produkt (siehe Posthumanismus, Verschmelzung Mensch-Maschine). Spannendes Thema. Danke für den interessanten post.
    P.S. Meine Empfehlung gegen das schlechte Gewissen: secondhand kaufen.

    1. Wir werden alle zum Produkt…das ist ein interessanter Punkt. Passt zu gut Warhols 15-Minuten-Berühmtheits-Gedanke. Momentan ist es die Technik und man darf gespannt sein, ob bzw. von was sie abgelöst wird.
      Ich gebe meine Sachen, die ich nicht mehr trage bei uns in einen Laden, wo man nichts bezahlt. Also Second Hand without paying. Das klappt sehr gut. Second Hand zu kaufen hat sich hier immer als Flop rausgestellt, da findet man als Kerl leider nur zu wenig. Aber ich versuche es so oft es geht. Anscheinen schmeißen Männer einfach weg oder tragen Dinge, bis sie nicht mehr zu tragen sind…mal davon abgesehen, dass ich als dünner Mensch zwar alles anziehen kann, darin aber zu gern verloren wirke 😉 ich muss wohl nach Berlin oder Hamburg zum Zweithandkauf 😉

    1. Schon okay, ich glaub dir das doch. Ich denke, dass ihr mich zum einen gut kennt und zum anderen gab es auch einige Anhaltspunkte für diesen Verdacht. 😀

      Den Artikel gebe ich mir gleich noch. Da bin ich mal gespannt, was deine Ideen dazu sind.

      Ich danke dir und euch fürs Lesen und Kommentieren. 🙂

  4. Eine interessante Runde hast Du hier eröffnet, lieber Ben. Habe nun beide Einträge inklusive Kommentare gelesen und spannende Aspekte entdeckt. Vielleicht ist uns Menschen die Huldigung einfach innewohnend. Naturgewalten, Tiergötter, damit fing es doch an. Wohnt dem Denken die Suche nach dem Grund des Seins und somit Fremdverantwortung des Handelns inne? Die verschiedenen Religionen bedienen dieses mehr oder minder. Wir gelangweilten Wohlstandseuropäer ergeben uns nun ganz neuen Göttern. Nein, Götter wäre falsch, denn es sind Götzen, denen wir huldigen. Und das immer und überall. Kein Platz für sie, in der Ruhe und Besinnung wäre, sondern immer auf dem Sprunge und die Konzentration hundertmal zerfächert. Machen uns abhängig von unseren Götzen und vergessen die Menschlichkeit und auch das Göttliche, was jedem von uns innewohnt.
    Wie geschrieben, sehr spannend, die Gedanken eingewoben fließen zu lassen. Ich hoffe, meine Kommentarflut nervt nicht, einstweilen samstagnachmittäglichruhige Grüße aus dem Florallabor, Deine Käthe.

    1. Ja, Götzen…jetzt sagst bzw. schreibst es einfach so und ich frage mich, warum ich nicht eine Sekunde an jenes Wort dachte…peinlichst war ich darauf bemüht, nicht von Religion zu sprechen, aber die Götzen, sie wollten mir nicht kommen. Hach 🙂
      Du sagst es sehr gut, also dass wir das Göttliche in uns vergessen. Ich muss da immer an einen Lehrer von früher denken, der auf unsere Aussage, dass es ja nie Kobolde gab, antwortete, woher wir denn das wissen würden. Woher wir denn wüssten, was Kobolde für Lebewesen gewesen sein. Womöglich sind wir nur unfähig sie wahrzunehmen. Ganz ehrlich, ich glaube auch heute nicht an Kobolde, aber ich mag den Gedanken, dass man mehr für möglich hält, als man es tatsächlich sieht oder wissenschaftlich erklären kann. Deine Kommentarflut ist hier nie angekommen, womöglich haben wir eine unterschiedliche Ansicht darüber, was eine Flut ist ^^
      Liebste Grüße aus dem Schreiblabor, Dein Ben.

      1. Ich korrigiere: Kommentarflütchen, doch bliebe ich länger im floralaborischem Schreibstübchen, könnten die Wortwellchen heute noch überschwemmen. Gutes, spannendes Thema. Danke nochmal, mein Lieber. Und jetzt: Schneechen! Fetzt!

      2. Na dann hab viel Spaß, du Schneekönigin 😉 ich hab extra noch einen neuen Text hochgeladen, aber der kann auch gern noch ein wenig warten und wie ein guter Wein reifen 😀

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