Der Katzenmann – Teil 10

Die Geschichte von vorn

Der Tag im Tierheim verlief zähflüssig. Immer wieder wanderten Heinrichs Gedanken um das, was am Morgen geschehen war. Er hatte sich mittlerweile beruhigt und verstand Sabines Handeln, wenngleich er sich so sehr wünschte, dass sie ihn ganz neutral hätte kennenlernen können. Auf der Rückfahrt bemerkte Heinrich, dass es bereits aufwärts ging. Er spürte das an der Art, wie er radelte. Am Morgen noch fiel jeder Tritt in die Pedale schwer, der Weg zurück ging schnell. Die schlechten Gedanken an Sabine waren gewichen. So tief konnten seine Gefühle ja auch in der kurzen Zeit und bei dem wenigen persönlichen Kontakt nicht gereift sein. Das musste er sich sagen und er glaubte es auch.

Zuhause angekommen, fröstelte ihn, dass Tiger in der Flurmitte saß und schon auf ihn zu warten schien. Es war nicht das erste Mal, dass sie dort saß, aber seit gestern hatte es in ihrer Beziehung einen gewaltigen Bruch gegeben. Heinrich hatte sich zwar mittlerweile klar gemacht, dass seine Katze niemals so etwas hätte tun können, aber so ganz war der Gedanke noch nicht in sein Innerstes vorgedrungen. Er streichelte sie nicht, ließ sich aber von ihr anstupsen und füllte ihr Schälchen mit ihrem Lieblingsfutter auf. Da klingelte und klopfte es an seiner Tür. Nur einen Moment später wusste er auch, wer da klopfte, denn von draußen rief eine männliche Stimme: „Herr Kalkenrisse. Hier ist die Polizei, machen Sie auf.“ Heinrich ging zur Tür und öffnete diese. Zwei Männer in Uniform und ein dritter, der ihn vor ein paar Tagen erst befragt hatte, standen dort. „Herr Kalkenrisse?“ „Ja?“ „Wir möchten Sie bitten, mitzukommen.“ „Sofort? Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“ „Bitte kommen Sie sofort mit.“ „Hat es was mit Frau Leiser zu tun?“ „Möchten Sie uns was zu ihr erzählen? Vielleicht, wo Sie heute Mittag gegen 14Uhr waren?“, fragte der Mann in Zivilkleidung. Heinrich war verwirrt: „Ist was mit ihr passiert?“ „Tun Sie nicht so scheinheilig.“ Kalkenrisse drehte sich zu Tiger um. Ihm standen Tränen in den Augen: „Wär es nicht einfacher gewesen, einfach mich umzubringen, du Teufelstier?“ Die zwei Polizisten griffen Heinrich von hinten und nahmen ihn im Auto mit.

Am nächsten Mittag schrieb der Kommissar einen Bericht über Heinrich Kalkenrisse. Man habe ihn tot in seiner Zelle aufgefunden. Wie es zu seinem Tod kam, sei unbekannt.

Es war der letzte unerklärliche Mord von insgesamt fünf Fällen, die den kleinen Ort erschüttert hatten. Die Katzen kamen ins Tierheim. Nur eine stolze, sibirische Katze nicht. Die hatte sich bei einer liebenswerten, alten und stummen Dame einquartiert.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

53 Kommentare zu „Der Katzenmann – Teil 10“

  1. Ich muss schon sagen: Ich bin sprachlos! So ein unerwarteter endgültiger Abschluss, wo ich so gehofft habe, dass eine 2. Staffel in einigen Monaten folgen könnte… „Die stumme alte Katzenfrau“? Eher nicht, oder?

      1. Das wird schwierig, nachdem du Heinrich auch getötet hast… Vielleicht kommt er zumindest im Himmel Sabine näher, die nun von seiner Unschuld überzeugt sein könnte… 😉

      2. Das entschiedest du. Für mich ist Tiger mittlerweile von einem Katzenfutter-LKW überfahren worden und wieder bei Heinrich… (Ganz schön krank! 😉 )

      3. Ich habe selbst einmal eine Katze überfahren und erinnere mich nur sehr ungern daran zurück…nein, so darf Tiger nicht gestorben sein. Ich bin mir sicher, dass Tiger nur gute und schnelle Wege des Mordens nutzte, ihr steht ein ebenso schneller und unerwarteter Abgang zu.

      4. Also, wenn ein 40 Tonner über Tiger gefahren wäre, hätte sie wahrscheinlich nicht gemerkt, dass ihr Stündlein geschlagen hat und da bliebe nur noch ne flache Katzen-Pizza übrig… Aber Schluss mit meinen Vorstellungen: es ist ja schließlich deine Tigerin…

    1. Du darfst dich gern an einem Alternativende versuchen. Ich habe schon überlegt, ob ich noch eines entwerfe und dann kann es sich jeder aussuchen, wofür man sich entscheidet. 😉 ich finde es gut, dass Heinrich tot ist, weil seine negativen Gedanken und Gefühle das Morden motiviert haben. Dafür brauchte ich aber eben auch Sabines Leben 😉

      1. Ich finde es natürlich schön, wenn ich ein Ende schreiben kann, was sonst keinem in den Sinn kommt, aber es muss auch stimmig sein. Da wurde ich schon so bitter enttäuscht von Filmen (selbst mit guter Besetzung). Anscheinend ist es mir gelungen 😉

  2. Oha. 😉 Na, Ende gut alle tot. Oder so. Nur die Katze nicht. Wo ich doch Katzen so gerne mag, ist mir diese ja echt nicht geheuer…
    Und den Heinrich kann ich jetzt auch nicht besser einordnen, seufz ;-D
    Aber das macht nichts, bisschen Geheimnis ist wunderbar.
    Ist eine klasse Geschichte.
    Danke fürs Teilen.

    1. Sehr gern. Ich habe schon mit Frau Knobloch darüber diskutiert, dass viele Dinge sehr blass geblieben sind. Die Wohnung und das Tierheim sind kaum beschrieben, ebenso wenig Sabine, Heinrich oder Tiger. Auch er Kommissar hätte etwas mehr Farbe vertragen können. Aber ich schiebe es auf das Format und auch auf ein wenig Zeitnot, denn ich wollte die Geschichte unbedingt heute Abend noch veröffentlichen und das ging eben nur bis 18Uhr oder eben ab jetzt wieder…also viel zu spät ^^

      1. Naja, ich wär da jetzt mal nicht so streng.
        Es gibt ein paar Stellen, an denen ließe sich die Geschichte vertiefen, ja, stimmt. Sie könnte auch an mehreren Stellen eine ganz andere Wendung nehmen, als sie schlussendlich nimmt. Ja.
        Sie füttert die Erwartung an. Die dann aber irritierenderweise nicht erfüllt wird.
        Das wiederum macht es aber (für mich) ganz interessant.
        Klar, ein bisschen mehr hätte ich schon gern über diesen seltsamen Heinrich erfahren. Aber gut. Man bekommt ja auch im RL manchmal nur vage oder oberflächliche Eindrücke von einem anderen Menschen. Insofern …

      2. Das ist natürlich für den Schreiber immer eine fiese Angelegenheit, denn frage mal nicht, wie sehr man da mit sich ringt, eine Richtung einzunehmen, die auch anders sein könnte. Aber ich muss es natürlich tun, sonst geht es nicht weiter. ;-)Ich werde jetzt beim Kutter aus Kalkutta wieder verstärkt darauf achten, den Personen und den Orten mehr Leben einzuhauchen.

      3. So ist das mit den Entscheidungen. Trifft man sie nicht, dreht man sich im Kreis.
        Zum Glück lassen sich ja immer wieder neue Geschichten schreiben 😉
        Ich bin gespannt.

      4. Eben. Eine Entscheidung musste ja fallen und ich bin damit nicht unzufrieden. Wer weiß, wohin andere Entscheidungen geführt hätten, womöglich wäre die Geschichte im Sande verlaufen. Wer weiß 😉

  3. Aaaarghhhh! Konsequent gemeuchelt, lieber Ben. Das Ende passt stimmig zur ganzen Geschichte. Hollywood wird es natürlch anders verfilmen: Ein verwegener Maine-Coon-Kater, zerzaust und mit eingerissenem Ohr wird bei Heinrich im Tierheim abgegeben und mischt die Bude derart auf, daß Heinrich beschließt, ihn mit nach Hause zu nehmen. Tiger und der Wildverwegener fechten wilde Rangeleyen aus, die in wildem Liebesspiel enden und Tiger wird gezähmt und mordet nie wieder, sondern bekommt drölfzig süße Katzenbabys. Und wenn sie nicht gestorben sind, miauen sie noch heute…
    Phantastische Scheißherzchengutenmorgengrüße, Deine Käthe.

    1. Aha, da haben wir schon ein Alternativende…oder gar eine Alternativgeschichte 😉 In der Tat hätte man hier auch eine Story basteln können, bei der der Leser interaktiv nach seinen Vermutungen vorgeht und je nach Auswahl zu einer anderen Story geführt wird. Ich muss aber gestehen, dass mir das zu viel Aufwand ist. Ein Alternativende würde ich durchaus noch schreiben, aber jetzt noch 20-30 weitere Teile zu schreiben, damit der Leser nach seinen Ideen vorgehen kann…uff…es klingt schön.

      Guten Morgen zurück mit einer warmen Tasse grünen Tees.
      Dein Ben.

      1. Nun, das innere Heileweltgänschen verlangt scheinbar nach einem Alternativende, warum hätte der Hollywoodkitsch sonst solchen Erfolg. Deine Geschichte endet jedoch drastisch passend, finde ich.
        Wir können ja mal eine Weiterspinngeschichte schreiben, einer fängt an und bestimmt dann aus den Interesse ankündigenden Kommentatoren einen Weiterschreiber etc.. Wäre bestümmpt mal interessant…

        Nun auch mit Ben’schem Teetrinkgeräusch belauschlappte Grüße, Deine Käthe, kamillenteeschlürfend.

      2. Das können wir gern machen und ich stellte ja meine Kuttergeschichte dafür zur Verfügung. 😉 Meichy hat ja gezeigt, was da für eine großartige Geschichte kommen kann. 🙂

        Bei mir war es grüner Tee. Leider ein wenig zu lang gezogen, aber das habe ich später besser hinbekommen 🙂

      3. Die Kuttergeschichte als Weiterreichgabe? Uik, lese ich so unaufmerksam? Ich dachte, einzelne Kapitel wären willkommen, doch es bliebe Deine Geschichte. Ich würde gerne mal eine Geschichte frei entlassen…
        Aber ehe ich mich jetzt selbst am Nasenring durch die Manege ziehe, gehe ich nochmal anfangskutterig nachlesen…
        Deine Käthe, leicht hirnverwuschelt.

      4. Hm…ich habe zwar nicht geschrieben, dass ich den Kutter komplett aus der Hand lasse, aber ich hätte kein Problem damit das zu tun. An der Geschichte ist vielleicht blöd, dass es bereits einen Endpunkt gibt, auf den man steuert. Wobei das auch eine angenehme Hilfe sein kann. Wir können aber gern eine neue Geschichte starten, wenn du magst. Ich wurde neulich erst von einer Freundin gefragt, ob wir nicht gemeinsam eine Geschichte schreiben wollen, woraus aber bisher nichts geworden ist.

      5. Habe gerade Deinen kutterigen Hilferuf nochmal gelesen, nein, diese Geschichte muß Deine bleiben, eben wegen dem Anfang. Ich lasse die Idee, eine Loslassstory zu erfinden mal sacken, vielleicht tut sich mir ja ein Wortweiterreichkarawanenweg einfach so auf…
        Und nicht, daß das untergeht: Miezenbilder? Her damit! Schnurrende Grüße, Deine Käthe.

  4. Ganz frech in anderen „Gesprächen“ gelauscht:“…weil seine negativen Gedanken und Gefühle das Morden motiviert haben.“ – Nur nicht zu groß denken, rede ich mir da zu, nur nicht zu groß denken.

    Darüber hinaus ist es ähnlich wie in manchen Filmen. Dass ich über manche Tode direkt erleichtert bin. Darf man das?

    1. Man darf gern noch viel größer denken, findest du nicht?

      Ja, natürlich darf man das. Es ist ja nur erdacht. In Gedanken darf man sogar einmal alle Menschen von der Welt tilgen. Dann wandert man allein durch die Welt, spürt wie sinnlos das Leben wäre und freut sich darüber, dass es nur ein Gedankenexperiment war 🙂

  5. Diese Kurzgeschichte gefällt mir. Angenehmer, flüssiger Schreibstil und die Spannung steigerte sich mit jedem Kapitel mehr. So abrupt und dramatisch das Ende auch sein mag, bitte mehr von solchen Storys.

    1. Vielen Dank. Ich werde sehr gern auch in Zukunft so kleine, spannende Mehrteiler schreiben. Die Resonanz ist ja wirklich sehr positiv, das gibt Kraft und Mut für weitere Ideen. 🙂 Vielen Dank.

  6. Also echt … ich glaub ich hätt mich nicht umgebracht. Ich hätt die Katze umgebracht! 😉
    Ehrlich, die Story ist spannend und pfiffig. Mit mehr Fleisch an den Charakteren könntest du einen kleinen Roman draus machen, Potenzial ist genug da!
    Kompliment, du kannst gut Geschichten erfinden. 🙂

    1. Er hat sich nur indirekt selbst umgebracht. Dass die Charaktere ein wenig blass und farblos sind, ist dem Format geschuldet, daher ist das ein wirklich schönes Lob von dir. Du glaubst gar nicht, wie gut mir das gerade tut. Danke sehr.

      1. Eine Kurzgeschichte ist eben kurz! Dafür hast du viel Handlung drin, und die hat mich wirklich mitgezogen. Aber sie hat das Zeug für mehr. Vielleicht hast mal Zeit zum Ausbauen. 😉 Und wenn nicht – hats jedenfalls Spaß gemacht zu lesen.

      2. Es gab ja schon so einige Hinwiese zur Überarbeitung und ich wäre dumm, wenn ich diese Chance nicht nutzen würde. Ich bin sehr froh über eure Meinungen und Tipps, die ich gern übernehmen möchte. Für heute Abend steht noch ein wenig andere Textarbeit an, aber ich kann mir gut in der nächsten Woche so ein paar Tage vorstellen, an denen ich abends diese Geschichte überarbeite und dann eine größere Geschichte daraus mache. Inwiefern daraus gleich ein Roman wird, kann ich mir nicht vorstellen, dafür identifiziere ich mich zu wenig mit den Personen (was sich ja ändern dürfte, wenn die mehr Persönlichkeit erhalten). Also lassen wir uns alle mal überraschen. Ich habe weiterhin Lust zu schreiben und daran ist solch positives Feedback nicht ganz unschuldig 😉

      3. Wie komm ich überhaupt drauf, dass Heinrich sich umgebracht hat? Ich Dussel. Das hab ich missverstanden, hoffentlich keine Freud’sche Fehlleistung? Jedenfalls macht es den Schluss noch runder, dass man nichts weiß. Selbstmord … was hatte ich denn da im Kopf? Tssss…. 😉

  7. Super, Ben. Gefällt mir sehr gut. Und ein tolles Ende. Ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man vor allem Spannung erzeugen kann, indem man den Großteil der Geschehnisse NICHT zeigt und schildert. Und auch für das Blog-Format hier eignet sich die Geschichte perfekt. Es ist fast noch spannender, jeden Tag nur einen Teil lesen zu dürfen, als in einem Rutsch alles.
    Weiter so, Ben!

    1. In einem Rutsch ist es auch nicht so gut, weil ich die kurzen Teile auch einzeln schrieb und erst im Nachhinein aneinander anpassen werde. Da könnten also Brüche im Tempo drin sein oder auch falsche Zeiten…vom Perspektivenwechsel mal ganz abgesehen, aber den hab ich zumindest in der Worddatei schon abgeändert 😀 vielleicht ist die Geschichte mir mal eine Grundlage für einen kleinen Krimi in Buchform, aber für den Moment ist sie abgehakt, da mein Lieblingsprojekt sonst leidet.

      1. Das macht mich Neugierig auf Dein Lieblingsprojekt 🙂
        Hast Du eigentlich schon einmal am NaNoWriMo teilgenommen? Habe jetzt von mehreren Seiten gehört, dass das die beste Schreibübung der Welt sein soll und es steht jetzt ganz oben auf meiner Agenda für diesen November.

      2. Vom NaNoWriMo hab ich noch nie was gehört. Ich vermute mal, dass man im November eine Novelle schreiben und einreichen soll oder? Klär mich mal auf, die HP fand ich nicht so hilfreich oder es war die falsche…

      3. Der NaNoWriMo ist der National Novel Writing Month, der jährlich im November stattfindet. Kommt aus den USA, ist aber mittlerweile weltweit stark verbreitet. Ziel ist es, Ende November mindestens 50.000 Wörter geschrieben zu haben. Das wäre beispielsweise ein Teil eines ersten Entwurfs für einen Roman, der dann entsprechend überarbeitet werden müsste. Ich habe jetzt mehreren Erfahrungsberichten entnommen, dass man – wenn man das Ziel ernst nimmt – extrem davon überrascht wird, dass man dieses Ziel auch wirklich erreichen kann. Denn 50.000 Wörter ist ja schon eine ordentliche Hausnummer. Da ich ein bis zwei Ideen für weitere Romane habe, die ich bis dahin hoffentlich in einen Plot umgewandelt habe, wäre das für mich sehr reizvoll auszuprobieren, ob ich das wirklich schaffen kann.
        Man kann sich auch mit Schreibfreunden über die NaNoWriMo-Seite vernetzen, in regen Austausch miteinander treten und Twitter glüht wohl im November auch stets unter dem Hashtag NaNoWriMo.

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