Erkenntnisse eines Diebstahls

Nachdem mir in der Nacht von Freitag auf Samstag mein Fahrrad geklaut wurde, gab es jetzt schon einige Leute, die meinten, dass ich damit sehr entspannt umgehen würde. Mir ist heute bewusst geworden, warum das tatsächlich so ist.

Das Fahrrad selbst war ein Geschenk und kein günstiges. Der ursprüngliche Halter wollte sich gerade ein neues zulegen und meines war kaputt gegangen, so schenkte er es mir. Es war vorne und hinten gefedert und trug mich schon so einige Kilometer mit sich. Ich war nicht geschockt, als es weg war, das hatte ich schnell realisiert. Ich war eher mies gelaunt. Jedoch nicht wegen des Diebstahls an sich. Die Diebe nahmen mir nicht wirklich das Rad, sondern meine Mobilität und genau das war es, was mich störte. Die sechs Kilometer bis zur Stadt waren plötzlich meterhohe Mauern geworden. Heute fand ich ein Rad, welches vorerst geliehen ist, aber bald gibt es wieder einen eigenen Drahtesel. Die Leihgabe heißt Max und brauchte ein paar kleine Handgriffe, damit es auch im Dunkeln zu sehen ist, aber jetzt sind wir schon gut befreundet.

Ich nehme zwei Erkenntnisse aus dem Geschehen mit:
1. Der Verlust von Besitz stresst mich wenig, aber der Verlust meiner Freiheit umso mehr.
2. Wenn ich schon wegen des Verlustes eines Rades ein solch unwohles Gefühl habe, wie mag es dann erst für einen Menschen sein, der seine Beine verliert? Ist mir bewusst, wie hoch der Wert meiner Unversehrtheit ist? (Ja, das sind Fragen, aber auch Fragen können Erkenntnisse sein. Sag ich jetzt einfach mal so.)

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

16 Kommentare zu „Erkenntnisse eines Diebstahls“

  1. So fühle ich mich schon immer, wenn mein Auto mal wieder muckt, unflexibel und immobil. In Wirklichkeit sind das Luxusprobleme – muss ich mir dann aber auch jedesmal wieder klarmachen. 😉

  2. mir ist es genauso passiert wie Dir und ich kann 100% nachvollziehen wie Du Dich fühlst. bei mir war es dann auch noch so, dass ich angefangen habe wieder mehr spazieren und einfach zu Fuß zu gehen. Im Frühling auch mal was ganz Schönes, auch wenn es viel mehr Zeit in Anspruch nimmt. Bei mir im eher „braven“ Viertel wurde zudem mein Oldtimer zerkratzt! Das hat mich dann komplett zermürbt. woher kriege ich genau die Lackfarbe her? Wer kratzt mit einem Schlüssel einfach am Liebhaberstück entlang? Aber Du hast Recht, die körperliche Unversehrtheit steht bei Weitem drüber. Das muss man sich ab und an wieder ins Bewusstsein holen.

    1. Nervig ist eben auch, dass einem klar wird, dass das Fahrrad nicht aus einer Not heraus geklaut wurde, denn da standen andere Räder, die weniger gut angeschlossen waren. Aber gut, solange es uns selbst dazu bringt, wieder nachzudenken oder das Laufen zu genießen, kann man es ja ganz gut schlucken.

      Warum man willkürlich das Gut eines anderen Menschen zerstört, ist für mich mal gar nicht nachvollziehbar. Ein Diebstahl hat ja noch den Hintergrund der persönlichen Bereicherung, was schon ein recht niederes Motiv ist, aber die pure Zerstörung…das ist pure Dummheit, aber die ist ja laut Einstein unendlich. 😦

  3. Mobilität gleich Freiheit. Mir ginge es sicher ähnlich, das Gefühl, meine ‚Bewegungs’freiheit zu verlieren. Schon bei der Vorstellung, bekomme ich ein leichtes Gefühl der Beklemmung.
    ;-D, das kommt bei mir schon in ganz anderen Situationen auf.
    Neulich musste ich an das Buch ‚Schmetterling und Taucherglocke‘ denken, kennst du das? Es handelt von einem französischem Journalisten, der nach einem Unfall (glaube ich) komplett gelähmt nichts mehr bewegen kann bis auf seine Augenlider. Und das bei klarstem Bewusstsein. Was zunächst keiner weiß. etc.
    Diese Vorstellung hat mich sehr demütig werden lassen, weil sie für mich und mein ‚Freiheitsbedürfnis‘ eine schreckliche ist.
    Es ist tatsächlich ein Geschenk, beweglich und gesund zu sein. Tut gut, es sich dann und wann auch mal bewusst zu machen.
    Trotzdem spannend, dass dieses Freiheitsgefühl für uns so eine große Bedeutung hat. Die Generation meiner Großeltern ist noch quasi ohne Auto aufgewachsen 😉

    1. Wobei wir natürlich vorsichtig mit unseren Schlüssen sein sollten, denn ein querschnittsgelähmter Mensch ist nicht unfrei und wir sollten ihm das auch nicht unterstellen. Die Gesellschaft macht ihn aber sehr oft unfrei, in dem Barrieren geschaffen werden, die vollkommen unnötig sind. Wo hast du denn dieses beklemmende Gefühl?

      1. Ich hab gar nicht gesagt (oder zumindest nicht gemeint), dass so ein Mensch unfrei ist, sondern, dass ICH Grusel vor so einer Situation hätte, weil ich mich in meiner Vorstellung (!!) so unglaublich eingesperrt fühlen würde. So mein ich.

        Ach, das ist ne Kiste, wenn ich die jetzt aufmachen würde, dann sitzen wir hier noch morgen früh ;-D
        Und ich will jetzt schlafen…

      2. Ich wollte dir auch nicht in den Munde legen, dass du das so gemeint hättest. Nein, das war eher eine Ansprache an mich selbst, die leichter mit einem „wir“ geschrieben war, als mit einem „ich“.

      3. Ok. Ich war mir einfach unsicher, ob ich mich vielleicht falsch ausgedrückt hatte. Kann ja passieren und dann ist es doch gut, das ‚gerade‘ zu rücken. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s