Schreiben und gelesen werden

Ich vergleiche das Schreiben und das Lesen von Texten gern mit Sex. Etwas zu schreiben, damit es eine andere Person liest und einem dabei sehr nahe kommt, ist wie der intimste Akt. Aber zu schreiben, um das einem Publikum vorzutragen, hat eher etwas davon, wild auf dem Marktplatz zu masturbieren. Einer macht alles und andere schauen zu. Diogenes mag es gemacht haben, aber bis zu ihm fehlen mir so einige Jahre und so viel mehr an Weisheit.

Ein tiefer Schluck

Der Blick durchs Abteil entlockte mir nur ein innerliches Gähnen. Zwei Jungesellinnen-Abschiede, bei dem in einem Fall Miss Piggy ihre anstehende Heirat „zelebrierte“. Vermutlich saß Kermit allein zu Haus und sah sich einen Porno an – wer weiß. Ein Trupp Amerikaner fabulierte über spanisches Bier und osteuropäische Frauen. Eine merkwürdige Kombination, aber wir leben in einer globalisierten Welt – also warum nicht? Ich wünschte mir ein schönes Gesicht. Nicht für einen Flirt, dafür fehlen mir die Eier, aber für einen schönen Tagtraum.

Die Flasche Wein habe ich fast gekillt, aber er wirkt nicht, er macht mich lediglich aggressiv – und müde. Ich traue mich nicht, die Augen zu schließen, denn mir fehlt dieses süße Gesicht, was ich dann vor mir sehen könnte. Stattdessen wäre es Miss Piggy oder ihr masturbierender Kermit – oder beide zusammen. Das ist keine Option. Dabei ist die Fahrt noch so unendlich lang und die Flasche fast leer. Zeit für den nächsten, tiefen Schluck.

Zeig mal dein Handy

Das ist wieder so ein Abend, an dem mich nichts in den eigenen Wänden halten kann. Ich muss raus und genau dahin gehe ich auch. Das „Raus“ ist eine nette kleine Bar mit Weißleder-Möbeln und dezentem Neonlicht. Was ich da soll, weiß ich gar nicht und während ich in der Ecke sitze und die Leute beobachte, die sich unterhalten, komme ich mir plötzlich blöd vor. Hier allein zu sitzen, macht mich nervös. Irgendwas muss ich doch machen. Vielleicht sollte ich so aussehen, als würde ich auf jemanden warten, das ist weniger peinlich. Und so tippe ich auf meinem Handy herum. Auf der Getränkeliste stand ein Code fürs WLan und so logge ich mich ein und komme auf die verwegene Idee, mich auf einem Datingportal anzumelden. Ein paar Eckdaten und Gewohnheiten möchten sie von mir wissen und die gebe ich bereitwillig, vielleicht ein klein wenig unwahr, aber wer tut das nicht? Die Registrierung ist abgeschlossen und sofort werden mir nette Bekanntschaften aus der Umgebung angezeigt. Ich klicke mich durch und stoße auf kleine Vorschaubilder, die mir gefallen. Vergrößere ich sie, so zeigt sich das Problem an fitzelig kleinen Vorschaubildern. Hin und wieder sind auch schöne Gesichter dabei. Die Eigenschaften klingen gut. Sie reist gern. Ich auch. Ich mache es nur nicht. Sie verbringt gern viel Zeit mit Freunden. Ich auch. Nur eben gerade in diesem Moment nicht. Sie macht gern Sport. Ich auch. Na jetzt sitze ich ja in der Bar, aber ansonsten schon. Ich blicke auf und sehe an der Theke eine Frau sitzen. Sie starrt auf ihr Handy und tippt darauf herum. Ob sie wohl auch gerade nach einer Bekanntschaft sucht? Ich suche nach ihr auf meinem Handy. Doch ich finde sie nicht. Ich könnte sie ansprechen, aber womöglich wartet sie auf ihren Freund. Das rosa Neonschild „RAUS“ beginnt zu blinken. Es ist die letzte Runde eingeläutet und ich bestelle mir ein letztes Bier. Irgendwie schal. Auf dem Heimweg frage ich mich, ob ich jene Frau nicht hätte ansprechen sollen. Ob ich statt unzähliger unbekannter Gesichter in eines hätte blicken können, welches ich für eine kurze Zeit hätte kennenlernen dürfen und damit einem echten Menschen begegnet wäre. Vielleicht ist sie morgen wieder da. Ich auch. Ich werde sie wohl nur wieder nicht ansprechen.

Inspiriert von Hafensolo

Vernunft

Es mag keine Zauberei sein, dass wir so eng beieinander stehen, aber es fühlt sich zauberhaft an, diesen Moment mit dir zu erleben, der so endlos zu sein scheint und doch viel zu schnell wieder vorbei. Es schreit nach einem Kuss zwischen dir und mir, aber dieser Schrei verhallt lautlos. Ich will dich doch nur ebenso gern küssen, wie du mich oder liege ich da falsch? Wir tun es doch allein deswegen nicht, weil die Vernunft zwischen uns steht. Aber was ist unvernünftiger, als unseren innigsten Gefühlen nicht nachzukommen?
Die Musik nehmen wir nicht wahr und all die anderen Menschen ebenso wenig. Du und ich, wir stehen einfach nur da und grinsen und lächeln uns an. Es ist ein kurzer Abschied, denn wir sehen uns schon bald wieder, dies ist und bleibt meine Hoffnung. Wir werden dann wohl wieder solch eine Verabschiedung erleben oder werden wir uns doch einmal küssen? Zum Abschied? Oder zur Begrüßung? Jemals? Werden wir uns jemals genießen? Werden wir jemals die Vernunft besiegen können?

Prepaid

Das Wort habe ich hier kennengelernt, dabei ist es gar kein deutsches. „Vorabbezahlung“ ist auch viel länger, mal davon abgesehen, dass ich es erst Jahre nach meiner Ankunft richtig aussprechen und verstehen konnte. Ich habe im Voraus so viel bezahlt, dass ich gern wissen würde, ob ich dafür jemals eine Gegenleistung erwarten darf? Schon die Überfahrt von Marokko aus musste ich bezahlen, noch bevor ich das Meer gesehen oder gerochen hatte. Zwei Frauen waren wir. So wie zwei Dosen Mais im Supermarktregal. Der Preis war der gleiche, auch wenn es sich um beschädigte Ware handelte, denn unser Prepaid-Leben fing schon vor der Überfahrt an, nur erzähle ich es sonst nie.

Ich bezahlte das erste Mal mit meiner Ohnmacht und Schuld. Unbedingt sollten wir bleiben und unseren kleinen Laden nicht aufgeben. Die Truppen würden mit uns eh nichts anzufangen wissen. Als sie hereinstürmten, war es ein kleiner Junge aus dem Dorf, der auf meinen Mann und meine Tochter Aya zeigte. Nicht auf mich, weil ich zu seinem Stamm gehörte. Uns alle hielten sie fest, doch Aya war es, die sie anders anpackten. Zwölf Jahre alt und ihr erstes Blut kam durch so viel Hass und Wut. Ich flehte die Männer an, mich statt ihrer zu nehmen, doch ich sollte zusehen. Immer wieder. So wie bei meinem Mann. Ihn schlugen sie blutig, so dass er das Buschmesser gar nicht sah, das man ihm an die Kehle setzte. Er zitterte nicht einmal, als sie es mit mehreren Zügen durch seinen Hals zogen. Immer wieder. Auch seinen Platz flehte ich einzunehmen. Sie hätten sich an mir vergehen und mich ermorden sollen, war ich es doch, die unbedingt im Laden ausharren und nicht fliehen wollte. Seither habe ich Aya nicht mehr Lachen gehört. Seither habe ich selbst nicht mehr glücklich gegluckst. Aus einem Geheimfach im Keller holte ich das Geld und bezahlte damit unsere Flucht und die Überfahrt. Wir lebten die nächsten Monate in Lagern. Die Freiheit, die Europa versprach, sie war hinter den Zäunen, so glaubte ich.

Die Freiheit ist auch prepaid. Erst am Telefon, als ich versuchte meine Tante in der Heimat zu erreichen, deren Stimme ich aber nie wieder vernehmen durfte. Und dann wieder, als wir endlich diese Käfige verlassen durften. Hier in Deutschland suchte ich eine Wohnung, doch diese musste vorbezahlt werden. Vom Geld einer Arbeit, die ich nur mit einer Adresse und einem Konto antreten dürfte. Die Menschen in den Ämtern sollten mir helfen, doch sie gaben mir nur Zettel, die ich nicht lesen, die ich nicht verstehen konnte.

Freiheit bedeutet Geld im Voraus zu haben. Das Essen in den Märkten und auf den Straßen lockte uns mit seinen Gerüchen, doch konnten wir uns daran nicht satt sehen. Verscheucht wurden wir, da wir die Kundschaft fernhalten würden. Wie oft hatten wir in unserem Laden mal Brot übrig, dass auch jenem Jungen schenkten, der später meinen Mann und meine Aya aussortierte. Wie oft hatten die Kinder in der Sonne friedlich miteinander gespielt. Wie sehr vermisste ich unsere geliebte Heimat.

Und dann trafen wir auf diesen Bäcker hier. Wir hatten uns nachts in den Hausflur geschlichen, um zu schlafen und so hatte er uns vorgefunden. Ich war noch nicht richtig wach, als Aya mich in die Seite stieß. Eine große, dunkle Gestalt stand da, doch statt uns davonzujagen, bot er uns Suppe und Brot an. Jeden Tag durften wir zu ihm kommen. Er half mir mit den Papieren und gab mir Arbeit. Warum gibt es diese Art Mensch in diesem Land so selten, wo doch jeder so viel hat? Ihn musste ich nicht im Voraus bezahlen. Ihn musste ich nie bezahlen. Er wäre unbezahlbar.