Prepaid

Das Wort habe ich hier kennengelernt, dabei ist es gar kein deutsches. „Vorabbezahlung“ ist auch viel länger, mal davon abgesehen, dass ich es erst Jahre nach meiner Ankunft richtig aussprechen und verstehen konnte. Ich habe im Voraus so viel bezahlt, dass ich gern wissen würde, ob ich dafür jemals eine Gegenleistung erwarten darf? Schon die Überfahrt von Marokko aus musste ich bezahlen, noch bevor ich das Meer gesehen oder gerochen hatte. Zwei Frauen waren wir. So wie zwei Dosen Mais im Supermarktregal. Der Preis war der gleiche, auch wenn es sich um beschädigte Ware handelte, denn unser Prepaid-Leben fing schon vor der Überfahrt an, nur erzähle ich es sonst nie.

Ich bezahlte das erste Mal mit meiner Ohnmacht und Schuld. Unbedingt sollten wir bleiben und unseren kleinen Laden nicht aufgeben. Die Truppen würden mit uns eh nichts anzufangen wissen. Als sie hereinstürmten, war es ein kleiner Junge aus dem Dorf, der auf meinen Mann und meine Tochter Aya zeigte. Nicht auf mich, weil ich zu seinem Stamm gehörte. Uns alle hielten sie fest, doch Aya war es, die sie anders anpackten. Zwölf Jahre alt und ihr erstes Blut kam durch so viel Hass und Wut. Ich flehte die Männer an, mich statt ihrer zu nehmen, doch ich sollte zusehen. Immer wieder. So wie bei meinem Mann. Ihn schlugen sie blutig, so dass er das Buschmesser gar nicht sah, das man ihm an die Kehle setzte. Er zitterte nicht einmal, als sie es mit mehreren Zügen durch seinen Hals zogen. Immer wieder. Auch seinen Platz flehte ich einzunehmen. Sie hätten sich an mir vergehen und mich ermorden sollen, war ich es doch, die unbedingt im Laden ausharren und nicht fliehen wollte. Seither habe ich Aya nicht mehr Lachen gehört. Seither habe ich selbst nicht mehr glücklich gegluckst. Aus einem Geheimfach im Keller holte ich das Geld und bezahlte damit unsere Flucht und die Überfahrt. Wir lebten die nächsten Monate in Lagern. Die Freiheit, die Europa versprach, sie war hinter den Zäunen, so glaubte ich.

Die Freiheit ist auch prepaid. Erst am Telefon, als ich versuchte meine Tante in der Heimat zu erreichen, deren Stimme ich aber nie wieder vernehmen durfte. Und dann wieder, als wir endlich diese Käfige verlassen durften. Hier in Deutschland suchte ich eine Wohnung, doch diese musste vorbezahlt werden. Vom Geld einer Arbeit, die ich nur mit einer Adresse und einem Konto antreten dürfte. Die Menschen in den Ämtern sollten mir helfen, doch sie gaben mir nur Zettel, die ich nicht lesen, die ich nicht verstehen konnte.

Freiheit bedeutet Geld im Voraus zu haben. Das Essen in den Märkten und auf den Straßen lockte uns mit seinen Gerüchen, doch konnten wir uns daran nicht satt sehen. Verscheucht wurden wir, da wir die Kundschaft fernhalten würden. Wie oft hatten wir in unserem Laden mal Brot übrig, dass auch jenem Jungen schenkten, der später meinen Mann und meine Aya aussortierte. Wie oft hatten die Kinder in der Sonne friedlich miteinander gespielt. Wie sehr vermisste ich unsere geliebte Heimat.

Und dann trafen wir auf diesen Bäcker hier. Wir hatten uns nachts in den Hausflur geschlichen, um zu schlafen und so hatte er uns vorgefunden. Ich war noch nicht richtig wach, als Aya mich in die Seite stieß. Eine große, dunkle Gestalt stand da, doch statt uns davonzujagen, bot er uns Suppe und Brot an. Jeden Tag durften wir zu ihm kommen. Er half mir mit den Papieren und gab mir Arbeit. Warum gibt es diese Art Mensch in diesem Land so selten, wo doch jeder so viel hat? Ihn musste ich nicht im Voraus bezahlen. Ihn musste ich nie bezahlen. Er wäre unbezahlbar.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

28 Kommentare zu „Prepaid“

  1. Wenn alle Flüchtlinge Bücher schreiben würden über ihre Geschichte, die sie zu uns gebracht hat – man sie vielleicht selbstverständlicher aufnehmen. Oder es einfach nicht glauben?

    1. Ich denke, dass wir viel mehr dieser Geschichten hören, lesen und sehen werden. Es gibt da ja durchaus Bücher und Filme, die man einfach nicht glauben will. Denke nur an „Hotel Ruanda“ oder „Wüstenblume“. Da hat man durchweg das beklemmende Gefühl und einen Kloß im Hals…aber ob es wirklich etwas ändert, da habe ich so meine Zweifel. Wir alle müssen wieder lernen, offen zu sein und etwas von dem zu geben, was wir haben.

    2. Das ist eine wundervolle Idee 🙂 Leider weiß ich, dass es viele solcher Geschichten gibt. Nur musst du erst die Menschen, die keine Flüchtlinge in ihrem Land wollen, dazu bringen, sie zu lesen. Wenn du das schaffst, bist du meine persönliche Heldin!
      Aber, wir hoffen das Beste und wünschen allen, die diesen Weg noch vor sich haben, oder sich erst dazu entscheiden müssen, oder gerade auf dem Weg sind, dass alles gut wird.
      Lieber Ben, dein Text ist toll. Sag, hattest du dazu einen „Anlass“ oder einen „Anhalt“? Ich finds einfach super, dass du dich dieser Thematik widmest!

      1. Huhu Leonie,
        vielen Dank. Meine Inspiration war ursprünglich nur das Wort „Prepaid“. Ansonsten beschäftige ich mich mit Flüchtlingen, weil ich eine kostenfreie Deutschhilfe für Asylbewerber bei uns in der Stadt anbiete und nunja, ich stoße ja selbst oft genug auf die Prepaid-Hürden.

      2. Vor lauter Begeisterung über das Thema habe ich ganz vergessen, wie genial ich die Prepaid Anekdote finde. Genial!
        Sehr, sehr cool dass du das machst 🙂 Hast du diesbezüglich eine Ausbildung gemacht? (Ich hoffe das geht hier nicht zu sehr ins Private?)
        Ich engagiere mich ja auch für Flüchtlinge bzw hab ich vor nach meinem Arabisch- und Soziale-Arbeit Studium mit Flüchtlingen zu arbeiten. Es tut sehr gut zu lesen, dass da draußen noch mehr menschen sind, die um einiges toller sind als jene die Sonntags spazieren gehen (*hüstel*)

      3. Ich habe Deutsch auf Lehramt studiert. Damit ist man zwar nicht auf Leute eingestellt, die die Sprache gar nicht können, aber es ist ein guter Ansatz 😉 momentan pausiert es aber, da kaum jemand kam. Mal schauen, was es da bald an neuen Versuchen gibt. Bis dahin muss ich wohl sonntags spazieren 😉

      4. Liebe Leonie, ich habe mehrere Bücher über Flüchtlngsgeschichten gelesen. Du hast Recht: Wäre nicht von vornherein ein Interesse an der Thematik da, hätte ich sie vielleicht nicht gelesen. Wären aber keine Bücher darüber da, hätte ich sie auch nicht gelesen! Zumindest die Lesehungrigen unter uns verstehen diese Menschen nach solchen Lektüren besser und manche engagieren sich sogar. Wer natürlich über den eigenen Tellerrand nicht hinaussieht, wird auch durch Bücher nicht erreicht werden. Die erreicht man einfach gar nicht. Leider.

  2. Es ist wie so oft: die persönliche Geschichte eines Menschen berührt einen viel mehr, als die Geschichte einer großen Gruppe. Das ist oft so schwer greifbar. Es hat so wenig mit uns zu tun. Doch diese persönlichen Geschichten, in denen wird uns deutlich, es könnte uns genauso gehen. Dann beginnt es, uns zu berühren.
    Es gibt ein Buch von Janne Teller, das heisst: Krieg.
    Es spricht den Leser mit ‚Du‘ an und spielt einmal durch, wie es wäre, wenn in Deutschland Krieg wäre, was mit uns geschehen würde, wie die Situation sein könnte, wie es uns gehen könnte, wie wir uns fühlen könnten ….
    Sehr angreifend, bewegend, sehr beängstigend.
    Wir machen uns das sehr selten klar. Behaupte ich.
    Die Auseinandersetzung mit Flüchtlingen und Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen, rührt unsere eigenen Ängste auf. Und zwar gewaltig. Und das vermindert Mitgefühl. Vielleicht. Dabei bräuchte es soviel davon. Komplexes Thema.
    Ein guter Text. Gefällt mir, wie du ihn geschrieben hast.

  3. Ich rechne mit einem empörten Aufschrei, aber ich muss ehrlich sagen, ich habe die Nase voll vom Thema Flüchtlinge und wie jeder plötzlich ehrenamtlich aktiv sein muss, betont, wie viel man von diesen Menschen lernen kann und wie sie doch genauso Menschen sind wie wir. Aber so lange man diese Menschen instrumentalisiert, um als Held dazustehen oder als toleranter Menschenrechtler oder einfach weil es gerade in ist, so lange werden sie eben nicht als “Menschen wie wir“ angesehen werden und immer “die anderen“ sein.

    Unterm Strich hat das nichts mit deinem Text zu tun, den ich übrigens toll finde, wollte das nur kurz loswerden 😉

    1. Danke sehr. Wenn man nach Amerika schaut und sieht, wie früh Eltern anfangen, für die Ausbildung ihrer Kinder zu sparen, dann sieht man, wie weit dieses prepaid gehen kann…

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