Schreie

Immer wenn ich in ihr Zimmer komme, setze ich meine Schritte behutsam und leise. Fast so wie bei einem Neugeborenen, welches man nicht zu stören wagt, denn es lebt noch in einer ganz eigenen Welt, fernab von unserer schrillen. Sie konnte seit ihrer Geburt nichts hören und deswegen ist es unsinnig, dass ich so leise in ihr Zimmer trete, aber ich tue es. Ganz von allein. Sie sitzt oft mit offenem Mund da und liest. Es sieht aus, als würde sie still schreien, aber es passiert ihr einfach, bis sie die Trockenheit wahrnimmt und ihn schließt. Könnte sie nur schreien, so wäre auch sie noch länger in dieser geschützten, kindlichen Welt geblieben. Ein Schweigen ist kein Ja und auch keine Zustimmung, aber jener Mann damals suchte keine Zustimmung, er nahm sie sich. Er hat sie ihr genommen. Einfach so.

Wieder einmal packt mich die Wut auf die Menschen, doch es ist niemand da, der meinen Schrei hören würde. Vermutlich würde sie mich nur anlächeln, weil sie weiß, dass mein Grimm dann verschwindet. Sie weiß nicht, weshalb ich mich aufrege und wenn doch, dann scheint sie es einfach besser zu wissen. Ich scheitere daran. Ich scheitere an meiner Wut und an meiner Ohnmacht. Ich scheitere an dem Gefühl in der falschen Welt zu leben, in dem die Wesen, die unseren Schutz brauchen, verletzt werden. Ist es der Neid auf ihre gute Welt? Nehmen wir sie deswegen immer früher in Gefangenschaft unserer Welt?

Sie sitzt leise dort und liest. Ihr Atem ist deutlich zu hören, denn ich wage es nicht, mich zu rühren und im Zimmer herrscht Stille. Sie hat sich etwas von dieser heilen Welt bewahrt, so scheint es mir und wer weiß, vielleicht finde ich dank ihr irgendwann einmal den Weg dorthin zurück.

Autor: Ben Froehlich

Schreiben ist mein Hobby, seitdem man mir erklärte, dass Mord strafbar ist...

14 Kommentare zu „Schreie“

  1. Ich mag das Leise in diesem Text, das Stille, das Behutsame, das Achtsame, das Beobachtende und Freundliche der anderen Person gegenüber.
    Der ‚Gefällt mir‘-Button ist im Grunde nicht das richtige Medium, meine Zustimmung auszudrücken… aber meine verschiedenen Gedanken zu dem Text bekomme ich gerade nicht gegriffen.

    1. Das ist schon okay so. Ich hatte es neulich erst erlebt, welchen Unterschied es ausmacht, wenn man ruhig in einen Raum kommt und genau das Gegenteil und wie es alles und jeden im Raum verändert. Es sollte uns zu denken geben, wie schnell wir unsere Umwelt beeinflussen können.

      1. Ja, unbedingt. Das erlebe ich auch immer wieder.
        Wir beeinflussen sie mit jedem Schritt und jedem Blick und jedem Wort. Viel zu oft unbedacht. Sehr sinnvoll, sich das dann und wann bewusst zu machen.
        Kennst du es umgekehrt, wie es ist, in einen Raum zu treten und sofort ein merkwürdiges Gefühl zu haben, eine Stimmung oder eine Atmosphäre wahrzunehmen, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist?
        Allein das löst etwas in dir (oder zumindest in mir) aus.
        Es geschieht viel mehr auf nichtsicht-und hörbaren Ebenen, als uns oft klar ist.
        Liebe Grüße aus dem Norden

    1. Danke sehr, an den hab ich gar nicht gedacht…aber das ist natürlich ein wunderschönes Lob, wenn meine Geschichte die Assoziation auslöst. 😀
      Liebe Grüße
      vom Ben

      1. Hallo, ja mir geht es gut. War bis Mittwoch in Amsterdam und seither hatte ich gut zu tun, aber ich bin noch am Leben und sehr zufrieden damit 😀
        Liebe Nachtgrüße vom Ben

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