Klack klack

Hallo, ich bin ja schon fast aus den Blogwelten hier verschwunden, so möchte man meinen, aber seht es mir nach. Der folgende Text war meine Einsendung zu einem Schreibwettbewerb von der Bahn und der SZ. Da ich anscheinend nicht zu den ersten zehn gehöre, nehme ich mir die Freiheit, ihn hier zu veröffentlichen. Ich wünsche euch viel Spaß dabei.

Klack klack, klack klack. Mich zogen die alten Bahnwaggons schon immer mehr an, als die neuen, in denen die Welt lautlos vorbeizieht und ich nach Ablenkung suche. In den alten, miefigen Sitzen hingegen fühle ich mich willkommen. Sie sind hart, unbequem und durchgesessen und…gemütlich. Es mag merkwürdig erscheinen, aber wenn ich mal mit den Schnellzügen reise, bin ich immer ganz glücklich, wenn sie überfüllt sind und ich damit das Recht erhalte, mitten in dem engen Einstiegsbereich zu sitzen, ohne dass mich die Leute verwundert anschauen. Hier hört man wieder das Klacken der Räder auf den Schienen und wenn der Zug hält, lassen sich all die Menschen beobachten, die ein- und aussteigen. Ich habe dann die Rolle der Fliege an der Wand inne. Werde kaum wahrgenommen, aber alles im Blick habend, wache ich über die Mitfahrer. Hier habe ich meine Ruhe, wenn ich sie haben will und hier habe ich die tiefgründigsten Gespräche mit Menschen, denen ich sonst niemals begegnet wäre. Es ist ein wenig wie Hamburg, in der an einem Kneipentisch ein Punk und ein Typ im Anzug sitzen und sich unterhalten können. Gut, der Typ im Anzug sitzt eher im Erste-Klasse-Abteil, hat seinen Freiraum und liest eine Zeitung, aber so manch einer eben nicht. So manch einer freut sich über mein freundlich lächelndes Gesicht und setzt sich zu mir, um Kekse und Gummibärchen zu teilen und in dieser kleinen Zeitblase zu sitzen, die nicht von den paffenden Männern in den grauen Anzügen gefunden wird.

Gerade ist es nicht so. Im Moment sitze ich allein auf dem Boden und schaue nach draußen und beobachte die vorbeiziehenden Bäume, die die Felder säumen. Es sind zu wenige von ihnen, das spüre ich ganz genau. Vielleicht brauchen wir wieder mehr Kinder und mit ihnen gepflanzte Bäume, die so wunderbar duften, wenn es regnet. Ich versuche ein Bild von diesen Feldern einzufangen und in meinen Schreibblock zu zeichnen, aber meine Unbedarftheit wird durch das Schaukeln des Züges nicht gerade beiseite gewischt und so schreibe ich einfach meine Gedanken auf, bis da plötzlich dieses eine Mädchen an mir vorbei kommt. Nun ja, Mädchen klingt zu jung, aber ist sie eine Frau? Was ist ein weibliches Wesen zwischen 20 und 30 Jahren eigentlich? Dieses hier ist schön, mit ihrem breiten Grinsen und ich erwidere die freundliche Geste, als sie sich mir gegenüber mit dem Rücken an der Wand herunterrutschen lässt. Einige braune Locken fallen ihr dabei ins Gesicht und über die Sonnenbrille, die sie geschickt nutzt, um ihre Haare wieder auf dem Kopf zu bändigen, indem sie sie nach oben schiebt. Sie kramt in ihrem Rucksack herum und außer ein paar Blicken tauschen wir nichts aus, bis sie irgendwann seufzend zur Ruhe kommt. „Ich hätte Tee und Kekse dabei“, rutscht es mir heraus, denn es erscheint mir nur logisch, dass sie danach sucht. Sie blickt mich ein wenig unschlüssig an und erwidert: „Nein, danke.“

Ein kurzer Moment der Stille setzt ein, aber so wirklich ruhig ist es nicht, denn der Zug klackert fröhlich vor sich her. Mir wird klar, dass solch ein Angebot natürlich nur dann ankommt, wenn es entsprechend präsentiert wird, zumal wir uns ja nicht einmal kennen, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass die ersten zehn Sekunden schon alles ausmachen und wenn es doch so sein sollten, dann bestanden diese ersten zehn Sekunden ja aus den breitgrinsenden Blicken von uns, so schlecht sah es also gar nicht aus und ich griff in meine blaue Schultertasche, die ich mir einst in einem Armee-Shop gekauft hatte. Schon merkwürdig, wenn man den Frieden wünscht und solch einen Laden betritt, aber die Tasche besaß die perfekte Größe und war angenehm leicht. Kein perfekt gestyltes Markenprodukt. Und sie bot genug Platz für die leckeren Schokoladenkekse und die Thermoflasche mit Rooibos-Vanille-Tee, dessen süß-sanfter Geruch sich sofort verbreitete, als ich sie öffnete. Ich knabberte dazu an einem Keks und tat für einen Augenblick so, als wäre ich allein in meiner Welt. Dann irgendwann sah ich wieder zu meiner gelockten Sitzpartnerin, sie blickte mich kurz an und sah für einige wenige Sekunden weg, bevor ihr Blick wieder zu mir und den Keksen glitt. „Also, das Angebot mit den Keksen steht noch“, sagte ich lächelnd, denn ich war mir sicher, dass ihre Antwort nun eine andere sein würde. Sie nickte nur und ließ sich einen Keks reichen.

Ihr Name war Leila und sie war, wie ich, auf dem Weg nach Freiburg. Als sie ihren Namen nannte, schoss mir sofort ein „you got me on my knees“ durch den Kopf und ich war kurz davor, es auszusprechen, besann mich jedoch eines besseren, denn die Sprüche, die sich auf ihren Namen bezogen, dürfte sie alle schon kennen und damit war weder Blumentopf noch ein weiteres, herzliches Lachen zu gewinnen. Stattdessen lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf unser gemeinsames Ziel. Ich kannte Freiburg nur von Erzählungen und befand mich auf dem Weg zu einem befreundeten Pärchen, welches vor kurzem in jene Stadt gezogen war, von der ich so viel Schönes gehört hatte. Leila lebte und studierte dort. Sie begann gerade von der Stadt zu schwärmen, als sich neben uns die Tür zum Abteil öffnete und der Schaffner zu uns stieß. Ich bemerkte sofort eine krasse Veränderung Leilas. Man musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass sie schwarzfuhr. Ich wurde schon oft gefragt, warum ich so gern Theater spiele und meine inoffizielle Antwort ist „für solche Momente“, denn ich begann sofort, mich extrem panisch zu verhalten, sprang auf, stieß den Mann in der blauen Uniform gegen die Wand und begann in das Abteil hinter ihm zu rennen, wohlwissend, dass er die Verfolgung aufnehmen würde. Einen Plan hatte ich natürlich nicht, aber ich verzage nicht und sehe dadurch die kleinen Zeichen, die einem der Himmel sendet. In diesem Fall war es ein sehr auffälliges WC-Symbol. Ich steuerte direkt darauf zu und schloss hinter mir ab, noch ehe der Schaffner mich erreichte. Mir blieben nur wenige Sekunden, bevor der gute Mann die Tür von außen aufsperren würde, in denen imitierte ich Würgegeräusche und betätigte die Spülung, als die Tür sich öffnete.

„Es tut mir leid, das muss die verdammte Paella gewesen sein“, sagte ich völlig unschuldig schauend. Der Kontrolleur ging darauf nicht ein und verlangte meine Karte zu sehen, die ich wild tastend schlussendlich und zu seiner Überraschung in meinem Portemonnaie fand. Ich entschuldigte mich abermals bei ihm, dass ich ihn angerempelt hatte, aber es wäre nicht bös gemeint gewesen. Mit Sicherheit wusste er, dass ich log, aber von dem Rempler abgesehen, hatte ich mir nichts zuschulden kommen lassen. Der Zug hielt und er ließ mich zurück zu meinem „Platz“ gehen. Ich hoffte darauf, Leila zu sehen und mit ihr kichernd über die Situation reden zu können, aber natürlich wartete allein meine Schultertasche auf mich. Leila war verschwunden. Vermutlich ausgestiegen oder sie hatte sich irgendwo versteckt. Ich hatte sie verloren und dann doch noch gefunden, denn ich folgte dem kleinen Zettel in meiner Tasche, auf dem „Schlossbergsteg um 22 Uhr“ stand.