Momente

Ob ihr bewusst war, dass ich es liebte, wenn sie frisch geduscht aus dem Bad kam? Womöglich war es nur der Duft, der sie danach umgab, aber das glaube ich nicht. Sie schwebte förmlich danach, so als hätte sie alle Schwere von den Wasserstrahlen abwaschen lassen. Diese Ruhe, die im Haus herrschte, es machte uns selbst größer. Man konnte selbst an Lächeln hören. So wie am Telefon, wenn man genau weiß, dass die andere Person gerade grinst.

Wenn sie so aus dem Bad kam und zum Kleiderschrank ging, um sich anzuziehen, blickte ich zu ihr. Sie ließ sich davon nicht in ihrem Vorhaben abbringen, zog sich an und blickte mir lächelnd entgegen. Könnte ich zeichnen, ich hätte versucht es festzuhalten, doch vermutlich wäre ich gescheitert, so wie es mir auch mit Worten nicht gelingen mag, wenngleich ich doch noch viel mehr sagen kann, was ich dabei fühlte. Ich fühlte mich sicher und ich fühlte mich wohl. Ich fühlte mich willkommen und ich fühlte mich akzeptiert. Ich fühlte mich geliebt.

Echte Menschen

Das ist ein echter Mensch. So nannten wir jene, über die wir sonst immer so gern spotteten. Aber in dem Moment versuchten wir sie ernst zu nehmen. Wir wollten ihnen die Anerkennung dafür geben, dass sie so sind, wie wir es uns nie trauen würden. Sie, die sie durch ihre Zahnlücken lachen. Sie, die mit fettigen Haaren und im schief sitzenden, rosa T-Shirt einkaufen gehen. Sie, die wir als verblödete Fernsehschauer einzustufen glauben. Sie, die einfach leben.

So kommt es uns vor und so sehr wir sie höher schätzen wollen, indem wir sie „echt“ nennen, so sehr betrügen wir uns selbst. Wir kategorisieren sie und halten uns weiterhin für besser. Einzig beruhigend könnte sein, dass sie womöglich ebenso geringschätzig auf uns blicken. Diese „echten“ Menschen sind welche, denen ich hin und wieder begegne. Sie sind nicht echter oder weniger echt, als ich es bin. Sie sind auch nicht glücklicher oder unglücklicher. Sie sind anders – oder ich bin es, je nach Sichtweise. Und sie sind so gar nicht anders. Man müsste eben nur aus der eigenen Schublade heraus und sollte die anderen nicht in welche stecken.

Kleider machen Leute – Gemälde nicht.

Neulich lag ich mit einem Freund am See und er erzählte mir von dieser Frau, die ihn virtuell angesprochen hätte. Sie hatte ihm ein „Hi“ geschickt, er hatte mit „Hallo“ geantwortet und das war es auch schon. Er zeigte mir ein Bild von ihr, welches offensichtlich ihre Vorzüge anpreisen sollte, welche von dem Logo G-Star überdeckt wurden. Meine Aufmerksamkeit war jedoch auf das Bild im Hintergrund gerichtet. Jenes Fresko von Michelangelo, bei dem Gott seine Hand dem Menschen reichen möchte, doch diesem die Anstrengung zu viel ist, ihn zu erreichen („Die Erschaffung Adams“). Nachdem also Funkstille herrschte, schnappte ich mir sein Handy und schrieb ihr, ob sie denn mal in Italien war oder ob der Michelangelo eher den Wunsch ausdrückt? Die Antwort war ein „Was?“ und die restlichen Wortwechsel waren kaum silbenreicher. Die schöne Kunst wird eben für wenig Geld im Baumarkt verkauft, wo sie jeder gedankenlos mitnehmen kann. Eigentlich ja schön, denn die sixtinische Kapelle kann ich mir eben nicht ins Wohnzimmer hängen, aber irgendwie schmerzt es mich doch. Diese vollkommene Ignoranz gegenüber der Person, die über Jahre hinweg auf dem Rücken lag und den bunten Himmel kreierte. Das Bild hätte auch einen bärtigen Micheangelo zeigen können, der seine Hand ausstreckt und ein üppig ausgestattetes Mädel mit G-Star-Shirt, die gemütlich auf ihrer Couch liegt…Herrje