Wenn der Hahn kräht (2)

Das Glas Wasser war dringend notwendig und der Witz ist, dass ich zuvor aufgepasst habe, nichts zu verschütten, obgleich es danach immer wieder in Tropfen auf meinem Arbeitstisch verteilt werden wird. Ich töpfere nämlich. Das heißt, ich habe einen kleinen Laden und dort verkaufe ich meine Arbeiten, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann lebe ich eher von den Töpferkursen, die ich gebe. Die Menschen verstehen nicht, warum ein Buttergefäß so viel kostet, wo sie doch viel günstiger eines aus Plastik kaufen können, welches weniger Platz einnimmt und noch dazu heile bleibt, wenn es mal auf den Boden fällt. Ich verstehe sie sogar und weiß doch, dass meine Gefäße die besseren sind. Anfangs wollte ich die Kurse gar nicht geben, aber mittlerweile liebe ich es sogar, wenn die Leute zu mir kommen und nach Entschleunigung verlangen. Wenn Eltern staunen, weil ihre Kinder in höchster Konzentration und so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, bei mir sitzen und im „Matsch“ kneten, wie sie es manchmal sagen…

Wenn der Hahn kräht

Manchmal frage ich mich, warum ich mir nicht ständig etwas über die Hände schütte, also wie ich es ständig schaffe, in Träumereien abzudriften und dann doch kurz vor knapp noch aufzuwachen. So wie eben gerade, als ich mein Glas mit dem Wasser aus dem alten Wasserhahn zog. Er hat einen langen Ansatz vorn, an dem überall der Kalk genagt hat und der zwischendrin tropft. Er wirkt, als würde er bald abfallen, aber irgendwie hat er die Natur überlistet. Nicht schlecht für ein Stück Metall. Er passt damit bestens zu mir, denn auch ich konnte die Natur ein wenig betrügen. Mein Alter sieht man mir nicht an, aber ich bin genauso verkalkt, wie der Wasserhahn, ich habe nur meine Tricks, wie es die Leute nicht bemerken. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein und in der Realität durchschauen sie mich. Wer weiß das schon. Vielleicht bin ich auch noch gar nicht so verkalkt, immerhin schaffe ich es beim Träumen noch das Wasser früh genug abzustellen…