Ich hasse die Nacht

Ja, das ist es wohl, die abartige Erkenntnis, dass ich für die Nacht eine Hassliebe empfinde. Hätte ich vor einem Jahr oder nur vor einem Tag die Frage gestellt bekommen, wie ich die Nacht empfinde, dann hätte ich mich wohl durchweg positiv geäußert: Die Nacht, da passiert so viel. In der Nacht finden so wundervolle Veranstaltungen statt.
Ja, das stimmt. Und es ist auch die Nacht, in der sich plötzlich zwei Lippen begegnen. Aber es ist nur deswegen die Nacht, weil wir nur in der Nacht den verdammten Alkohol so unkontrolliert in uns hinein kippen, dass wir selbst wenn wir frustriert sind, debil zu lächeln anfangen.
In Wahrheit ist es die Nacht, die uns in ihrer Kälte klar macht, dass wir allein sind. Es sind Nächte, in denen er schnarcht und sie sich das Kissen aufs Ohr presst. Es sind Nächte, in denen wir unsere Freunde an eine fremde Person verlieren, weil sich beide küssen müssen. Es sind Nächte, in denen uns eine Bekanntschaft sagt, dass es süß sei, dass wir an sie gedacht hätten, und sie wenige Minuten später mit einem anderen quatscht, den sie anziehender findet.
Nächte sind schön, das war mir früher immer klar. Aber Nächte lassen mich einsam fühlen. Das wird mir gerade erst wirklich bewusst. Zum Glück kann ich jedoch eines in der Nacht machen: Meine Augen schließen und die Zeit im Schlaf verstreichen zu lassen. Wenn ich dann einige Stunden später aufwache und mich der blaue Himmel anlacht, wird es wieder Zeit, das Leben zu genießen. Aufzustehen und Laufen zu gehen. Ich bin dann nicht weniger allein als in der Nacht, aber die Sonne ist ein wärmerer Begleiter, als die unzähligen Sterne, die so gar nicht einsam sind.

Durchdrehen

Ein Waschsalon, das ist doch eigentlich ein hochsozialer Punkt. Man geht hin und hat nur die Wäsche im Sinn, doch dann trifft man Menschen aus aller Herren Länder (übrigens darf mir jemand gern erklären, was es mit dieser Redensart auf sich hat) und erfreut sich an den Gesprächen mit Ihnen. Draußen blicken die Menschen durch die großen Scheiben hinein, hinter denen es selbst im Winter angenehm warm ist. So stellte ich mir das immer vor und zu einem Teil stimmt das auch. Es sind große Fenster und drinnen ist es feucht-warm. Die Menschen kommen auch von überall her, aber sie reden nicht. Nein, hier ist es eher wie im Fahrstuhl oder im Wartezimmer. Hier herrscht Stille. Warum eigentlich. Warum schaut einen niemand an, warum nicht mal ein Nicken, um mich willkommen zu heißen? Der Raum ist voll von Menschen. Alle warten und alle schweigen. Sie blicken zu Boden und manch einer mag frustriert sein, weil keine Maschine frei ist…wer weiß.

Meine wird gerade fertig und ich lade das Zeug in einen Korb, um es zum Trockner zu bugsieren. Kaum habe ich der Maschine den Rücken zugekehrt, hechtet ein Mann hin und wirft sein Zeug hinein. Ich schaue zurück, doch er registriert meinen Blick nicht. Sehr schade. Wir hätten eine schöne Palette an Hautfarben, würden wir uns nebeneinanderstellen. Aber jeder wurschtelt mit seiner Wäsche rum. Das hab ich mir irgendwie anders vorgestellt. Irgendwie belebter. Lebendiger eben. Ein Kind wäre hier großartig, das würde die Stille zerreißen. Es wäre laut und warum auch nicht, so wirklich leise ist es zwischen den Waschmaschinen und den Trocknern eh nicht.

Neulich Abend saß eine Studentin an einem Tisch in der Mitte. Sie lernte. Das fand ich dann doch irgendwie schön. Sie hatte sich wohl überlegt, was sie mit all der Stille von den Menschen anfangen könnte.

Ich gebe das nasse Zeug in den Trockner, füttere ihn mit Geld und werfe ihn an. Dann gehe ich zur Eingangstür, öffne sie und werfe einen letzten Blick in den Raum. Nur ein Blick und ich verabschiede mich lauthals. Nein, meine Stimme bleibt auch stumm, während ich mich in die Nacht verabschiede.

Brustschmerzen

An den Wänden des Wartezimmers hingen ein paar Blumenbilder. Nichts außergewöhnliches, nur das, was man erwartet, wenn man dort sitzt und vor sich hinstarrt. Auf dem Glastisch vor mir lagen die Zeitschriften eingepackt in eine Schutzhülle aus Papier. Die Titelseiten sind anscheinend so wertvoll, dass man sie extra schützen muss. Vielleicht dient dieser Schutz aber auch uns wartenden Patienten, damit uns die Entscheidung überlassen bleibt, ob wir den Blödsinn sehen wollen oder nicht. Ich weiß gar nicht, warum ich den Plural beim Wort Patient wählte, denn ich saß allein in dem Raum. Die Rezeption war außerhalb, aber immerhin stand die Tür dazwischen offen. Alle anderen Räume waren durch weiße Türen mit Plastikgriffen verschlossen. Hier saß ich also und wartete eine Weile. Ich kann nicht sagen, wie lang es war, aber ich starrte träumend vor mich hin und wurde wie aus dem Nichts von der Frau an der Rezeption aus meinem Traum gerissen, ich dürfte nun zum Doktor.

„Nun, was fehlt uns denn?“, fragte er mich und ich sah ihn verwundert an. Er lachte los und entschuldigte sich, aber er brachte diese Floskel von Zeit zu Zeit an, um zu schauen, wie die Leute darauf reagierten. Er war wohl doch nicht ganz alte Schule, dachte ich mir und fühlte mich erleichtert. Es ist eben nie verkehrt, ein Gespräch mit einem Witz zu beginnen. „Also, Herr Fröhlich, dann legen Sie mal los“, gab er von sich. „Können Sie mir mein Herz herausnehmen? Ich habe es bereits verloren und verschenkt. Zerrissen wurde es mir auch, aber dennoch spüre ich es immer wieder schwer schlagen“, erklärte ich. „Knöpfen Sie mal Ihr Hemd auf“, schlug er vor und hörte mich ab. „Das klingt recht dumpf. Mir scheint, sie haben es mehrfach verschlossen, so dass es nur schwer zu öffnen ist. Ich will Ihnen da keine Hoffnung machen, aber ich befürchte, damit müssen Sie leben.“ „Und wie lang?“ „Nun, vermutlich bis ans Ende Ihres Lebens, aber vielleicht knacken Sie oder eine andere Person das ein oder andere Schloss.“ „Aber wenn es so offen dar liegt, ist das nicht gefährlich?“ „Durchaus, durchaus. Aber worum sorgen Sie sich, eben noch wollten Sie, dass ich es entferne.“ „Ja, das stimmt schon, aber so ein Eingriff wäre doch bei weitem nicht so schmerzhaft, wie ein offenes Herz, denke ich. Ich kenne das ja von einem abgerissenen Fingernagel…“ „Es bleibt ja Ihnen überlassen, ob Sie es nun öffnen wollen oder nicht. Aber glauben Sie mir, es lohnt sich“, sagte der Arzt und erhob sich. Er schrieb noch etwas auf einen Zettel und drückte ihn mir in die Hand: „Geben Sie den vorn an der Rezeption ab. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“ „Okay, vielen Dank. Glaub ich.“

Ich verließ das Behandlungszimmer und stand direkt vor der Rezeption. Die Frau dahinter war beschäftigt. Mein Blick ging nach rechts in das Wartezimmer, es war leer. Draußen vor dem Fenster stand ein alter Baum und seine braun-roten Blätter wehten leicht im Wind. „Ja, bitte?“, kam es von der Frau hinter dem Tresen. „Hier, das ist für Sie.“ Sie nahm den Zettel und las ihn, ich träumte vor mich hin. Sie riss mich sofort wieder aus dem Traum: „Sehr gern komme ich.“ Ich blickte Sie verwundert an. „Wohin kommen Sie?“, fragte ich. „Na ins Café heut Abend um 6 Uhr. Und bitte, da sollten wir dann lieber Du zu uns sagen.“ Sie gab mir den Zettel zurück und ich verließ die Praxis.

Wenn der Hahn kräht (3)

Kinder sind die besseren Menschen, einfach weil wir sie noch nicht mit unseren Regeln verdorben haben. Die können sich ständig die Wahrheit ins Gesicht sagen und raufen sich dann im schlimmsten Fall. Da kommt dir niemand mit dem Anwalt oder spinnt eine Intrige zurecht. Das Leben passiert im Moment. Das fehlt mir. Dieses Leben, welches frei von Sorgen ist. Überhaupt sollte man sich mal anschauen, wie sich Kinder kennenlernen und wie wir Erwachsenen das tun. Stell dir vor, du bist auf einer Party mit Leuten, die du nicht kennst. Von zehn Leuten fragen dich vermutlich neun oder gar alle, was du arbeitest. Diese Aussage darüber bildet die Grundlage für die folgenden Minuten, den ganzen Abend oder zukünftige Treffen. Vollkommener Irrsinn oder nicht? Kinder fragen sich nicht, womit sie ihren Tag verbringen. Sie spielen einfach zusammen und versinken in andere Welten. So erlebe ich es zumindest häufig. Ich bemerke aber auch, dass sie über ein Fernsehprogramm reden. Was vermutlich gar nicht so schlimm wäre, wenn sie ihr eigens Fernsehprogramm machen würden…